Neue Voigtländer VM-Objektive – also Optiken für Leica M-Mount – kommen derzeit in rasantem Tempo auf den Markt. Zeit für einen Zwischenstopp: Was gibt es Neues, welche Optionen bieten sich Leica M-Nutzern und anderen Fotografen? Und welche von ihnen werden wir hier in der Messsucherwelt vielleicht bald ausführlicher kennenlernen?

Tja, wer hätte das gedacht. Als Voigtländer Ende 1999 wieder auf dem Foto-Markt auftauchte, wurden wir mit einer – okay, ein bisschen plastikmäßigen, aber immerhin – Kamera mit Leica-Schraubgwinde überrascht, der Bessa L. Dazu gab es ein 15mm-Objektiv, genannt Heliar, und einen optischen Aufstecksucher. Das ließ aufmerken, denn das war bei weitem der günstigste Einstieg in die Extremweitwinkel-Fotografie. 

Das lag und liegt vor allem daran, dass ein solches Objektiv für spiegellose Kameras viel einfacher zu konstruieren und zu produzieren ist. Und in der analogen Ära waren das eben Sucher- (vor allem Messsucher-) Kameras, aber definitiv keine Spiegelreflexkameras, bei denen schon wegen des Schwingspiegels ein großer Abstand zwischen hinterster Linse und Filmebene nötig ist. Was wiederum die Objektivkonstruktion komplizierter macht.

So oder so: Wohl niemand hätte erwartet, dass da eine Marke nachhaltig wieder zurückkommen könnte – und wir in den kommenden Jahrzehnten Dutzende von neuen Voigtländer-Objektiven sehen würden. 

Neue Voigtländer VM-Objektive: Initialzündung im Jahr 1999

Mit der Bessa L kam eine der ältesten Fotomarken zurück auf den Markt. Voigtländer geht auf das Jahr 1756 (!) zurück und hatte bis in die 1960er Jahre hinein nicht nur im deutschsprachigen Raum einen hervorragenden Ruf. Eine von mehreren bahnbrechenden Errungenschaften war das erste in Serie gefertigte Zoomobjektiv für Kleinbildkameras im Jahr 1959. Schließlich erwarb die deutsche Ringfoto-Gruppe den Markennamen und erweckte ihn in Zusammenarbeit mit dem japanischen Unternehmen Cosina zu neuem Leben. Cosina war bereits als Dritthersteller für Objektive sowie Kameras auch im Auftrag renommierter Marken (der Fachwelt mehr, der Öffentlichkeit weniger) bekannt.

Dies ist hier nicht der richtige Ort, um die gesamte Geschichte der Marke zu erzählen. Also jetzt zu den neuen Voigtländer-VM-Objektiven, die in einem erstaunlichen Tempo auf den Markt kommen. Die Objektive der VM-Reihe (VM steht für Voigtländer-M-Bajonett) unterstreichen den Wandel von einer billigen Leica-Alternative zu einem eigenständigen und durchaus ambitionierten Sortiment. Cosinas Expertise besonders bei MF-Objektiven führte übrigens auch zu Ausflügen in andere Systeme, zum Beispiel das Nikon AI oder sogar Micro Four Thirds. Aber hier soll es um die Voigtländer-Objektive für Leica M gehen.

Produktfoto zeigt ältere und neue Voigtländer VM-Objektive
Beeindruckende Produktpalette – und dies ist nur ein Bruchteil des VM-Objektivsortiments von Voigtländer.

Viele Voigtländer VM-Objektive sind bereits in den M-Files 

Eine beträchtliche Anzahl von Voigtländer-Objektiven mit M-Mount wurde bereits im M-Files-Projekt behandelt. Über den M-Files-Navigator können Interessierte auf alle Testberichte mit vielen Details, Beispielaufnahmen und Bewertungen zugreifen. Erfreulich ist in diesem Zusammenhang, dass die meisten der in der Serie bisher getesteten Voigtländer-Objektive immer noch im Programm sind. Allerdings wurden in letzter Zeit einige neue Voigtländer VM-Objektive angekündigt, und einige von ihnen umfassend umfassend getestet und beschrieben werden können, gibt’s hier einen kurzen Überblick. 

