Posted by on 14. April 2019

Mailand oder Madrid – Hauptsache Italien!

Andi Möller

Italien war also angesagt… und dort war auch schon der Frühling zu finden (während jetzt vor meinem Fenster die Schneeflocken tanzen). Die „klassische“ Leica Q (ich habe beschlossen, sie nicht „die Alte“ zu nennen, sie wird noch Jahre up to date sein) war immer meine bevorzugte Kamera für Wanderungen und Radtouren. Leicht, kompakt, mit Mega-Bildqualität. Nachdem ich ja nun bei dem letzten Event („Die schöne und das Biest„) von der Leica Q2 (milde ausgedrückt) nicht nur begeistert war, hatte sie einiges wiedergutzumachen. Und um das vorwegzunehmen: Tat sie auch.

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Beim Radfahren in den Bergen Liguriens ohne Mühe dabei: Leica Q2 bei f/4.0 1/2000s ISO 100

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Bildschirmfoto aus LR, hier ein extremes Beispiel eines Bildausschnitts

Neben den Vorteilen, die die klassische Q für Reisefotografie schon immer zu bieten hatte, spielte die Leica Q2 bei dieser Gelegenheit vor allem ihren größten Trumpf aus: Die ans Mittelformat kratzende Auflösung von 47,3 MP. Obwohl ich anfänglich wegen der potentiell höheren Verwackelungs-Gefahr und der Riesen-DNG-Dateien wenig begeistert war, beschloss ich, aus der Not eine Tugend zu machen. Dazu musste ich mich zwingen, ein bisschen umzudenken. Denn normalerweise komponiere ich mit 28 oder 35mm „bildfüllend“, will sagen, ich positioniere mich möglichst so, das ich wenig croppen muss. Wenn das nicht möglich war, habe ich oft auf ein Foto ganz verzichtet. Mit der Q2 kann ich nun wesentlich entspannter draufhalten, auch wenn viel negativer Raum im Bildfeld ist.

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Unterwegs mit dem Fahrrad: Landschaft bei Siena. Leica Q2 bei f/4.0 1/800s ISO 100

Dabei benutze ich nicht die Rahmen für Digital-Zoom. Ich finde sie zwar praktisch, aber auf die Taste dafür habe ich „AEL“ gelegt. Die Belichtungsspeicherung brauche ich oft und dringend, weil ich mit einem Feld oder Punkt-Fokus auf das Motiv fokussiere und dann rekomponiere. Zum Beispiel blauer Himmel, Sonnenschein, Motiv im Schatten: Ich messe den Himmel an, der nicht ausbrennen soll, speichere (AEL-Taste halten), dann schwenke ich aufs Motiv und stelle scharf (Auslöser halb gedrückt), rekomponiere und löse aus. Wenn das natürlich die Standard-Lichtsituation ist (z.B. die Gassen in einem italienischen Städtchen bei hellem Himmel), ist es einfacher, die Belichtungskorrektur passend nach unten zu regeln.

Dynamiktest im Turm der Burg von Malcesine. Ziel war, die Fenster nicht ausbrennen zu lassen (man könnte natürlich zu recht fragen: Ist das wichtig? Aber hier geht es nur um die technische Möglichkeit)

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100% Bildausschnitt aus dem vorigen (bearbeiteten) DNG

„ISO“-Einstellung habe ich übrigens auf den Knopf in der Mitte des Daumenrads gelegt. Meistens lasse ich tagsüber die ISO auf „Auto“. Bei Low-Light oder vielen wechselnden Lichtquellen kann das anders sein. Dann weiche ich auch oft von der Zeitautomatik ab, entweder gehe ich bis zu 1/8s oder 1/15s, um ISO zu „sparen“, oder ich stelle bewusst kurz ein, um Bewegungsunschärfen zu vermeiden.

Mike hatte neulich in einem Beitrag auf Macfilos auf ein paar Schwächen im Interface der Q2 hingewiesen und ich kann das nur bestätigen. Es gibt keine Tastensperre, daher verstellt sich der Fokuspunkt oder das Feld oft aus der gewohnten Mitte heraus zum Rand hin. Der Zentral-Knopf der Kreuzwippe schaltet nicht nur zwischen den Bildschirmen um, einer davon ist Video vorbehalten. Hat man nicht ständig ein Auge darauf, in welchem Modus man gerade ist, macht man statt eines Schnappschusses plötzlich ungewollt eine Video-Aufnahme. Das kann nerven, und ich merkte deutlich, dass Mike ziemlich angefressen war, als er den Artikel schrieb. Kann ich verstehen.

