“No. Try not. Do… or do not. There is no try.” Yoda

 

Die Resonanz auf den „Meilenstein der Fotografie, F4“ war höher als erwartet, hatte das Thema doch keinen direkten Bezug zum Messsucher.
Daraufhin hatten Claus und ich die Idee, einen Beitrag zu Nikon Nikkor – Objektiven Ai und Ai-S zu verfassen. „Es wird Zeit, einen Blick über den Tellerrand zu werfen“, waren Claus Worte.

 

Nikkor Ai, Ai-S, 28mm, 35mm, 50mm, 55mm, 105mm
28mm, 35mm, 50mm, 55mm, 105mm, HN-7
Nikkor Ai, Ai-S, 28mm, 35mm, 50mm, 55mm, 105mm
28mm, 35mm, 50mm, 55mm, 105mm, HN-7

Es gibt in diesem Artikel nichts wissenschaftlich Nerdiges und schon gar keine MTF-Diagramme. Ich gebe meine gänzlich subjektiven Eindrücke weiter und animiere gegebenenfalls, heimliche Nikon-Anhänger, Nikkor-Altglas zu verwenden.

Ai und Ai-S, wofür stehen diese Bezeichnungen?
Ai ist die Abkürzung für Automatic indexing. Einige kennen sicher die älteren Objektive mit den „Hasenohren“. Mit dieser Methode übertrug Nikon die Blendeneinstellung vor Ai. Das machte den Objektivwechsel ungemein fummelig, weil die Ohren in den Blendenmitnehmer „eingefädelt“ werden mussten.
Der Blendenring bekam deshalb eine Stufe, mit der die Einstellung derselben an das Bajonett der Kamera übertragen wurde. Vor Ai-Objektive konnten umgerüstet werden, brutal ließ sich der Ring entsprechend abfräsen.

Ai
Der Mitnehmer für die Blende, Ai Objektiv
Abgefräster Blendenring
Ai-d (Blendenring abgefräst), die brutale Methode

Die Kameraentwicklung schritt seinerzeit rapide voran. Die Blendenautomatik wurde eingeführt. Bei Nikon wird die mit „S“ bezeichnet, was für Shutter-Priority steht, deshalb vermutlich Ai-S. Der Kamera-Body stellt die Blende ein. Diese Objektive lassen sich an einer dezenten Vertiefung am Bajonett und an der Orange eingefärbten kleinsten Blendenzahl leicht erkennen. Durch die Delle erkennt die Kamera ein Ai-S-Objektiv. (Orange allein ist zu unzuverlässig, es könnte ein Schwarzweißfilm eingelegt sein. 😉 )

Ai-S Delle
Ai-S Delle
50mm f/1.4
Ai-S, 55mm Micro, kleinste Blende orange

 

Nikkor 28mm 2.8
Nikkor 35mm 2.0
Nikkor 50mm 1.4
Micro-Nikkor 55mm 2.8
Nikkor 105mm 2.5

Alle genannten Stücke sind komplett mechanisch und übertragen keinerlei elektrische/elektronische Informationen an eine digitale Kamera. Gebaut wurden meine zwischen 1976 und 1984, wie man den Seriennummern entnehmen kann. (Link zur Seite) Sie haben alle ein F-Bajonett und passen somit an Nikon SLR und DSLR.
Leider vermag ich an dieser Stelle nicht zu sagen, ob der Nikon-FTZ-Adapter sämtliche mechanischen „Botschaften“ der Objektive an das Z-Bajonett überträgt. Lt. Nikon lassen sich alle Ai und Ai-S Linsen zumindest montieren und nutzen.

In vielen Artikeln über „Altglas“ wird darüber spekuliert, ob sie generell die theoretisch realisierbare Zahl von Linienpaaren auf einem digitalen Sensor auflösen können. Von der D2H (4MP) zur Z9 (45,7MP) existiert unstreitig ein „marginaler“ Unterschied in der Sensorauflösung.
Aus diesem Grund fiel die Kamerawahl auf die D850 und ihren 45MP Sensor, sicher nicht die schlechteste DSLR von Nikon, die auf dem Markt verfügbar ist.

Wie schon bei der Verwendung der F4 darf ich an dieser Stelle den Einfallsreichtum der Nikon-Ingenieure bewundern. Manuelle Objektive an AF-Kameras sind nicht das Einfachste in der Bedienung, insbesondere beim Fokussieren. Optional kann naturgemäß immer der LiveView benutzt werden, derweil braucht es dafür keine Spiegelreflexkamera.

