Dies ist die Kamera eines Lichtbeschwörers. Nicht so plump und ungenau wie eine DSLR. Eine elegante Kamera… für ein zivilisiertes Zeitalter.

(mit ausdrücklicher Entschuldigung an Obi Wan Kenobi)

Da ich sowieso immer mehr Alec Guinness ähnele, scheint es passend, diese Abhandlung so zu beginnen. Schon länger bemerkte ich die Parallelen zwischen dem Lichtschwert eines Jedi-Ritters und der Kamera eines Fotografen. Hat man die bevorzugten Menüoptionen eingestellt, einen Tragriemen, Schutzfolie für den Monitor, Zusatzgriff und Softrelease-Knopf angebracht, ist die Kamera ein sehr persönliches und einzigartiges Werkzeug. Ein ständiger Begleiter – darum sollte sie auch etwas taugen.

New arrival mono

Genug streberhafte Vorbemerkungen, kommen wir zur Sache. Mein erster Eindruck der X-Pro 2 ist, das sie so gut ist – besser geht’s nicht. Sie wird dem ganzen Hype, der um sie gemacht wurde, locker gerecht. Ich könnte hier aufhören und so den kürzesten Review schaffen, der je geschrieben wurde. Aber da gibt es mehr – viel mehr – zu sagen. Dies jedenfalls ist kein In-Depth-Review, mehr ein erster Eindruck, ich werde in den nächsten Monaten ausführlicher.

48 Stunden Frust

Ich beginne ganz am Anfang. Ich hatte die Kamera bestellt, seit sie angekündigt worden war. Aber die netten Jungs bei London Camera Exchange wollten einfach mein Geld nicht nehmen, bevor die Kamera offiziell auf dem Markt war. Wie es der Teufel wollte, kam das Ding an, als ich gerade in Edinburgh war. Nach langen 48 Stunden hielt ich sie in Händen, an einem Donnerstag eine Woche vor meinem Geburtstag. Ich war zum Laden gejagt, war mein schwer verdientes Geld losgeworden und raste wieder nach Hause, um die elegante schwarze Box auf meinen Schreibtisch zu legen.

Fuji hat den Stil seiner Verpackung in den letzten Jahren weiterentwickelt. Aus vormals Funktionellem ist etwas Edleres geworden. Sie haben erkannt, das die Verpackung der Kamera schon ein Teil der „Reise“ ist, die der Verbraucher mit dem Produkt macht. Zwar bekommt man nicht die Schachteln aus dickem Karton mit Satin-Innenfutter wie bei Leica, aber man hat das haptische Erlebnis, etwas zu öffnen, das Speziell ist. Neben meiner X-Pro 1 macht sich die Familienähnlichkeit sofort bemerkbar und ist irgendwie beruhigend, so, als käme eine alter, immer zuverlässiger Freund in einem neuen, schicken Anzug zum Essen. Objektiv gesehen sind die äusseren Veränderungen geringfügig, bestens dokumentiert durch die erste Welle von Reviews der Beta-Tester. Subjektiv allerdings fühlt sich die Kamera an, als sei sie  Lichtjahre von der X-Pro 1 entfernt. Eleganter, geschmeidiger, vollendeter im Erscheinungsbild.

Fuji X-Pro

Guildford High Street Clock, 35mm f/1.4

Fujinium Block

Die Schönheit ist nicht nur äusserlich. Die neue X-Pro 2 fühlt sich an, als wäre sie aus einem soliden Block Fujinium gefräst – gut ausbalanciert, aber nicht zu schwer. Ich will es nicht weiter auswalzen. Es ist schon viel über die subtil verbesserten Bedienelemente geschrieben worden – das verschieben der rückwärtigen Kontrollen nach rechts und der bessere Griff vorn und hinten – das macht schon einen deutlichen Unterschied. Die Bedienung ist, wenn nicht schneller, dann wenigsten intuitiver. Das Gruppieren der Knöpfe unter den rechten Daumen ist eine logische Glanzleistung, die es ermöglicht, die Kamera während der meisten Einstellungsveränderungen am Auge zu behalten.

Einen kleinen Nachteil scheint es dadurch zu geben, aber vielleicht geht es nur mir so. Die Kreuzwippe ist ein bisschen weiter unten und näher am Monitor, dadurch landet sie direkt unter meinem Daumenballen, das erfordert die Deaktivierung dieser Knöpfe beim Fotografieren. Ein geringfügiges Übel und notwendig, wenn alles so schön dicht beieinander sein soll. Im Augenblick habe ich den Lensmate Thumbrest der X-Pro 1 im Gebrauch, dadurch kann ich ein wenig Abstand halten. Nur ist der wieder ziemlich nah am Zeit- und ISO-Wahlrad, was deren Bedienung etwas behindert, besonders wenn man Handschuhe trägt. Ich habe einen Handgriff bei Fuji bestellt, mal sehen, ob der hilft. Obwohl der neue Griff an der Kamera größer ist, reicht er für meinen Geschmack immer noch nicht aus. Ich habe mich an einen iShoot-Griff an der X-Pro 1 gewöhnt, leider lässt der sich, anders als der Thumbrest, nicht an der neuen Kamera befestigen. Dafür sorgt das neue mittige Stativgewinde.

