Ardéche – panta rhei
„If your pictures aren’t good enough, you’re not close enough“ (Robert Capa)
An dieses Zitat von Robert Capa musste ich denken, als ich mich (mal wieder) Stück für Stück tiefer in den Schwall am Pont d’Arc vorkämpfte. Mit den weichen Bootsschuhen suchte ich sicheren Halt zwischen den dicken Flusskieseln, um mich gegen die reissende Strömung zu stemmen. Ausrutschen war keine Option, denn ich hatte die Leica M11-P und die M6 um. Nun kann es zwar sein, dass die ein paar Sekunden unter Wasser überstehen, aber wer will das schon ausprobieren?

Es war die alljährliche Fahrt der Kanu-AG des WGV an die Ardéche und ich war dabei. Eine echte Kult-Veranstaltung. Dreissig Schüler und 25 „Ehemalige“ trafen sich dort zum Wildwasser fahren. Denn die Schule verlässt man zwar, nicht aber die Kanu-AG. Über diese Fahrt habe ich schon oft berichtet. Viele der Hintergründe sind in dem verlinkten Beitrag zu lesen (und in diversen anderen auf dieser Webseite), darum erspare ich mir das hier.

Für mich immer eine Woche voller großartiger Motive: Landschaft, Sport, Lagerleben, Lokalkolorit. Die Tage sind intensiv: Wenn ich nicht Boot fahre, bin ich mit dem Rennrad in den Bergen unterwegs. In der Gegend gibt es neben rein landschaftlichen Aspekten vor allem unterirdische Sehenswürdigkeiten: Viele gigantische Tropfsteinhöhlen (nach deren Besuch man für die kleinen bei uns verdorben ist) und vor allem der Nachbau der „Grotte Chauvet“ bei Vallon mit den 36.000 Jahre alten Höhlenmalereien. Bilder dazu finden sich auch in früheren Beiträgen. Im Lager helfe ich beim kochen, denn die Gruppe verpflegt sich selbst. Für die Versorgung kleinerer Blessuren bin ich ebenfalls prädestiniert (dieses Jahr war so gut wie nichts).
Ich hatte wieder (wie letztes Jahr) vier Kameras dabei, die alle mal „dran“ waren. Die M11-P als mein Mittel der Wahl, wenn es um Fotos im Schwall ging. Ich komme mit dem Messsucher zuverlässig klar und habe (zumindest für mein Gefühl) absolute Kontrolle über den richtigen Fokuspunkt, wenn sich wegen des unruhigen Wassers eine Autofokus-Kamera gern die falsche Stelle sucht. Dabei muss ich gleich hinzufügen, dass moderne Autofokus-Systeme weniger anfällig sind als früher meine Canon 5D Mark II. Ich hatte dieses Jahr auch mal die Q3 43 für ebendiesen Zweck benutzt und es ging bis auf wenige (zwei) Ausfälle sehr gut. Aber bei 43mm Brennweite muss man Robert Capas Zitat für diesen Einsatzzweck sehr ernst nehmen.
Hier einige Bilder vom „Übungstag“. Vor der beeindruckenden Kulisse des Pont d’Arc kann jeder nach eigenen Vermögen sein Geschick im Schwall erproben. Die Siebtklässler hatten jede Menge Spass, indem sie den XR-Trekking überladen durch die Stromzunge steuerten. Andere hingen einfach am Strand ab. Die Fotos im Schwall sind meist mit 90er Macro-Elmar, ein paar mit 50er Summicron oder 35er Apo-Summicron entstanden.
Hier Bilder aus der Woche, ziemlich kunterbunt zusammengewürfelt (Bildbeschreibung darunter).
Die Leica Q3 43 war ideal als „Point and Shoot“, um das Geschehen im Zeltlager zu dokumentieren. Aber eine Sache habe ich diesmal noch konsequenter gemacht, nämlich Bilder auf dem Fluss mit dieser Kamera, geschützt in einem (wenn auch einfachen) wasserdichten Gehäuse. So kommt hier eine „Mini-Reportage“ über die erste Hälfte der Schlucht der Ardéche. Aus verständlichen Gründen gibt es nur Fotos der „ruhigen“ Abschnitte, in den Schwällen brauchte ich beide Hände am Paddel.
