Posted by on 6. Januar 2016

Gleich nach Weinachten machte sich unsere Familie auf in die Alpen. Mit im Gepäck natürlich die Leica Q. Bis dahin hatte ich insbesondere im Skiurlaub immer die Fuji X100s benutzt, denn es kann unter Umständen sehr ungesund sein, sich mit einem Backstein um den Hals wie der M240 zu verplätten.

Aber nicht nur aus gesundheitlichen Gründen ist die M nicht so praktisch für solche Aktivitäten. Man kann sie z.B. nicht mit einer Hand bedienen (ausser man verzichtet aufs fokussieren, was sich evtl. auf die Bildqualität ungünstig auswirkt…), kurz gesagt, Autofokus ist erforderlich. Die Fuji X100 hingegen hat sich in diversen Skiurlauben bewährt, selbst unter widrigsten Witterungsbedingungen.

Die Leica Q

Da Standbilder unbeteiligte Betrachter nach kürzester Zeit einschläfern, mache ich gern „Actionfotos“ während der Fahrt (darum die notwendige Bedienung mit einer Hand) oder auch Serienbilder von Vorbeifahrten oder Sprüngen. Ein schneller Autofokus ist also essentiell, die Fuji war bereits sehr gut in dieser Hinsicht, die Q ist bekanntermaßen noch besser. Während der Fahrt benutze ich selbstverständlich nur den Monitor zur Bildkomposition, da ich dann die Piste auch im Auge habe, um keinen umzufahren.

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Ich benutze für die Q den Standard-Trageriemen der M-Kameras, der sehr gut zu ihr passt und sich in der Länge verstellen lässt (warum ist der mitgelieferte Tragriemen der Q so ein blödes Ding?). Quer über die Schulter gehängt, liegt die Kamera so gut vor oder hinter dem rechten Arm am Körper an und stört nicht beim Skifahren, selbst wenn man sehr schnell und sportlich fährt oder springt. Zum Schutz der Frontlinse habe ich einen B+W UV-Filter 010 (49mm-Gewinde) vorgeschraubt. Nur gute Filter nehmen, nicht daran sparen! Ansonsten hatte ich die Q nicht verpackt (ich bin ein Feind von Bereitschaftstaschen oder Halfcases, die Teile sind mir alle viel zu klobig), selbst bei Schneefall hätte ich die Kamera umbehalten, wie ich es auch bei der Fuji X100 tat, denn wenn die Kamera Aussentemperatur hat, schmilzt der Schnee nicht, Feuchtigkeit ist so kein Problem. Kristian Dowling hat die Q sogar im strömenden Regen benutzt, nur kann er das natürlich nicht weiterempfehlen. Den Objektivdeckel nehme ich übrigens nie, die Sonnenblende ist Schutz genug und so ein loser Deckel ist meist in Nullkommanix verschwunden. Der Akku hält so einen Skitag locker aus, allerdings hatte ich einen zweiten in der Tasche, für alle Fälle. Wenn ich von der Piste zurückkam, wurde der Ersatzakku für den Abend eingesetzt. Am nächsten Morgen waren wieder beide frisch geladen.

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Doch ganz so extreme Wetterverhältnisse wie beim letzten Skiurlaub die Fuji X100 musste die Q diesmal nicht ertragen, denn es war die ganze Woche sehr frühlingshaft. Der gesamte Alpenraum litt unter Schneemangel, entsprechend bestanden die Pisten aus Kunstschnee, der aber von überraschend guter Qualität war und uneingeschränktes Fahrvergnügen zuließ. Die Einheimischen kratzten sich am Kopf und konnten sich kaum erinnern, wann mal so ein Schneearmes Weihnachten war. Die Angaben gingen denn auch zum Teil in die 50er Jahre zurück, einer behauptete gar, das sei das letzte Mal 1946 so gewesen. Meine Kollegin (mit der ich zusammen die Praxis habe) ist sich sicher, dass es in den 90ern schon mal so war.

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Wie auch immer, Skifahren ging sehr gut, es war dafür sonnig und das Skigebiet nicht überfüllt. Dazu muss ich unsere Unterbringung erwähnen: Im Haus „Rehblick“, direkt am Feistritz-Lift, von dem man schnell zur Talstation kommt, kein Auto oder Ski-Bus nötig.

