Liebe Leser, ihr müsst jetzt ganz stark sein! Schon wieder ’ne Mittelformat-Kamera (och, nöööö!). Aber nicht irgendeine! Die Plaubel Makina 67 ist wie eine mutierte Zeiss Super-Ikonta, die mit Superman zusammen den Planeten Krypton verliess und unter der gelben Sonne der Erde Superkräfte erlangte. Vielleicht ist es auch eine M4, die von einer radioaktiven Spinne gebissen wurde … oder so.

Komischerweise wird in der Designgeschichte darüber kein Wort verloren… davon später mehr. Tatsächlich stieß ich auf Exemplare dieser Gattung, als ich letztes Jahr die Web-Recherche zu den Super-Ikontas machte. Plaubel kannte ich als Hersteller hochwertiger Faltkameras, aber die letzte Inkarnation dieser klassischen Modellreihe interessierte mich sofort. Vielleicht lag es auch daran, dass sie irgendwie Ähnlichkeit mit einer hypertrophen M hat.

Über den Winter schaute ich gelegentlich nach auf dem Markt befindlichen Modellen. Die Dinger werden hoch gehandelt. Schließlich im März, ungefähr zu der Zeit, als ich die Rolleiflex T am Start hatte, fand ich ein schön erhaltenes Stück zu einem erträglichen Preis. Spoiler: Ich bereue keinen Cent davon!

Designgeschichte

Plaubel Makina 67
Ansicht rechte Seite: Oben rechts Distanzring um den Auslöser, darunter Gewinde für Drahtauslöser, unter der Tragegurtöse die Entriegelung für die Rückwand, oberhalb , X-Kontakt für Blitz an der Objektivplatte, unterhalb ein Merkfach für den Filmtyp

Um verständlich zu machen, was an dem Teil eigentlich so toll ist, will ich einen Abriss über die Entstehung der Kamera geben und wie sie zu ihrer „Gestalt“ kam. Leute aus meiner Generation erinnern sich an die ikonischen Stücke der Firma Braun, zu der sie eine gewisse Ähnlichkeit aufweist.  Die sind untrennbar mit einem Namen verbunden: Dieter Rams. Der hat jedoch mit dieser Kamera null zu tun. Aber Udo M. Geissler, der der Makina ihr Aussehen gab, kommt aus derselben Generation von Bauhaus-geprägten Designern.

Für die Technik der Kamera im Einzelnen zeichnet aber nicht der Designer verantwortlich. Die Firma Plaubel stellte Faltkameras mit ihrem berühmten „Scherenspreizen-System“ bereits seit 1904 her. Es gab viele Modelle in der Art, die beliebte Pressekameras waren. Wie die Rolleiflex waren sie auch bedeutend kompakter als die amerikanischen (Graflex-) Modelle. Die ursprüngliche Makina wurde in verschiedenen Generationen weiterentwickelt und war mit separaten Messsuchern und Wechseloptiken versehen, die z.T. recht kompliziert zu bedienen waren. Im Jahr 1975 verkaufte Goetz Schrader, der Sohn des Firmengründers, aus Altersgründen Plaubel an die japanische Doi-Gruppe.

Plaubel Makina 67
Linke Seite: Knopf zur Entriegelung des Objektivs unten vorne links, Batteriefach für Belichtungsmesser an der Objektivplatte unten, Tab für die Einstellung des Blendenrings

Der Chef, Herr Kimio Doi, hatte in Japan eine Kette von Filialen für alle fotografischen Belange (ähnlich, wie früher die Firma Porst oder heute Ringfoto) und war passenderweise Kameraenthusiast. Er ließ die Firma Plaubel weiter produzieren (zu der Zeit Großformatkameras), gab aber auch die Anweisung, eine neue, moderne Version der Makina zu entwickeln. Prof. Udo Geissler von der technischen Hochschule München wurde kontaktiert. Nikon entwickelte ein Objektiv. Ein Jahr später konnte man einen Prototyp vorweisen, die „Makinette 67“. Ein Riesenklotz mit versenkbarem Sucher (Messsucher). Herr Doi war „not amused“. So hatte er sich die Sache nicht vorgestellt. Viel zu klobig in der Handhabung.

Auftritt von Yasuo Uchida, einem Konstrukteur der Firma Konica (Herr Doi und der Präsident von Konica waren Kumpel). Er nahm die Makinette und machte die Makina 67 daraus. Es gibt ein Interview aus dem Jahr 2015 mit ihm, in dem er erzählt, wie er mit Prof. Geissler über Details gestritten hat, ebenso, wie er Herrn Doi austrieb, die Kamera mit Belichtungsautomatik auszustatten. Das Objektiv hätte er gern von Konika machen lassen, aber für das Nikkor war bereits viel Geld geflossen. Uchida prüfte es und gibt in dem Interview gutgelaunt zu, dass es hervorragend ist und er damit zufrieden war.

Plaubel Makina 67
Kamera mit UV-Filter, die Gegenlichtblende wird einfach davor geschraubt. Über deren Wichtigkeit habe ich nichts in Erfahrung bringen können, ich hatte meine davor (weil sie nicht stört). Die Eintrittspupille liegt aber soweit zurück, dass ich mir vorstellen kann, dass die Optik nicht sehr streulichtanfällig ist. Foto mit Leica M4 und Kodak Tri-X (ebenso wie das Beitragsfoto ganz oben)

Technische Details

Plaubel Makina 67
Größenvergleich der Plaubel mit eingefahrenem Objektiv mit einer Leica M6 TTL und 35mm Summicron mit Gegenlichtblende. (Trotzdem ist auch die Leica in ihren Proportionen perfekt ausbalanciert!)

Die Makina 67 in ihrer endgültigen Form ist eine Mittelformat Kamera für 120er Rollfilm, die Negative vom Format 6X7 erzeugt (die wahre Negativ-Größe ist 56X67mm). Ausgestattet mit einem 80mm f/2.8 Nikkor-Objektiv entspricht das einer Brennweite von 39,7mm (lies:40mm) im Kleinbildformat (wird oft fälschlich unter Zugrundelegung einer Negativgröße von 60x70mm mit 35-37mm angegeben). Das Objektiv wird an einem kleinen, roten Knopf auf der Vorderseite entriegelt und ausgezogen, es rastet am Endpunkt spürbar ein und wird ebenso (Knopf drücken) zurückgefahren. Möglichst dabei auf „Unendlich“ stellen. Mit eingefahrenem Objektiv ist die Kamera nur 5,7 cm tief, das ist deutlich weniger als eine Leica M mit 35mm Summicron. Das Gewicht von 1280g lässt sich bei der kompakten Dimension ermüdungsfrei stundenlang tragen. Das Gehäuse ist Vollmetall und „built like a tank“. Dies Idiom trifft ja auf viele Profi-Kameras zu.