13 Waiting for Spring 35mm f1.4 12 the power of red 56mm f1.2

Oben rechts: Warten auf den Frühling 35mm f/1.4 , oben links: The power of red, 56mm f/1.2

Um bei den Kontrollen und Bedienung zu bleiben, ich bin von der Ansprache der Knöpfe begeistert. Sie zeigen bei Betätigung einen bemerkenswerten Widerstand und fühlen sich an wie für die Ewigkeit gemacht. Von manchen Seiten wurden Zweifel geäussert über den Sinn des ISO-Wahlrads, das sich jetzt innerhalb des Zeitrads befindet, aber das ist logisch und hochgradig funktionell, mit einem schnellen Blick auf die Deckplatte sieht man die Einstellung der Kamera. Diejenigen, die keine „Knöpfe“ mögen und die unbedingt glatte Oberflächen wollen, bei denen alles nur über Menü oder Touchscreen verstellt werden soll, sollen sich mal ihren Kopf untersuchen lassen… wenn man mich fragt.

10 Alice Manual Focus 23mm f1.4 10 Alice Manual Focus 100% crop 23mm f1.4 11 Castle contrast 23mm f1.4

Oben: Alice, manueller Fokus 23mm f/1.4 , daneben: 100% Ausschnitt, unten: Castle Contrast, 23mm f/1.4

Karte und Akku

Großes Hurra! Der Akku ist derselbe wie in allen anderen Fuji-X-System-Kameras. Klar, dass das vermutlich bedeutet, dass die Kapazität des Akkus in der X-Pro 2 geringer ist, da geht wesentlich mehr ab unter der Motorhaube, aber hey, ich bin an eine X100T gewöhnt, da muss ich die Akkus wechseln wie ein Zirkus-Jongleur. Es gibt jetzt zwei SD-Karten-Steckplätze, das erforderte einen Umzug von unten neben dem Akku zur Seite unter eine Extra-Klappe, an die man sich erst gewöhnen muss, obwohl sie sinnvoll ist. Ich habe bisher nur einen Slot benutzt, aber bemerkt, dass die Karte drin sitzt, als hätte sich ein Hund in ein Spielzeug verbissen. Auf der einen Seite bedeutet das, dass das Ding nicht rausflutscht und im nächsten Kanalschacht verschwindet, auf der anderen Seite muss man vorsichtig ziehen, statt sie zu entriegeln. Vielleicht ändert sich das im Gebrauch.

Die Menüs sind auch überarbeitet – ausführlich. Ursprünglich wollte ich die Standardeinstellungen meiner X-Pro 1 einfach übernehmen, aber das lief darauf hinaus, dass ich am Ende meine X100T auf den Knien balancierte. Die Generationen-Kluft zwischen der Version 1 und 2 ist einfach zu groß. Nach einer halben Stunde Gefummel (das könnte so viel einfacher sein!) war ich bereit.

2 First shots with X-Pro2 35mm f2

35mm f/2

Dioptrien-Seligkeit

Das Okular des Suchers hat jetzt eine Dioptrien-Korrektur. Worte können nicht ausdrücken, wie glücklich mich das macht! In meinem Alter sind die Worte Myopie oder Hyperopie nicht einfach Scrabble-Gewinner, es ist ein Riesenvorteil beim fotografieren und Gegenchecken, nicht dauernd mit Brillen zu jonglieren wie Professor Branestawm. Der Sucher ist hell und in allen Modi – OVF, EVF und Hybrid – gut zu lesen. Er kombiniert das Beste aus der X-T1 und der X100T. Eine kleine Haarspalterei ist, dass das Okular nicht ganz so toll ist, aber wenn man schon mal keine Brille tragen muss, hilft das auch.

Das Umschalten zwischen OVF und EVF wird immer noch mit dem Hebel vorne geregelt, der praktischerweise ebenso die Vergrösserung des Sucherbildes steuert. Jetzt kann man damit also zusätzlich die Hybridansicht aufrufen und, cleverer Trick, durch drücken auf die Achse die Rahmenlinien für 35, 56, 60, 90mm-Objektive einblenden. Das erinnert stark an den Sucherrahmenhebel der Leica M-Modelle und ist sehr nützlich, um den Bildwinkel zu sehen, noch bevor man das Objektiv wechselt.

Oh. Eine Sache noch. Das Joystick-Teil auf der Rückseite. Ich bin sicher, dass das Ding verdammt nützlich ist für Leute, die dauernd den Fokuspunkt wechseln und damit umherirren wie eine unentschlossene Rennmaus in einem Saatgutgeschäft. Ich habe das bisher nur einmal gemacht, und zwar versehentlich. Wirklich gebrauchen kann man das Ding zur schnellen und präzisen Kontrolle bei der Playback-Funktion. Ausserdem erleichtert es das Durchsuchen und Steuern des Menüs enorm und beschleunigt die In-Camera Raw-Entwicklung.

