Posted by on 12. Februar 2021

Von Jörg-Peter Rau

Retro-Style mit zeitgemäßer Optik: Rollei 35 RF mit Sonnar 40/2

Nach Voigtländer schon wieder ein großer Name. Rollei. Hersteller der ewig jungen, der wahren Kleinbildkamera Rollei 35, Erfinder eines genialen Überblend-Diaprojektors, Wiege der Rolleiflex und weiterer legendärer 6×6-Kameras. Und jetzt eine Messsucherkamera? Nun, von Rollei kommt an diesem Modell nicht viel mehr als der Markenname. Und doch lohnt sich nicht nur im Rahmen des Projekts „M-Files“, diese Rollei 35 RF genauer anzusehen – und sei es nur wegen des 40/2.8 Objektivs mit dem prestigeträchtigen Namen Sonnar.

Rollei 35 RF

Hier die Rollei 35 RF mit ihrem Namensvetter: Die 1966 vorgestellte Rollei 35 machte technologisch Fotografie-Geschichte. Später gab es sie auch mit einem 40mm f/2.8 Sonnar-Objektiv, daran sollte das Cosina Objektiv der RF erinnern.

Ihre Abstammung kann die Rollei 35 nun wirklich nicht verleugnen. Auch wenn auf der Bodenplatte „Rollei Germany“ aufgedruckt ist, ist die danebenliegende Prägung „Made in Japan“ aussagekräftiger. Nein, diese Kamera kommt nicht aus Braunschweig, sondern von den Produktionsbändern der Firma Cosina. Und die hat im Kern eine leicht modifizierte Bessa hergestellt, die dann von einer der Rollei-Nachfolgefirmen und dem großen alten Namen auf den Markt gebracht wurde. Die Kamera ist vollmechanisch, sie hat einen eingebauten TTL-Belichtungsmesser und sonst alles, was auch eine Bessa ausmacht (siehe auch Teil 2 der „M-Files“). 

Rollei 35 RFDie Idee war: Wir machen Premium!

Auch hier muss ich ein Wort über die Inszenierung des Produkts verlieren, weil es etwas über die damalige Selbstwahrnehmung oder das Markenverständnis von Rollei aussagt. Die Rollei 35 RF ist sehr elegant verpackt, man arbeitet sich durch eine Reihe von grünen Behältnissen und sieht das gute Stück dann auf einer Art Präsentationssockel stehen. Da strahlt sie also ihren mattsilbernen Glanz aus, und verglichen mit den Bessas ist das schon ein sehr wertiger Auftritt. Es wäre mir ein Leichtes, darüber Hohn und Spott auszuschütten, aber ist belasse es mal dabei: Es hat sich jemand Gedanken darüber gemacht, wie sich Premium vielleicht anfühlen könnte.

Ein Verkaufshit war die Rollei 35 RF nicht

Am Markt funktioniert hat es dem Vernehmen nach nicht. Die Rollei 35 RF wurde eben nicht als mögliche Alternative zur Leica gesehen (was sicherlich bei Rollei die Hoffnung war), sondern als teurere Bessa. Das war bei Markteinführung 2002 so, und den Mehrpreis gegenüber der fast identischen Bessa R2M wollten sicher nicht viele Kunden bezahlen. Nicht einmal das Sonnar vermochte als Kaufargument zu überzeugen. Die Kamera wurde, wahrscheinlich im Zuge einer weiteren Umfirmierung bei Rollei, nach wenigen Jahren wieder eingestellt.

Im Sucher ist Platz verschenkt – was für Brillenträger ideal ist

Rollei 35 RF

Eingeschränkte Auswahl: 40, 50 und 80mm Sucherrahmen werden angeboten.