Plaubel Makina 67
Blick auf die stabile Schrenspreize und die Führungsschiene an der Objektivplatte, in der die Spreize beim fokussieren gleitet

Der gekoppelte Messsucher ist groß, hell und mit einem Parallaxe-Ausgleich versehen, der ebenso einfach wie genial ist. Die Distanz wird an einem Ring eingestellt, der den großen Auslöseknopf umfasst. Bei ausgefahrenen Objektiv verstellen sich dann die Scherenspreizen, ein sehr stabiles, unanfälliges und zuverlässiges System. In dem Objektiv findet sich ein Zwischenlinsen-Zentralverschluss von Copal mit Belichtungszeiten von „B“, 1s bis 1/500s, die an einem Ring um die Frontlinse in ganzen Schritten eingestellt werden. Ein zweiter Ring lässt die Blende von f/2.8 bis f/22 stufenlos verstellen. Dazwischen findet sich ein schmaler, gerändelter Ring zur Auswahl der Filmemfpindlichkeit von 25 bis 1600 ASA für den Belichtungsmesser.

Der Belichtungsmesser misst nicht „TTL“, sondern ist im Sucher untergebracht. Das Messfeld umfasst ziemlich exakt das des Entfernungsmessers in der Mitte des Suchers. Am rechten Rand ragt eine vertikal angebrachte Lichtwaage in den Sucher, oben in rot +, dann grüner Punkt, unten in rot -. Zur Aktivierung des Belichtungsmessers drückt man einen Knopf auf der Rückseite, der genau unter der Daumenkuppe der rechten Hand liegt. Die Messung arbeitet sehr genau. Der grüne Punkt allein zeigt natürlich die korrekte Belichtung am angemessenen Punkt, leuchtet grün zusammen mit + oder -, zeigt dies eine Abweichung von 1/3 Blende (nach oben oder unten). Hat man die Kamera am Auge und die Belichtungszeit vorgewählt, kann man während der Messung mit dem Zeigefinger der linken Hand die Blende nachregeln, bis die gewünschte Belichtung erreicht ist.

Plaubel Makina 67
Offene Rückwand. Filmführung von höchster Präzision, Halterung der Spulen sehr edel gelöst. Schräg oben rechts von der Filmstartmarkierung ist der Taster für die Belichtungsmessung zu erkennen, mit dem Daumen perfekt erreichbar

Filmtransport erfolgt mit einem beherzten Schwung des Hebels, einer reicht (bei der Makina 670 wurde ein „Doppelschwung“ eingeführt). Bei dem Format passen 10 Bilder auf einen Film. Ein kleines Fenster für das Bildzählwerk oben auf der Kamera zeigt den Stand an. Für das Einlegen der Filmrolle klappt die Rückwand auf (kleiner Riegel auf der rechten Seite). Die Spulenhalterung ist edel gelöst: Zwei kleine rote Hebel unten entriegeln die Haltezapfen, wonach sich die Spulen kinderleicht einsetzen lassen.

Unterm Strich bleibt eine auf Leica-Niveau solide gebaute Kamera mit hochwertigen Einzelkomponenten für höchste Ansprüche mit denkbar einfacher Bedienung. Völlig ohne Schnickschnack. Blende, Zeit, Lichtempfindlichkeit, Enfernung – und das Bild ist im Kasten. Hallelujah! Was ist daraus nur heute geworden?

Eine sehr viel detailliertere technische Beschreibung der Makina 67 findet sich auf dieser Webseite.

Eine alte Broschüre zur Makina, die ich im Netz fand.

Fatale Ähnlichkeit

Plaubel Makina 67
Ups, was ist das denn? Eine Plaubel zu heiss gewaschen? Wart mal, da steht ja „Agfa“ drauf … hmmm

Die Plaubel Makina 67 erschien 1979. Ein japanischer Review stellte sofort die verblüffende äusserliche Ähnlichkeit zur 1976 erschienenen Agfa Optima her. Diese war von einer Firma namens Schlagheck und Schultes designed worden. Hamish Gill von 35mmc.com hat eine gute Recherche zum Hintergrund der drei Designer durchgeführt. Sie waren nämlich allesamt Professoren an der technischen Hochschule in München. Prof. Schultes war nicht ganz glücklich über das Exterieur der Plaubel Makina 67, aber es kam deswegen zu keinem Zerwürfnis oder gar juristischen Konsequenzen. Ich könnte mir vorstellen, dass Norbert Schlagheck und Herbert Schultes ihren Kollegen Geissler an der Uni auf dem Flur abfingen, ihn zu beiden Seiten flankiert in den nächsten Biergarten führten und sich kräftig einen ausgeben liessen. Prof. Geissler gab jedenfalls abschliessend das Statement ab, dass beide Kameras den „State of the Art“ für diese Periode europäischen Industriedesigns darstellen. Jedenfalls nehmen sie sich nebeneinander aus, als hätte Gulliver sie höchstpersönlich aus Brobdingnag (dem Land der Riesen) und Liliput mitgehen lassen.

Woher habe ich die Agfa Optima?

Im letzten Artikel habe ich erwähnt, dass ich meine alte Cosina SLR verliehen habe. Als ich nach Zubehör dafür suchte, das in einem Karton auf dem Dachboden schlummert, fiel mir ein kleines Lederetui auf. Ganz hinten in meinem Hirnstübchen regte sich was. Ich zog den Reißverschluss auf und mich traf beinah der Schlag(-heck)! Eine Agfa Optima Sensor 1535! Endlich löste sich meine Hirnblockade! Das war die Kamera meiner Frau, die sie als 15-jährige von ihren Eltern bekommen hatte. Ich hatte deren Existenz völlig verdrängt (nicht die meiner Frau oder ihrer Eltern! Der Kamera natürlich!). Nebenbei ist dies das Top-Modell der Optima Reihe und zudem ein Messsucher! Ein geniales kleines Teil, das sofort einen Ehrenplatz zwischen meinen analogen Schätzen bekam. Die drei Knopfzellen, um sie zum Leben zu erwecken, sind schnell besorgt und dann werde ich selbstverständlich einen Film einlegen und später näher darüber berichten.