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Aber das allein machte es nicht aus, Rehblick ist eine bodenständige, traditionelle Frühstückspension des Ehepaars Yvonne und Michael Ladstätter. Yvonne kümmert sich wirklich liebevoll um die Gäste und versucht alles, den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu gestalten. Im Vorfeld organisierte sie sogar, wo wir Sylvester feiern konnten, für meine Frau buk sie extra einen Geburtstagskuchen (weil im Ort kein Bäcker mehr ist). Ihre freundliche und herzliche Art ist alles andere als geschäftsmässig, und das spürt man sofort, man fühlt sich willkommen. Desgleichen Michl, ihr Mann, Leiter der Skischule. Michl hat immer gute Tipps parat und schüttelte für uns spezielle Skistunden und ein Langlauf-Special am Staller Sattel aus dem Ärmel. Er hilft in der Pension, wo er kann, dabei ist nämlich auch eine kleine Landwirtschaft. Die Milch kommt immer von den eigenen Kühen. Schade, dass die Schneelage so mies war, denn Michl hätte mit uns eine Tour abseits der Pisten gemacht.

So, das war der Werbeblock, aber das durfte nicht unerwähnt bleiben. Diese persönliche und freundliche Atmosphäre ziehe ich jedem Fünf-Sterne-Hotel vor.

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Zurück zum Thema: Die Q war also auf der Piste ebenso gut zu gebrauchen wie die Fuji X100, welch letztere, ich muss es einfach sagen, vom Preis-Leistungsverhältnis nach wie vor die ultimative Wahl unter den kompakten High-End-Kameras darstellt. Selbst die Sony RX1R II ist nüchtern betrachtet sehr teuer, wenn man bedenkt, was sie (und die Q) der Fuji voraus haben. Aber natürlich: Für Leute wie mich ist so ein Vollformatsensor das Lockmittel.

Und der ist in Verbindung mit dem Summilux-Objektiv schon Klasse, eine andere Liga als jede APS-C oder Micro 4/3 Kamera. Ursprünglich hatte ich den Eindruck, dass die Farben der Q der der M240 sehr ähnlich sind, aber das war, als ich jede Menge Low-Light Aufnahmen machte, bei Kunstlicht ist das schwer zu beurteilen. Nachdem ich jetzt viele Tageslicht-Fotos gesichtet habe, stelle ich fest, dass das Farbschema der Q etwas anders ist, vielleicht sogar besser, obwohl ich mich über die Farben der M240 nie beschwert habe.

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Bei Sonnenschein und Schnee ist man bei herkömmlichen Kameras schnell gezwungen, die Blende zu schliessen oder einen ND Filter zu benutzen. Die Fuji hatte einen eingebaut, den man zuschalten konnte, die Q braucht ihn nicht, weil sie ab einer 1/2000 sec auf elektronischen Verschluss umschaltet, der bis zu einer 1/16 000 sec geht. Bei bestimmten, sehr schnell bewegten Motiven kann „Rolling Shutter“ auftreten, dann muss man doch auf den guten alten ND-Filter zurückgreifen. Dieses Problem gab es aber auf der Piste nicht, zwar war die Fortbewegungsgeschwindigkeit insbesondere meiner älteren Tochter etwa im Bereich einer Pershing-Rakete, für die Q reichte es aber noch.

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Bei Blende f/4.0 oder f/5.6 wurden bei der Helligkeit teilweise noch Belichtungszeiten von 1/10 000 sec gebraucht. In Verbindung damit muss ich noch den Autofokus erwähnen: „Lichtgeschwindigkeit“ beschreibt ihn nur unzulänglich. In der Silvesternacht machte ich aus Neugier Schnappschüsse von den Raketen, die Michl in den Nachthimmel schickte. Die Kamera war in der Lage, in dem Augenblick zu fokussieren, in dem die Raketen explodierten und ohne wahrnehmbare Verzögerung auszulösen, so dass dieser Moment im Bild festgehalten wurde. Was das in Bruchteilen von Sekunden eigentlich heisst, weiss ich nicht, aber es ist sehr, sehr wenig… übrigens ist das totaler Blödsinn, auf diese Weise Feuerwerke zu fotografieren. Mir ging es nur um das Experiment. Wer wissen will, wie man das wirklich macht, sollte sich mein Tutorial dazu ansehen. Es befindet sich in der Mitte dieses Blog-Beitrags.