Was sehe ich im Sucher der D850?
Unten links, leicht sichtbar, bei der F4 oben rechts, werden zwei Pfeile und ein Kreis eingeblendet. Sehe ich den Kreis, sitzt der Fokus auf dem Objekt in der Mitte des Suchers. Der linke Pfeil, in etwa so >, zeigt mir an, dass ich den Fokusring nach rechts bewegen muss (weiter weg), der rechte Pfeil <, ich muss weiter ran, links drehen.
Es wird immer die Drehrichtung des gummierten Fokusringes gezeigt. Ich finde das genial. Meine einzige Einschränkung ist die der Sehkraft eines 58-Jährigen.

Und das ist nicht alles, was die Kamera drauf hat. Jeder, der Vintage-Linsen an modernen Kameras benutzt, kennt das Problem, dass man sich hinterher nicht mehr erinnern kann, welche Einstellungen man verwendet hat. Abgesehen vermutlich von Pedanten, die alles Mitschreiben oder in ihr Diktaphon sprechen. Dazu bin ich um Längen zu faul. Wie Leser ggf. schon wissen, mag ich gleichfalls keine Bedienungsanleitungen. Die der D850 hat 379 Seiten.
An irgendeiner Stelle in meinem Hinterkopf geisterte dieweil das Wort Objektivprofil herum. Okay, schaun mer mal im Menü. Siehe da, das gibt es in der Tat. Man vergibt eine Nummer und trägt Brennweite sowie kleinste Blende ein. Hmm und nu?
Der nächste Blick durch das Okular ließ ein breites Grinsen entstehen. Oben links waren Belichtungszeit, ISO und… die eingestellte Blende angezeigt.
Nebenbei bemerkt findet sich diese Anzeige nicht nur im Sucher. Das LCD-Display oben auf der Kamera zeigt ebenso korrekt die gewählte Blende an.
Der Blendenring der Objektive überträgt die Blendenwahl mechanisch an/in die Kamera (siehe Bild des Ringes der D850) und die ermittelt aus der Rotation die Blende, wenn sie die Anfangsblende durch das Profil kennt. So denke ich zumindest, ist das gelöst.
Geil, nach dem Bildimport in Lightroom wurden alle drei Bildparameter (Zeit, Blende, ISO) angezeigt.
Leica? Warum geht das bei einer M10 nicht?
Aus welchem Grund zeigt mir LR völlig absurde Blendenwerte an, die es aus dem Foto „errechnet“.
Das einzige Problem bleibt beim User, der nach einem Objektivwechsel im Menü das richtige Profil wählen muss, möglich sind 10 verschiedene Objektivprofile.

Mitnehmer an der Kamera D850

Habe ich bisher schon etwas über die Objektive geschrieben, außer zweitrangigen Erklärungen?
Sorry für die lange Story hinsichtlich der Bedienung. Das soll plausibel machen, warum ich bei den Fotos alle Blendenwerte benennen kann.

 

 

 

 

Die Objektive:

Alle 5 Objektive haben nicht nur das F-Bajonett gemeinsam. Nein, die Nikon-Ingenieure hatten gleichermaßen den sportlichen Ehrgeiz, sie mit demselben Filtergewinde von 52mm zu versehen.
Vermutlich kam es dereinst zu einem Protest der Filterhersteller und die Objektivbauer verließen diese Verfahrensweise. Seitdem gibt es Filter von 39mm bis über 90mm und aus irgendwelchen Metallabfällen werden Adapterringe hergestellt, möglichst viele dann übereinander geschraubt, damit an der Seite doch an irgendeiner Stelle Licht eindringt. Oder sie bauen gleich gewölbte Frontlinsen, sodass man nix anschrauben kann und auf ein Lego-System zurückgreifen muss.

Alle 5 sind aus solidem Metall gefertigt und hinterlassen einen durablen Eindruck.

 

Nikkor 28mm 2.8 #447704

Nikkor 28mm f/2.8

Nikon hat es von 1977 bis 1981 gebaut. Die optische Konstruktion besteht aus 7 Elementen in 7 Gruppen. Die Iris hat 7 Lamellen. Das Gewicht liegt bei 214g.
Weit offen zeigt es Coma, das ab Blende 8 verschwunden ist.

Dieses Objektiv ist ein schnuckeliges, zierliches Weitwinkel mit einer Anfangsöffnung, die niemanden in Ohnmacht fallenlässt.
Der Fokusring hat einen Weg von 180° zwischen 30 cm und unendlich. Der Blendenbereich reicht von 2.8 bis 22. Die beste Schärfe hat es nach meinem Gefühl bei f/8.
An dieser Stelle muss ich klar festhalten, dass dieses Objektiv an den Bildrändern selbst bei f/5.6 nicht die Zeichnung der Bildmitte erreicht. Es bleibt leicht unscharf. Das ist mir beim Durchschauen der Landschaftsaufnahmen negativ aufgefallen.
Ohh, das Ding hat bei 2.8 Vignettierung. Wen es stört, der möge LR verwenden oder in Zukunft schweigen. Blende 4 genügt, um das praktisch völlig zu beseitigen.
Das Farbrendering an der D850 fand ich unauffällig normal.