Plaubel Makina 67
Der erste Film, den ich einlegte, war ein Kodak Ektar 100. Ich stellte die Plaubel auf 50 ASA und machte mich in den kleinen Vlotho-Valdorfer Kurpark auf (der halbwild ist). Dieses Bild ist entweder bei f/4 oder f/5.6 gemacht. Hier im Gegenlicht ein „Donut-Bokeh“ (das ich nur bei Spitzenlichtern beobachten konnte, normalerweise bleibt das Bokeh der Nikkor-Optik seidenweich). Schärfe im Fokusbereich vorn lässt nichts zu wünschen übrig. Eine Ausschnittvergrößerung ist in der Galerie unten (letztes Bild)

Die Plaubel Makina 67 im praktischen Gebrauch

Plaubel Makina 67
Wieder ein coronabedingt arbeitsloser (Rock-)Musiker, den ich in Minden traf. Kodak Tri-X

Das Umsetzen der Leerspule und das Filmeinlegen sind dank der präzisen Mechanik ein völlig unspektakulärer und rapide vor sich gehender Prozess. Das Rändelrad zum Einstellen der Filmempfindlichkeit vorn an der Objektivplatte zwischen Zeiten- und Blendenring dagegen leistet extrem hohen Widerstand, dafür strebt die Möglichkeit einer versehentlichen Verstellung auch gegen null.

Die Kamera passt auch mit vorgeschraubter Gegenlichtblende sehr gut in die Hadley Digital-Tasche von Billingham mit jeder Menge Platz für weitere fotografische Paraphernalia wie Filme, Filter, Handbelichtungsmesser, Ministativ und „haste-nich-gesehen“ (warum die kleinste Tasche von Billingham eigentlich „digital“ heisst und bestens für analoge Schätzchen geeignet ist, dazu die „Hadley small“ viel größer ist, kriege ich in mein Hirn nicht rein. Haben die bei Billingham ihre Nomenklatur zu Leica-Marketing outsourcen lassen?).

Plaubel Makina 67
Am Kaiserpalais in Bad Oeynhausen. Gleichzeitig der „Test“ für Low-Light-Fotografie mit dem Kodak Portra 800. Genialer feinkörniger Film mit hoher Farbsättigung, auch bei Tageslicht zu empfehlen.
Plaubel Makina 67
Nochmal zum Bokeh: Wiesenschaumkraut bei f/5.6. Kodak Ektar 100

Am Kameragurt quer umgehängt, liegt die Plaubel trotz ihres Gewichts angenehm und sicher am Körper an und kann stundenlang ermüdungsfrei getragen werden. Bietet sich ein lohnendes Motiv, ist der rechte Arm in nullkommanix durch den Gurt gezogen, mit derselben Bewegung der kleine rote Entriegelungsknopf gedrückt, das Objektiv herausgezogen und die Kamera ans Auge gehoben. Gewöhnlich habe ich schon eine für die herrschenden Lichtverhältnisse passende Belichtungszeit vorgewählt. Achtung: Der Ring rastet in ganzen Schritten. Während das Motiv anvisiert wird, drücke ich mit dem rechten Daumen die Taste für den Belichtungsmesser, der seinen Wohnort in der Sucheroptik hat (darum: Kein TTL! Filterfaktoren beim Einstellen der Filmempfindlichkeit beachten!) und dessen LED’s am rechten Rand im Sucher zu sehen sind. Dabei verschiebe ich mit der Spitze des linken Zeigefingers den Blendenring am Tab stufenlos bis zur gewünschten Belichtung.

Plaubel Makina 67
Wandern am Hohenstein bei Hessisch Oldendorf. Kodak Portra 400
Plaubel Makina 67
Glacisbrücke Minden im Gegenlicht. 1. Obwohl die Sonne nur knapp ausserhalb des Bildfelds liegt, kein Flare oder Artefakte. In diesem Fall vermute ich eine entscheidende Bedeutung der Gegenlichtblende, die ich der Bequemlichkeit halber sowieso immer drauf hatte. 2. Genauigkeit des Sucherrahmens: Ich erinnere mich, exakt diesen Bildausschnitt gewählt zu haben.

Jetzt noch evtl. „rekomponieren“ (je nachdem, was man angemessen hat). Scharfstellen mit Daumen und Zeigefinger der rechten Hand am Rad um den Auslöseknopf. Der Widerstand ist deutlich, aber angenehm. Um das Messfeld im hellen Sucher beurteilen zu können, muss man kein Ratefuchs sein. Millimetergenaues Scharfstellen kein Problem (und das ist auch nötig, wenn man so mutig ist, bei Porträts f/2.8 zu wählen!). Die eingespiegelten Sucherrahmen sind selbst bei miesem Licht gut zu sehen und der Parallaxeausgleich, der zugleich des sich bei Nähe verkleinernden Bildfelds Rechnung trägt, ist sehr zuverlässig. Ich erinnere mich ziemlich genau an die Bildkomposition und auch die „Grenzen“ meiner Bilder. Da gibt’s keine Abweichung von dem, was ich vorgesehen hatte. Die Kamera verfügt über keine Lächel-Erkennung und den „Fokuspunkt“ kann man nicht verschieben! Schande! Wie kann man mit solchen Defiziten leben? (Anmerkung des Autors: „Sehr gut!“)

Et voila! Auslösen! Dieser detailliert beschriebene Vorgang bis dahin nimmt in Wirklichkeit bestenfalls Sekunden in Anspruch. Man kann mit der Plaubel „Schnappschuss-schnell“ sein. Der Auslöser hat einen unmissverständlichen Druckpunkt und gibt ein eindeutiges Geräusch von sich, wenn der Zwischenlinsen-Copal-Verschluss seinen Dienst leistet. Nicht so diskret wie die Rolleiflex, aber auch nicht so scheppernd wie die Fuji GW 690 II („Texas-Leica“) und schon gar nicht so laut wie eine Hasselblad 500, wo man aus den Ohren blutet, wenn man sich nicht vorher etwas reingestopft hat.