4 Angel 35mm f2 5 Angel 56mm f1.21 First shots with X-Pro2 35mm f2

3 Like Father Like Son 35mm f2 7 Together forever 56mm f1.2 6 Over your shoulder 56mm f1.2

Eine göttliche Verbindung

Äh, wo war ich stehengeblieben?

Als ich letztes Jahr über das neue 35mm f/2 Objektiv schrieb, erwähnte ich, dass es gerade richtig sei für die irgendwann zu erwartende X-Pro 2. Es ist nett, dass ich in der Annahme so richtig lag. Objektiv und Kamera verschmolzen mit einem selbstzufriedenen Klick zu einer Einheit. Ich drückte den Knopf und eine blaue Klinge fuhr mit einem tiefen Summen hervor…

…sorry, ich schweife wieder ab.

Im Gebrauch ist die X-Pro 2 wie das Kind der originalen X-Pro und der X100T, mit Steroiden grossgezogen. Sie ist eleganter, schneller, leistungsfähiger – sie ist, um ehrlich zu sein, sexier. Ungefähr jeder einzelne Aspekt dieser Kamera wurde umgearbeitet und verbessert. Man darf sich nicht durch die äussere Ähnlichkeit täuschen lassen, das ist nicht das Produkt von Evolution, sondern Revolution. Vom schnelleren Autofokus bis zum grösseren Sensor, von elektronischen Verschluss zur breiteren Belichtungskorrektur und den 8 fps Aufnahmefrequenz, jede Einzelheit der X-Pro 1 wurde zerlegt, überdacht, verbessert, wieder zusammen gebaut und erneut verbessert.

Ich besitze sie erst zwei Tage, aber aufgrund meiner bisherigen Erfahrungen erwäge ich – oder besser gesagt, bin ich mir sicher über Folgendes: Meine originale X-Pro wird Backup-Kamera. Meine X-T1 ist nun überflüssig und wird verkauft, wahrscheinlich, um in naher Zukunft ein 100-400 Objektiv zu finanzieren (bevor die Flugschau- und Cricket-Saison losgeht). Kurz, die X-Pro 2 ist die Kamera, auf die ich gewartet habe, seit ich meine getreue und vielgeliebte Leica M7 .85 verkauft habe. Sie ist kompakt, leistungsfähig und solide gebaut. Im Gebrauch schmeichelt sie, erzeugt Fotos voller Plastizität und Leuchtkraft, die gleichzeitig die Fuji-Signatur aber auch etwas Neues haben. Ich konnte noch nicht so viele Fotos machen, aber die, die ich habe, mag ich wirklich (das muss nicht jeder so sehen). Die X-Pro 2 entspricht meinen Bedürfnissen und meinem persönlichen Stil und wird in meiner Tasche für geraume Zeit zu finden sein.

8 Stoneface 56mm f1.2

Stoneface, 56mm f/1.2

Acros-Impressionen

Die Fotos in diesem Artikel sind mit dem 23mm f/1.4, 35mm f/2 und dem 56mm f/1.2 gemacht. Ich teste meine übrigen Objektive in den nächsten Wochen und gebe dann Rückmeldung. Ich bin besonders neugierig, wie sie sich mit dem 27, 18-135 und 90er macht. Diesmal benutzte ich die Acros Film-Emulation, ebenso wie die Classic-Chrome, beide verhalten sich genau, wie man es erwarten sollte – simulieren ihre Film-Vorbilder exzellent. Die Acros-Einstellung ist besonders beeindruckend, ich habe sie als Standard und beabsichtige sie exzessiv zu nutzen.

So, die ersten 48 Stunden sind um, und die Geschichte hat begonnen. Die Zukunft wird zeigen, wie gut die X-Pro 2 wirklich ist, aber ich habe wenig Grund zum Zweifeln. Der einzige Grund, warum ich „wenig“ sage, ist, dass die Kamera über nacht einiges ihrer Konfiguration „vergisst“, wie ich schon in einem vorangegangenen Artikel berichtete. Während ich dies schreibe (07.03.2016), gibt es noch keine Stellungnahme von Fuji über das Problem, über das von einigen berichtet wurde. Ich bin aber zuversichtlich, das es schnell beseitigt wird. Fuji hat sich bei der Kundenbetreuung einen guten Ruf erworben, besonders wenn etwas schief läuft.

(Update 24.03.2016: Firmaware-update, Memory-Loss-Problem gelöst)

Augen auf, es wird weitere interessante Berichte geben!

Mehr von Bill Palmer gibt’s bei Lightmancer zu sehen

Hier der Original-Artikel bei Macfilos

Übersetzt von Claus Sassenberg

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