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Riva del Garda. Leica Q2 bei f/4.5 1/800s ISO 100

Man fragt sich zu recht, warum dieses Heckmeck jedes mal von vorne anfängt (und Mike lässt da kein gutes Haar an Leicas Entwicklungsabteilung bezüglich ihrer Lernfähigkeit), da das Problem bei der CL genauso war und schliesslich durch ein Firmware-Update beendet wurde. Wobei der „Lockdown“ bei der CL die Kamera praktisch lahmlegt, bei der D-Lux 7 hat man hingegen weiterhin ungehindert Zugriff auf Blendenring, Zeitenrad und Belichtungskorrektur. Bei der Q2 würde es reichen, das Messfeld oder den Fokuspunkt in der Mitte zu fixieren, also kein „Lockdown“, denn die anderen Knöpfe verstellen sich nicht. Wär doch total blöd, wenn man an die nicht herankommt, wenn’s schnell gehen soll.

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Zu später Stunde in Arco. Trotz der hohen Auflösung funktioniert die Bildstabilisierung nach wie vor sehr gut. Leica Q2 bei f/1.7 1/15s ISO 320

Hätte ich also eine „to do“-Liste für das nächste Firmware-Update zu verfassen, käme Folgendes darauf:

  1. Den Sucher wieder auf den Schärfe-Eindruck der Klassik-Q bringen
  2. Die Video-Funktion optional auf einen der beiden frei belegbaren Knöpfe zu legen. Wenn man die wirklich mal braucht, kann man sie da „hervorholen“. Für ernsthafte Videographer ist die Q2 sowieso ungeeignet.
  3. Die Kreuzwippe und den Touchscreen gegen unabsichtliches Verschieben des Fokus-Feldes (Punktes) sichern. Kein Lockdown!
  4. Ähm… wishful thinking… aber könnte man nicht eine Option auf geringer aufgelöste DNG’s einführen? So um die 24MP?

Fairerweise muss ich zugeben, dass mir diese Probleme zwar begegnet waren, aber nicht in der Häufigkeit, dass mir das den Schaum vor den Mund treiben würde. Insgesamt hat die Kamera in jeder Situation (wie von der Klassik-Q gewohnt) abgeliefert. Neben der bereits erwähnten Bildqualität und Auflösung bin ich auch mit der Dynamik und Low-Light-Kapazität voll zufrieden. Wetterfestigkeit war ja zum Glück nicht so gefragt, aber man weiss ja nie, was einem bei Wanderungen so widerfährt. Ich frage mich ausserdem, ob der Akku möglicherweise nuklear betrieben wird, ich habe es an keinem noch so langen Tag geschafft, ihn leer zu nuckeln.

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Macro-Funktion: Tulpen in Riva im Durchlicht. Leica Q bei f/2.8 1/640s ISO 100

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Eigenwillige Balkondekoration in Malcesine. Leica Q2 bei f/4.0 1/640s ISO 100

Aber ich hatte die M10 auch mit. Vor allem in den Städten Florenz und Siena war ich ausschliesslich mit ihr unterwegs. Ich  kann hier offen zugeben: Allein mit der Q2 wäre ich da auch gut klargekommen (und noch unbeschwerter), aber ich hatte einfach Lust, die Messsucherkamera zu benutzen. Zumal ich die M6 (getreu dem Motto: „Ich sei, gewährt mir die Bitte, in eurem Bunde der Dritte“) mit Kodak Tri-X geladen parallel im Einsatz hatte. Zwei Kameras, ein 35mm-, ein 21mm- und ein 90mm-Objektiv passen in die kleine Hadley Digital von Billingham. Bequem zu tragen, geballte optische Qualität und immer noch ein deutlich geringeres Packmass als eine Menge Zeitgenossen, die mir mit ihren Vollformat-Boliden und riesigen Fotorucksäcken in den Städten über den Weg liefen. Wobei ich hinzufügen muss, dass heutzutage schätzungsweise 90% der Touristen mit Handy fotografieren.