Plaubel Makina 67
Bielefeld Underground. Ilford HP5. Alle S/W-Fotos in diesem Beitrag sind mit Orange-Filter gemacht!
Plaubel Makina 67
Für die Handyfanatiker: Die Kamera verfügt über die Original-Vivien-Mayer-Selfiefunktion! Man muss bloß einen 2x1m Spiegel und eine Staffelei mitnehmen! Praktisch, gell? (Bild im Studiofenster von Radio Westfalica, Kodak Tri-X)

Filmtransport mit einem beherzten Schwung am Transporthebel bis zum Anschlag, oben auf der Kamera ist das Fensterchen für die Nr. der Aufnahme, die als nächstes belichtet wird. Die Plaubel Makina 67 erlaubt für eine Mittelformatkamera eine relativ flotte Geschwindigkeit der Bildfolge (wenn man es denn so eilig hat), fast vergleichbar mit einer analogen M (ohne Zeitautomatik). Wer natürlich 10 fps braucht, fällt leider aus der Zielgruppe für diese Kamera.

Lichtmessung

Ein Wort zum Belichtungsmesser. Er wird in anderen Reviews oft als unnötiges Accessoir verdrängt, zum einen, weil es vermutlich cooler ist, einen Handbelichtungsmesser zu verwenden, zum anderen, weil er mit dem einzigen konstruktiven Makel behaftet ist, den die Kamera hat. Er ist häufig funktionslos, weil das kleine Kabel, das vom Gehäuse zur Objektivplatte geht, durch das Ein- und Ausfahren des Objektivs irgendwann einen Ermüdungsbruch erleidet. Es zu reparieren, erfordert das fast völlige Zerlegen der Kamera und unterbleibt meist.

Aber: Der Belichtungsmesser arbeitet mit höchster Präzision! Ich erinnere an das Interview mit Konstrukteur Uchida, in dem er erwähnt, dass er sich strikt gegen Plaubel-Besitzer Doi gewandt hat, weil dieser eine Belichtungsautomatik wollte. Die Begründung war, dass Profis (zu der Zeit) oft mit Positivfilm arbeiteten und darum eine absolut exakte Lichtmessung unabdingbar sei. Die AE-Systeme in der Zeit waren einfach noch nicht so weit. Das Messfeld ist so ziemlich mit dem des Entfernungsmessers identisch, die Leuchtdioden im Zusammenspiel zeigen 1/3-Blendenschritte nach oben oder unten an. Wenn man also nicht total „studiomäßig“ unbedingt ständig das ambiente Licht messen will, kann man einen Extra-Belichtungsmesser gut zuhause lassen. Nochmals zur Erinnerung: Es wird nicht TTL gemessen, daher Filterfaktoren beachten!

Plaubel Makina 67
Am alten Markt in Bielefeld. Kodak TMax 400

Das Nikkor-Objektiv

Ich verfüge über keine optische Messbank oder „haue auf den Puts“ (Achtung: Wortspiel!) und zerpflücke MFT-Kurven. Ich verlasse mich auf das, was ich sehe. Ich las an verschiedenen Stellen, das Nikkor sei nicht so „crazy sharp“ wie das 80mm der Mamya 7 (und ich frage mich wirklich, ob das alles voneinander abgeschrieben ist). Genauso gut könnte ich das 90mm der Fuji GW690 ins Spiel bringen oder das 80er Planar der Hasselblad. Das ist doch alles Blödsinn und hinkender Vergleich von Äpfeln mit Birnen. Am ehesten könnte man noch das 80mm f/2.8 Tessar der Zeiss Super Ikonta 533/16 heranziehen und  –  ehrlich! Ich sehe keinen Unterschied, würde aber fast annehmen, dass das Nikkor als modernere Konstruktion (und Vergütungstechnik) das bessere ist. Hat das irgendeinen Einfluß auf die Auswahl der Kamera? Nö. Wenn ich Lust habe, die Super Ikonta zu benutzen, brauche ich mir um die optische Performance keine Sorgen zu machen.

Plaubel Makina 67
Bielefeld Zentrum. Kodak TMax 400
Plaubel Makina 67
Buchenkreis auf dem Bonstapel (höchst Erhebung Vlothos). Kodak Portra 400

Sicher ist: Die Optik des Nikkor lässt an Schärfe nichts vermissen, und das bei jeder Blende. Dass die Performance bis f/8 zunimmt, erfordert keine Kenntnisse in Raketentechnik. Schärfe allein ist ausserdem ein schwachsinniges Kriterium für die Qualität einer Linse. Nachdem ich 6 unterschiedliche Filmsorten (Farbe: Ektar 100, Portra 400 und 800, S/W: Kodak Tri-X, TMax400 und Ilford HP5) in der Kamera hatte und zudem alle möglichen Lichtsituationen ausprobiert habe, kann ich sagen: Das Objektiv ist Kontrast- und Mikrokontrastreich (was zum Schärfeeindruck beiträgt), hat eine exzellente Farbwiedergabe ohne Säume (ohne Zweifel dank einer hochwertigen Vergütung der Linsen), ist (subjektiv) Verzeichnungsfrei und extrem Gegenlichtresistent (ich hatte immer die Geli-Blende vor, aber die Frontlinse liegt so tief, dass ich mich frage, wie wichtig das ist, wenn man nicht die Sonne im spitzen Winkel von vorn hat). Zum Teil wird behauptet, die Brennweite sei für Porträts nicht ideal (und akademisch betrachtet, stimmt das für alles unter 50-75mm Kleinbild). Dem wage ich zu widersprechen. Man muss ja nicht auf Mindestabstand gehen, um ein schönes, unverzerrtes Brustbild zu erhalten. Will man mehr Detail, bietet das Negativ genügend Auflösung zum croppen.

Plaubel Makina 67
Surreales Bild der Ravensberger Spinnerei. Ich musste mich dafür nur auf den Grund des Teiches legen. Ilford HP5

Resümee

Plaubel Makina 67
Ja, dass kann einem manchmal schon zu denken geben, was da alles für Schwachsinn verbreitet wird. „Le Penseur“ von Rodin vor der Bielefelder Kunsthalle. Kodak TMax 400