Die Leica M10-Monochrom hatte ich auch wieder am Start. Die Landschaft ist auch als Infrarot-Motiv reizvoll und am Marktag in Vallon konnte ich mit Gelbfilter vor dem 35er Voigtländer Ultron das Ambiente einfangen. Und unsere Leute auf dem Markt…
Eine Woche ist recht kurz, um vier Kameras gerecht zu werden, aber immerhin konnte ich mit der Leica M6 einen Silbersalz 50D voll bekommen. Den Film muss ich erst mal verschicken. Hier ein „Platzhalter“ vom letzten Jahr (Beitrag darüber hier):

Victoire
Am ersten Morgen meiner Ankunft – einen Tag bevor die Gruppe kam, war ich mit dem Rad nach Barjac gefahren, weil dort Markttag ist, immer Freitags. Da wurde ich von einem unschönen Teil der deutschen Geschichte eingeholt. Nachdem ich über den Markt geschlendert war (Die Leica M11-P dabei) kam ich am Brunnenplatz an und bemerkte eine größer werdende Ansammlung von Menschen. Besonders auffällig ein Herr mit Schärpe in den Farben der Trikolore, natürlich der Bürgermeister. Mitglieder der „Pompiers“ (der Feuerwehr) und eine Blaskapelle trudelten nach und nach ein. Ich wartete, was passiert.
Spätestens, als die Kapelle die Marseillaise“ spielte, ging mir ein Seifensieder auf: Es war der 8. Mai, Kriegsende (Victoire), es war Feiertag! Nach der Hymne formierte sich ein Zug zum Ehrenmal, wo der Bürgermeister eine Ansprache hielt. Die Fotos machte ich vorher, verhielt mich respektvoll und versuchte, der Rede de Bürgermeisters zu folgen.
Er handelte die Befreiung von den Nazis gebührend ab, um sich dann über die Idiotie von Kriegen überhaupt zu ergehen, vor allem von amerikanischen Präsidenten, die Unmengen von Geld für diesen Irrsinn verschleudern, mit dem man so viel anderes Gutes hätte tun können. Mich brachte es dazu, auch über die Wichtigkeit der deutschen Erinnerungskultur nachzudenken. Wer seine Geschichte vergisst, ist dazu verdammt sie zu wiederholen (George Santayana).
Epilog und ketzerische Gedanken
Abends scharten sich oft die Schüler um mich am Macbook, weil sie die Bilder des Tages sehen wollten. Da sie Handybilder gewohnt sind, hatte die Bildqualität einen ziemlichen „impact“. Aber das nur nebenbei. Es kam irgendwie dazu, dass ich auch Bilder von früheren Fahrten an die Ardéche zeigen musste, die frühesten habe ich aus dem Jahr 1984 (alles schön mit dem Nikon Coolscan gescannt) und sie haben sich natürlich kaputtgelacht, weil mein Freund, der jetzige Leiter der Kanu AG (der eigentlich Mathe und Physik gibt) als 15jähriger auftaucht. Wir gingen durch diverse analoge Jahrgänge bis in die digitale „Neuzeit“, seit 2010 mit Leica, damals die M9.
Mir wurde dabei etwas klar: Speziell, seit ich bei Leica gelandet war, hatte ich ein Niveau an Bildqualität erreicht (auch wegen der verwendeten Objektive), das auch durch die der M9 nachfolgenden Modelle nicht (mit bloßem Auge) zu toppen war. Sicher, Low-Light-Fähigkeit und Auflösung machen einem heutzutage das Leben leichter als mit der M9. Für mich war nach der M240 mit der M10 ein gewisser Höhepunkt erreicht.

Derzeit besitze ich eine wunderschöne M11-P, die ohne Mucken funktioniert und die ich auch nicht hergeben wollte. Der doppelt ablaufende Verschluss ärgert mich, aber ich habe mich damit abgefunden (ich weiß: Mein Dauer-Rant). Es gibt andere Tücken, die ich zuerst gar nicht bemerkt habe. Wegen der Auflösung sind die Bildecken bei sehr weiten Brennweiten weich, wenn man nicht weit genug abblendet. Das geliebte 21er Super-Elmar konnte ich bis zur M10 ohne Probleme bei Offenblende benutzen (wie Peter Karbe damals sagte: Es gibt keinen Grund, das Super-Elmar wegen der Bildqualität abzublenden), aber bei der M11 muss man auf mindesten f/5.6 abblenden, um ein scharfes Bild von Ecke zu Ecke zu haben.
Und auch auf die Gefahr hin, in Wetzlar als „Persona non Grata“ geführt zu werden (oder in Harry-Pottter-Sprech, als „Undesirable No.1“): Meine Bilder sind nie „besser“ geworden, nur weil ich ein neueres Modell hatte. Ich war ja speziell bei Leica gelandet, um dem Teufelskreis des ständigen Upgrades der digitalen Modelle zu entkommen. Und auch, weil die M-Kameras so erfrischend wenige bis gar keine „Features“ hatten.

Kurz gesagt: Ich bin arg im Zweifel, ob eine M12 für mich in Frage kommt. Schneller, höher, weiter ist für mich keine Verbesserung mehr (ich habe ja selbst bei der M10 nichts wirklich vermisst) und darüberhinaus könnte der Preis die 10.000 Euro-Grenze erreichen oder sprengen. Ich gebe zu, kann ich mir leisten, will ich aber nicht! Wozu auch?
