Das Beitragsbild zeigt meine M10-Monochrom mit dem 5cm Summitar.

Leica hat vor kurzem ein neues Mitglied der Klassik-Linie vorgestellt, das sind Objektive in Neuauflage von alten Linsenrechnungen im nahezu identischen Design der historischen Originale. Und das ist eigentlich eine nette Idee, wenn auch nicht neu. Zeiss hat z.B. 2006 das C-Sonnar T* 50mm f/1.5 wieder angeboten, dessen Konstruktion in das Jahr 1932 zurückreicht. Ein ungezähmtes Biest mit brutalem Fokus-Shift. Ob man sich das antut, muss man wissen. Charakter hat es allemal.

Derzeit gibt es drei Objektive der Klassik Linie: Das 28mm Summaron, das von den dreien vermutlich den höchsten Gebrauchswert hat, und dann das 90mm Thambar, das vielleicht als ein Nischenprodukt für Hochzeitsfotografen denkbar ist, die zusätzlich einen besonderen „dreamy“ Look bei den Brautporträts anbieten wollen. Zuletzt kam das 50mm Noctilux f/1.2 ASPH. heraus,  dessen originales Vorbild aus dem Jahr 1966 stammt. Wegen der damaligen Schwierigkeit, asphärische Linsen zu schleifen, wurde es nicht oft hergestellt  und hat deshalb hohen Sammlerwert. Damals ging es um maximale Lichtstärke, Leica hatte ein paar Jahre die Oberhand, bis Canon 1971 das 55mm FD f/1.2 SSC Aspherical vorstellte. Nachzulesen bei Erwin Puts (dem Link vom Noctilux folgen).

Klassik-Linie
Mein 3,5cm Summaron aus dem Jahr 1951 vor der M10. Schnuckelig kleine Optik mit guter Abbildungsleistung.
Klassik-Linie
Bei einem Jahreskonzert der Musikschule. 50er Summilux weit offen. Gute Freistellung und Schärfe auch ausserhalb der Bildmitte, seidenweiches Bokeh.

Trotz des historischen Stellenwerts tue ich mich etwas schwer zu verstehen, warum gerade dieses Objektiv in die Klassik-Linie musste. Jonathan Slack übt naturgemäß nie offen Kritik an Leica, aber wenn man seine „Appreciation“ zwischen den Zeilen liest, dann fragt man sich, warum man statt dieses Teils nicht einfach ein 50er Summilux ASPH. nimmt, um die gleiche Bildwirkung mit deutlich besserer Qualität zu erzeugen. Wenn ich schon so einen Glasbaustein vor die Kamera flansche und sie damit total aus der Balance bringe, dann würde ich wenigstens erwarten, dass das einzige, was dass Objektiv kann, nämlich weit offen zu „glänzen“, wirklich überragend ist. Das trifft für die modernen Noctiluxe sicher zu, bloß leider nicht für den Neuzugang der Klassik-Linie.

Klassik-Linie
Ein bisschen Chiaroscuro: Probenpause beim Musical. Leica M240 mit 50mm Summilux bei f/1.4.

Mal von praktischen Erwägungen beim Handling der Kamera abgesehen, käme es zumindest für mich nicht in Frage, knapp 7000 Mäuse für das Teil hinzulegen, wenn ich für weniger Geld ein Summilux bekommen kann, das den gleichen Bildeindruck erzeugt, nur besser. Und zudem auch abgeblendet was taugt. Ich bin also offensichtlich in der falschen Zielgruppe. Aber wer, sagen wir, sich so hipstermäßig fühlt, der kann natürlich gern zuschlagen. Schadet ja keinem. Ausserdem besteht Hoffnung, dass Leica weitere Objektive in die Klassik Linie aufnimmt. Zum Beispiel das 50mm Summicron „Rigid“. Da könnte ich schwach werden.

Klassik-Linie
Ein Bild mit dem Summitar weit offen. Probleme mit den Highlights, nur in der Bildmitte halbwegs scharf, wildes Bokeh – aber hat was. Noch ein weiter Weg bis zum Summicron.