Die Quellen, auf die ich im Artikel verwiesen habe, geben insgesamt der Plaubel Makina 67 ein sehr gutes Zeugnis. Oft wird mit Pentax, Fuji oder Mamiya Mittelformat-Kameras verglichen, aber wie schon oben erwähnt, diese Vergleiche hinken. Keine dieser Kameras weist die Kompaktheit und Einfachheit der Bedienung auf, dazu sind oft elektronische Schaltkreise „heavy“ vertreten. Die Plaubel ist rein mechanisch (sieht man vom Belichtungsmesser ab, so wie bei der Leica M6).  Dabei ist die Bildqualität absolut vergleichbar. Zuletzt fand ich auf DPreview den Verweis zum Artikel auf 35mmc.com. Die Mehrzahl der Kommentare, die man auf DPreview bei analogen oder direkt Leica-bezogenen Themen findet, unterliegen dem interessanten neurophysiologischen Phänomen, dass viele offenbar in der Lage sind, ohne höhere Hirnfunktion die Computer-Tastatur zu bedienen. Einige unsagbar dämliche und häufig unwahre Behauptungen, beknackte Vergleiche mit digitalen Mittelformatkameras und meist völlig inkompetente (bis auf wenige Ausnahmen) Anmerkungen von Digital-Fotografen auf Trump-Niveau (das unbestreitbar niedrigste der Welt, dagegen ist ein Axolotl Nobelpreiskandidat). Wie schon Adenauer sagte: „Es ist doch ungerecht, dass der liebe Gott die Intelligenz des Menschen begrenzt hat, aber nicht seine Dummheit!“ (Zitat sinngemäss wiedergegeben, Ursprung am 2.3.1962, Info-Gespräch mit Dr. Kurt Lachmann)

Plaubel Makina 67
Im Kurpark. Kodak Ektar 10

Noch ein Wort zum 6X7-Format: Für den geringen Unterschied der Kantenlänge zum quadratischen Format (wie bei der Rolleiflex, Hasselblad oder Ikonta) ist der Bildeindruck erstaunlich „rechteckig“! Jedes Format hat seine Herausforderungen bei der Bildkomposition, zuletzt fand ich z.B. 6X6 sehr spannend. Aber für dieses 6X7 musste ich mich nicht verbiegen, irgendwie habe ich ein natürliches Gefühl für das Seitenverhältnis.

Plaubel Makina 67
Ravensberger Spinnerei in Bielefeld. Ilford HP5 (Nebenbei: Der Film gefällt mir sehr gut. Ich werde ihn von nun an öfter benutzen)

Ich habe genügend Rollen Film durch die Kamera geschickt, dass ich sagen kann: Die Plaubel Makina 67 steht für eine traditionsreiche Firma, die immer höchste Qualität erzeugte. Ihre Konstrukteure und Designer haben eine Kamera geschaffen, die der Bauhaus-Philosophie folgt und auf die man Dieter Rams zehn Thesen für gutes Design uneingeschränkt anwenden kann. Sie ist eine hochwertige (leider im wahrsten Sinn des Wortes), kompakte Mittelformatkamera, liefert exzellente Bildergebnisse und ist eine Freude im Gebrauch!

In der folgenden Galerie finden sich noch diverse Beispielbilder aus der Makina. Alle Fotos in diesem Beitrag sind auf eine Kantenlänge von höchstens 2000 Pixeln verkleinert. Die „XXL“-Scans von Mein Film Lab haben natürlich mehr Potential. Ohne Pandemie hätte ich mit Sicherheit auch Fotos von der Ardéche, aus den Cevennen  oder der Provence zeigen können, wo ich eigentlich vorletzte Woche gewesen wäre… naja, Jammern auf hohem Niveau. Bei uns ist es auch schön.

20 Kommentare

  1. Hi Leute,
    ich habe so eine Makina 67 incl. Leder-Etui im neuwertigen Zustand geerbt und mag sie lieber jemanden verkaufen, der was damit anfangen kann und will, als sie bei mir in der Vitrine stehen zu lassen.
    Wenn also jemand hier Interesse daran hat, dann bitte ich um ein realistisches Angebot unter eamil „ancg@gmx.de“.
    Liebe Grüße
    Christoph

  2. Michael Gehrke

    Dieser Artikel hat mir wehmütig Freude bereitet, die Erinnerungen an meine Lehre… Als Fotofachverkäufer im zweiten Ausbildungsjahr (1982 in Bonn) durfte ich mir eine Makina 67 für einige Filmrollen ausleihen und ausgiebig probieren. Das Aufsehen, dass sie bei vorbeigehenden Passanten verursachte, war mir etwas unangenehm, aber mit 18 oder 19 Jahren spielte natürlich auch Stolz eine Rolle!
    Zum Glück waren keine Wechselobjektive möglich, ich hätte mir sicherlich ein Riesentele davor geschraubt… 😉
    Die Qualität konnte ich mir damals nur über die Negative ansehen, ein Ausbelichten war für mich dann finanziell nicht möglich, es waren schlussendlich ja „dienstliche“ Aufnahmen. Trotzdem ist mir gerade diese Kamera noch lebhaft im Gedächtnis geblieben.
    Nach der Lehre habe ich übrigens jahrzentelang keine Fotos mehr gemacht, da ich nachhaltig bei dem Betrachten der Kundenbilder „geschädigt“, eigentlich ALLES gesehen hatte, was man fotografieren kann… (Schlechte Bilder durfte man zurückgeben. Bei einem Preis von 99 Pfennig pro Bild wurde dies natürlich sehr häufig gemacht!)

    Etwa 30 Jahre später, seit 2012, habe ich dann, nachdem ich einige Lieder zu einer brasilianischen Dokumentation schreiben und einspielen konnte, bei der Uraufführung in einem Kölner Kino den Kameramann dieser Doku kennengelernt, der alles mit einer Canon DSLR aufgenommen hatte. Ich hatte mich tatsächlich soweit zurückgezogen, dass ich gar nicht mitbekommen hatte, dass das technisch möglich ist!
    Also…seit dem war ich dann mir der Fotografie (und Video) wieder verreint.

    Nun, zu einer Leica hat es bei mir nie gereicht, dies wäre tatsächlich auch kein Ziel für mich gewesen, aber die Ästhetik der Modelle hat sich bis heute wirklich Zeitlos in der Kamerageschichte etabliert und wird darin fortbestehen. Zumindest eine art „Gefühl“ einer Messsucherkamera bilde ich mir mit einer Panasonic GX9 ein, die ich mir vor einiger Zeit zugelegt habe. Ich muss zugeben, dass ich diese ob ihrer praktischen Größe wesentlich öfters mitführe, als meine anderen Modelle. Und mehrere schöne SW-Profile sind dort verfügbar, was mir besonders viel Vergnügen bereitet.

    Ich verplappere mich – doch wollte ich schon seit vielen Monaten meinen Dank an Sie für diesen Blog richten, den ich häufig aufsuche. Alleine schon durch die stilsichere Sprache und deren sinnvollen Anwendung in einer Zeit, in der dies leider immer seltener anzutreffen ist. Man wird abgeholt und mitgenommen – auf kleine Ausflüge und größere Aktionen, erlebt und fühlt diese vergnüglich mit der geschuldeten Aufmersamkeit mit.