Wer sich mehr für die Erfahrung mit der Leica Q2 interessierte, kann hier aufhören zu lesen. Der Rest ist nämlich eigentlich ein Reisebericht, wenn auch mit reichlich Bildmaterial versehen.

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Die Burg von Arco. Leica Q2 bei f/4.0 1/400s bei ISO 100

Die Reise – erste Station: Am Gardasee

Das wir (meine Frau und ich) überhaupt so früh im Jahr nach Italien fuhren, liegt daran, dass wir dank (ziemlich) grosser Kinder nun nicht mehr auf die Schul-Ferien angewiesen sind (Hurra!). Manch einer wird vielleicht sagen, selbst für Italien fast zu früh. Aber als wir in Arco am Gardasee auf dem Campingplatz ankamen und bei unserem T5 California das Dach aufstellten, lachte die Sonne. Es war immerhin so warm, dass ich die kurze Hose in Gebrauch nahm, die ich in einem Anflug von Optimismus eingepackt hatte.

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Der Hafen von Malcesine. Leica Q2 bei f/4.0 1/1000s ISO 100

In den Gassen von Malcesine. Leica Q2 bei f/4.0 1/800s ISO 100

Wir fuhren dort ziemlich viel mit dem (normalen) Fahrrad. Zum Beispiel von Arco nach Malcesine, setzten mit dem Schiff über nach Limone und fuhren dann auf der anderen Seite des Sees nach Arco zurück. Diese Tour würde ich allerdings ausser in der absoluten Nebensaison keinem empfehlen, da es in vielen Abschnitten der Strecke keine Radwege gibt und normalerweise auf der Uferstrasse die (Auto-)Hölle los ist. Dazu besteht ein grosser Teil der Distanz zwischen Limone und Riva Del Garda aus Tunneln, und das kann bei viel Verkehr ganz schön gruselig sein. Licht braucht man selbstverständlich auch. Offiziell sogar eine Warnweste. Ich fuhr auch Rennrad durch die Berge (und hatte selbstverständlich die Q2 dabei). Auch am Rennrad habe ich dann Licht, in den Alpen kommen schliesslich nicht selten Tunnel. Halb und halb hatte ich vor, zum Ledrosee zu fahren, aber der Tunnel dahin ist für Fahrräder definitiv gesperrt. Mit dem Mountainbike kann man alternative Routen dorthin nehmen, aber ich hatte keins dabei.

Riva del Garda. Leica Q2 bei f/4.0 1/1250s ISO 100

Unser Stellplatz in Arco bei Nacht. Leica Q2 bei f/1.7 1/8s ISO 3200 (aus der Hand fotografiert, gelobt sei die Bildstabilisierung)

In den Städten um den See ging es noch ziemlich entspannt zu, trotzdem kam man sich nicht einsam vor. Naturgemäss bestand ein ziemlich großer Teil des Publikums aus Senioren. Obwohl wir ja auch nicht mehr die Jüngsten sind, zogen wir den Altersdurchschnitt in Limone deutlich nach unten. Die Q2 habe ich beim Radfahren (auch beim Rennrad) oder beim Wandern immer in einer zweckentfremdeten Gürteltasche von Pac-Safe quer über der Schulter auf dem Rücken. Sie liegt dort bequem, beim Radfahren ist noch der Vorteil, dass die Kamera viel besser vor Stössen (Schlaglöcher u.ä.) geschützt ist, als wenn man sie direkt am Rad befestigt. So hat die klassische Q bei mir tausende von Kilometern überlebt.

Nach ein paar Tagen in Arco steuerten wir unser nächstes Ziel an.

Blick auf Florenz von Fiesole aus. Das Wetter verschlechtert sich. Leica M10 mit 50mm Summilux bei f/4.0 1/1500s ISO 200

In Fiesole und Florenz

Florenz und die Toskana überhaupt hatten wir schon lange nicht mehr besucht, weil es uns zu Ferienzeiten dort immer zu voll war und es auch irgendwie den Camping-Gedanken konterkariert, wenn man alles vorbuchen muss. Ich weiss, ganz schön verwöhnt und hohes Anspruchsdenken, aber ich fahr dann halt lieber an Orte, wo ich mir nicht vorkomme wie in einem gigantischen Ameisenhaufen.