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Noch etwas zum automatischen Weissabgleich: Er ist (fast) immer perfekt. Bei Kunstlicht neige ich gelegentlich dazu, es etwas weniger gelblich zu machen, aber das liegt nicht an der Kamera. Die hat es so genommen, wie es war. Wenn ich ganz besonders sicher sein will, nehme ich meine Whibal-Karte und mache einen manuellen Weissabgleich, zwei individuelle Werte kann die Kamera speichern. Meistens kann man sich die Mühe sparen. Das folgende Bild ist eine Herausforderung an den Weissabgleich (und die Sensordynamik). Später Nachmittag, Talstation im Schatten, Spiegelung der gegenüberliegenden Berge im Sonnenlicht, Kunstlicht in den Schaufenstern… ein Alptraum für den Weissabgleich. Ich habe ihn so gelassen, wie er aus der Kamera kam:

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Eigentlich bin ich ein Verfechter des „Instant décisif“, also des „Entscheidenden Augenblicks“. Das bedeutet, man drückt im richtigen Moment ab. Demgegenüber steht die Taktik „spray and pray“, also den Verschluss rattern lassen und hoffen, dass irgendwas Brauchbares dabei herauskommt. Beim Sport aber weiche ich meine eigenen Regeln auf, hier ist es durchaus sinnvoll, mal Serienbilder von Bewegungsabläufen zu machen. Bei der Q muss man den Einschaltknopf nur von „S“ auf „C“ (Continuous) stellen, dann macht sie Serienaufnahmen. Im Menü kann man einstellen, ob man 10, 5, oder 3 Bilder pro Sekunde haben möchte. Beim Skifahren fand ich die mittlere Einstellung am besten (5 Bilder/Sek.).  Mit meiner verhältnismässig „langsamen“ 16 GB Sandisk Extreme 30MB/s Speicherkarte machte die Kamera maximal zwölf DNG+JPG Bilder in rascher folge, dann musste sie „nachladen“. Sean Reid machte mit seiner Sandisk 16GB 45MB/s fünfzehn Bilder in Folge. Das hängt also von der Schreibgeschwindigkeit der Karte ab. Aber allein diese grosse Datenmenge zeugt von einem ziemlich grossen Arbeitsspeicher, über den die Kamera verfügt. Die Nachverfolgung beim fokussieren funktioniert tadellos. Alle Bilder einer Serie gestochen scharf. Ich habe ein paar zusammengestellt (nicht zu hoch aufgelöst, weil sie sonst zu viel Platz auf der Webseite wegnehmen, prinzipiell könnte man sie in 4K wiedergeben).

 

Einzelne Bilder aus Serien:

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Das Gegenlicht-Verhalten des Objektivs ist exzellent, man kann locker gegen die Sonne Fotografieren, insbesondere etwas abgeblendet kommt es kaum zu „Flare“ oder ähnlichen störenden Artefakten. Dabei bin ich mir bei den Skifotos nicht sicher, ob es eher an dem UV-Filter lag, wenn überhaupt etwas auftrat. Ich hatte zuhause mal bei Sonnenaufgang Fotos (ohne Filter) gemacht und nicht das geringste entdecken können.

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Die Nächte waren sternenklar und wie immer im Hochgebirge ist trotz Restlichts der Ortschaften mehr zu erkennen als in unseren total „lichtverseuchten“ Gegenden. Die Q verfügt über ein lichtstarkes Weitwinkel-Objektiv, dazu macht sie noch bei ISO 400 immerhin 30 Sekunden Belichtung. Bei 28mm Brennweite fangen bei 30 Sekunden Belichtungszeit die Sterne zwar an, leicht „länglich“ zu werden, das macht sich aber nur bei näherer Betrachtung bemerkbar. Wer die genauerem Zusammenhänge nachlesen will, kann sich mein Tutorial zur Fotografie des Sternenhimmels ansehen. Für den Bildeindruck an sich spielen die leicht ovalen Sterne keine Rolle. Also schnappte ich mir ein Stativ und ging aufs Feld oberhalb von „Rehblick“. Die Nächte im Tal waren kalt, -7 Grad und weniger, ich fummelte mit kalten fingern an der Kamera herum. Aber wie die M9 oder M240 sind die wenigen notwendigen Bedienknöpfe ohne weiteres im Dunkeln gut zu finden. Man muss manuell auf unendlich fokussieren, denn am dunklen Himmel findet der Autofokus keinen ausreichenden Kontrast. Blende auf f/1.7 und das Zeitwahlrad auf 1+ gestellt, wählte ich mit dem Daumenrad die maximale Belichtungszeit von 30 Sekunden. Die Bildkomposition war schwierig, hier zeigt sich das Manko eines noch so guten elektronischen Suchers. Ich konnte mich nur an Lichtpunkten orientieren. Zum Glück gibt es die Wasserwaage, dass man wenigstens den Horizont gerade hat. Ansonsten muss man zur Not belichten, nachsehen („chimpen“), und die Komposition korrigieren.