    In diesem Sinne bleibe ich natürlich am Ball
    Liebe Grüße aus Bonn
    Michael Gehrke

    • Claus Sassenberg

      Hallo Michael,

      Vielen Dank für die nette Rückmeldung. Für mich ist immer wieder faszinierend, wie ich durch die Webseite Kontakt zu verwandten Geistern bekomme. Zu diesem kühnen Schluss bin ich gekommen, weil mich die Mailadresse neugierig machte. Kurz gegoogelt und – voila! – „Brüder im Geiste“.
      Schaute mir ein paar Youtube-Videos auf deinem Kanal an und muss sagen: Witzig, informativ und an den richtigen Stellen auch mal sarkastisch, genau meine Kragenweite.

      Viele Grüße aus dem anderen Ende von NRW,

      Claus

      • Ahh, dann sag ich einfach mal:
        Hallo Claus,
        – und Danke für Deine interessante Antwort, ich habe mich sehr gefreut. Ich denke, dass der aufschlussgebende Gedanke sich auf beiden Seiten eingestellt hatte, sind die Voraussetzungen bei „unserem“ Jahrgang (63) doch als ideal zu bezeichnen 😉
        Ich bin natürlich gespannt, wie es weiter geht in diesem Blog und genieße einfach die Begebenheiten und Geschichten, an denen man sich gerne erinnert und andere teilhaben lässt, die informativen Dinge, die einfach nicht aufhören spannend zu sein, die kleinen Nicklichkeiten, an denen man sich reibt und nach deren Auflösung alles wieder von vorne beginnt…
        In diesem Sinne (und Vorbereitung eines Videos eines Panasonic/Leica – DG Vario Elmarit Objektives (8 – 18mm, 2.8 – 4.0 mft)) bin ich natürlich gerne weiter Gast auf dieser Seite!

        Viele Grüße auf die andere Seite von NRW,
        Michael

  3. Guten Tag,
    ich habe diese Seite gerade gefunden und den Artikel gelesen. Soweit so gut und ich kann auch alles beschriebene bestätigen da ich mir in 2014 eine 670 zulegte. Es mußte die 670 sein, weil ich einen Sack voll 220er Filme hatte und mir später noch einige besorgt hatte. Der Vorrat kann mangels Masse leider kaum mehr aufgefüllt werden.
    Ich kannte die Kamera aus verschiedenen Publikationen und natürlich auch aus dem Wim Wenders-Film „Palermo Shooting“. Ich wußte, daß ich sie eines Tages haben werde.
    Aktuelle will sie nicht so wie ich es will und so ist sie in der Klinik und bekanntlich stirbt die Hoffnung zu letzt.
    Arbeitstechnisch besteht zur Leica-M 6 nur der Unterschied bei der Festbrennweite und des Filmformates mit seinen bedingten 10 Bilder/Film (120). Ansonsten greife ich immer öffter zur 670er, denn zur M. Vielleicht liegt es an den aufgezwungenen 10Bilder/Film und doch ist es für mich die Bildqualität und die ruhige Arbeitsweise und dann das satte, förmlich schnalzende Auslösegeräusch neben dem Ohr, welches mich immer wieder erfreut.
    Ein Problem wird es, wenn eine Reparatur ansteht, da mir aktuell nur 2 Adressen bekannt sind und eine davon fällt aus Prinzip für mich weg, bedingt durch eigene Erfahrungen mit einer Leica IIIf, die der Vorverkäufer genau dort hat warten lassen und wo mir mein privater Leicaspezialist sagte: sie treifte aus allen Poren mit Öl und die Schrauben waren im Schlitz überwiegend vergniedelt.
    Dies meine Gedanken zur Plaubel Makina 670, die ich gerne noch mit einer 67W ergänzen würde.
    Doch mein Hauptanliegen zu diesem Beitrag war meine Verärgerung zur scheinbar in diesen Zeiten offensichtlich unausweichlichen politischen Agitation und Propaganda, die vermutlich durch keine Sachkenntnis getrübt ist. Dann wäre es ratsam besser darüber zu schweigen als sich dem vermeintlichen Zeitgeist anzubiedern.
    MfG
    J.B.

  4. Ich darf mich auch glücklich schätzen so einen Schatz zu besitzen.
    Da ich mich nur noch der analogen Fotografie widme hat mir der Beitrag und die Kommentare dazu sehr gut gefallen und etliches Wissen über die Makina ist hinzugekommen.
    Sehr gut passt der HP5 400 aber auch der Fomapan 400 zu dieser Kamera. Ich liebe auch die kleinen abgerundete Ecken der Negative. Daher versuche ich möglichst gerade mit der Kamera zu bleiben um keinen Verlust zu haben.
    Einen kleines Manko habe ich allerdings, als Brillenträger habe ich oft Probleme durch das gesamte Sucherfenster zu sehen. Hat da einer eine Idee was man da machen könnte ?
    danke für den Beitrag und vielleicht auch für mein Manko (-;
    Gruß
    Josef Safranek

    danke
    Danke für den Beitrag !!

  5. Stefano Strampelli

    Sehr geehrter Herr Sassenberg

    Seit einem Dreivierteljahr habe ich die analoge Fotografie (mit einer M6 TTL) wiederentdeckt und habe die Entscheidung nie bereut. Wenn ich zurückblicke, fällt mir auf, dass die analogen Bilder unten denen, die ich mir immer wieder gerne anschaue, überproportional vertreten sind. Eine Mittelformatkamera hat mich zwar immer gereizt und ich hatte tatsächlich schon lange die Plaubel Makina ins Auge gefasst. Letztendlich hatte ich aber den Gedanken immer verworfen. Zum einem bin ich mit den Bildern der M6 sehr zufrieden, zum anderen schätze ich an den analogen Bildern die ganz andere Anmutung und für die technisch „perfekten“ Bilder habe ich die M10 (dachte ich). Ich war sogar froh, dass die Vernunft manchmal aus ihrem Dauerschlaf erwacht und ich die GAS (eine Gefahr gegen die kein Fotograf immun ist) halbwegs im Griff hatte. Letzte Woche habe ich beim Vorbeilaufen eine Plaubel Makina im makellosen Zustand im Schaufenster eines Fotofachgeschäftes in meiner Stadt gesehen und ich musste mich doch schnell geschlagen geben. Die Versuchung war einfach zu groß und schnell fand die Kamera den Weg in meine nicht vorhandene Fototasche. Die ersten zwei Rollen habe ich am selben Tag belichtet und heute habe ich die Scans bekommen. Die Bilder sind wirklich schön, die Spotmessung für den Belichtungsmesser ist genial und ich habe keine einzige Fehlfokussierung bei offener Blende. Ich gebe die Kamera nicht mehr her.