Für uns Normalsterbliche mit entsprechender Experimentierfreude und Spieltrieb kann ich nur den Rat geben, sich einfach statt bei der Leica Klassik-Linie mal bei den „echten“ alten Schätzen umzusehen, die für einen Bruchteil der Kohle im Handel sind, exzentrische Eigenschaften besitzen und gerade wegen ihrer Imperfektionen so reizvoll sind. Ich habe z.B. ein 5cm Summitar f/2, das an der Leica III dran war, die ich mal erstand (es ist auf dem Beitragsbild an der M10-M zu sehen). Max Berek hat es 1936 gerechnet. Ein echtes Fossil mit verrücktem Donut-Bokeh. Wirklich scharf wird es erst ab f/4. Weit offen macht es zudem dem Thambar arg Konkurrenz. Ein 3,5cm Summaron ist mir auch für wenig Geld zugeflogen, eine Minilinse mit guten Abbildungseigenschaften, aber eigenem Charakter. Dann hätte ich noch ein (versenkbares) 5cm Summicron I und ein 9cm Elmar in der Auswahl, die bereits überraschend gut sind. Alles Schraubleica-Objektive (hier ein früherer Blog-Beitrag darüber), aber funktionieren mit M-Adapter tadellos an der M10 oder der Monochrom.

Im Slider zwei Bilder eines Weihers. Einmal mit Summitar, das zweite mit dem modernen Summilux, beide bei voller Öffnung. Ein Unterschied wie eine sumerische Keilschrifttafel zu einem Hochglanzmagazin.

Klassik-Linie
Ein Bild mit dem 3,5cm Summaron bei f/3.5 (auf der M10)

Aber wie gesagt: Alles Spielerei. Man wird ja nicht durch beklopptes Bokeh, weiche Bildecken und starke Vignettierung plötzlich zum besseren Fotografen, wenn man sonst nichts auf die Reihe kriegt. Als ich 2009 Leica für mich entdeckte, war die größte „Offenbarung“ für mich die unfassbare Qualität der (modernen) Optiken. Und das ist und bleibt Leicas größte Stärke.

Ein Nachtrag zum letzten Update der M10-P und M10-Monochrom: Heute morgen stellte ich die Monochrom an. Alle Menüeinstellungen waren über Nacht futsch (Anmerkung: Der Akku hatte einen Ladezustand von 85%) . Ich musste angefangen mit Sprache/Datum/Uhrzeit u.s.w. alles neu einstellen. Großartig. Danke für’s Update, Leica.

Off Topic: Ein paar Bilder vom Schnee letzte Woche. Wer sagt, dass man im Winter nicht auch mit Infrarot-Filter fotografieren kann?