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Von dem Ergebnis war ich selbst überrascht, etwas ähnliches könnte ich mit der M240 nur mit dem 35er Summilux erreichen, diese Brennweite ist aber schon zu lang für die erforderliche Belichtungszeit. Um genügend Sternenlicht „einzufangen“, musste ich in Kauf nehmen, dass die Strassenbeleuchtung überproportional hell wird, entsprechend teilte ich das Bild bei der Nachbearbeitung in zwei Zonen, durch entsprechende graduierte Filter: Unten nahm ich die Highlights und die Belichtung insgesamt zurück, während ich beim Sternenhimmel um eine Blende hochzog und den Kontrast und die Tiefen verstärkte. Normalerweise hätte ich mir das sparen können, wenn ich keine Strassenbeleuchtung im Bild gehabt hätte, aber das konnte ich mir nicht aussuchen. Für „echte“ Astrofotografie sollte man das vermeiden. Hat man in dieser Hinsicht Ambitionen (ich nicht!), sollte man sich übrigens eine Nikon D810 zulegen, es gibt sogar ein Sondermodell mit speziellen Features für die Bedürfnisse der Astrofotografen. Aber dass die Leica Q in der Lage ist, immerhin einen solchen „Eindruck“ zu verschaffen, ist eine nette Zugabe. Hier noch mal nur die Milchstraße, einfach in den Himmel fotografiert:

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Selbstverständlich konnte ich auch die Low-Light Eigenschaften der Kamera gut gebrauchen. Es gibt dort urige Hütten und Restaurants, in denen es recht schummrig ist. Nächstes Foto: Stromausfall beim Silvesterdinner. Kerzenlicht als einzige Lichtquelle.

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In der Silvesternacht waren wir noch in dem angesagten Aprés-Ski-Schuppen „Kuhstall“, um etwas abzufeiern.

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Am Ende des Urlaubs stellte ich verblüfft fest, dass ich meine M nicht einmal benutzt hatte. Das sagt viel darüber aus, wie ich mit der Q zufrieden bin. Aber dennoch: Ohne M geht es nicht, es gibt Gelegenheiten, da reicht mir die 28mm Optik doch nicht. Man darf gespannt sein, was im September dieses Jahres die neue M bringen wird, die Q gibt schon einen Vorgeschmack auf den neuen Wind, der bei Leica weht.

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Comments

  1. Manni
    19. Juli 2018

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    Servus!
    Ein seeehr interessanter Bericht, in dem die Q-ualitäten der Kamera bestens zur Geltung kommen! Als frischer Q-Besitzer habe ich an den Routinier zwei Fragen. Welche Fokus-Einstellungen verwendest du für die Actionbilder und „zittert“ der Af c bei dir auch?!? MfG Manni

    • Claus Sassenberg
      19. Juli 2018

      Leave a Reply

      Hmmm, vom „Zittern“ bei AFc habe ich noch nichts gesehen, aber möglicherweise kommt dir da die Bildstabilisierung in die Quere, die man bei bewegten Motiven unbedingt abschalten sollte. Nach dem aktuellen Update gibt es dafür übrigens eine „Auto-Einstellung“, die sehr praktisch ist. Man muss nicht ständig selber daran denken.

      Ich verwende ausserdem immer „Ein-Punkt-Fokus“, je heller es ist, desto kleiner (Größe verstellen mit „Delete“ drücken und queres Daumenrad drehen). Blende halte ich dann möglichst offen (nicht zwangsläufig ganz offen, aber wenn das Licht fehlt, auch), je kürzer die Belichtungszeit, desto besser, ist ja klar.

      Überhaupt: Wenn es dunkler ist und Motive sich bewegen, wähle ich je nach deren Schnelligkeit einfach manuell am Zeitenrad eine Zeit vor, die mir realistisch erscheint und lasse meist Auto-ISO den Rest machen, bei blendenden Lichtquellen stelle ich den ISO-Wert aber auch passend fest ein, weil er sonst zu sehr „herumirrt“.

      Also, ich bremse mich hier mal, bevor ich alle möglichen Situationen einzeln durchgehe, das wird sonst schnell unübersichtlich.

      Viel Freude mit deiner Q,

      Claus

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