Vor ein paar Tagen war ich in einem Dorf ganz in der Nähe, um mir eine Leica-Ausrüstung aus einem Nachlass anzusehen. Die Erbin hatte ich 2018 bei einem Oldtimertreffen kennen gelernt, weil ich dort mit der Leica IIIf herumschlich und Fotos machte. Wir kamen ins Gespräch und sie berichtete, dass sie eine Kamera und diverses Zubehör hatte und einfach gerne wüsste, ob man damit heutzutage noch was anfangen könne. Ich versicherte ihr, dass sei mit großer Wahrscheinlichkeit der Fall und gb ihr meine E-Mail-Adresse. Ich hörte danach nichts davon, aber das war ja nicht weiter schlimm.
Auf dem Oldtimertreffen. Leica IIIf mit 5cm Summitar, Kodak Tri-X
Letzte Woche dann meldete sie sich bei mir mit dem Hinweis auf unser Treffen damals. Ich konnte mich noch daran erinnern, hatte die Sache aber längst abgehakt. Der Grund für die Zeitverzögerung war ein schlimmer Fahrradunfall, den sie kurz nach unserer Begegnung erlitten hatte, selbst jetzt war sie praktisch noch in Rekonvaleszenz. Ich erklärte mich natürlich bereit, mein Versprechen von 2018 einzulösen und die Sachen zu begutachten.
Als ich dann da war, präsentierte sie mir einen Weidenkorb mit einem Sammelsurium an Kartons und Ledertaschen aus dem Besitz ihres Vaters (sie ist ebenfalls schon Rentnerin, hatte diese Dinge also schon einige Jahre liegen). Ich schnappte sofort eine lederne Bereitschaftstasche mit vielversprechendem Gewicht. Bingo! Eine Leica M3 “Double-Stroke” mit Vorlaufwerk. Ein schneller Check der Seriennummer zeigte als Baujahr 1955. Äusserlich makellos, schien sie auch technisch völlig in Ordnung zu sein. Ich probierte alle Zeiten, Filmtransport und Verstellmöglichkeiten. Der Sucher war klar und das Messfeld kongruent. Sicher würde der Leica Customer-Care einen CLA-Job empfehlen, aber ich hatte keinen Zweifel, dass ich sofort einen Film laden und loslegen könnte. Selbst das Vulkanit fühlte sich kein Stück trocken an, ich vermute, die Ledertasche als Aufbewahrungsort war ideal.
Meine Leica M2 mit 50mm Elmar. Die M3, die ich begutachtete, war in ebenso gutem Zustand.
Vor der Kamera war ein versenkbares 50mm Elmar f/2.8 mit Sonnenblende. Weiteres stöbern brachte ein 35mm Summicron mit “Brille” in Original-Ledertasche zutage und ein 135mm Hector. Ein Visoflex und zwei Balgengeräte waren weitere Hauptfundstücke nebst altem Elektronenblitz, diversen Filtern und Vorsatzlinsen. Wie auch immer, ich war ziemlich angetan von der Qualität und dem Erhaltungszustand der meisten “Erbstücke” und teilte das der Besitzerin auch mit. Den genauen Wert der Ausrüstung konnte ich natürlich unmöglich aus dem Stegreif schätzen, aber dass der nicht unerheblich war, ist klar. Sie erzählte mir, dass ein professioneller Händler vor ein paar Jahren die Nase gerümpft hätte und ihr für “den Schrott” einen “Appel und ein Ei” geboten hätte (was sie aber zum Glück auch misstrauisch gemacht hatte). Klar, ein Händler lebt natürlich vom Aufpreis (und das ist fair), aber als ich die Summe hörte, die er geboten hatte, kann ich das nur als Betrugsversuch bezeichnen. Der wusste auch genau, was er vor sich hatte.
Ich hatte nicht vor, etwas zu kaufen und selbst wenn, würde ich dafür einen angemessenen Preis bieten, schon aus Gewissensgründen. Ich recherchierte am Folgetag die Preisklasse, in der die Kamera und Objektive derzeit gehandelt werden und fiel hinten rüber. Es war schon ein paar Jahre her, dass ich das letzte Mal Gebrauchtpreise für analoge Leicas und Objektive gecheckt hatte. Die waren plötzlich durch die Decke gegangen!
Die Leica M6 TTL in schwarz mit 0,85 Suchervergrößerung
Hauptobjekt der Begierde (im Leica-Segment) ist die Leica M6, besonders in Form der TTL, aber auch “Klassik”. Offenbar wird sie seit 2-3 Jahren auf Youtube gehypt. Nun ist das nicht so, dass ich in der Zeit unter einem Stein gelebt hätte, ich schau mir nur nicht dauernd Erklärvideos von Hipstern an, die selbst ziemlich ahnungslos sind. Einige Videos zum Thema Leica (unter anderm zur M-P) von deutschen Bloggern kann ich nur als Dauerwerbesendung bezeichnen, besonders unter dem Hintergrund, dass die die besprochenen Kameras von einem Händler (ganz in meiner Nähe) gestellt bekommen. Diese Abhängigkeit ist genau das, was ich auf Teufel komm raus vermeide. Ich will sagen können, wenn der Kaiser keine Kleider anhat. Und weiß Gott, Leica ist nicht über Kritik erhaben.
Auch andere Marken können blitzartig Wert gewinnen, je nachdem, wer gerade was vor eine (Fernseh-)Kamera hält. So geschehen, als Kendall Jenner bei Jimmy Fallon eine Contax T2 dabei hatte. Seither ist das Ding unbezahlbar.
Street-Fotografie mit der Leica IIIf, 3,5cm Summaron, Kodak Tri-X, Orange-Filter. Bei Tageslicht braucht man keinen Belichtungsmesser, da reicht “Sunny-Sixteen”
Eigentlich ist es ja ganz erfreulich, dass die analoge Fotografie wieder Boden gewinnt und vor allem auch die Generation, die gar nicht mehr damit aufgewachsen ist, Interesse zeigt. Dabei ist es nach wie vor kein Problem, für wenig Geld (hervorragende) analoge Kameras zu bekommen und loszulegen. Offenbar gibt es aber eine Käuferschicht, die das nötige Kleingeld besitzt und bei denen der “Mythos Leica” voll eingeschlagen hat. Die steigende Nachfrage nach allen analogen M-Modellen erklärt sich nicht daraus, dass es plötzlich so viele Sammler gibt. Nein, das sind alles Anwender. Sie wollen ein funktionierendes Gerät. Ein schlagendes Argument bei allen analogen Leicas bleibt, dass sie im Gegensatz zu vielen anderen klangvollen Namen weiterhin gewartet werden können und Ersatzteile existieren. Hinzu kommt die nahezu unüberschaubare Masse an M-Bajonett- und LTM-Objektiven, die aus den letzten 90 Jahren verfügbar sind.