    Viele Grüße
    Stefano Strampelli

    • Claus Sassenberg

      Guten Morgen Stefano (ich heiße Claus 🙂 ),

      den psychologischen Effekt, dass man irgendwie die analogen Bilder höher einschätzt, kann ich bestätigen. Vielleicht, weil man mehr „Herzblut“ in den Prozess der Bilderstellung legt, vielleicht, weil man mehr „skill“ beweist als bei einem digitalen Foto. Wenn ich eine Raw-Datei unterbelichte oder eine Gegenlichtsituation falsch eingeschätzt habe, korrigiere ich den Fehler ungestraft in Lightroom. Wenn ich einen Film falsch belichte, gibt es kein (vorzeigbares) Foto, so einfach ist das.

      Die M6 ist ein wunderbares Werkzeug (ich höre, dass sie jetzt, bei steigendem Interesse an der analogen Fotografie, so stark gesucht wird, dass die Preise ordentlich klettern. Glücklich also jeder, der sie schon hat. Taugt sogar als Wertanlage). Ich persönlich fotografiere am liebsten S/W Kleinbildfilm, gerne die Klassiker Tri-X oder Ilford HP5. Dabei geht es gar nicht um die technische Perfektion oder die Auflösung an sich. Der Charakter zählt.

      Aber Auflösung: Erwin Puts hat die SL2 „getestet“. Der 47MP-Sensor mit 50mm Apo-Summicron erreicht je nach Blende 80-100 lp/mm (lp=Linienpaare). Ein paar Wochen später nahm er das gleiche Objektiv vor eine M7 und legte einen Ilford Delta 100 ein. Ergebnis: 160 lp/mm (!!).

      Die Plaubel ist wirklich sowas wie eine M6 für Mittelformat. Wenn man es recht bedenkt, ist die Arbeitsweise mit beiden Kameras ziemlich ähnlich, darum findet sich auch jeder sofort wieder, der an KB-Messsucher gewöhnt ist.

      Viel Freude mit der Plaubel, schönes Wochenende,

      Claus

  6. Thomas Wilhelm

    Lieber Claus,

    ganz vielen herzlichen Dank für deinen Artikel über die „alten“ Schätze.
    Das war spannend zu lesen.
    Seit gestern habe ich nun auch eine gebrachte M6 mir gegönnt.
    Jetzt fehlt mir nur noch der Film.
    Wo schickst du deine Filme zum entwickeln hin? Dank dir ganz sehr!!!

    Ganz viele Grüße

    Thomas

    • Claus Sassenberg

      Hallo Thomas,

      danke für das Feedback! Gratuliere zur M6, ist eine extrem populäre Kamera geworden! Die Preise für analoge M-Modelle gehen wegen der Nachfrage zur Zeit deutlich in die Höhe.

      Filmentwicklung und alles, was dazugehört: Ganz klare Empfehlung „Mein Film Lab„, auch unbedingt im Blog stöbern, viele gute Tipps zur Belichtung!

      Viele Grüße,

      Claus

  7. Albert Döbele

    Hallo Herr Sassenberg,
    Ihren Blog verfolge ich seit einigen Jahren in stiller Regelmäßigkeit. Ihre Beiträge empfinde ich als sehr kompetent und ausgesprochen interessant. Seit über 30 Jahren fotografiere ich mit Leica Kameras und ich bin froh, dass Leica erfolgreich den Weg ins digitale Zeitalter gefunden hat, ohne seine Werte zu vernachlässigen. Sicherlich sehe ich auch bei Leica Entwicklungen, die mich nachdenklich stimmen und dazu gehört die Vernachlässigung des analogen Kamerasegments. Gerade deshalb finde ich Ihre informativen Ausflüge in die analogen Gefilde inspirierend. Inzwischen fotografiere ich wieder zunehmend analog mit meiner Voigtländer Bessa III 667 und einer Makina 67. Entschleunigung pur und Beschäftigung mit dem „Wesentlichen „ kann ich hier nur sagen. Trotzdem nehme ich auch immer wieder meine M’s oder die Q zur Hand. Ich finde, beide Photowelten, digital und analog, passen hervorragend zusammen.
    Vielen Dank auch dafür, dass Sie sich nicht beirren lassen und Ihre Beiträge nicht nur mit der LEICA Brille schreiben. Das gefällt mir, insbesondere auch deshalb, da Sie sich von polemischer und unangebrachter Kritik nicht beirren lassen,
    Ich bin schon jetzt gespannt, womit Sie uns das nächste Mal überraschen werden. Inspirierend wird es ganz bestimmt wieder.
    Viele Grüße aus Hessen
    Albert

    • Claus Sassenberg

      Ich freue mich natürlich immer, wenn ich so ein Feedback bekomme, vielen Dank!

      Ihr Mittelformat-Duo hat es ja voll in sich! So eine Bessa 667 III (oder die Fuji GF 670) ist auch sehr verlockend, aber da die ungefähr genauso teuer wie die Plaubel ist, halte ich mich erst mal zurück.

      Ansonsten sehe ich das wie Sie: Das beste aus beiden Welten (analog wie digital) mitnehmen. Digital bin ich mit M10 und „Klassik“-Q ebenfalls bestens zufrieden und brauche nicht mehr.

      Viele Grüße aus Ostwestfalen, schönes Wochenende,

      Claus

  8. Wer hier liest kennt es sicher, ein besonders gutes und auch schönes Werkzeug macht einfach viel Spass. Frag mal einen Handwerker, oder einen Maler, der ist auch nicht bei seinem Tuschkasten geblieben ist.
    Soviel zur eigen Freisprechung 🙂

    Im letzten Jahr stieß ich auf eine Makina II mit 3 Objektiven zu einem sehr interessanten Preis. Als sie kam stellte ich fest, dass das Tele überhaupt nicht zu dem Anschluß passte. Und es gab auch weitere Mängel, so dass ich sie gleich zurück geschickt habe. Ein Profi Händler! Da der Artikel bei weitem nicht der Darstellung entsprach verlangte ich auch die Rückkosten zurück, was der Händler ablehnte.