Unter den neuen Voigtländer VM-Objektiven sticht das APO 28 hervor

Produktfoto zeigt eines der neuen Voigtländer VM-Objektive, hier 28/2,0 APO
“Unser bestes Weitwinkelobjektiv aller Zeiten“, sagt Voigtländer über das angekündigte APO Lanthar 28/2,0. Bild: Voigtländer/Cosina

Das vielleicht spektakulärste der neuen Voigtländer-VM-Objektive ist das kürzlich angekündigte APO-Lanthar 28/2, das nach den exzellenten APO-Lanthar 35/2 und 50/2 der nächste Coup sein könnte. APO-Weitwinkelobjektive waren bisher Leicas ureigenes Terrain, und die Voigtländer-Konkurrenz kam wohl recht überraschend. Die 35er und 50er APO-Lanthare erwiesen sich als hervorragend und als optisch fast auf Augenhöhe mit den sechs- bis siebenmal so teuren Leica APO-Summicrons. Das größte Manko der Voigtländer APOs ist freilich ihre schiere Größe. Sollte das 28er wirklich kompakt sein, gehärt nicht viel dazu, ihm einen großen Erfolg vorauszusagen. Voigtländer verbreitet – ungewöhnlich lautsprecherisch – dass das APO-Lanthar 28 das beste Weitwinkelobjektiv ist, das sie je hergestellt hätten

Apropos 28 Millimeter: Voigtländer hat demnächst dann also gleich vier Objektive mit dieser Brennweite im Programm. Das Ultron 28/2 (849 Euro) wurde bereits vor einiger Zeit vorgestellt. Das 28/1,5 Nokton (1049 Euro), ein klarer Leica Summilux-Konkurrent, ist bereits im Einsatz und wird demnächst in einer M-Files-Folge vorgestellt. Nicht zu unterschätzen ist das winzige 28/2,8 Color‑Skopar (649 Euro), über das hier in den M-Files berichtet wird. Kleiner Spoiler: Es ist ein ausgezeichneter Reisebegleiter. 

Produktfoto zeigt ältere und neue Voigtländer VM-Objektive
Zwei weitere 28-Millimeter-Objektive von Voigtländer: das winzige Color-Skopar 28/2,8 und das lichtstarke Nokton 28/1,5.

Noch mehr neue Voigtländer VM-Objektive: Update für die 1,2er-Reihe

Bemerkenswert sind auch die neuen Versionen der lichtstarken Objektive mit Ausgangsöffnung f/1,2. Die 35-, 40- und 50-Millimeter-Objektive (1099/999/1099 Euro) haben alle drei asphärische Glaselemente sowie den klassisch anmutenden Tubus mit Design-Anspielungen auf historische Leica-Objektive (insbesondere die „Berg und Tal“-Riffelung). Natürlich bieten diese Objektive alle eine sehr geringe Schärfentiefe und sind besonders an Kameras mit sehr schnellen (elektronischen) Verschlüssen attraktiv. Andernfalls würde man ND-Filter oder sehr niedrigempfindliches Filmmaterial benötigen, um das volle Potenzial der neuen Voigtländer-Objektive mit f/1,2 auszuschöpfen. 

Ich persönlich habe noch nie eines dieser Objektive benutzt, weil ich gegenüber einem handlicheren, günstigeren und leichteren 1,4er-Objektiv keinen so großen Vorteil sehe. Aus der Erfahrunng mit anderen lichtstarken Voigtländer-Objektiven wie dem 50/1,0, dem 21/1,4 oder dem 75/1,5 würde ich jedoch annehmen, dass die f/1,2-Reihe sowohl optisch als auch mechanisch überzeugen kann. Das haben mir auch schon Anwender berichtet, und es gibt keinerlei Grund, das anzuzweifeln.

Produktfoto zeigt neue Voigtländer VM-Objektive, hier die f/1,2-Reihe
Alles neu überarbeitet: Die 1,2er-Reihe von Voigtländer umfasst die Brennweiten 35, 40 und 50 Millimeter. Bilder: Voigtländer/Cosina

Ein neues 90/2 APO konkurriert mit dem APO-Summicron von Leica

Am langen Ende der M-Brennweitenskala hat das 90/2,8 APO-Skopar (729 Euro) jetzt ein lichtstärkeres Pendant, das 90/2 APO-Lanthar (999 Euro). Dies kann man durchaus als ein Statement in Richtung Leica betrachten: Das APO-Summicron 90 ist zwar auch an hochauflösenden Digitalkameras hervorragend, aber es ist in die Jahre gekommen und dürfte bald am Ende seines Lebenszyklus sein. Jetzt war Cosina schneller. Es gab zwar schon Gerüchte über eine Neuauflage des Summicron, aber mit dem neuen Voigtländer 90/2 könnte Cosina ein wenig abgesahnt haben. Auf jeden Fall wird auch das recht kompakte 90/2 in einer der nächsten Folgen der M-Files besprochen. 

Produktfoto zeigt ältere und neue Voigtländer VM-Objektive, hier 90/2,8 und 90/2,0
Eine Blendenstufe auseinander: die beiden APO-90er von Voigtländer. Links das APO-Skopar 2,8, rechts das neue APO-Lanthar 2,0.