Die Leica IIIf mit 5cm Summitar. Sie war 2019 beim Customer Care, der sie überholte und einen neuen Verschluss spendierte. Ersatzteile für 70 Jahre alte Kameras. Man kann halbwegs funktionierende Schraubleicas für 400-500 Euro bekommen, für ein Exemplar in diesem Zustand muss man allerdings 1500-1800 Euro rechnen.
Eine geplante Obsoleszenz war bei der Entwicklung vieler Kameras lange Zeit nicht vorgesehen, nicht bei Zeiss, Nikon, Canon, Voigtländer etc. und schon gar nicht bei Leica, also tun’s die meisten Vintage-Modelle bis heute und können meist repariert werden. Selbst bei Leica ist das im digitalen Zeitalter vorbei. Ein trauriges Beispiel ist die M9, für die es bald keine Ersatzteile mehr gibt, namentlich wird der Sensor nicht mehr hergestellt. End of Story. Wer in sechzig Jahren eine Sony A7 in einer Schublade findet, kann sie gleich in der Tonne versenken, das ist klar.
Zurück zur Leica M6. Alle stürzen sich auf das Ding, weil sie einen Belichtungsmesser hat und ansonsten vollmechanisch ist. Gegenüber dem elektronisch gesteuerten Verschluss der M7 gibt es eine ungerechtfertigte Skepsis. Erinnert mich an die Sache mit der Nikon F3 mit einem ebensolchen Verschluss, die wollte nach der F2 auch kein Profi haben. Sie wurde dann das am längsten gebaute Kameramodell überhaupt und war für ihre Zuverlässigkeit berühmt. Natürlich kann der Nikon F3 oder einer M7 der Saft ausgehen und nur die Notbelichtungszeiten funktionieren, aber an einer mechanischen Kamera kann auch was schief laufen. Wie auch immer, die M6 wird also von vielen als die “Spitze der Evolution” der mechanischen Kameras gesehen (aber das sehe ich anders, siehe nächster Absatz). Unabhängig von der M6 ist die Nachfrage nach den vollmechanischen M-Bodys insgesamt gestiegen, mit dem entsprechenden Effekt auf die Preisentwicklung.
Die Leica M4 in schwarzem Chrom, Sondermodell “50 Jahre” (mit 5cm Summicron I)
Für mich war die M4 “Klassik” (also nicht die M4-2) der Höhepunkt der mechanischen M-Leicas. Nach der M3 war sie mit einigen haptischen Verbesserungen ausgestattet (Film laden und zurückspulen), der Sucher hatte die optimale Vergrößerung und alle Teile und Materialien in der Kamera waren nur vom feinsten, was Leica nach dem M5-Debakel nicht mehr aufrechterhalten konnte. Das Messfeld im Sucher der M6 neigt z.B. bei bestimmten Winkeln zum Licht zum überstrahlen, das wird einer M4 nicht passieren. Das Vorhandensein des Belichtungsmessers der M6 allein gleicht das edle Innenleben einer M4 nicht aus.
Die M6 TTL ist bei mir immer im Einsatz, wenn es schnell gehen muss, wie hier beim Schauspiel “Don Quichote”
Das gesagt, ist die Leica M6 trotzdem eine Super-Kamera, die ich bei vielen Events und Reisen dabeihatte. Sie ist für mich immer dann erste Wahl, wenn bei Shootings mit ständig wechselnden Lichtverhältnissen zu rechnen ist. Natürlich ist das praktisch, mit der Kamera am Auge die passende Zeit einzustellen, vor allem bei der Leica M6 TTL, deren Zeitenrad sich leichter bedienen lässt als das der “Klassik” Leica M6 (die ich früher hatte). Aber man muss sich mit der Lichtmessung bei annähernd konstanten Verhältnissen auch nicht unnötig unter Druck setzen. Ich habe z.B. ein Konzert der Musikschule mit der Leica IIIf fotografiert und genau ein einziges Mal (vor Beginn) gemessen.
Musical, in der Garderobe. Leica M6 TTL mit 35mm Summilux, Kodak P3200
Anfang 2018 hatte ich das Glück, eine original verpackte schwarze M6 TTL mit 0,85 Suchervergrößerung zu ergattern, noch bevor die Preisspirale richtig losging. So, wie es heute aussieht, wird gerade diese Ausführung besonders gesucht, sie ist mittlerweile fast das doppelte Wert. Fancy that.
In Paris. Leica M4 mit 35mm Summilux, Kodak T-Max, Orange Filter
Und wenn es nicht so schnell gehen muss, liebe ich meine M4 in schwarzem Chrom. Meist habe ich sie im Urlaub dabei, treuer Begleiter bei Wanderungen und in Städten, selbst beim Skifahren. Auch die hat ihren Wert seit Erwerb erheblich gesteigert, ebenso wie meine M2 und die Schraubleica IIIf, zumal ich die alle schon mal zum CLA hatte. Also, das mit der Wertsteigerung ist ja ganz erfreulich für mich, aber wie lange kann das gehen?
Leica stellt noch zwei analoge Bodys her, die M-A, welche praktisch der M3 nachempfunden ist und die M-P, die mit Belichtungsmesser der M6 TTL ziemlich nahekommt (aber doch haptisch unterlegen ist, wegen des blöden Rückspulknopfs). Beide Modelle sind oft längere Zeit nicht lieferbar, auch jetzt ergab ein schneller Blick in die Stores, dass zur Zeit nur die M-P in Chrom zu bekommen ist. Die kostet freilich auch 4600 Euro. Das verrückte ist ja, dass für neuwertige M6 TTL-Modelle teilweise noch mehr bezahlt wird. Aber weil es nicht genügend “neue”analoge Kameras gibt (und schon gar keine billigen) erhöht das den Druck auf die Nachfrage der gebrauchten Modelle, selbst abgestoßene Veteranen werden problemlos vertickt.