Ein paar Besonderheiten hat sie aber doch. Der Entfernungsmesser hat eine Messbasis von 37 Millimetern und eine Vergrößerung von 0,7-fach, so dass das Bild im Messsucher von ähnlicher Größe ist wie bei einer Leica M6. Es gibt aber nur drei Sucherrahmen – für 40, 50 und 80 Millimeter. Das liegt am Rollei-Objektivprogramm und führt im Ergebnis schon dazu, dass im Sucher einfach viel Platz vergeudet wird. Für Brillenträger ist es dagegen prima, und auch für Fotografieren, die Messsucher-typisch besonders viel Umfeld ihres eigentlichen Motivs sehen wollen. Ich persönlich hätte mir für diese Brennweiten dennoch eine stärkere Vergrößerung gewünscht. Leider kann man, anders als an der Bessa (!), auf das eckige Okular keine Lupe aufschrauben. 

Und noch ein Punkt in Sachen Sucher: Anders als in der Bessa R4M (M-Files, Teil 2) wird das Fokussierfeld im Sucher bei der Entfernungseinstellung bei der Veränderung auf nah mit nach unten rechts verschoben. Wie in jeder Leica M seit der M3 ist er Teil des Parallaxe-Korrektur-Systems. Die Cosina-Messsucherkameras haben diese Funktion aber nicht alle, wie etwa die bereits vorgestellte R4M oder die Zeiss Ikon, um die es im nächsten Kapitel dann geht.

Rote Pfeile, roter Punkt: Belichtungsanzeige im M6TTL-Stil

Also bleibt es bei einem Messsucher, der für die angebotenen Brennweiten präziser sein könnte. Hell und übersichtlich ist er aber allemal. Anders als an der Bessa, hat das Mischbild-Feld abgerundete Ecken und wirkt etwas kleiner. Die Belichtungsmessung ist (wie bei der Bessa) nur bei aufgezogenem Verschluss, aber (anders als bei der Bessa) auch bei angelegtem Transporthebel aktiv. Das Ergebnis wird mit roten Pfeilen und einem roten Punkt in der Mitte angezeigt, ganz ähnlich wie bei der M6TTL. Die Logik des Zeiteneinstellrades ist dagegen die der klassischen M6, also in den Augen vieler falsch herum. Trotzdem finde ich die Ergonomie der Rollei in der Summe gut gelungen.

Rollei 35 RF

Messing, Glas und Chrom: Das Rollei Sonnar 40mm f/2.8 ist ein hochwertiges Objektiv

Mit großen Namen wollte man an eine große Vergangenheit anknüpfen 

Was aber wirklich interessant ist an dieser Kamera, das ist das Kit-Objektiv. Ursprünglich sollten drei Objektive für die Rollei 35 RF auf den Markt kommen, und schon deren Namenswahl legt die damalige Marketingstrategie offen. Das Sonnar sollte natürlich an das von Zeiss gerechnete Top-Objektiv an der von vielen bis heute heiß geliebten Taschenkamera Rollei 35 erinnern. Das 80er kam als Planar auf den Markt und sollte an das legendäre Rollei-Mittelformatobjektiv, auch es mit Zeiss-Genen, anknüpfen. Laut einer Pressemitteilung von damals war auch noch ein Planar 50/1.8 geplant, das aber nie in Serie ging (auf dem PR-Foto hatte es eine Gegenlichtblende aufgesetzt, auf dem sogar deutlichst „Voigtländer“ zu lesen war).

Ein 80er gab es auch, das 50er wurde wohl nie gebaut

Rollei 35 RF

Streng genommen ist das Rollei Sonnar kein M-Bajonett-Objektiv. Es hat nämlich ein LTM-Gewinde („Schraubleica“) und wird mit einem M-Adapter geliefert.

In der erwähnten Pressemitteilung (http://web.archive.org/web/20050305012118/www.rollei-usa.com/compact/35rf.htm) war auch zu lesen, dass die Objektive zur Rollei 35 RF ein „Carl Zeiss Design“ seien, was dann aber nirgendwo anders nochmals erwähnt wird. Das 80er konnte ich leider nicht testen, weil es mir in den letzten Jahren nur ein einziges Mal über den Weg lief, und das zu einem astronomischen Preis. Das 40er dagegen taucht immer mal wieder wo auf. Wer es an der Leica M verwenden will, muss darauf achten, dass der Bajonettadapter dabei oder anderweitig verfügbar ist. Das Sonnar hat ursprünglich nämlich eine Schraubfassung. Der mitgelieferte Bajonettadapter aktiviert in der M-Leica die Rahmenlinien für 50/75. Ich würde ihn ersetzen durch einen Adapter, die die weit besser geeigneten 35er-Rahmenlinien aufscheinen lässt (zum Beispiel den, den Leica unter der Nummer 14099 anbietet).