So, die Katze ist aus dem Sack. Ob es mal die M12 zu mir schafft, will ich nicht gleich verneinen (Adenauer: Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern…), aber derzeit wohl eher nicht. Diese Sache spukt schon das letzte halbe Jahr in meinem Unterbewusstsein. Beweis: Ich habe mir im Frühjahr eine fast neuwertige M10-P gekauft, einfach, weil ich sie vermisst habe. Leiser, einfach ablaufender Verschluss, 24MP, alles easy.
Die M10-Monochrom leistet mir auch weiterhin gute Dienste und ich sehe nicht ein, zur M11-M upzugraden. Direkt nach der Ardéche-Fahrt war die Canaillen-Bagage wieder in Vlotho und wie immer habe ich mit der Monochrom Bühnenfotografie gemacht, darüber wird noch berichtet.

































































































Kompliment und Respekt für diesen, erneut lesenswerten Artikel und die für die wunderbaren Bilder, vielen Dank dafür !
Geschmunzelt habe ich über die Ausführungen zur M12, eine Kamera, welche es noch gar nicht gibt. Als „M-Außenstehender“ kann ich mich gut an den Aufschrei der Entrüstung wegen einer fehlenden Bodenplatte erinnern und den damit verbundenen „Boykott – Aussagen“. Die Modelle ohne Bodenplatte haben sich dennoch gut verkauft.
Ich bleibe gespannt auf Ihre Reaktion wenn denn die M12 einmal auf dem Markt ist.
Hallo Claus,
das mit dem Super-Elmar 21 hatte ich schon in einem anderen Kommentar in diesem Blog angemerkt. In vielen Quellen wird vermutet, dass die M11 über die Mikrolinsen nicht verfügen. Ob das stimmt, weiß ich nicht. Die Schwächen des Super-Elmas geben jedoch Anlass zu der Vermutung, dass was dran ist. Es wäre vielleicht interessant zu wissen, ob die Schwächen an den Rändern nur bei der M11 (und Varianten) oder auch bei der M 10-R oder M-10M auftreten (die über die Mikrolinsen verfügen, soweit ich weiß).
Viele Grüße
Stefano
PS: Ein Bildstabilisator (sofern die Kamera nicht dicker wird) oder eine deutlich bessere Auslesegeschwindigkeit (so dass der elektronische Verschulss tatsächlich eine Option wird) könnten mich tatsächlich zu den Nachfolgemodellen verleiten. Ich kaufe sie immer ein Jahr später. Nach einem Jahr tauchen immer die ersten Rückläufe von Käufern auf, die festgestellt haben, dass das M-System nichts für sie ist. Die Kameras haben daher kaum Auflösungen, sind so gut wie neu und man kann die Kosten ordentlich senken.
Hallo Stefano,
ich vermute auch, das die M11 schlicht kein Mikrolinsen-System hat. Als ich deinen Kommentar las, habe ich mir direkt ein paar Bilder mit der M10-M und Super-Elmar bei Offenblende herausgesucht. Die Schärfe nimmt in den Ecken marginal ab, aber bei weitem nicht so, wie bei der M11. Darum gibt es also an der M10-M keinen Grund für mich, dieses Objektiv abzublenden. Es ist nach wie vor eine hervorragende Optik und verdient die Bezeichnung „Super“ im Namen zu recht.
Was den Erwerb der „Rückläufer“ betrifft, hast du natürlich recht. Das ist wirtschaftlich vernünftig und ein bisschen wie der Kauf eines Jahreswagens.
Viele Grüße, Claus
Ich bin ebenfalls von der Offenblendproblematik des Super-Elmars betroffen und wendete ich vor ein paar Monaten an den Customer Care. Die Antwort lautete, das ein Problem bisher nicht bekannt sein, es jedoch am dickeren Deckglas der M11 liegen könnte. Mir fehlt somit ein richtig gutes WW an der M11. Die nächste Brennweite wäre bei mir ein 28 1:2.8. Eine sagenhaft kleine und an der M11, Gott sei Dank, scharfe Linse in jeder Lage. Zum 21 1.4 kann ich mangels Besitz nichts sagen, ebenso wenig zu Voigtländer Linsen.
Die M11 ist dazu aus meiner Sicht an einer anderen Stelle verbesserungswürdig. Für Jobs nutze ich Canon-Systeme, und dort gibt es bei den spiegellosen Kameras einen Verschlussmodus, den ich bei Leica schmerzlich vermisse: EFCS, also Electronic First Curtain Shutter.