Exotischer sind die Konstruktionen von zwei neuen Voigtländer-Objektiven mit Blende 3,5 als größter Öffnung. Das 35/3,5 Skopar (mit 1099 Euro überraschend teuer) ist zwar etwas langsam, dafür aber winzig und leicht. Auf den ersten Blick erinnert es ein wenig an das 40/2,8 Heliar. Wenn es dessen optische Qualitäten teilt, ist es ein attraktives Objektiv für alle, die nicht die super geringe Schärfentiefe lichtstärkerer Optiken benötigen. Was die Low-Light-Fähigkeiten angeht… na ja,  neuere digitale Leica M-Kameras schlagen sich bei hohen ISO-Werten inzwischen gut.

Das ist auch für das andere f/3,5 „Standard“-Objektiv, das 50 APO-Lanthar (je nach Ausführung um 700 Euro), bedeutsam. Eine seiner beiden Versionen sieht aus, als sei sie irgendwie versenkbar, aber das ist nur ein Design-Gimmick. Generell gibt es neue Voigtländer-Objektive oft in mehreren Versionen, in Schwarz und Silber, in Aluminium und Messing, mit unterschiedlichem äußerem Design und unterschiedlichem Gewicht. Das ist etwas verwirrend, aber auch schön, wenn man zum Beispiel ein passendes Objektiv für eine verchromte Kamera sucht. 

Superweitwinkel bleiben eine Voigtländer-Spezialität

Zurück zu den Wurzeln von Voigtländers Engagement für die Messsucherfotografie führen die beiden jüngsten Superweitwinkelobjektive. Das 10/5,6 Hyper Wide Heliar (1049 Euro) ist schon seit einiger Zeit auf dem Markt. Ich habe es noch nie benutzt, und ich glaube nicht, dass ich mit einem so extremen Bildwinkel wirklich umgehen könnte. Blog-Gastgeber Claus Sassenberg hat hier mal etwas über das inzwischen eingestellte 12er geschrieben. Das 15/4,5 Super Wide Heliar (749 Euro) kann als Enkel des 15/4,5 angesehen werden, das einst mit der Bessa L geliefert wurde. In seiner dritten Generation hat es einen guten Ruf, auch für Leistung an Digitalkameras. Hier gibt es einen sehr lesenswerten Testbericht von Dirk Säger dazu.

Produktfoto zeigt bewährte und neue Voigtländer VM-Objektive, hier Superweitwinkel mit 10 und 15 Millimetern Brennweite
Die aktuellen Ultraweitwinkel-Objektive von Voigtländer VM: links das 10/5,6 und rechts das 15/4,5. Bild: Voigtländer/Cosina

Dies sind nur einige Schlaglichter zum Stand der Dinge bei Cosina, wobei der Schwerpunkt in dieser Übersicht natürlich auf den neuen Voigtländer VM-Objektiven, also denen für die Messsucherkamera/Leica, liegt. Das Angebot ist noch deutlich breiter und zeichnet sich unter anderem dadurch aus, dass es mehrere Alternativen für eine bestimmte Brennweite gibt. So kann man zwischen verschiedenen Preispunkten (von unter 500 € bis 1749 €) und Größen-/Gewichtsklassen wählen. Das ist ein großer Vorteil von Voigtländer. 

Was hat Voigtländer geschafft und Zeiss nicht?

Und es stellt sich die Frage, was passiert wäre, wenn Zeiss sich wirklich für seine M-Mount-Reihe engagiert hätte. Seit 2014 hat Zeiss kein neues Objektiv mehr auf den Markt gebracht, und es ist unklar, ob sie ihre gesamte ZM-Reihe einstellen werden. Es liegt eine gewisse bittere Ironie in der Tatsache, dass fast alle ZM-Objektive von Zeiss bei Cosina in Japan hergestellt wurden oder werden, vielleicht sogar in derselben Produktionsstätte wie die älteren und neuen Voigtländer-Objektive. Man kann sich leicht ausrechnen, welche Bedeutung Zeiss heute für den Messsucher-Objektiv-Markt haben könnte. 

Produktfoto zeigt ältere und neue Voigtländer VM-Objektive sowie Zeiss ZM-Objektive
Die Ähnlichkeit (siehe die Bajonettanschlüsse für die Streulichtblenden) ist nicht zufällig: Voigtländer VM- und Zeiss ZM-Objektive werden beide von Cosina in Japan hergestellt. Doch während Voigtländer mit immer neuen Innovationen aufwartet, stagniert Zeiss‘ ZM-Programm.

Jedes neue Voigtländer VM-Objektiv kündet vom Engagement für M-Mount

Umso beeindruckender ist das, was von Voigtländer kommt. Die neuen Voigtländer-Objektive bestätigen, was schon seit einiger Zeit offensichtlich ist: Cosina hat ein aktives Forschungs- und Entwicklungsteam, das immer wieder mit neuen Produkten aufwartet. Mit dem Ergebnis, dass Voigtländer nun ein Programm von M-Mount-Objektiven zwischen 10 und 90 Millimetern anbietet, das sowohl klassische als auch exotischere Designs umfasst.