Vor den Uffizien: Andrang selbst zur Nebensaison. Leica M10 mit 35mm Summilux bei f/4.8 1/180s ISO 200

Und als ich sah, was in Florenz in dieser Vorsaison los war, dachte ich mit Grauen an das, was dort im Sommer stattfinden müsste. Arme Florentiner! Bauen die dann auf den Bürgersteigen einen zweiten Stock? Wie passen all diese Menschen bloss in die Stadt? Würde Dante heute leben, hätte er ein neues Konzept für sein Inferno. Wir ersparten uns die Uffizien (ewig langes Schlange-Stehen stand heute nicht auf dem Plan), sondern besuchten lieber den Palazzo Vecchio, der zudem mit einer interessanten Leonardo da Vinci-Sonderausstellung lockte. Irgendwo in einer dunklen Ecke entdeckte ich das bekannte Porträt von Niccolo Macchiavelli. Der kann sich freuen. Die Nationalstaaten denken wieder nur noch an sich selbst, ohne Rücksicht auf den Rest der Welt. Gell, Mr. Trump? Obwohl ich bezweifle, dass dieser Ignorant je von Macchiavelli gehört hat.

Endlich! Ein ruhiger Ort über der Stadt: Im Giardino Bardini. Leica M10 mit 35mm Summilux bei f/4.8 1/1500s ISO 200

Wir standen auf dem Campingplatz in Fiesole, hoch über Florenz. Der Ort hat neben der monumentalen Aussicht auf die Umgegend noch eine Ausgrabungsstätte römischer und etruskischer Ruinen zu bieten, denn die Siedlung auf dem Berg ist echt alt. Während unseres Florenz-Besuchs mussten wir den einzigen Schlechtwetter-Tag (und eine Nacht) des Urlaubs aushalten. Nachmittags begann es zu schauern und in der Nacht goss es aus Kübeln. Wir lagen zum Glück warm und trocken im Bulli. Gelobt sei ausserdem die Standheizung. Am nächsten Morgen verzog sich alles, aber wir hatten nach einem Tag im Gewimmel von Florenz genug davon und fuhren nach Siena.

Im Slider: Einige Eindrücke aus Fiesole und Florenz. Alles mit Leica M10, meist mit 35mm Summilux, gelegegntlich auch 21mm Super-Elmar

In Siena

Da könnte man jetzt sarkastisch einfügen: Florenz zu voll und dann nach Siena? Normalerweise bedeutet das vom Regen in die Traufe. Aber dem war nicht so. Sicher, in Siena war viel los, aber nicht ganz so hektisch und gedrängt wie in Florenz. Wir kamen an einem Freitag Morgen an. Von „Camping Colleverde“ rollten wir bequem per Fahrrad in die Stadt (wir wohnen im Mittelgebirge, auch meine Frau nimmt stoisch jede Steigung) und erkundeten die Gassen. Es war lockerer Betrieb, erst als die Lichter ausgingen, füllte es sich etwas. Aber das waren gar keine Touristen, das waren die Sienneser selbst, die nach Feierabend flanieren gingen und sich in die diversen Restaurants verteilten. Über Tag hatten sich die Wolken verzogen und es war sonnig geworden, Nachts war es klar.

Der Hauptplatz in Siena: Il Campo. Leica M10 mit 21mm Super-Elmar bei f/3.4 1/2000s ISO 200

Unsere nächste Radtour machten wir nach Monteriggioni, ca. 14km vor den Toren Sienas. Nichts für Leute aus dem Flachland (es sei denn, sie fahren E-Bike), es geht in der Toskana ganz schön auf und ab. Monteriggioni ist ursprünglich eine Festung der Sienneser gegen die Florentiner gewesen, der Wall mit den charakteristischen Türmen um die Stadt ist vollständig erhalten. Wir kletterten auf den Wällen herum und bummelten durchs Dorf. Das war schnell gemacht, danach entspannten wir uns auf der Hauptpiazza bei Kaffee und Kuchen, möglicherweise war auch das eine oder andere Glas Wein im Spiel. Jedenfalls schafften wir die Rückfahrt zum Campingplatz problemlos.

