Zunächst, damit wir uns nicht missverstehen: Die Leica M11 ist eine großartige Kamera. Ich benutze sie jetzt ein halbes Jahr bei den unterschiedlichsten Gelegenheiten. Für meine Bedürfnisse ist sie ideal geeignet. Nicht einmal hatte ich das Gefühl, dass sie dem jeweiligen Job nicht gerecht würde.

Es ist den Entwicklern gelungen, die traditionellen Werte der Messsucherfotografie und die Anforderungen an Sensorleistung und Konnektivität miteinander zu verbinden.

Bevor jetzt jemand glaubt, ein Leica-Marketing-generierter Bot hätte diesen Artikel verfasst, muss ich leider einen Eimer Eiswasser über uns ausschütten: Dass der Verschluss nach Einschalten der Kamera permanent offen ist, halte ich für unnötig verschenktes Potential und in einigen Punkten für nachteilig.

Das Argument, dass jede spiegellose Kamera so arbeitet, zieht nicht so richtig, weil die M-Leicas im Gegensatz zu den anderen einen optischen Sucher haben, der den Sensor für „seeing the subject“, wie Sean Reid es ausdrückt, nicht braucht.

Verschluss
Der Unterschied: Reflektierende Verschluss-Lamellen bei der M10-M (oben), ein schwarzes Loch bei der M11

Ich stelle mir vor, dass irgendwann in der Entwicklungsphase eine Teamsitzung war, in der eine Fraktion von „Modernisten“ die alte Belichtungs-Messmethode für antiquiert und ungenau erklärten.

Sollten all die Trolle, die dasselbe schon behaupteten, als ich noch mit der M9 fotografierte, doch recht behalten? Oder hatten sich welche Undercover in die Entwicklungsabteilung eingeschlichen?

Keine Ahnung, jedenfalls fehlt der M11 die erforderliche Hardware für den traditionellen Messsuchermodus. Jetzt sieht der so aus: Der Verschluss geht auf, die Belichtung wird über den Sensor gemessen. Für’s Foto geht der Verschluss wieder zu, dann auf/zu für die eigentliche Belichtung und – tadaa: wieder auf. Viermal für jedes Bild.

Aber selbst wenn der Verschluss trotzdem megalange hält, der Sensor bei abgeschaltetem Monitor nur einen Bruchteil an Energie verbraucht und der Shutter-Lag sich nur um unmerkliche hundertstel Sekunden verlängert (mir ging nie ein Schnappschuss deswegen verloren): Der Sensor liegt ständig frei, die Mächte der Finsternis dringen vor und da nützen auch die donnernden Worte „thou shalt not pass!“ (with apologies to Gandalf) nichts. Staub ist der Feind, kriechend und hinterlistig, kein Balrog.

Nicht nötig, die Flinte in’s Korn zu werfen. Stattdessen schrieb ich eine Mail nach Wetzlar.

Wenn es ein Gesicht gibt, dass ich mit Leica verbinde, dann ist es das von Stefan Daniel (sorry, Dr. K.), der sich von der Pike auf in der Firma hochgearbeitet hat und speziell für die Bedürfnisse der M Nutzer ein offenes Ohr hat. An Ihn war die Mail gerichtet.

Ich schilderte ihm meine Bedenken, verbunden mit einem Vorschlag:

Wenn der Verschluss sich automatisch schliesst, sobald das Objektiv entfernt wird, könnte das schon helfen. Sicher, man könnte auch selbst daran denken, die Kamera vor dem Wechsel auszuschalten. Aber, wie das Sprichwort sagt „das Problem steht meist hinter der Kamera“, und um vor der eigenen Dummheit geschützt zu sein, wäre diese Ergänzung der Firmware hilfreich.

Schon am nächsten Tag bekam ich eine Antwort. Das Wesentliche (pun intended) zusammengefasst:

Verschluss
Das Tal der Tränen: 60MP voller Staub. Zum Glück lässt der sich noch vom Rocket-Blower beeindrucken.

Er bestätigte, das sie sich die Entscheidung, den klassischen Messsuchermodus fallen zu lassen, nicht leicht gemacht haben. Leider könne die Kamera jetzt nicht mehr umkonstruiert werden (was klar war). Aber meine Nachricht sei ein Anlass, sich Gedanken zu machen, wie die Situation verbessert werden könne.