Ende letzten Jahres gab es auf Leica Rumors die Meldung, dass Leica möglicherweise eine “günstige” analoge M herausbringen will (was immer “günstig” bei Leica heißen mag). Das Gerücht (ohne Quellenangabe) wurde sofort von diversen Webseiten weiter verbreitet, seit Januar hat man nichts mehr davon gehört. Bedenkt man die offensichtlich hohe Nachfrage, könnte eine preislich attraktive Resurrektion der M6 wie eine Bombe einschlagen. Man darf also gespannt sein, ob an dieser einen, einsamen und seither unbestätigten Meldung was dran war.
Die Leica M2 “Button-Rewind” aus 1958 in perfektem (und voll funktionsfähigem) Zustand. Ich kaufte sie vergleichsweise günstig schon 2012 und schickte sie vor ein paar Jahren zum Customer Care von Leica, die das Schmuckstück generalüberholten.
Unterm Strich bleibt, dass ich froh bin, mich rechtzeitig mit meinen Wunschkameras eingedeckt zu haben. In dem Segment gibt es keine Schnäppchen mehr, ausser man erbt ein gutes Stück wie meine Bekannte vom Anfang des Artikels. Für Neueinsteiger kann ich nur den tröstlichen Rat geben, dass es da draussen eine Unmenge analoge (vor allem SLR-) Kameras gibt, die für sehr viel weniger Geld hohe Bildqualität liefern.
Zum Tod von Erwin Puts
Mit großem Bedauern habe ich das Ableben von Erwin Puts zur Kenntnis genommen. Als ich vor einigen Jahren in die Leica-Gefilde vorstieß, wurde mir sein Name zum Inbegriff der Expertise über alles, was Leica betraf, insbesondere der Objektive. Er war Leica sein Leben lang verbunden, erst im letzten Jahr wackelte seine Hingabe, da er die Marketing-Strategien der Leica-Camera-AG nicht mehr mit seinen persönlichen Ansichten vereinbaren konnte. Ich hoffe nicht ohne Eigennutz, dass seine Webseite, die mit viel Wissen angefüllt ist, weiterhin im Web bleibt. Auch durch seine Bücher wird er der Leica-Welt in Erinnerung bleiben, wegen seines umfangreichen geistigen Erbes wird er nicht in Vergessenheit geraten.
Théoden in J.R.R. Tolkien’s “The Return of the King”
Visit Macfilos for an English version of this article.
Die erste analoge Leica, die ich mir vor Jahren angeschafft hatte, ist eine M3 aus dem Jahr 1955. Sie ist ein “DS” (Doublestroke), “Doppelschwung”-Modell, d.h. man muss den Transporthebel zweimal betätigen um den Verschluss zu spannen und den Film zu transportieren. Dann hat sie noch ein “Vorlaufwerk” (VLW), sprich Selbstauslöser, ein niedlich schnurrendes Federwerk. Dass diese Kamera vollmechanisch ist, sage ich nur für die, die mit analogen Leicas nicht so vertraut sind. Das heisst: Selbstverständlich kein Belichtungsmesser. Dafür sind alle Komponenten der Kamera aus erstklassigem Material, verschleissfest, zuverlässig. Ein leiser Schlitzverschluss aus gummiertem Tuch, der bis zu einer 1/1000 Sekunde Belichtungszeit zulässt, dazu der damals neu konzipierte Messsucher, der bis heute als einer der Besten jemals hergestellten gilt.
Die M3 ist legendär und wird von Leica-Enthusiasten als die beste Kamera aller Zeiten gehandelt. Das werden die Nikon-, Canon-, Fuji-, Rollei- oder Hasselblad-Leute möglicherweise nicht unwidersprochen hinnehmen, aber einigen wir uns mal darauf, dass sie auf jeden Fall Geschichte gemacht hat. Und zwar sowohl Industriegeschichte als auch Weltgeschichte, denn diese wurde in den 20 Jahren nach Einführung der M3 wohl hauptsächlich damit dokumentiert. Gerade die oben zitierte Zuverlässigkeit machte sie zum Standard-Werkzeug fast jedes Fotoreporters. Sie wurde durch den Dreck aller Krisen- und Kriegs-Gebiete der 60er und 70er Jahre geschliffen.
Als ich Anfang 2012 meine M3 bekam, hatte sie möglicherweise vorher einige Zeit im Lager verbracht. Trotzdem funktionierte sie einwandfrei, schon die erste Rolle Kodak TMax, die ich verschoß, blieb ohne Fehlbelichtungen. Ich benutzte die Kamera von Zeit zu Zeit ohne Probleme, das letzte Mal 2015 bei der Aufführung vom “Tanz der Vampire“. Danach bevorzugte ich die M2, und zwar weil ich bei ihr auch 35mm-Objektive benutzen kann, ohne Extra-“Brille” für den Messsucher ( bei der M3, deren Messsucher auf 50mm optimiert ist). Nachdem ich die M2 dann noch zur Überholung ins Werk gesandt hatte, wurde sie mein “Favorit”. Dann kam plötzlich ein gewisser Sammelwahn auf, eine M4 und M6 gesellten sich dazu, die M3 war völlig abgeschrieben.
Sylt: Am Ellenbogen. Leica M3 mit 35mm Summicron bei f/5.6 1/1000sec Kodak Portra 160
Ein Kittschaden?
Trotzdem nahm ich sie gelegentlich zur Hand. Das Sucherbild war recht gelblich geworden, und das wunderte mich. Das und das recht trockene Vulkanit der Belederung bewogen mich dazu, sie auch zur Überholung einzusenden. Tatsächlich war das mit dem Messsucher ein ernsthaftes Problem, ein sogenannter “Kittschaden”. Im Lauf der Jahre würde das Sucherbild immer dunkler werden, der Original-Messsucher war irreparabel geschädigt. Man könnte sagen, das ehrwürdige Stück litt unter dem grauen Star. Der Customer Care teilte mit mit, dass es diesen Sucher als Ersatzteil nicht mehr gibt, aber ein Sucher einer M6 TTL eingebaut werden könne. Dazu gab ich mein Einverständnis.