1/500s, f/5.6, ISO 64
1/1600s, f/2.8, ISO 64, deutliche Vignette

Dazu höchst kurz; ich benutze fast immer das LR-Profil Landschaft, schlicht und einfach, weil es mir gefällt.

1/1600s, f/2.8, ISO 64. Vermutlich wird es einzeln angefertigt.

Alle Bilder sind in RAW aufgenommen. Den Weißabgleich habe ich der Kamera überlassen und hinterher nicht geändert. Das gilt nebenbei für sämtliche Bilder dieses Beitrages.
Die Naheinstellgrenze von 30cm ermöglicht es zudem, mit dem Weitwinkel bei f/2.8 deutlich freizustellen. Das Bokeh ist, wen wundert es, nicht so weich und cremig wie bei einemAF-S 85mm 1.4 G. Mir gefällt’s.
Wenn ich die Nikon-Homepage korrekt interpretiere, lässt es sich in der Ai-S Version gegen Vorkasse weiterhin bestellen. Die Lieferzeit wird mit 60 – 120 Tagen angegeben.

 

Nikkor 35mm 2.0 #921494

Gebaut wurde dieses Objektiv von 1977 bis 2005, seit 1981 als Ai-S. Anhand der Seriennummer ist meins als Ai zu identifizieren.

Nikkor 35mm f/2

Dieses ist ein bisschen größer als das 28mm, bleibt dessen ungeachtet handlich.
Mein Exemplar ist geringfügig „beaten up“, funktioniert wiederum tadellos. Die Helicoide laufen sauber und leichtgängig.
Die Blende hat 7 Lamellen. Es wiegt 283g.
Wie beim 28mm legt der Fokusring von 30 cm bis unendlich eine Drehung um 180° zurück.

1/200s, f/2, ISO 64
1/320s, f/5.6, ISO 64
1/2000s, f/2, ISO 64
1/400s, f/5.6, ISO 64

 

Mit der falschen Gegenlichtblende 1/320s, f/5.6, ISO 64

Was zum Lachen über mich?
Ich habe die super coole Gegenlichtblende vom 50er mit der Bezeichnung HN-7. Früher hat man sowas aus Metall gefertigt. Demnach, 52mm Filter, passt genauso auf das 35er. Ist cool, kommt drauf. Nachdem LR die Bilder importiert hatte, denke ich so boa, das Ding hat ja fett die Vignette weit offen. Das war selbst mir zu ausgeprägt. Korrektur? Ging nicht. Dann kam ich drauf. Es war die Gegenlichtblende. Nicht alles, was cool aussieht, funktioniert.

 

 

 

Der Blendenbereich reicht von f/2 bis f/22.
Bei f/2, wie erwartet werden darf, findet sich eine deutliche Vignette.
Weit offen sind die Farben flacher, wirken weicher, potentiell cremiger. Enthusiasten würden jetzt sagen, dass das Objektiv Charakter hat. Ich möchte mich mal diplomatisch äußern und meine, dass es nicht dem modernen Zeitgeist des feinen Mikrokontrastes entspricht.

1/2500s, f/2, ISO 64
1/400s, f/5.6, ISO 64
1/1000s, f/5.6, ISO 64
1/100s, f/2, ISO 64

Das soll auf keinen Fall heißen, dass die Bilder mangelhaft sind. Wem das gefällt, mir z.B., ist hier genau passend.
Aber… Blende das Ding auf 5.6 ab, 4 genügt unter Umständen bereits und die Bildwirkung ist völlig anders. Dann kann ich es nicht mehr von einem modernen Objektiv unterscheiden. Die Vergleichsscherbe in meinem Kopf ist dabei das Sigma 35mm 1.4 Art.
Das 35 f/2 ist ehrlich gesagt Klasse, man bekommt zwei in einem. Im Gegensatz zum 28mm wird es bis an die Bildränder scharf.
Für dieses Objektiv habe ich keine passende Lens Hood und so musste es unter seitlicher Sonne leiden. Ja, dann macht es Flares. Alles andere hätte mich überrascht.
Bokeh hat es naturgemäß ebenso, wenn’s bei f/2.0 und 30cm losgeht. Der Hintergrund war vermutlich nicht der glücklichste. Es mutet etwas chaotisch an. Ein bedenkliches Pig-Vomit Bokeh ist es nicht. Freundliche Menschen nennen das im Übrigen Swirly Bokeh. Ich mag die erste Bezeichnung lieber.
Demzufolge muss man ein bisschen aufpassen, dass es nicht zu lebhaft wird. Wie gesagt, Blende zu und alles ist gut.
Das Objektiv ist definitiv eine Bereicherung der Fototasche, außerdem ist 35mm eine gern genutzte Brennweite.