Der Vorschlag, dass sich der Verschluss beim Objektivwechsel automatisch schliesst, werde auf jeden Fall geprüft.

Und das ist die gute Seite bei Leica. Die Antwort  ist nicht unverbindlich gemeint, ich habe wirklich das Gefühl, ernstgenommen zu werden. Es stehen Menschen dahinter, die auf Augenhöhe mit den Nutzern kommunizieren.

Ein Kontakt mit Stefan Daniel hinterlässt immer ein positives Gefühl. Er zeigt sich stets zugewandt und steht in seiner Person für alles, was immer eine Tradition bei Leica oder Leitz war: Der ernsthafte Wille, für die Bedürfnisse der Nutzer ein optimales Werkzeug zu liefern.

Seine Einladung zum Kaffee werde ich auf jeden Fall wahrnehmen, wenn ich das nächste Mal in Wetzlar bin. Mir ist da noch was eingefallen…

Verschluss
Um noch was Nettes zu zeigen: Mohnfeld bei Vlotho von Samstag, übrigens mit dem verdreckten Sensor (Bild weiter oben) gemacht. Leica M11 mit 35mm Ultron bei f/2 1/1250s. ISO 64 L-DNG. Farbprofil: Adobe Standard

P.S. gestern war ich zum „Iron Man“ in Hamburg, European Championship. Meine Nichte war dabei, und die ganze Familie war ihr Fanclub zum anfeuern. Sie hat’s geschafft, und zwar auf’s Treppchen: 3. Platz ihrer Altersklasse! 3,8km schwimmen, 180km Rad fahren und ein Marathon. Überflüssig zu sagen, wie stolz wir auf sie sind!

Und die M11… war mal wieder das perfekte Werkzeug (wenn ich nun noch im Ziel an die Strecke gekommen wäre…). Mit dem 35mm Ultron und 90mm Macro-Elmar hatte ich alles, was ich brauchte. Die Fotos von dem Tag sind aber hauptsächlich für’s Familienalbum.

 

 

12 Kommentare

  1. Ich wünsche mir für die M11 die Möglichkeit, bei Verwendung des elektronischen Verschlusses ein Auslösegeräusch zu erzeugen.

    • Claus Sassenberg

      Kann ich verstehen. Man ist sich echt unsicher, ob da was passiert. Die Bildrückschau habe ich standardmäßig deaktiviert, und jedes Mal nachsehen, ob was im Kasten ist, macht einen kirre.

      Viele Grüße,

      Claus

  2. Interessant, dass der Verschluss bei eingeschalteter Kamera bei der M11 offen bleibt. Im Gegensatz zur M10. Wenn die M10 im LiveView Modus ist und man wechselt das Objektiv, wird der LiveView Modus automatisch beendet und der Verschluss schließt sich. Anschließend muss man LiveView wieder explizit einschalten. Wäre mal spannend, wie sich die M11 bei aktivem LiveView dann verhält.

    Persönlich konnte ich vor ein paar Wochen eine M11 im Rahmen eines Workshops ausprobieren. Da gehörte auch das Objektiv dabei, daher habe ich keine Objektivwechsel gemacht. Aber ich war doch sehr positiv angetan vom elektronischen Verschluss. Man hört nichts und mein persönliches Highlight: Offene Blende auch bei strahlendem Sonnenschein möglich, wegen noch kürzerer Verschlusszeiten.

    VG
    Andreas

    • Claus Sassenberg

      Ganz einfach: Die blöde Kamera lässt den Verschluss immer offen! Außerdem geht sie ja faktisch beim Einschalten auf Live-View, auch wenn man den Monitor ausgeschaltet hat. „Live-View“ bedeutet bei der M11 lediglich, dass man den Monitor anstellt.
      Deswegen rege ich mich ja so auf, weil man sich nach 5 Jahren M10 jetzt angewöhnen muss, die Kamera jedes Mal vor dem Objektivwechsel auszuschalten.
      Viele Grüße,