Sylt: Abends am Hauptstrand. Leica M3 mit 35mm Summicron bei f/5.6 1/1000sec Kodak Portra 160
Ein echter Sammler hätte möglicherweise anders entschieden, um die Kamera im Originalzustand zu erhalten. Aber darum ging es mir nicht. Das Teil hat 62 Jahre tadellos funktioniert, und mit dem neuen Messsucher kann sie ohne weiteres noch mal so lange machen, statt in einer Vitrine zu verstauben (eigentlich eine dämliche Redewendung, “verstauben” wohl eher nicht, dafür sind Vitrinen ja da). Wenn ich auch zugebe, dass ich eine gewisse Sammelleidenschaft entwickelt habe, so lege ich Wert darauf, dass meine Kameras tadellos funktionieren. In diesem Fall kommt mir der erzwungene Austausch des Messsuchers sogar entgegen, denn das nimmt mir die Haupt-Hemmschwelle zur Benutzung der Kamera. Endlich kann ich problemlos ohne lästigen Aufstecksucher 35mm-Objektive daran verwenden. Der neue Sucher hat eine Vergrösserung von 0,85 (gegenüber 0,73 bei der M10) und fünf Sucherrahmen (35, 50, 75, 90, 135). Die zusätzliche Option von 35 und 75mm erhöht die Vielseitigkeit der Kamera.
Sylt: Am roten Kliff. Leica M3 mit 35mm Summicron bei f/5.6 1/1000sec Kodak Portra 160
Sie kam kurz vor dem Sylt-Urlaub wieder bei mir an (ich hatte sie im August eingeschickt), just zu der Zeit, als mich das Mittelformat-Fieber packte und ich die Texas-Leica in Gebrauch nahm. Beide Kameras kamen also mit nach Sylt, mit dem Unterschied, dass ich mir um die tadellose Funktion der M3 keine Sorgen machen musste. Bei der Fuji GW 690 riskierte ich es einfach. Die M3 war eigentlich meine Hauptkamera in dem Urlaub, weil ich die Fuji ja nur “testete”.
Sylt: Am Hafen von List. Leica M3 mit 35mm Summicron bei f/5.6 1/1000sec Kodak Portra 160
Diese Jahr wird vermutlich in meine persönliche “Entwicklungsgeschichte” (Wortspiel beabsichtigt) als “analoges Jahr” eingehen (z.B. war 2016 das Jahr der “Q”), soviel Film habe ich vermutlich seit 1998 nicht mehr verschossen. Im Frühjahr mit der M2 (z.B. die Hochzeit), im Sommer mit M4 am Gardasee und in Frankreich, im Herbst mit M6 in Schottland. Und jetzt Sylt.
Sylt: Sturm. Leica M3 mit 35mm Summicron bei f/5.6 1/1000sec Kodak Portra 160
Aber nein, ich betone es immer wieder: Das ist keine Abkehr vom Digitalen. Wenn ich es mir bequemer machen will, greife ich selbstverständlich zur M10 und zur Q, beides die besten digitalen Kameras, die ich mir vorstellen kann.
Sylt: Am Morsum Kliff, Gegenlicht. Leica M3 mit 35mm Summicron bei f/8.0 1/1000sec Kodak Portra 160
Ganz zum Schluss, für die, die vielleicht nicht so weit weg von Vlotho wohnen, noch eine Einladung zum Oratorienkonzert der Kantorei St.Stephan, in der ich im Bass (mal bass , mal besser) mitsinge. Der absolute Klassiker dieser Jahreszeit, das Weihnachtsoratorium von Bach. Wer da nicht in Weihnachtsstimmung kommt, dem ist nicht zu helfen. Hier das Konzertplakat:
Die Kooperation mit Macfilos hat sich als sehr fruchtbar erwiesen. Der Austausch mit Mike macht viel Spass und wir erforschen gemeinsam linguistische Tiefen… Es ist schön, dadurch mit einigen Inhalten auch eine internationale Leserschaft zu erreichen, von denen einige (trotz der Sprache) regelmäßig auf meiner Seite “vorbeischauen”. Mein Fuji X-70 Review war auf Fuji Rumors verlinkt, gleichermaßen wirkt es motivierend, wenn meine Artikel Trackbacks von so renommierten Kurator-Seiten wie Thomas Menk erhalten.
Aber ich habe diese Einleitung nicht geschrieben, um mit meinen – möglicherweise nur aus meiner Perspektive vorhandenen – Leistungen anzugeben, sondern damit zu begründen, dass ich es in nächster Zeit etwas ruhiger angehen will.
Leica M6, 35mm Summilux, Kodak Tri-X: Auf dem Markt in Vallon. Als ich mich näherte, auf die Paella-Pfanne zeigte und fragte, ob ich ein Bild machen kann, wollte die Köchin dafür zur Seite treten, aber ich protestierte: “Mais non, Madame, avec vous naturallement!” Madame stellte sich gutgelaunt in Pose und ich konnte ganz entspannt mein “Street-Foto” machen. Diese “offene” Herangehensweise ist angenehm und fair, wer nicht fotografiert werden will, kann es ja sagen. Leider funktioniert das nicht, wenn es darauf ankommt, eine Szene einzufangen, die sich nie entwickeln würde, wenn die Beteiligten vom Fotografen wüssten. Von Moral und Ethik der Street-Fotografie mal abgesehen bin ich jedesmal erschüttert, wenn Bilder als “Street” präsentiert werden, die lediglich Leute zeigen, die vorbeigehen oder vielleicht an einer Bushaltestelle stehen. So etwas hat höchstens erkennungsdienstliche Relevanz.
Es beginnt die Ferienzeit und ich habe vor, etwas größere Intervalle zwischen den Blogs zu lassen, denn ich gebe offen zu, dass das alles in den letzten Monaten sehr viel (Frei-)Zeit gekostet hat, die ich sonst anders verwendet hätte. Im Augenblick habe ich fast das Gefühl, dass sich sowieso nicht so viel Neues tut. Alle scheinen schon für den Herbst in Lauerstellung zu sein, da man erwartet, dass Leica auf der Photokina eine M240-Nachfolge wenn nicht vorstellt, dann zumindest konkret ankündigt. Viele hoffen auch auf eine Version der Leica Q mit längerer Brennweite. Alles deutet darauf hin, dass deren Wünsche erhört werden.