Dabei wird der erste Verschlussvorhang nicht mechanisch ausgelöst, sondern elektronisch simuliert. Der Sensor beginnt die Belichtung elektronisch, und erst am Ende der Belichtung läuft der zweite mechanische Vorhang ab. Genau das ist der entscheidende Punkt: Der mechanische Impuls zu Beginn der Aufnahme entfällt (Verschluss zu, dann wieder auf..). Und dieser Impuls ist bei bestimmten Zeiten genau das Problem. EFCS verhindert den Shuttershake, den ich, je nach Tageszustand, ruhiger Hand oft bei Zeiten ab 1/125 und langsamer bei Spiegellosen Kameras und der M11 sehe. Schalte ich an der Canon jedoch auf EFCS, verschwindet dieses Problem praktisch. Plötzlich sind Zeiten um 1/30 s oder auch darunter wesentlich zuverlässiger nutzbar, ohne dass ich die ISO für schnellere Zeiten hochdrehen und damit Dynamik opfern muss. Manchmal muss es bei mir flott gehen, und die 60MPixel decken alles auf.
Genau deshalb halte ich EFCS in diesem Bereich für wichtiger als IBIS. Ein Bildstabilisator kann die normalen, langsamen Bewegungen der Hand sehr gut ausgleichen: leichtes Zittern, Schwanken, kleine Korrekturen beim Halten der Kamera. Aber Shuttershake ist etwas anderes. Das ist ein kurzer mechanischer Impuls, der genau im Moment der Belichtung entsteht. IBIS versucht dann, eine Erschütterung auszugleichen, die der Verschluss selbst gerade verursacht. Das ist physikalisch ein ganz anderes Problem als eine ruhige, langsame Handbewegung. Viel sinnvoller ist es, diese Erschütterung gar nicht erst entstehen zu lassen. Und genau das macht EFCS.
Der elektronische Verschluss der M11 ist dafür leider kein echter Ersatz. Durch den langsamen Sensor-Readout ist er bei Kunstlicht sehr anfällig für Banding, und bei Bewegung kommt zusätzlich Rolling Shutter ins Spiel. Gerade in Innenräumen, bei LED-Licht oder Mischlicht, ist der rein elektronische Verschluss deshalb oft nur eingeschränkt nutzbar. EFCS wäre hier die saubere Zwischenlösung: Der erste Vorhang elektronisch, der zweite mechanisch. Damit entfällt der kritische mechanische Impuls zu Beginn der Aufnahme, während gleichzeitig die typischen Probleme eines rein elektronischen Verschlusses, insbesondere Banding durch langsamen Readout, weitgehend vermieden werden.
In der Praxis wäre genau dieser Modus für eine M-Kamera extrem sinnvoll. Man könnte bei niedrigen ISO-Werten bleiben, die volle Dynamik des Sensors besser nutzen und hätte trotzdem nicht die Nachteile des rein elektronischen Verschlusses. Gerade bei einer Kamera wie der M11, deren Sensor eine sehr hohe Auflösung bietet und dadurch jede kleine Erschütterung gnadenlos sichtbar macht, wäre EFCS kein Luxus, sondern eine wirklich praxisrelevante Verbesserung.
Ich wünsche mir daher bei Leica nicht zuerst noch mehr Megapixel, noch mehr Softwarefunktionen oder irgendeine weitere kosmetische Überarbeitung, sondern einen wirklich sauber implementierten EFCS-Modus. Gerade für available light, leise Reportage, Innenräume, Kirchen, Museen oder jede Situation, in der man mit niedriger ISO und längeren Zeiten arbeiten möchte, wäre das ein echter Gewinn. Die M6 funktioniert ja ebenfalls bei langsamen Zeiten und liefert mir scharfe Bilder. Ja, ich weiß, das man Film nicht mit 60 MPixel Dateien vergleichen kann 🙂 Trotzdem..
Als zweiten Punkt wünsche ich mir noch einen konstanter arbeitenden automatischen Weißabgleich. Oftmals mache ich von gleichen Szenen mehrere Bilder; die JPGs und DNSs sind, ceteris paribus beim Licht, oftmals deutlich stark unterschiedlich im Weißabgleich. Ja, RAW Dateien kann ich flott selbst editieren, aber andere Hersteller haben das immer noch besser und konstanter im Griff. Nennt mich ruhig Ketzer, aber in der Leica Preisklasse darf man auch prof. Ansprüche stelle.
Ich kenne mindestens die Äußerung eines Leica-Fotografen, der kein APO-Summicron „brauchte“, es dann aber doch kaufte :-).
Adenauer-Zitat … 😉