Im Slider Bilder aus Siena und Monteriggioni, fast alles mit Leica M10 und 35mm Summilux oder 21mm Super-Elmar

Als es richtig dunkel war, machte ich mich noch allein auf zur Kirche Basilica dell’Osservanza, nur einen knappen Kilometer vom Campingplatz entfernt. Ich hatte die Stadt in den Tagen zuvor mehrfach mit dem Rennrad umrundet, um nach guten Aussichtspunkten auf Siena zu suchen, und tatsächlich war Osservanza die beste Option. Der Name kommt nicht von ungefähr, und warum in die Ferne schweifen… Mit Stativ, M10 und 90mm Macro-Elmar hat man von dort aus bildfüllend Siena vor Augen. Bei ISO 200 (bestmögliche Dynamik) machte ich ein paar Belichtungsreihen, um ggf. die Option auf ein HDR zu haben. Wie es sich herausstellte, war das mal wieder überflüssig. Fast immer bei solchen Nachtaufnahmen reicht die Sensordynamik der M10 vollkommen aus. Wenn sehr extreme Lichtquellen im Spiel sind, mag das anders aussehen.

Ansicht vom beleuchteten Siena. Leica M10 mit 90mm Macro-Elmar bei f/4.0 8s ISO 200,  Kein HDR!

Das war auch schon mein Schwanengesang in Siena, am nächsten Morgen packten wir.

In Ligurien – Wandern in „Cinque Terre“

…um an die Küste zu fahren, nach Levanto. Dies war Neuland für uns, wir waren noch nie hier gewesen. Gelockt hatte uns der Nationalpark „Cinque Terre“, ein berühmter Wanderweg die Küste entlang durchläuft ihn. So berühmt, dass man inzwischen überlegt, den Zugang zu regulieren, weil es im Sommer ein einziger Menschenzug den Wanderweg entlang ist und kein Naturschutzgebiet so etwas auf Dauer verkraftet.

Levanto. Leica Q2 bei f/5.6 1/1250s ISO 100

Bildmitte, oben (rotes Dach): Das Oratorio San Giacomo, dahinter der Uhrturm in der alten Stadtmauer integriert. Leica Q2 bei f/4.0 1/1250s ISO 100

Levanto selbst liegt am Rand des Gebiets, ein schnuckeliger Küstenort. Der Campingplatz „Acqua Dolce“ liegt direkt am Stadtrand und am Einstieg des Weges, den wir nehmen wollten. Am Nachmittag unserer Ankunft erforschten wir die Altstadt und kamen an einer Kirche vorbei, deren Türflügel weit geöffnet waren. Ein alter Mann traktierte die Täfelung mit Möbelpolitur. Wir wollten uns schon wieder zurückziehen, da die Kirche offensichtlich nicht „offiziell“ geöffnet war, aber der Mann winkte uns energisch herein. Er begrüßte uns recht freundlich und erklärte uns, dass dies das „Oratorio di San Giacomo“ sei. St. Jakob also, denn Levanto liegt nicht weit vom italienischen Jakobsweg. Auf unsere interessierten Nachfragen stieg er immer tiefer in die Materie ein, erzählte über die Geschichte der Kirche und der Bruderschaft, die dort ihren Sitz hat. Alles auf Italienisch, versteht sich. Ich kann gar kein Italienisch (ausser die üblichen Floskeln), aber mein Französisch und das Schullatein (das ich noch leidlich in Erinnerung habe) brachten uns weiter, ausserdem kam nach kurzer Zeit eine ebenso nette Frau dazu, die ein paar Brocken Englisch einwarf.

Neben der Tatsache, dass uns alle Kunstschätze der Kirche (sogar das Gründungsdokument der Bruderschaft aus dem 14. Jahrhundert) gezeigt und erklärt wurden, war das schönste an der Begegnung die menschliche Komponente. Wir schieden voneinander mit warmem Händedruck und den besten Wünschen. An dieser Stelle sei erwähnt, dass wir sowieso nur freundliche Italiener getroffen haben (was vermutlich kein repräsentativer Wert sein kann, da es auf der ganzen Welt Vollpfosten gibt, warum also nicht auch in Italien. Wir sind nur keinem über den Weg gelaufen).