Meine Haupt-Kamera ist und bleibt solange die M240, aber die Leica Q hat sich auch für meine Zwecke als sehr wertvoll erwiesen. Daneben habe ich mich auch wieder mehr als im Vorjahr mit analoger Fotografie beschäftigt. Die M3 ist zum Einsatz gekommen, und ganz unauffällig taucht auf einmal eine M6 auf, die ich im April erwarb. Meine M2 habe ich zum Customer Service geschickt, wo sie seit Wochen auf eine Grundüberholung wartet. Der Andrang dort scheint sehr groß zu sein, zum Glück hat es bei mir keine Eile.
Leica M6, 35mm Summilux mit ND-Filter 0,9 und Kodak Tri-X: Am Strand beim Pont d’Arc.
Was bringt mir eigentlich das Analoge?
Zum einen ist da das unvergleichliche Gefühl, das man hat, wenn man mit solchen Kameras wie der M2, M3 oder M6 arbeitet. Für tote Gegenstände haben diese Dinger überraschend viel Charakter. Das andere ist, dass es nicht schadet, die durch all die Automatiken verkümmerten “fotografischen Sinne” zu schärfen. Man kann z.B. Farb-Umkehrfilm nicht gnadenlos über- oder unterbelichten, also muss man je nach Motiv und Licht abwägen, ob man auf die Schatten oder auf die Highlights belichtet und welcher Kompromiss dabei am besten funktioniert. Natürlich kommt es auf die Sorte Film an, die man in der Kamera hat. Während Kodak-Tri-X fast alles mitmacht und brutal gepusht oder gepullt werden kann (allerdings muss man dann auch so entwickeln), straft einen Fuji Provia mit unbrauchbaren Positiven, wenn man nur auf die Highlights belichtet.
Außerdem macht einem die Beschäftigung mit analogen Bildern klar, wie verwöhnt wir mittlerweile durch unsere Digitalkameras sind. Selbst Smartphones übertreffen an Auflösung und Schärfe alles, was je im Kleinbildbereich normal war. Und gerade darum wird um so deutlicher, dass Fotografie etwas anderes ist als technische Brillanz der Bilder. Die berühmten Aufnahmen des letzten Jahrhunderts (nicht wenige davon aus Leicas) brauchten keine digitale Perfektion, ihre Botschaft zu übermitteln. Das sollte sich mal jeder klar machen, der sich darum sorgt, ob der Sensor seiner Kamera auch im Ranking bei DxO ganz oben steht…
Im Blog “Wo Licht ist, ist auch Schatten” habe ich darüber gesprochen, dass mir analoge Bilder helfen, den eigenen Geschmack für das Aussehen meiner digitalen Bilder zu formen. Es geht gar nicht darum, den “Filmlook” dogmatisch als den einzig richtigen darzustellen, aber es ist immer ein guter Ausgangspunkt. Natürlich wäre es geradezu kleingeistig, die kreativen Möglichkeiten zu opfern, die digitale Bildbearbeitung bietet, nur weil man sich die Limitationen von Film selbst auferlegt.
Leica M6, 90mm Macro-Elmar, Kodak Tri-X
Leica M6, 90mm Macro-Elmar, Kodak Tri-X
Leica M6, 35mm Summilux, Kodak Tri-X
Leica M6, 35mm Summilux, Kodak Tri-X
Ein Vergleich
Trotzdem finde ich den Vergleich Analog/Digital immer interessant, jeder kann seine eigenen Schlüsse daraus ziehen. Schon vor der Fahrt an die Ardèche hatte ich beschlossen, neben dem universell einsetzbaren Kodak Tri-X auch mal wieder Farbnegativfilme auszuprobieren. In der Vergangenheit hatte ich mit Kodak Ektar gute Erfahrungen gemacht, zu Himmelfahrt legte ich aber eine Rolle Fuji Superia in die M6 ein. Da ich gleichzeitig mit der M240 oder der Q ähnliche Motive fotografierte, gibt es daher ein paar vergleichbare Bilder. Dabei kam mir noch der Gedanke, nicht nur das analoge mit dem digitalen Bild zu vergleichen, sondern auch mal zu sehen, inwieweit eine Filmemulation dem “Real Thing” nahe kommt. Also exportierte ich die digitale Datei nach DxO-Film Pack 5 und legte den entsprechenden Film darüber. Tatsächlich muss ich zugeben, dass das Ergebnis dem Original verblüffend ähnlich sieht, mit der Einschränkung, dass ich das Blau des Himmels noch nach Türkis verschieben musste, um die Ähnlichkeit vollkommen zu machen. Allerdings war “Der Blick ins Wesertal” (im ersten Dreier-Set unten) das das einzige Bild, bei dem ich ausser der Tonwertkontrolle etwas änderte. Alle anderen sind “clean”, d.h. keine Eingriffe in das Farbprofil, entweder es ist Adobe Standard oder die ausgewählte Filmemulation, wie sie in DxO Filmpack eingestellt ist.
Leica M6, 28mm Elmarit, Fuji Superia: Das Wesertal bei Vlotho
Leica Q, DxO FilmPack Emulation Fuji Superia, Blau des Himmels nach Türkis verschoben
Leica Q, Adobe Standard Farbprofil
Leica M6, 28mm Elmarit, Fuji Superia: Kirmes in Rinteln
Leica M240, 28mm Elmarit, Farbprofil Adobe Standard
Bei all diesen Fotos gibt es immer drei Varianten:
Das analoge Bild, eingescannt vom Negativ oder Positiv mit Nikon CoolscanV ED, Tonwertkontrolle in Lightroom
Das digitale Bild mit der entsprechenden Filmemulation überlagert. Tonwerte eingestellt.
Das gleiche Bild mit dem Adobe-Standard Farbschema, wie es normalerweise verwendet wird.
Leica M6, Fuji Superia und das digitale Vergleichsfoto aus der Leica Q mit und ohne Filmemulation
M3 und M6 im Gepäck
Mit ungebrochener Experimentierfreudigkeit nahm ich gleich zwei analoge Kameras mit an die Ardèche: Die M3 und die M6. Die M6 wurde mit Kodak Tri-X versehen, während die M3 mit Fuji Velvia 50 geladen wurde, weil ich mal wieder Farb-Umkehrfilm verwenden wollte. Ich war neugierig, wie dieser Film die Landschaft dort wiedergeben würde. Bei einer Wanderung durch die Schlucht machte ich eine Reihe von Bildern parallel, wenn ich auch nicht so weit ging, auch noch das gleiche Objektiv zu benutzen. Das viele Wechseln erschien mir zu umständlich, und man muss die moderne Geissel der Sensoren, den Staub, ja nicht mehr einladen als nötig. Die M3 hatte das 28mm Elmarit davor, die M240 das 35mm Summilux.