1/5000s, f/2, ISO 64
1/800s, f/5.6, ISO 64

 

 

 

 

 

 

 

Nikkor 50mm 1.4 #2993579

Die Bauzeit dieser Fünfziger ist unübersichtlicher. Start war im August 1974 als K Version. Die letzten Ai-S Exemplare verließen 2020 das Werk. Nikon hat zudem Sondereditionen herausgebracht, einmal für die F3/T „champaign limited edition“, 300 Stück, für die „Year of the Dragon“ Edition der FM2n, 2000 Stück und 150 Kopien „60th anniversary Gold FM“. Zugegebenermaßen habe ich keinen Schimmer, welche Preise dafür aufgerufen werden.

Es besitzt 7 Elemente in 6 Gruppen und, fast kann man es erraten, 7 Lamellen in der Blende. Dabei wiegt es 255g.

Als dieses Objektiv konzipiert wurde, befanden sich die Hersteller im Prestigerennen um die Lichtstärke. Der Grund lag unter anderem darin, dass an brauchbare Filmempfindlichkeiten von ISO1600 oder gar drüber nicht zu denken war.
Folglich galt, vom Auto übertragen, Lichtstärke kann man nur durch mehr Lichtstärke ersetzen. Es gibt daneben ein f/1.2 von Nikon, welches sich preislich in der Region von 600€ aufhält.
Damals war 50mm ganz gewiss die Brennweite, die direkt mit der Kamera verkauft wurde. Damit das nicht unbezahlbar wurde, gab es das 1.4. Darüber hinaus hat Nikon gleichermaßen 1.8 und 2.0 gebaut.

1/6400s, f/1.4, ISO 64

Der Fokusring hat einen Weg von 270°, um von 45cm bis unendlich zu kommen. Das ist für mich deutlich unbequemer als die oben gehabten 180°. Die Blende reicht von 1.4 bis 16.
Endlich passt die coole HN-7, wie bei Steve McCurry.

Mein Exemplar mit der Seriennummer 2993579 ist ein Modell K, die zwischen 1974-1976 gebaut wurden. Es wurde nachträglich auf AI angepasst. Dazu musste am Bajonett, am Blendenring, ein Stück abgefräst werden. Im Netz gibt es Anleitungen, wie das gemacht werden kann. Meines habe ich so erworben. Damals gab es Kits von Nikon, die den Blendenring getauscht haben. Dazu muss nur der Bajonettteil abgeschraubt werden (3 Schrauben), dann lässt sich der Ring tauschen.

Aber zum Fotografieren:
Ich drücke mich mal vorsichtig aus. Vergleicht man das Nikkor mit meinem geliebten Sigma 50mm 1.4 Art, erkennt man selbst im Kohlenkeller die Fortschritte in der Objektiventwicklung der letzten 40 Jahre, wenn man die reine Abbildungsleistung betrachtet.
Bei Größe und Gewicht rangiert das Nikkor fraglos in der Liga eines Kleinwagens, das Sigma mutet hingegen wie ein überdimensionierter Pick-up mit Zwillingsreifen an der Hinterachse an.
Hmm, wie sage ich das jetzt? Ehrlich? Bei Blende 1.4 ist das Teil Käse. Die Bilder sehen aus, als hätte jemand auf der Frontlinse ein Schnitzel gebraten und hinterher vergessen, das Fett abzuwischen. Gab es nicht mal Weichzeichnerfilter zum Aufschrauben? So in etwa.
Ich kann mir dessen ungeachtet vorstellen, dass bei den oben erwähnten neueren Exemplaren, diese „Phänomene“ deutlich reduziert wurden.

Marketing… Aus Wetzlar erzielt man mit dem Thambar und ähnlicher Wirkung über 6000 €, sogar neu.