10 Kommentare

  1. Philip Becker

    Lieber Claus,

    ich bin einer von denjenigen „Bekloppten“, die sich ein 50mm f/1.2 Nocti geleistet haben.
    Nach und während 33 Jahren Leica Enthusiasmus habe ich mir letzten November das Noctilux gekauft.
    Gelesen hatte ich genug über dieses Teil und eigentlich wäre ein Vintageobjektiv in Frage gekommen.
    Summitar oder Lux 1. Generation oder was Schraubiges noch älteres. Dazu muss ich erwähnen, dass ich für die Leica M 35 und 50mm Objektive bevorzuge. Im Bestand sind 35er Cron 4. Gen, 35er Cron asph, 50er Lux 3. Gen. in bp und das 50er Lux asph. Ich habe die Kameras M6, MP3, und seit zwei Jahren die M10-D.
    Die Anschaffung einer digitalen M war ein ewig langer Entscheidungsprozess für mich, ich habe die letzten 25 Jahre nur SW mit Film gearbeitet. Nun wollte ich wieder etwas unkomplizierter wieder Farbe machen und die vorhandenen Linsen nutzen können. Ich liebe den Offenblendenlook der Leica Gläser, an meinen R Kameras habe ich von 28-400mm einige lichtstarke Linsen. Wenn man das Geld für die phantastischen Gläser dieser Firma ausgibt, dann sollte man die Offenblende auch nutzen. Also war die Frage: Was kann mir eine andere Linse noch Neues bringen?
    Die perfekte Abbildungsleistung habe ich mit dem 50er Lux asph., den cremigen Look mit dem Lux 80 an der R, ein schönes Bokeh mit den beiden 35ern, wobei das der 4. Gen etwas Besonderes ist, gerade bei Gegenlichtsituationen.
    Wenn ich gemäldeähnliche Landschaftsausschnitte machen möchte, dann Stativ, die R und 180er oder 280er Apo offenblendig. Für Kleines ganz riesig die Photare.
    Nun hatte ich die Senioren wie Summitar und Co. im Fokus und habe viel von Frontfokusproblemen an der digitalen M gelesen. Ich wollte aber gerade auch an der M10-D Spaß haben. Das 0.95 er Nocti habe ich ausprobiert, ist mir zu groß an der M und viel Colorfringing und sehr cleaner Look wie das Lux asph.
    Nun habe ich das perfekte Ding für mich gefunden: Zwei Objektive in einem Objektiv, künstlerische, ja geradezu traumhafte offenblendige Darstellung mit guter Schärfe im Zentrum. Immmer wieder eine Herausforderung ist es damit zu arbeiten und ich muss die Photographie fast neu lernen, um den Look herauszukitzeln. Ab Blende 2.8 kann ich damit street machen und die Abbildungsqualität ist dann auch an der M10 bis in die Bildecken spitze. Die Größe ist an allen M-Bodies perfekt und die Kamera schaut einfach geil damit aus, gerade mit der runden Sonnenblende. Ich liebe eh die runden Sonnenblenden, das gibt der M den wahren Vintage look.
    Logisch ist es mit Blende 1.2 nicht für jedes Bild geeignet, das wäre langweilig, aber andererseits wäre es dem Flair und der Bildanmutung, die mit diesem Nocti gelingt, einfach nicht gerecht, wenn es madig gemacht wird.
    Danke an Leica und hier Herrn Karbe, dass es ihm gelungen ist, die spezielle Abbildungsweise des alten Nocti in die heutige Zeit zu transferieren. Ich benutze es definitiv häufiger für meine Arbeiten als ich z.B. ein Superweitwinkel benutzen würde und es ist eine unglaubliche Bereicherung in meiner Objektivkette. Nebenbei vermute ich außerdem einen ganz guten Werterhalt, aber den haben wir ja bei so manchen Produkten dieser Firma 🙂
    Du solltest mal in den Genuß kommen, damit zu malen,
    Beste Grüße aus dem Allgäu- tolle Seite hast Du…

    Philip

  2. Helmut Walliser

    Guten Tag
    Erst einmal vielen Dank für die interessanten und witzig geschriebenen Beiträge die auch kritisch hinterfragen.
    Bei mir kommt leider auch die Meldung bei Erwin Puts Seite, dass sie nicht länger aktiv ist….? https://photo.imx.nl/
    Viele Grüsse aus dem, momentan verschneiten, Emmental
    Helmut

    • Claus Sassenberg

      Guten Morgen,

      danke für das Lob! Euer Link ist ein Irrläufer. Warum allerdings Erwin Puts diese irreführende Seite auf seiner Domain lässt, ist mir ein Rätsel. Jedenfalls kommt man hier zu seinem Blog (die letzte Eintragung ist von Dezember).

      Viele Grüße,

      Claus

  3. Guten Abend Herr Sassenberg
    Ich habe Ihren Artikel zum Altglas gelesen. Sehr spannend und in vielem stimme ich Ihnen zu. Ich würde als alte, relativ günstige Linse noch das Summicron 90mm das nehmen. Ein beeindruckendes Objektiv und bei Blende 2 „das Noctilux-M des kleinen Mannes“, nach meiner Auffassung. Die von Ihnen dargestellte Bildqualität bezüglich Summaron 3.5cm kann ich bestätigen, jedoch nicht das Summitar.
    Vielleicht hatte ich das Glück ein besonders gutes Exemplar zu ergattern, denn meines hat sowohl mein versenkbares Summicron als auch mein 2.8er Elmar ausgestochen. Bei Interesse sehen Sie meinen Vergleich hier (damals hatte jedoch nicht die Abbildungsqualität im Nahbereich getestet): https://flic.kr/s/aHskBCvSox
    Es ist eine meiner bevorzugten Urlaubslinsen an analog.
    Das Summaron 5.6/28mm ist wirklich der Hammer (ich habe noch ein „Original“) und ein keines Juwel.
    Ich bin immer wieder erstaunt was mit einigen alten Leica Linsen leiten können. Ein Testbild mit der Monochrom und meinem Summar von 1934 bei Blende 2 (https://flic.kr/p/2h4Pjrb) hat in mir dann die Schlussfolgerung geweckt dass Altglas teilweise extrem überraschend und leistungsfähig sein kann.