    Ich bin aber auch nicht traurig darum, so bekommt meine wunderbare BROOKS PLAUBEL VERIWIDE 100 6x10cm wenigstens keine Konkurentz aus der Ecke. Die Veriwide hat ein 47mm Großbildobjektiv, dass an dem Format 6x10cm eine Bilddiagonale von 100° abdeckt, deshalb der Name. Es wurden nach meiner Kenntnis nur ca. 2000 Stück vor ca. 60 jahren gebaut, also ein richtiges Juwel 🙂

    VG dierk

  9. Stimmt, Bielefeld gibts ja doch:-)
    Hast Du von der schönsten Seite gezeigt. Ein tolles Format.
    Vielleicht machen wir in diesem Jahr unsren Sommerurlaub im Weserbergland. Bei der Makina musste ich an die letzte analoge Mittelformat denken, an die Voigtländer Bessar. Die gab es meines Wissens mit zwei oder drei Festbrennweiten, festverbaut. Sie erschien recht kurz vor den digitalen Hype.

  10. Mike Obert

    Hallo Claus,
    die Agfa Optima 1535 war meine erste eigene Kamera, ein Geschenk von meinen Eltern zur Erstkommunion 1983.

    Die Agfa habe ich heute noch, und sie funktioniert nach all den Jahren einwandfrei. Die Belichtungsautomatik muss man bei Gegenlicht oder Langzeitbelichtungen mit bewusst falsch eingestellter Filmempfindlichkeit überlisten, aber die Einstellung ist gut zugänglich. Die Automatik spielt im Langzeitbereich bis deutlich über 15 Sekunden problemlos mit, da habe ich viele schöne Aufnahmen gemacht. Im originalen Etui ist noch Platz für einen kurzen Drahtauslöser. Mit Gruß an Herrn Schwarzschild die halbe Filmempfindlichkeit einstellen, Drahtauslöser anschließen und Kamera auf eine wackelfreie Unterlage stellen oder Atem anhalten und gegen einen festen Gegenstand drücken. So einfach kann das sein……….

    Ich bin gespannt auf Deinen Testbericht !

    Gruß
    Mike

    P.S.:
    So eine aufgeblasene 1535 hätte ich auch gerne 😉

    • Claus Sassenberg

      Hallo Mike,

      das war schon witzig, auf dieses vergessene Kleinod zu stossen. Wenn ich die Optima ausprobiere, werde ich deine Tipps berücksichtigen!

      Ich habe momentan leider ein Zeitproblem, darum wird das so schnell nichts werden (weisst du zufällig, wo man diesen Zeitumkehrer aus Harry Potter bekommen kann?).

      Viele Grüße,

      Claus

  11. Dirk Säger

    Hallo Claus,
    da hast du mal wieder einen tollen Beitrag für deinen Blog geschrieben, der sich wie immer sehr gut liest.
    Ja, die beliebten Objektivtests, sind sie nicht lustig. Ich bin im Moment auf der Suche nach einem Zenit Helios 58mm 1:2 für meine Nikon. Das hat sicher auch erstklassige optische Werte…..
    Wir sind dann gleich mal für eine Woche auf Rügen und hoffen, viel vor die Linsen zu bekommen.
    Ich wünsche dir frohes Schaffen und eine entspannte Woche.

    Viele Grüße, Dirk

    • Claus Sassenberg

      Lieber Dirk,

      genau meine Meinung! Es gibt so viele Objektive, die möglicherweise grauenhafte Spezifikationen (kurz gesagt: Fehler!) haben, aber „Charakter“ kann man eben nicht messen. Ein anderes Beispiel für sowas ist z.B. mein Schraubleica-Summitar. Ein absolut „wildes“ Bokeh, aber hat was!

      Viel Spass auf Rügen! Ich wünschte, ich könnte auch mal wieder „raus“, aber das geht momentan aus bestimmten Gründen nicht.

      Viele Grüße,

      Claus

  12. Joachim Simon

    Hallo Herr Sassenberg
    wieder ein schöner Artikel zur Makina. Es macht wirklich Spaß wieder mit den alten Kameras zu arbeiten. Diesbezüglich kann ich noch weiteres Spielzeug empfehlen: Rollei 35 mit separatem Bei, Leica CL analog mit dem alten Schraub-Elmar 4/90 (superkompakt) oder mit Voigtländer 15mm und Aufstecksucher (die Reise-Waffe), oder die Welta Perle 6×9 Balgenkamera(!!) mit I-Phone Maß. Gut ist auch eine M9 mit Lochblendendeckel (Fräskanten kontrollieren!). Das geht wg. dem Messsucherfenster besser als mit jeder analogen Lochblendenkamera.
    Wenn sie am Nimbus der Makina Kamera Spaß haben, dann schauen Sie sich doch auch mal den Film Palermo Shooting mit Campino an….Gruß von Joachim Simon

    • Claus Sassenberg

      Hallo Herr Simon,

      es gibt eine Menge interessante Hardware aus früherer Zeit, aber mein Spieltrieb hat Grenzen. Es ist zwar so, dass ich es spannend finde, die technischen Lösungen verschiedener Hersteller auszuprobieren, aber das Ganze verkommt nicht zum Selbstzweck.

      Ich bevorzuge eigentlich Kameras, die ich genau kenne, von denen ich weiß, was sie mir liefern können. Die M6 oder M4 z.B. sind meine Favoriten, wenn ich Kleinbild-Film belichte. Vertraut in der Hand, zuverlässig und das geeignete Werkzeug für meinen Zweck. Ebenso würde ich im Mittelformatbereich zu einer Super-Ikonta, Rolleiflex oder jetzt der Makina greifen. Weil das Geräte sind, mit denen ich bis ins kleinste Detail vertraut bin.

      Ich suche nicht ständig nach neuen „Spielzeugen“, zumindest nicht aktiv. Manchmal kommt einfach etwas (wie die geschenkte Zeiss Nettar) und bringt mich auf eine Spur, die ich weiterverfolge. Oder wie die Agfa Optima, die plötzlich im Fundus auftaucht.

      Und am Ende fehlt mir auch einfach die Zeit, mich von einer Kamera zur nächsten zu stürzen. Lieber greife ich zu den vertrauten Geräten. Aber wenn mal was Neues „um die Ecke kommt“, sage ich nicht nein, wenn es meine Neugierde weckt.

      Viele Grüße,

      Claus Sassenberg

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