Der erste Aussichtspunkt des Wanderweges: Blick über Levanto. Leica Q2 bei f/4.0 1/800s ISO 100

Am nächsten Tag wanderten wir bei strahlendem Sonnenschein von Levanto über Monterosso nach Vernazza. Gleich nach dem ersten Anstieg wird man mit einem bombastischen Ausblick über die Bucht von Levanto belohnt. Der Weg verläuft immer die Küste entlang und die Aussicht aufs Meer und die Steilküste ist geradezu inflationär, so dass man das irgendwann als gegeben hinnimmt. Sollte man aber nicht, sondern jeden Moment geniessen.

Der erste Teil der Wanderung bis Monterosso. Alle Bilder mit Leica Q2

Die Städte im Gebiet Cinque Terre sind derartig pittoresk, dass man sich in einer Filmkulisse wähnt. Fluch und Segen zugleich, denn das zieht halt die Touristenschwärme an. Man muss für das Wandergebiet übrigens eine Art „Kurtaxe“ bezahlen, ohne Eintritt kommt man nicht herein. Um diese Jahreszeit waren die Wanderwege zum Glück nur locker besetzt, aber in den Dörfern sah das schon anders aus: Da an der Bahnlinie entlang der Küste jedes Dorf eine kleine Station hat, kommen die Touristen aus La Spezia, zum Teil sogar von den Kreuzfahrtschiffen, die dort anlanden und fallen wie die Heuschrecken ein. Das muss im Sommer unerträglich sein und ist sicher eine Zumutung für Einheimische.

Signore Celsi. Leica Q2 bei f/4.0 1/1250s ISO 100

Kurz vor dem Abstieg nach Vernazza trafen wir noch auf Signore Celsi. Der Achtzigjährige schenkt frischgepressten Orangensaft (oder Weisswein) für die Wanderer aus und ist eine Art lokale Berühmtheit. Jedenfalls war es schon eine lange Wanderung, es war ganz schön warm in der Sonne und der Saft kam gerade richtig.

Auf nach Vernazza. Alle Bilder mit Leica Q2

Wir erreichten also Vernazza, machten dort ausgiebig Pause, gönnten uns das obligatorische Eis, danach einen Capuccino und genossen das Ambiente. Dann setzten wir uns in den Zug und fuhren nach Levanto zurück. Am gleichen Abend gingen wir essen und landeten mehr zufällig im „La Loggia„. Dort bekamen wir das bisher beste Essen unserer Reise (und das heisst schon was, denn trotz Tourismus haben wir in Arco, Limone und Siena sehr gut gegessen, nur von Florenz schweigt des Dichters Höflichkeit…).

Nach einem echt ligurischen Essen vor La Loggia. Leica Q2 bei f/1.7 1/60s ISO 1000

Die Berge Liguriens sind für mich als Rennradfahrer natürlich ein Paradies. In der Regel stosse ich zwar auf Unverständnis, wenn ich sage, wie schön es ist, 15km bergauf zu fahren. Aber um „die Maus“ zu zitieren: „Klingt komisch, is‘ aber so.“ Jedenfalls erreichte ich durch die Berge auch Corniglia, den nächsten Ort nach Vernazza, natürlich wieder auf seine eigene Weise pittoresk auf einer Halbinsel gelegen.

Rennrad-Tour nach Corniglio. Die Leica Q2 war mit.

Am letzten Abend setzten wir uns mit einer Flasche Wein an den ersten Aussichtspunkt des Wanderweges über Levanto und genossen geradezu klischeehaft den Sonnenuntergang. Aber so ist das nun mal: Der Mensch lebt von Stereotypen. Ich fand’s trotzdem schön.