Aber… Abgeblendet auf f/2.8 wird alles schick. Im Ernst, ab 2.8 ist das ein normal zu verwendendes Objektiv mit erfreulicher Farbe, Schärfe und angenehmen Bokeh. Bei Blende 5.6 ist es bis an den Rand scharf.
Zusammengefasst drücke ich mich mal so aus:
„Offenblendig finden Sie hier ein Objektiv mit einkonstruiertem Orton-Effekt der Stufe 3 für Landschaftsaufnahmen und Photoshopverweigerer, der Ihnen die Nachbearbeitungszeit halbiert. Für Studioaufnahmen ist bei f/1.4 der Boudoir-Effekt implementiert. Ab Blende 2.8 erwerben Sie ein alltagstaugliches Nifty-Fifty.“
Bei allem Ablästern ist das Teil völlig brauchbar, wenn man die Einschränkungen kennt oder sie bewusst als Stilmittel einsetzen möchte. Die Beispielbilder sollten das deutlich zeigen.

1/8000s, f/1.4, ISO 64
1/13s, f/1.4, ISO 64
1,3 s, f/5.6, ISO 64

 

Micro-Nikkor 55mm 2.8 #467689

 

Das nächste Stück in dieser Runde hat die Seriennummer 467689. Diese Objektive wurden von 1979 bis 2020 in der Ai-S Version gebaut. Es besteht aus 6 Elementen in 5 Gruppen, ja, 7 Blendenlamellen und wiegt 290g.
Ich denke, dass meines aus den 80er Jahren stammt. Die vorherige Ai Version hatte die Anfangsblende 3.5 und nicht 2.8. Außerdem fehlte ihr die CRC (Close Range Correction) bis zur 1:2 Abbildung.
Für die NASA wurden 1985 sogar eigene Exemplare mit einer ausschließlichen Entfernungsskala in ft (Fuß) gebaut. Moonboots haben eine Einheitsgröße, oder?

Wer mal Einheiten umrechnen musste, z.B. von Wattsekunde in Newtonmeter hat für das amerikanische Maßsystem weiter nichts als ein arrogantes Schulterzucken übrig. Das nur am Rande.

Der Blendenbereich beginnt bei 2.8 und endet bei 32. Für das Fokussieren von 25cm bis unendlich muss man den Ring um fast 360° drehen.

1/250s, f/2.8, ISO 64

 

 

 

 

 

 

Mein Exemplar hatte eine festhängende Blende, wie ich zu spät bemerkte. Es kam per eBay aus Japan. Wollte ich mir den Stress einer Zollanmeldung zwecks Rücksendung antun?
Das Teil roch verdächtig nach Öl, geschätzt in Richtung WD-40.
Derweil mag es ja so sein, dass das für die Schmierung von so vergleichsweise allem gut ist, in einem Objektiv hat es definitiv nichts zu suchen. Zweifelsfrei ist es korrekt, dass Helicoide gefettet sein müssen und ja, wenn das Objektiv sehr, sehr heiß wird, z.B. in einem geparkten Auto im Death Valley im August, kann dieses Fett ins ganze Innenteil fließen und die Blende versauen. Internetberichten zu Folge leidet das Micro-Nikkor unter dieser Krankheit, nicht nur im Death Valley.
Hier war das anders. Irgendein Hirnakrobat hatte Kriechöl injiziert. Das ließ die Lamellen durch Adhäsion aneinanderkleben und die Blende dadurch offen stehen. Die Feder, die beim Abblenden alles zuzieht, ist in der Tat zu zart.
Apropos, Helicoid-Grease S-10 ist fast geruchslos. Sollte es in ferner Zukunft wieder Präsenz-Fotobörsen geben, ist ein dezentes Schnuppern an einem Altglas angeraten. Das enttarnt nicht nur Sprühöl-Verbrechen, sondern obendrein Feuchtgebietslagerung.

Glücklicherweise ist beim Micro-Nikkor der Mechanismus relativ mühelos erreichbar. So fasste ich den Entschluss, das im Selbstversuch zu bewerkstelligen. So ein Blendenmechanismus ist in der Tat delikat. Die OP ist geglückt, die Blende funktioniert wieder tadellos. An die Helicoide habe ich mich nicht getraut. Durch den CRC-Mechanismus sind die doppelt und kompliziert. Einen Aufenthalt in einer psychiatrischen Einrichtung wegen eines verölten Objektives wollte ich vermeiden.

Zum Wesentlichen:
Das Teil taugt was, nicht nur als Makro, sondern ebenso bei „normalen“ Entfernungen.
Höchstwahrscheinlich sind 25cm Nahentfernung nicht das Dichteste, was es auf dem Markt gab/gibt, gleichwohl ist es nicht wenig.