Auch im Objektiv steckt ziemlich viel Cosina

Rollei 35 RF

HFT ist Rolleis Vergütungs-System, entsprechend dem T* von Zeiss

Das „HFT“ auf dem Objektiv steht für die Rollei-eigene Vielfachvergütung, und unter auf der Fassung prangt ein „Made in Germany“. Das ist überraschend, hat das Sonnar doch so viele Ähnlichkeiten zu Voigtländer-Objektiven (das geht soweit, dass der Frontdeckel bis auf den Aufdruck mit dem des Voigtländer 15/4.5 identisch ist). Ich glaube einmal gehört zu haben, dass Rollei die von Cosina hergestellten Linsen des Objektivs selbst in Braunschweig vergütet und anschließend aus einer Art Bausatz die Endmontage vorgenommen habe. Plausibel wäre es, und das „Made in Germany“ wäre formal korrekt.

Das Sonnar schmeichelt dem Auge…

Das Objektiv selbst ist klein (etwa so klein wie das Leica-Elmar 50/2.8 im eingefahrenen Zustand) und erstaunlich massiv. Es hat Voigtländer- und Leica-typisch den Fokus-Tab auf der Unterseite (die 6-Uhr-Position entspricht wie üblich etwa 1,5 Metern Einstellentfernung), das Blendenring ist sehr schön geriffelt erhaben gestaltet.  Alle Einstellung laufen sehr weich und dennoch präzise. Zur wirklich hervorragenden mechanischen Qualität kommt die Ästhetik. Ich finde das Sonnar gut gestaltet, die grünen feet-Angaben sind sehr elegant. Man merkt zumindest von außen den Premium-Anspruch und arbeitet mit diesem kleinen und hochwertig gefertigten Objektiv tatsächlich gerne.

… und die inneren Werte sind auch mindestens in Ordnung

Und damit zu den inneren Werten. 40 Millimeter Brennweite, 2.8 Ausgangsöffnung – das sind keine Renommierdaten. „Sonnar“ steht sonst ja klassisch für lichtstarke Objektive, und an der Rollei 35 war das auch richtig, denn die hatte sonst ein 3.5-Objektiv verbaut. Nach heutigen Maßstäben wird eine große Öffnung freilich anders definiert. Mäßige Lichtstärke und Brennweite schränken natürlich auch den Einsatz der Schärfentiefe ein, und ein Bokehwunder ist das Rollei-Sonnar dann auch nicht wirklich. Auf kurze Distanz und ganz geöffnet, geht trotzdem was. Die Schärfe des von mir verwendeten Sonnars war bei Blende 2.8 im Nahbereich wie auch auf Unendlich in Ordnung, aber nicht exzellent (getestet mit der Leica SL). Das ist schade, denn Farbwiedergabe und alles andere konnten überzeugen. Oder andersherum: Leicht abgeblendet lässt das Sonnar keine Wünsche mehr offen.

40 Millimeter wäre optimal für die Messsucherkamera, aber…

Schade nur, dass die 40-Millimeter-Brennweite an den gängigen Messsucherkameras nicht wirklich praktikabel ist. Eigentlich ist sie ein hervorragender Kompromiss aus 35 und 50 und ein Top-Kandidat, wenn man mit einem einzigen Objektiv auskommen will. Meines Wissens ist aber so, dass neben der Rollei 35 RF nur die Bessa R3A/R3M, die Leica CL und die Minolta CLE die passenden Sucherrahmen aufweisen. Man kann es mit 35er Rahmen versuchen (siehe oben, im Notfall klemmt man sich den Bildfeldwähler mit einem Stückchen Pappe fest). Ich finde es leichter, sich vorzustellen, dass die Ränder des aufgenommen Bildes innerhalb eines Rahmens enger sind, als ohne optischen Halt über die Begrenzung hinauszudenken, wie es beim 50er Rahmen der Fall ist.