Leica M240, 35mm Summilux Asph., Farbprofil Adobe Standard
Fuji Velvia ist von jeher für intensive Farben und Kontrast bekannt und für diese Landschaft ist das (eigentlich) o.k., mit der Randbemerkung, dass ich den Grad an Sättigung bei einer digitalen Datei nicht einstellen würde. Aber das kommt eben mit dem Paket. Überraschend gut finde ich übrigens die Palette an Grüntönen, die Adobe Standard in den Schatten stellt, das findet sich auch bei der DxO-Emulation wieder. Ich muss sagen, dass ich bei den digitalen Bildern die Farben der Filmemulation besser finde, bei den Grüntönen kann man beinah von Tonwerttrennung sprechen.
Leica M240, 35mm Summilux Asph., Farbprofil Adobe Standard
Und die Konsequenz aus diesem Vergleich? Eigentlich zeigt sich nur, dass man sich immer wieder klarmachen muss, dass gerade bei Farbfotografie entweder der Film oder der Sensor (respektive das Farbprofil der Software) bestimmen, wie die natürlichen Farben wiedergegeben werden und das in keinem Fall der Realität entspricht, ihr im besten Fall höchstens nahekommt. Was wirklich im Bild erscheint, obliegt ausschliesslich dem persönlichen Geschmack des Fotografen. Aber sehen wir es mal positiv: Alles ist erlaubt, solange es nur irgendjemandem gefällt. So gesehen ist die Schwarzweissfotografie vielleicht ehrlicher, die die Welt nur in Grautöne unterteilt, aber selbst da…
Leica M3, 28mm Elmarit, Fuji Velvia: Im Tal der Ardèche
Wie alles, was irgendwie mit analoger Fotografie verbunden ist, hat auch dieser Artikel unverhältnismässig viel Zeit und Mühe verschlungen gemessen an dem, was dabei herausgekommen ist. Warum tue ich mir das eigentlich an? Ich könnte es so viel bequemer haben, kein Mensch würde sich beschweren, wenn ich kein Wort über Analoges verliere. Die Antwort ist ganz einfach: Trotz all der Arbeit finde ich den Prozess des hybriden Workflows faszinierend und ich freue mich, dass ich die alten Kameras noch benutzen kann und sie nicht zu reinen Sammlerstücken degradiere. Jede davon ist ein Triumph der Feinmechanik und Optik.
Möglicherweise werde ich das Tempo der Veröffentlichungen in den Sommermonaten etwas bremsen – wie ich Eingangs erwähnte, ich kann nicht immer nur Blogs schreiben. Bis zum Urlaub sind es noch ein paar Wochen (wo es hingeht, wird nicht verraten), vielleicht kommt noch ein Artikel von Macfilos, wenn Mike was für mich hat.
Wer mal im “alten” Blog gestöbert hat, wird sich an das obige Motiv erinnern, es ist die Burgruine von Salavas bei Vallon Pont d’Arc. Es ist das Erste, was ich sehe, wenn ich morgens aus dem Zelt steige. Vielleicht kennt der eine oder andere das auch, es gibt Motive, die muss man geradezu zwanghaft immer wieder ablichten, dazu gehört für mich dieses Gemäuer. Das Licht macht morgens und abends verrückte Sachen mit dem Ding, man kann es tausend Mal fotografieren und immer ist es anders. Dieses Foto ist vom letzten Freitag. Ich stelle es ganz am Ende des Artikels nochmal ein, weil man das Beitragsbild selbst nicht größer betrachten kann.
Aber wer nicht mit meinen jährlich wiederkehrenden Ritualen vertraut ist, dem sollte ich vielleicht erklären, warum ich aus einem Zelt steige. Die Kanu-AG des Wesergymnasiums Vlotho, der ich seit mehr als dreissig Jahren angehöre, fährt jedes Jahr zum Wildwasser-Kanu-Fahren an die Ardèche. Etwa 25 Schüler und noch mal so viele “Ehemalige” treffen sich dort jedes Jahr zum Zeltlager. Wer mehr über die Hintergründe erfahren will, kann nochmal hier oder hier nachsehen, der letztere Link ist quasi ein Review zur Leica M240, die ich damals gerade wenige Wochen hatte und dort auf Herz und Nieren prüfte.
Am Wahrzeichen von Vallon, dem Pont D’Arc
Die Woche dort ist jedes Mal eine fotografische “Tour de Force” für mich. So sehr ich mir auch vorher gelobe, mich zurückzuhalten, kann ich doch nicht die vielen Gelegenheiten einfach ignorieren. Vier Kameras waren dabei:
Natürlich die M240, mein treues “Workhorse”, unbedingt wichtig als Systemkamera mit der Möglichkeit, auch längere Brennweiten zu nutzen.
Die Leica Q, zum ersten Mal – und was sie zusätzlich zur M240 leisten kann, ist eine echte Bereicherung.
Zwei analoge Kameras, meine M3 und eine M6 (die ich kürzlich erwarb). Die Entwicklung der Filme dauert naturgemäß etwas, vermutlich schreibe ich später dazu etwas separat.
Man kann dort alle möglichen Genres abarbeiten, z.B.:
Landschaft – reichlich vorhanden
Architektur – z.B. Pont du Gard
Sport – Aufnahmen am Schwall
Porträt – viele fotogene Teilnehmer
Low-Light – Besuch der Höhlen oder Abends im Zeltlager
Reportage – alles, was so während der Woche passiert
Street – ich zögere etwas, das hinzuzufügen, denn mein Besuch verschiedener Städte und Märkte dort dient mehr dazu, das “Lokalkolorit” einzufangen. Einiges davon kann als Street-Foto durchgehen, aber ich schüttele immer den Kopf, wenn andere vorbeieilende Passanten fotografieren und das als “Street” bezeichnen. So etwas wird man bei mir eher nicht finden.
Und weil das immer alles ziemlich gleichzeitig stattfand, versuche ich mit der Trennung in Genres hier im Beitrag etwas Ordnung hereinzubringen, sonst verliere ich selbst den Überblick.