Anyway, das Objektiv macht im Makro-Bereich knackscharfe Bilder, mit, für meinen Geschmack, ausgewogenen Farben. Das lässt sich an den beigefügten Bildern erkennen. Weit offen zeigt es Farbränder, die abgeblendet sofort verschwinden. Bedenkt man den Produktionsstart 1979, hat Nikon damals ein bemerkenswertes Objektiv gebaut.
Die Brennweite von 55mm erlaubt darüber hinaus den Einsatz als Normal- und Portraitobjektiv. Gleichfalls bleibt es dabei scharf, abgeblendet ohnehin.
Das Bokeh scheint mir relativ ausgeglichen und angenehm. Befinden sich im Unschärfebereich Lichtpunkte, werden diese siebeneckig, entsprechend der Zahl der Blendenlamellen.
Sonnensterne kann man gleichermaßen erzeugen, sollte aber nicht erwarten, so klare und saubere Ergebnisse wie z.B. mit einem Voigtländer zu erzielen.
Was mag es nicht? Sonneneinstrahlung aus schrägen Richtungen sind problematisch für das Teil. Ich hatte keine Gegenlichtblende auf dem Objektiv. Das ist definitiv ein Aspekt, den man beim Fotografieren im Auge behalten muss. Da ist digital im Vorteil, weil das Ergebnis sofort kontrollierbar ist. Mit Film kommt die Enttäuschung leider zu spät.

Bei einer ohnehin vollen Fototasche würde ich das 50mm 1.4 daheim lassen, wenn ein Micro-Nikkor 55 zur Verfügung steht, außer es geht ins Boudoir.

 

Nikkor 105mm 2.5 Ai-S #1008698

Mein Gehäuseexemplar hat die Seriennummer 1008698 und gehört somit zu den jüngeren Exemplaren. Nikon hat dieses Objektiv von 1981, beginnend mit der Ai Version, ab August 1981 als Ai-S bis 2005 gebaut. Mit etwas Glück findet sich gegebenenfalls sogar ein unbenutztes Teil bei einem Händler. Die Ai Version unterscheidet sich im Aufbau von der späteren Ai-S Variante.
Die Ai-S Bauform hat die eingebaute, ausziehbare Gegenlichtblende.
Der Linsenteil besteht aus 5 Elementen in 4 Gruppen, die Blende wieder mit 7 Lamellen und es wiegt 435g.

1/1600s, f/2.5, ISO 100 Burg Lindelbrunn

Warum schreibe ich Gehäuseexemplar?
Das Erste, welches ich in den Händen hatte, muss mal heftigen Bodenkontakt gehabt haben. Die äußere Hülle hat eine kleine Delle, was nicht weiter dramatisch wäre. Leider sind die Helicoide ebenfalls betroffen, sodass beim Fokussieren ein Widerstand überwunden werden muss. In meiner Einfalt habe ich spekuliert, mit dem neu Fetten der Gänge dieses Problem lösen und gegebenenfalls die Delle beseitigen zu können.
Langer Rede kurzer Sinn, ich hab’s beim Auseinanderbauen verbockt und mir den Punkt nicht markiert, an dem sich das innere Helicoid löst. Eines schönen Tages werde ich es in die korrekte Position bringen.
Beim zweiten Exemplar lief der Fokusring butterweich, aber…, das gute Stück muss im Badezimmer eines Niedrigenergiehauses oder einem anderen Feuchtgebiet gelegen haben. Es hat beginnenden Fungus und den leider zwischen den inneren Linsen.
In diesem Fall kann man den optischen Teil, nach Lösen dreier winziger Madenschrauben und Abschrauben der vorderen Objektivhülle, problemlos nach vorn aus dem Gehäuse ziehen. Schon erraten? Klar, ich habe den optischen Teil des Dellenexemplares in das andere gesteckt. Mit dem Pilz beschäftige ich mich später. Das Werkzeug zum Aufschrauben des Linsenkörpers ist unterwegs.

Falls ich jemanden zur Nachahmung animiert habe, benutzt um Gottes Willen Schraubendreher nach JIS (Japanese Industrial Standard). Nur die haben die korrekte Form und Eindringtiefe bei Kreuzschlitz. Allgemein wird der Hersteller Vessel empfohlen (ca. 25€ für ein Set).

Der Fokusring macht eine Drehung von 90° von der Nahgrenze 1m bis unendlich. Die Blendenverstellung klickt in einem winzigen Schritt von 2.5 auf 2.8 und in der Folge weiter in vollen Stops bis 22.
Alles läuft geschmeidig und liegt gut in der Hand. Mein 105mm Micro VR Nikkor ist doppelt so lang und doppelt so dick.

Ich bin schon über Berichte gestolpert, die aussagen, dass es Fotografen gab, die wegen dieses Objektives zu Nikon gewechselt haben. Eines der Bilder, die damit entstanden sind, dürfte jedem Leser, der es bis hierhin geschafft hat, bekannt sein, das berühmte „Afghan Girl“ von Steve McCurry.