      Claus

  3. Kolja Wawrowsky

    Herzlichen Dank für Ihren Beitrag und die Kommunikation mit dem „Flaggschiff“.
    Der Verlust der klassischen mittenbetonten Messung über eine Photodiode hat aber auch Vorteile. Exotische Objektive die mechanisch nicht mehr passten (z.B. das klassische Nah-Summicron) können jetzt wieder verwendet werden.
    Die Nachteile der neuen Verschlusssteuerung könnte man aber mit einem neuen manuellen Belichtungsmodus vermeiden.
    Wie wäre es die M11 ganz ohne Belichtungsmessung zu nutzen? Das entspräche dann der Leica M-A, die ja auch keinen Belichtungsmesser hat. Dann könnte die Verschlusssteuerung ganz klassisch ablaufen, d.h. die Verschlusslamellen werden nur zur Belichtung geöffnet. Damit wäre der Sensor geschützt, der Stromverbrauch könnte noch mal verringert werden und der Verschleiss für den Verschluss minimiert werden. Diesen Modus kann natürlich nur Leica Wetzlar implementieren …..

    • Claus Sassenberg

      Die Idee, den (echten) Messsuchermodus ohne Belichtungsmessung bei der M11 möglich zu machen, hatte ich auch. Der Charme dabei wäre, dass man das vermutlich durch ein Firmware-Update möglich machen könnte.
      Mich würde es nicht stören, die Belichtung vorher zu messen und manuell einzustellen. Schliesslich mache ich das bei analogen mechanischen Kameras auch.
      Ich traute mich allerdings nicht, das vorzuschlagen. Höre schon den Spott der Kritiker: Eine 8000-Euro-Kamera, aber die Belichtung kann sie nicht messen…
      Trotzdem… vielleicht bin ich nicht der einzige Nerd, der das gut fände. Eine solche Option im Menü möglich zu machen, würde es auch nicht unnötig aufblähen…
      Viele Grüße,
      Claus

      • Den Gedanken, man müsse durch den geschlossenen Verschluss „den empfindlichen Sensor schützen“, gibt es in jedem anderen spiegellosen System auch immer wieder. Bloß stimmt er nicht. Der Sensor ist durch das Filterglas davor ähnlich solide, wie das Display eines Smartphones. Einzig die bewegliche Lagerung für den Stabilisator dürfte etwas anfällig sein. Viel empfindlicher ist der höchst filigrane, aus mehreren beweglichen Teilen aufgebaute Verschluss. Verirrt sich ein Krümel zwischen die Lamellen, kann er richtig Schaden anrichten.
        Dass die Kamera immer vier Bewegungen des Verschlusses braucht, ist natürlich ätzend. Aber kann man sie nicht mit elektronischem ersten Vorhang benutzen? Dann wären es nur noch zwei. Bei den Sonys ist das der mit Abstand am häufigsten genutzte Modus.
        Ich denke, der Trend ist klar: In Zukunft wird der mechanische Verschluss ganz entfallen.
        Die Spitzenmodelle haben ja schon den dafür notwendigen schnell auslesbaren Sensor. Diese Technik wird in der nächsten Modellgeneration in die günstigeren Modelle nachrutschen.

      • Claus Sassenberg

        Alles richtig, stimme voll zu. Das der Sensor nicht besonders empfindlich ist (im Gegensatz zum Verschluss) ist auch klar. Was einfach nervt ist die höhere Wahrscheinlichkeit, Staub auf dem Sensor einzufangen, der hinterher mühsam in LR beseitigt werden muss.

        Viele Grüße,

        Claus

  4. Danke für die Arbeit und den Denkanstoß in Wetzlar 🙂 – ich selber mache die Kamera immer aus beim Wechseln. Darüber habe ich noch nie nachgedacht. Das mache ich aber auch bei meiner Sl2-s und der Nikon. Habe ich mir so angewöhnt.
    Liebe Grüße

    • Claus Sassenberg

      Ich versuche auch, die Kamera immer auszumachen, aber im Eifer des Gefechts kann das schon mal unterbleiben. Darum wär‘s ganz schön, wenn man ein zusätzliches „Sicherheitsnetz“ hat.
      lg, Claus

  5. Glöck , Hans-Peter

    Bericht Spitze

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