Zusammenfassung: Ein Liebhaberstück – für die, die sich bezirzen lassen wollen

Rollei 35 RF

Der Autor mit der Rollei 35 RF

In der Gesamtschau bleibt festzuhalten, dass das eigentlich Besondere an der Rollei 35 RF das Objektiv ist. Die Kamera selbst mag die beste je gebaute Bessa sein, aber es bleibt nun mal eine Bessa. Das Objektiv ist wunderbar wertig gebaut und macht Spaß in der Benutzung, auch optisch ist es, zumal etwas abgeblendet, sehr gut. Auf der anderen Seite sind die Preise sportlich, wenn überhaupt mal eine gebrauchte Rollei 35 RF angeboten wird. Entweder ist man Rollei-Fan und kauft sie deshalb, oder man will halt dieses eine spezielle Objektiv haben. So oder so – schöne Bilder kann man mit dieser Kamera auf jeden Fall machen. Und auch wenn so viel mehr Cosina als Rollei in der 35 RF und ihrem Sonnar steckt – es ist nicht anmaßend, dass Kamera und Objektiv einen (einst) großen Namen tragen.

Die „M-Files“ im Überblick:

  1. Einführung: Worum es in den M-Files geht
  2. Die Weitwinkel-Expertin: Voigtländer Bessa R4M mit Voigtländer 35/1.4 und 21/4, 
  3. Die moderne Messsucherkamera: Konica Hexar RF mit M-Hexanon 50/2 
  4. Ein großer Name: Rollei 35 RF mit Rollei Sonnar 40/2.8, 
  5. Design trifft auf Tradition: Zeiss Ikon mit den Zeiss-ZM-Objektiven 25/2.8, 35/2.8 und 50/2,
  6. Der Messsucher-Sonderling: Voigtländer Bessa T mit Voigtländer 15/4.5 and 35/2.5, 
  7. Die andere Leica: Leica CL mit Summicron-C 40/2 und Elmar-C 90/4, 
  8. Das unterschätzte Innovationspaket: Minolta CLE mit Minolta M-Rokkor 28/2.8, 40/2 and 90/4
  9. Zusammenfassung: Viele Wege führen in die Messsucherwelt
  10. Zugabe: Eine Optik muss nicht von Leica kommen, um gut zu sein – fünf Tipps für M-Bajonett

For English-speaking readers: Follow The M Files, the ten-part series on non-Leica M-mount cameras published on www.macfilos.com:

  1. Introduction to the M Files series
  2. Voigtländer Bessa R4M with Voigtländer 35/1.4 and 21/4
  3. Konica Hexar RF with Konica 50/2
  4. Rollei 35 RF with Sonnar 40/2.8
  5. Zeiss Ikon with ZM 25/2.8, 35/2.8 and 50/2
  6. Rangefinder Oddity: Bessa T with Voigtländer 35/2.5 and 15/4.5
  7. The Leica CL with Leica’s compact 40/2 and 90/4
  8. Minolta CLE 40/2, 28/2.8, 90/4 and several 21mm wide-angles
  9. Conclusion: Measuring the rangefinder world
  10. Encore: Beyond Leica – some M mount lens recommendations

Comments

  1. Jörg-Peter Rau
    26. März 2021

    Leave a Reply

    Lieber Thomas,
    vielen Dank für die Rückmeldung. Zum Thema 40-Millimeter-Objektive gibt es in den kommenden Folgen der M-Files auch noch einige zusätzliche Informationen. Denn sowohl Leica als auch Minolta haben einst solche Brennweiten gebaut. Ich finde das 40er ist ein super Kompromiss, wenn man mit nur einem Objektiv unterwegs sein will.
    Grüße, Jörg-Peter Rau

  2. TM1ka
    26. März 2021

    Leave a Reply

    Sehr geehrter Herr Rau,
    danke für den sehr interessanten Bericht. Ich bin auch ein 40mm Fan. Schade das diese so selten und damit teuer sind. Das VM 1,4 40 war bisher mein einziges, das mit den Rahmen störte mich schon ein wenig.
    LG Thomas

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