Das übertrifft in mancherlei Hinsicht das Angebot von Leica – und es zeugt von Mut. Man darf auf jeden Fall gespannt sein, welche neuen Voigtländer-Objektive als nächste auf den Markt kommen. Wenn ich mir eines wünschen dürfte, dann wäre es eine moderne Interpretation des Konica Dual Hexanon 21/35. Diese beiden Brennweiten passen so unglaublich gut zusammen! Aber das wäre vielleicht zu gewagt, selbst für die mutigen Designer bei Cosina…

5 Kommentare

  1. Hallo Jörg,
    eine gute Zusammenfassung der VM-Optiken. Ich benutzte auch welche, eigentlich sogar lieber als die Leicas.
    Mein aktueller Favorit ist das 10mm f/5,6 Hyper Wide Heliar in der in der aktuellen Version. Das ist schon sehr sehr speziell, aber wenn ich es korrekt justiere – gerade halten in allen Ebenen – kommen ausgezeichnete Bilder dabei heraus. Es geht natürlich in allen Fotosituationen (sogar Strassenfotografie), allerdings mit den bekannten physikalischen Einschränkungen.

  2. Jörg-Peter

    Lieber Jörg,
    danke für die Ergänzungen. Beim 50er und 75er kann ich mitreden – das 50er finde ich auch großartig, das 75er zumindest sehr gut. Zum Ultron: Das überrascht mich. Das Summicron 28 ist eines der besten Leica-Objektive, das ich je benutzt habe. Schwer vorstellbar, wie das zu toppen sein könnte.
    Und zur Kamera: Vielleicht ist die Vollformat-Pixii genau dieses Konkurrenzprodukt. Eine besonders preisdämpfende Wirkung stelle ich allerdings nicht fest :-).
    Viele Grüße, Jörg-Peter

  3. Holger Bohnensack

    Hallo Jörg-Peter,
    danke für Deinen Artikel. Ja bei Voigtländer hat sich viel getan und sie bieten interessante Objektive zu einem annehmbaren Preis an. Die Tests hier in der Messsucherwelt haben mich bewogen auch ein modernes Voigtländer Objektiv zu kaufen. Ich habe mich für das Ultron VM 2/35 aspherical ll entschieden. Die Schärfe ist wirklich gut, insbesondere bei Offenblende. Da ist mein Summicron 2/35 Version lV bei Offenblende deutlich schlechter.
    Wo ich etwas Bauchweh habe, ist die Tatsache dass Voigtländer-Cosina auch Kunstofflinsen speziell bei den Asphären einbaut. Ob hier die Langzeitstabilität über Jahrzehnte wie bei den alten Wetzlar-Objektiven auch gegeben ist??? Vielleicht muss man mit Formänderungen und ggf. Trübung der alternden Kunstofflinsen rechnen und kann dann das Objektiv wegwerfen?
    Andererseits ich habe ich aus den 60er Jahren eine alte Revue 4×4 Plastikkamera (ähnlich der Holga). Auch diese hat eine Kunstofflinse ist noch ok und nicht trübe ist.
    Grüße Holger

    • Jörg-Peter

      Lieber Holger, sorry, dass ich erst jetzt reagiere. Gut zu hören, dass Du mit dem Ultron 35 zufrieden bist. Was die Kunststofflinsen angeht: Hast Du dazu bestätigte Informationen und auch eine Übersicht, welche Linsenglieder in welchen konkreten Objektiven das sind? – Grundsätzlich können Kunststoffe heute auch sehr alterungsbeständig sein, aber ich will da nicht spekulieren, bevor ich nicht genauere Informationen habe, mit denen ich ggfs. auch direkt bei Voigtländer nachhaken könnte. Viele Grüße, Jörg-Peter

  4. Vielen Dank für den Bericht. Ich finde viele der Voigtländer Objektive ganz hervorragend, insbesondere das Nokton 50mm 1.2 und das Nokton 50mm 1.5 sowie das 75mm 1.5, die eine ganz eigene Anmutung haben und wunderbare Unschärfebereiche erzeugen und zugleich schon bei offener Blende ausreichend scharf zeichnen – sogar an der M11. In das der gleichen Liga spielt das Nokton 35mm 1.5, dass aber etwas weniger charaktervoll ist. Das Ultron 28mm 2.0 würde ich immer dem Summicron vorziehen.

    Eigentlich fehlt nur noch eine Voigtländer Digitalkamera mit M-Bajonett, damit es auch hier mehr Wettbewerb gibt.

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