Aber jetzt beginne ich doch erst chronologisch: Ich habe mir angewöhnt, lieber einen Tag früher als der Rest der Truppe vor Ort zu sein, einfach, weil man sich nach einer durchfahrenen Nacht etwas akklimatisieren kann. Selbstverständlich fahre ich nicht allein, sondern mit mir im T5 waren Andreas, ebenfalls regelmässiger Teilnehmer der Fahrt und Jürgen “Bulli” Grundmann, Liedermacher aus Bielefeld, der gebürtiger Vlothoer ist und ebenso wie wir alle als Schüler zur Kanu-AG stieß.
Nachdem ich mich auf dem Campingplatz “Le Chauvieux” häuslich eingerichtet hatte, fühlte ich mich frisch genug, gleich dem Nachbarörtchen Barjac einen Besuch abzustatten, denn dort ist Freitags Markt. Weil ich mich dennoch ein bisschen groggy fühlte, beschloss ich, einfach nur die Leica Q mitzunehmen und sie wie eine “Point and Shoot” zu benutzen, da muss ich mir nicht so viel den Kopf über Einstellungen zerbrechen. Ich schlenderte über den Markt und durch die altehrwürdigen Gassen des Weilers und genoss das südfranzösische Ambiente. Ab und zu knipste ich drauflos. Blende f/4 oder so und einfach nur abdrücken. Von einem Touristen wird auch nichts anderes erwartet.
Mittags war ich immer noch nicht wirklich Müde, darum kam mir die Idee, die Tropfsteinhöhle “Aven d’Orgnac” zu besuchen, die praktisch am Weg lag. Zwei Dinge sprachen dafür: Die einsetzende Mittagshitze, die den Gedanken an die Höhle, in der konstant 11°C herrschen, schmackhaft machte und mein Ehrgeiz, die Bildstabilisierung der Leica Q zu testen. Im letzten Jahr hatte ich die gerade neu eröffnete “Kaverne” mit der Fuji X100 T besucht und mit dieser Kamera dort sehr zufriedenstellende Ergebnisse erzielt, auch sie wäre für eine Tropfsteinhöhle erste Wahl, aber die Q mit der leicht kürzeren Brennweite und vor allem mit der Bildstabilisierung ist perfekt. Ich konnte gestochen scharfe Bilder mit einer 1/4 Sekunde aus der Hand machen, sogar bis auf f/3.5 abblenden und war immer noch bei ISO 200. Wer hat da noch Schiss vor Banding und warum eigentlich?
Die Aufnahmen aus der Höhle sind alle mit 1/4 oder 1/8 Sekunde aus der Hand gemacht. die Bildstabilisierung sorgt für gestochen scharfe Ergebnisse
Am nächsten Morgen erwachte ich früh und voller Tatendrang (keine Sorge, es geht nicht so minutiös weiter). Ich fuhr nach Uzès, eine kleine schnuckelige Stadt bei Nimes, die ich das letzte Mal 2012 besucht hatte. Zufällig war dort Markt… ich war diesmal nur bedingt faul und hatte neben der Leica Q auch die M6 mit, fest entschlossen, eine Rolle Kodak Tri-X durchzubringen. Leider wurde mein Enthusiasmus etwas gedämpft, als die Batterie des Belichtungsmessers den Geist aufgab. Ich fühlte mich etwas gedemütigt, hatte ich doch gerade erst Bill Palmer in den Kommentaren auf Macfilos erklärt, wie gut die in den analogen Modellen halten. Nun hatte ich die M6, ein Exemplar in fabrikneuem Zustand aus den 90ern, von Meister in Hamburg erstanden. Die Batterien waren darin und pfiffen vermutlich schon länger aus dem letzten Loch. Ich hatte offensichtlich die letzten Elektronen herausgequetscht. Zum Glück sind die benötigten Knopfzellen ziemlich verbreitet, man bekommt sie selbst in Drogeriemärkten . Uzès hingegen ist sogar groß genug für ein Fotogeschäft und der freundliche Inhaber zückte sofort die passenden Modelle. Ein Leuchten ging über sein Gesicht, als ich ihm die M6 reichte (ist das nicht verrückt? Die Leicas erzeugen im Netz gelegentlich Hass, aber sonst nur positive Gefühle). Er führte mich nach erfolgreichem Wechsel in eine hintere Ecke des Ladens und zeigte mir ein Regal mit recht abgewrackten Kameras, diverse Voigtländer, Konikas, Praktikas, Laufboden- und Messsucherkameras. Fast hätte ich ihm eine Kodak Brownie abgekauft, erinnerte mich aber im letzten Augenblick, dass ich eigentlich kein Sammler bin.
Wenige Kilometer von Uzès entfernt ist das Pont du Gard. Da ich nun so nah war, besuchte ich dieses eindrucksvolle Bauwerk wieder. In jungen Jahren war ich noch durch die Wasserleitung ganz oben gelaufen und hatte abends in luftiger Höhe den Sonnenuntergang bei einem Glas Wein mit meiner Ex-Freundin (heute ist sie meine Frau) genossen. Das ist natürlich nicht mehr möglich, alles hübsch abgesperrt, wer weiss, wie viele von da oben runtergesegelt sind…
Am Nachmittag kam der Bus und der hintere Teil des Campingplatzes verwandelte sich in einen Bienenschwarm. Oder vielleicht wäre der Vergleich zu einem Ameisenhaufen passender, in Nullkommanichts wurde das Lager mit Küchen-, Vorrats-, Gemeinschafts- und Materialzelt aufgestellt, von den Schlafzelten ganz zu schweigen.
Foto im Slider vorn: Das Wiedersehen
Schon am nächsten Morgen fuhr ein Teil der Gruppe etwas Flussabwärts zum grossen Schwall beim Pont D’Arc, dem Wahrzeichen von Vallon, um dort zu üben. Ich hatte dort schon letztes Jahr recht actionreiche Fotos machen können, indem ich ein gutes Stück in den Fluss hineinwatete. Leider war aber dieses Jahr der Wasserstand spürbar höher, der Druck schon ein kleines Stück vom Ufer entfernt so gross, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis es mich von den Beinen reissen würde. Nicht so schön, wenn mit Kamera und Objektiv gut 10.000 Euro versenkt werden. Warum nicht einfach ein Tele benutzen? Nun, weil es nicht das Gleiche ist. Der Bildwinkel wird mit steigender Brennweite immer “Paparazzi-mäßiger”. Das muss nichts schlechtes sein, als ich so am Ufer stand, mein mickriges 90mm betrachtete und mir mehr Reichweite wünschte, sehnte ich plötzlich mein 80-200mm R-Vario-Elmar herbei, das ich auf dem Campingplatz gelassen hatte.