Abschied von Levanto. Leica M10 mit 21mm Super-Elmar bei f/3.4 1/350s ISO 200

Comments

  1. Maurizio
    21. April 2019

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    Hallo Claus
    Ein toller Reisebericht und danke für die erste Einschätzung über die Q2 sowie die tollen Bilder.
    Ich liebe auch meine Q, welche ich seit 2 1/2 besitze und mir den Einstieg in die Leica Welt eröffnet hat. Vor allem die Low-Light Performance in Kombination mit dem Bildstabilisator sind einfach unschlagbar. Der Autofokus ist immer noch treffsicher und für mich genügend schnell für bewegte Bilder und schöne Schnappschüsse. Nachdem ich mit einer M6 aber Blut geleckt habe, mich mit der Messsucherwelt (so habe ich damals im 2016 deinen Blog im Internet gefunden) und den verschiedenen Objektive auseinandergesetzt habe, bin ich über diese neue Erfahrung sehr froh. Die wichtigste Erkenntnis für mich ist wie in der analogen Welt, weniger ist meistens mehr. Sich wirklich vorher Gedanken zu machen über Lichtverhältnisse und den fotografischen Parameter sowie Bildgestaltung schätze ich heute mehr. Für mich sind beide Systeme einfach ein gutes Paar. Jedes auf seine Art bereichernd und möchte dieses nicht mehr missen wollen, sofern man das nötige Kleingeld hat. Ich wünsche Dir frohe Ostern mit deiner Familie.
    Lieben Gruss
    Maurizio

    • Claus Sassenberg
      21. April 2019

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      Hallo Maurizio,

      mir aus der Seele gesprochen. Auch für mich ergänzen sich die analoge und die digitale Welt, man kann von beiden das Beste mitnehmen. Und „weniger ist mehr“ müsste eigentlich in brennenden Buchstaben als Pop-up auf vielen Foto-Webseiten beim aufrufen erscheinen 😉

      Dir auch schöne Ostern, liebe Grüsse,

      Claus

  2. Jürgen
    16. April 2019

    Leave a Reply

    Hallo Claus,
    tolle Bilder. Und zusammen mit den Reisebeschreibungen auch für Nicht-Q2-Nutzer sehr lesenswert. Zum lebendigen Erfahren dieser Gegend Italiens gilt (auch für andere Regionen): 1. Wandern oder Radfahren 2. ausserhalb der Hauptsaison. Habt alles richtig gemacht!
    Jürgen

  3. Kai
    16. April 2019

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    Habt Ihr es gut. Mein erster Auslandsurlaub ging nach Italien an die Adria. Über Ostern. Ich war in der dritten Klasse. Erinnerungen an ein ganz wunderbares Land werden wach. Wunderschöne Bilder, traumhafte Farben.
    Und ich überlege derzeit, ob ich im hohen Norden den Ektar oder Portra mitnehme, weil dort die Sonne ja nicht unbedingt immer scheint und ich nicht mal eben am Rädchen drehen kann:-)
    Ich wünsche Euch ein besinnliches Ostern, weil ich weiß, dass Ihr Ostern auch wirklich Ostern feiert.
    Bei uns geht es Anfang Mai auf Tour, bis August.
    Ganz herzliche Grüße
    Kai

  4. Peter
    16. April 2019

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    Vielen Dank für die wunderbaren Bilder und dafür, dass ich virtuell mitkommen durfte.

  5. Martin
    15. April 2019

    Leave a Reply

    Hallo Claus,

    sehr schöne Aufnahmen, welche zum Urlauben einladen.

    Bezüglich der Q2 hatte ich auch überlegt, mir diese alternativ zum erworbenen Summicron 35 mm zu kaufen. Insbesondere die Wasserfestigkeit und die deutlich nach oben angesetzte Möglichkeit, Aufnahmen bis hin zur simulierten Brennweit von 75 mm zu beschneiden und der vorhandenen Makrofunktion, hatten mein Interesse geweckt.
    Jedoch bleiben auch beim Beschneiden letztendlich die Aufnahmen in Ihrer Wirkung als jene, welche nunmal eben mit 28 mm Brennweite fotografiert worden sind. Diese Wirkung ist gerade in Deinem Bildschirmfoto anhand nicht kompensierter Tiefenstaffelung zu sehen. Sicherlich ist dies aber auch ein absolut hinnehmbarer Wermutstropfen und klagen auf hohem Niveau. Ich wünsche Dir viel Freude mit der neuen Q2 …

    Beste Grüße,
    Martin

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