Was soll ich sagen? Das Teil ist eine hammermäßige Portraitlinse und taugt daneben als leichtes Tele.
Obwohl die Anfangsöffnung „nur“ 2.5 ist, stellt es bezaubernd frei. Die Tiefenschärfe bei f/2.5 erleichtert solche Aufnahmen m.E. sogar. Mit dem 85mm 1.4 AF-S G gelingen weitaus weniger Treffer, weit offen.

1/200, f/2.5, ISO 64

Der Hintergrund verschwimmt gleichmäßig. Freilich sollte dieser selbst nicht zu nervös sein. Das gilt dessen ungeachtet für alle Portraitlinsen.
Weit offen zeigt das Objektiv Farbsäume, die abgeblendet auf f/4 völlig verschwinden. Es vignettiert, deutlich sichtbar, bis f/2.8. Bei Blende 4 ist die Vignette verschwunden. Ab f/11 setzt Diffraktion ein.
Die Vergütung der Linsen geht vermutlich auf die späten Siebziger oder frühen Achtziger zurück. Aus diesem Grund gibt es ordentliche Flares, wenn helle Lichter im Spiel sind. Da hilft im Übrigen die ausziehbare Gegenlichtblende nicht.
Ab der Seriennummer 1043xxx hat das Objektiv SIC Coating (super integrated coating) von Nikon, das, wenn ich es korrekt verstehe, eine Nanobeschichtung auch der inneren Linsenelemente ist. Eingeführt wurde das um das Jahr 2000. Gebaut wurden ca. 10.000 Exemplare mit diesem Coating, bis zur Seriennummer 1053938. Unter Umständen hat man Glück und findet ein solches zu einem vernünftigen Preis.

1/2000s, f/2.5, ISO 64, Forst
1/500s, f/5.6, ISO 64, Forst

Ich mag das Objektiv. Es ist relativ klein, nicht zu schwer und liegt angenehm in der Hand. Im Vergleich zur Nikon Portraitlinse 85mm f/1.4 AF-S G mutet es sich buchstäblich winzig an.
Der geringe Fokusweg von 90° vereinfacht die Handhabung. Die entstehenden Bilder sind nach meinem Geschmack, sowohl farblich und erst recht bei der Schärfe. Das Vignettieren bei Portraits finde ich klasse, spart es doch beim Nachbearbeiten einen Arbeitsschritt. Darüber hinaus habe ich den Eindruck, dass es als Tele genutzt, ebenso scharf abbildet. Das ist eine Eigenart, die einigen anderen Konstruktionen abgeht. Die können entweder oder.
Als ich es zum ersten Mal in der Hand hatte, dachte ich „na ja“, nix überwältigendes. Benutzt es und ihr werdet es nie mehr hergeben wollen, versprochen.

5s, f/5.6, ISO 64, Morgendliches Bad Dürkheim vom Kriemhildenstuhl

 

 

 

 

 

 

1/400s, f/2.5, ISO 64

Fazit:

Die fünf vorgestellten Objektive sind aus meiner Sicht 50 Jahre nach ihrer Entwicklung vortrefflich brauchbare Teile. Sie produzieren an einer 45MP DSLR anständige Bilder. Die Einschränkungen, die bei einigen weit offen bestehen, habe ich deutlich erwähnt.
Nach heutigen Maßstäben sind sie klein und leicht, wenn man die Linsen für die Leica M außen vor lässt.
Ich kann mir bildhaft vorstellen, dass es zum Protest der Fotorucksackhersteller kam, die größere und teurere Hightech Trageutensilien verkaufen wollten. Somit haben die Objektivproduzenten dicke, fette, schwere Monster entwickelt, damit Bedarf für Rucksäcke in Schrankkoffergröße entsteht.
Sie haben alle einen manuellen Fokus. Der lässt sich mit den am Anfang beschriebenen Möglichkeiten im Sucher an den gewünschten Punkt bringen.
An den Gehäusen sind Farbmarkierungen, mit deren Hilfe sich der Tiefenschärfebereich in Abhängigkeit von der Blende ablesen lässt. Somit ist Rangefocus durchführbar. Ebenso findet sich an allen Entfernungsskalen der rote Punkt für die Infrarot-Fotografie.
Die Kosten für gebrauchte Exemplare liegen zurzeit bei ca. 200€ pro Stück oder weniger.
Die optischen Charakteristiken, die Größen und Gewichte animieren mich, diese Vintage-Scherben in die Fototasche zu stecken.
Und … sie lassen sich an allen analogen prä-AF Nikon-Kameras verwenden.
Die D850, selbst nicht direkt zierlich, verliert durch diese Objektive ein wenig ihres Charakters als monströse Spiegelreflexkamera.