    Alte Objektive sind auf jeden eine günstige Variante bei der man ein überschaubares bis kein finanzielles Risiko hat falls es mal nicht gefällt. Wichtig ist jedoch das die Linsen klar sind, denn meiner Erfahrung nach liegen da zwischen etwas Belag und sauber Welten.

    Ich wünsche Ihnen viel Freude beim gemeinsamen Hobby und freue mich gelegentlich auf Ihrer Seite ein paar neue Beträge zu finden.

    Gruss, Frank

    • Claus Sassenberg

      Hallo Frank,

      habe mir die Vergleichsfotos angesehen und auch das vom Summar, das wirklich erstaunlich gut ist! Beim Summitar habe ich mich vielleicht nicht präzise genug ausgedrückt: Die Abbildungsleistung, die deine Vergleichsfotos zeigen (auch sehr gut) kenne ich auch von meinem. Abgeblendet wird es gestochen scharf über das ganze Bild.
      Ich stimme dir unbedingt zu, dass man ein Auge auf die alten Linsen haben sollte!

      Viele Grüße,

      Claus

  4. Lieber Claus,
    ein toller Artikel. Da bin ich gleich nicht mehr müde bei der Arbeit.
    Für mich wäre das 50mm f/1.2 Nocti nix. Zu schwer, viel zu speziell und nur um es zu besitzen?
    Das Bild vom Summitar f/2 erinnert mich stark an meine Russenlinse, das Helios 44-2. Das geht wohl auf eine Rechnung von Zeiss aus den 30ern zurück. Somit wären beide gleich alt. Das Summitar ist vom Bokeh ähnlich verrückt, aber in der Mitte um Längen schärfer.
    Frohes Schaffen und schön gesund bleiben !
    Viele Grüße, Dirk

  5. Moin, Claus.
    Ich stimme Dir grundsätzlich zu. Könnte mir vorstellen, unabhängig von Neuauflagen echtes Altglas mal zuzulegen, was man günstig bekommen kann. Aber eher, um einen historisch anmutenden Bildausdruck zu bekommen.
    Aber für die Finanzen von Leica finde ich die Neuauflagen gut. Ein Bruttoverkaufserlös für die Händler dürfte bei 4 Millionen EUR liegen, ganz ohne Neuentwicklung. Ich selbst liebe das aktuelle 50er Summilux.
    In den nächsten Tagen bekomme ich eine Sl2-S. In meinen Augen ein wirklich Nutzer-orientierter Weg, den es hoffentlich auch so bei der M 10 geben wird.
    Lieber Gruß aus dem Norden.

    • Claus Sassenberg

      Hallo Kai,

      ich sag ja, kein Problem! Wer Lust hat, das Geld auszugeben, macht nichts falsch, das ist persönlicher Geschmack. Für wen das Geld keine Rolle spielt – go for it!

      Auf eine SL2-S habe ich auch schon geschielt. Keine Frage, gegenüber der „normalen“ SL2 absolut zu bevorzugen. Auch eine schöne Plattform für die M-Objektive. Viel Freude damit!

      Liebe Grüße,

      Claus

  6. Dieter Sauvant

    Hallo, Herr Dr. Sassenberg,
    ich lese hier regelmäßig, obwohl ich mit anderen Kameras als Sie unterwegs bin. Die Seite von Herrn Puts ist nicht mehr aktiv, wenn man sie direkt ansurft. Ich hoffe, dass ihm nichts zugestoßen ist in diesen gesundheitlich unsicheren Zeiten.
    Wissen Sie Genaueres?
    Mit freundlichem Gruß
    Dieter Sauvant

    • Claus Sassenberg

      Hallo Herr Sauvant,

      hab‘ die Seite gerade gecheckt, alles normal. Hier die Adresse: Erwin Puts

      Vielleicht war sie nur vorübergehend offline?

      Viele Grüße,

      Claus Sassenberg

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