Für die digitale Leica M Linie gibt es Adapter. Dessen ungeachtet zwingt die Konstruktion dieses Systems zur Inanspruchnahme des LiveView oder der Warze. Das Micro-Nikkor 55 und das 105er üben diesbezüglich einen gewissen Reiz auf mich aus.

Viele Grüße an alle, die es bis hierhin geschafft haben.
Ich freue mich darauf, in den Kommentaren über andere Erfahrungen zu lesen.

7 Kommentare

  1. Pingback:Vintage-Objektive Biotar 58, Primoplan 58 - Robin-Oslo Images

  2. Hallo Dirk,
    wie immer -von Dir- toll geschrieben. Ich wollte diesen Blogeintrag schon überspringen, weil ich keine Nikon hatte (bis vor 3Wochen eine F3HP, eine kaum benutzte Einzug bei mir erhielt). Deinen Artikel habe ich aufmerksam gelesen und finde ihn als Neuling im Objektiv-Dschungel der AI/AI-S, etc. Objektive sehr gut. Leider ertappe ich mich nach Objektiven 35mm, 85mm und 105mm Ausschau zu halten.

    • Hallo Henning,
      vielen Dank für dein Kompliment.
      Ich freue mich sehr, wenn der Artikel ein bisschen Licht in die Vielfältigkeit gebracht hat. Natürlich wünsche ich dir mit einem weiteren Nikon-Meilenstein ganz viel Freude.
      Schau auch mal nach 135mm. Die sind auch richtig gut. Darüber hinaus lassen sich viele dieser wunderbaren Objektive mittels Adapter an allen möglichen Kameras verwenden.
      Viele Grüße, Dirk

  3. Volker Brockmann

    Hallo Dirk,
    wie üblich lieferst Du sehr stimmungsvolle Bilder …
    Es ist schon toll, was die Altgläser an einem anspruchsvollen Sensor heute noch leisten! Beim 55er und beim 105er habe ich adaptiert an Vollformat und APS-C nie irgendetwas vermisst. Und leichte Abbildungsfehler können der Bildwirkung ja auch mal gut tun. Es spricht schon Bände, was mit diesen Linsen so geht. Das 105er ist ein Fünflinser! Was haben wir denn heute üblicherweise drin? Reichlich Linsen in x Gruppen, wenn es gut ausskorrigiert sein soll. Das trägt halt auf. Dein 28er ist eine Ai-Version. Das Ais mit CRC ist auch offen mit Randschärfe gesegnet, Vignettierung ist aber da. Das Ding war vor einigen Jahren mein Standard-Weitwinkel – adaptiert an Canon 5D Mark II – und ist auch bei anspruchsvollen Sensoren richtig gut. Die verölte Blende beim 55er blieb mir bisher erspart. Ist auch gut so, denn mir fehlt für solche Operationen die besondere Feinmotorik Deines Berufsstandes … 🙂

    Gruß
    Volker

    • Hallo Volker,
      endlich komme ich mal zum antworten. Beim 28mm bin ich schon auf der Suche nach einem Ai-S, möchte aber eBay nicht bemühen. Die CRC bis 0,2m ist schon grandios.
      Sollte dein Micro mal eine verölte Blende haben, schick es einfach her. Ich mache dir das. Es ist wirklich einfach und braucht keine besondere Feinmotorik. Hilfreich ist eher eine gute Lupenbrille.
      Das 105er ist schlicht fantastisch.
      Viele Grüße,
      Dirk

  4. Hallo Herr Säger,

    vielen Dank für den tollen Artikel und die vielen wunderbaren Bilder! Ich teile Ihre Begeisterung für die AI-S-Nikkore. Für meine Nikon FX-Ausrüstung habe ich lange Zeit nach einer mittleren Tele-Festbrennweite gesucht. Sowas wie das Sigma 135/1.8, nur bitte viel kleiner und leichter. Dafür war ich auch bereit, auf Lichtstärke, und notfalls auch auf AF zu verzichten. Gelandet bin ich schließlich bei einem AI-S 135/2.8: Nach heutigen Maßstäben geradezu winzig und leicht, bereits bei f2.8 mit sehr guter Abbildungsqualität und gebaut für die Ewigkeit. Wäre das nicht noch eine Ergänzung Ihrer Sammlung? 😉

    Allzeit gutes Licht und viele Grüße!
    Peter

    • Hallo Peter,

      danke für den Tip Nikkor 135. Manchmal hat man das Problem mit Wald und Bäumen. Das ist in der Tat ein tolles Teil und schon ab 150€ zu haben. Das 135/2 kostet dann schon 400€.

      Ich wünsche immer viel Freude mit den Altgläsern.
      Viele Grüße, Dirk

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