Zum Surfen in die vorderste Welle fahren, sieht einfacher aus als es ist
Trotzdem konnte ich auch mit dem 90er Macro-Elmar einiges ausrichten. Zumal es gegenüber dem R-Objektiv den Vorteil hat, dass ich es durch den Messsucher fokussieren kann und nicht auf den elektronischen Sucher von unterirdischer Qualität angewiesen bin, für den es nie ein Upgrade gegeben hat, was ich mir vor zwei Jahren erhofft hatte. Ein Vögelchen namens Steve H. zwitscherte mir, dass die nächste M einen Hybrid-Messsucher hat, dann sind solche Warzen überflüssig.
Immer hübsch der Reihe nach
An dieser Stelle kommt mein üblicher Vortrag über das manuelle Fokussieren von bewegten Objekten. Es wird weiterhin oft unterstellt, dass man mit einer Messucherkamera ungefähr nur Stilleben fotografieren kann. “Au contraire“, kann ich nur sagen, alles Übungssache. Natürlich hat alles seine Grenzen (wozu habe ich die Leica Q?), aber mit etwas Geschick und der richtigen Technik kann man problemlos auch auf bewegte Motive fokussieren. Erste Option: Man fokussiert auf einen Punkt und lässt das Objekt an diese Stelle kommen, löst dann aus – Bingo, Bild im Kasten. Zweite Möglichkeit (für Fortgeschrittene): Nachverfolgung, man dreht dabei ständig den Distanzring vor- und zurück und korrigiert so etwa alle halbe Sekunde neu, die Kongruenz im Messfeld ist leichter zu erkennen, wenn man immer wieder kurz aus dem Fokus geht. Es ist klar, dass man damit nicht sechs Bilder pro Sekunde macht, aber “spray and pray” ist auch nicht mein Stil. Obwohl es auch für Serienbild-Aufnahmen seine Gründe gibt, muss ich hinzufügen.
Diese junge Dame ist noch nie beim Kentern unten geblieben, sie bleibt selbst im dicksten Schwall cool.
Wer mit dem vollkommen überladenen XR-Trekking in den Schwall fährt, will einfach kentern…
Für alle, die noch nie in einem Kanu gesessen haben, sollte ich noch anmerken: Was da so spielerisch leicht aussieht, nämlich vorne in der Welle zu “surfen”, erfordert viel Mut und Geschick. Die Kräfte, die dort herrschen, sind enorm, beim geringsten Fehler wird man verschluckt, durchgekaut und wieder ausgespuckt. Nun ist das hier eine ungefährliche Sache, sonst käme das auch nicht in Frage.
Allerlei buntes Treiben am Strand, erstes Foto: “Boys will be boys”
Anschliessend wird die Hälfte der Schlucht befahren bis zu einer Stelle, an der die Boote über Nacht gelagert werden. Zu diesem malerischen Ort führt ein kleiner, steiler Wanderweg, der die etwa zweihundert Höhenmeter überwindet, die sich der Fluss in den Kalkstein gefressen hat. Unser langjähriger Busfahrer, der dort mittlerweile jeden Stein kennt, holt die Bootsfahrer am späten Nachmittag ab.
Panorama der Schlucht, Flussschleife kurz vor unserem “Haus-Schwall” Dies Bild ist aus 11 Einzelfotos zusammengesetzt, die ich mit M240 und 21mm Super Elmar machte. Übrigens aus der Hand.
Der “Haus-Schwall”, Langzeitbelichtung mit 21mm Super Elmar und ND-Filter (10 Blendenstufen). Ein bisschen Spielerei muss auch mal sein.
Das Kochen ist immer eine Gemeinschaftsaktion und hat Eventcharakter… Nebenbei bemerkt: Viele Köche verderben nicht notwendigerweise den Brei!
Die Abende im Lager sind kurzweilig: Zunächst ist das Kochen für über vierzig Leute meist eine Gemeinschaftsaktion, zu der sich jeder auf seine Weise einbringt. Nach dem Essen spielen die einen Fussball, die anderen gehen in Kleingruppen an den Fluss oder zur Burg (Salavas), meistens aber wird Musik gemacht.
Eine kleine Hörprobe von Bulli mit seiner Ukulele. Möglicherweise sieht man hier zum ersten Mal, dass er nur ein Bein hat. Das hindert ihn nicht daran, wie alle anderen Boot zu fahren und in die Schlucht zu steigen.
Schliesslich waren nicht weniger als vier Gitarren, zwei Ukulelen und ein Cachon dabei (sogar meine Querflöte), da liegt es nahe, dass es fast jeden Abend eine Gig gab. Dann hatten wir auch Leute mit, die erstaunliche Talente zeigten, zum Beispiel Feuerspucker. Das war der Moment, als die Leica Q ihre Qualitäten unter Beweis stellen konnte. Schneller Autofokus, low-light-Kapazität und Serienbildaufnahme in rascher Folge sind die Mischung, die man dafür braucht und die Q vereint das auf sich.
Leica Q mit schneller Serienbildfunktion
Ich habe keinerlei Skrupel, eine Kamera im Boot mitzunehmen. Meist die M240, das 28mm Elmarit davor und das 75mm Apo-Summicron zum Wechseln, so bin ich eigentlich für alles Unterwegs gewappnet. Das 75mm führt eigentlich zu Unrecht ein Schattendasein, bei Offenblende erinnert die Zeichnung zum Beispiel sehr an das 50er Summilux. Neben den Aufnahmen im Schwall ist es auch eine exzellente Porträtlinse:
Porträts mit dem 75mm Apo-Summicron
Das 50er Summilux hatte ich dieses Jahr gar nicht mit, kurz vor der Fahrt hatte ich mich entschlossen, es mal zur Wartung ins Werk zu schicken, mir kam es so vor, als hätte es einen leichten Backfokus entwickelt. Vielleicht nur 2-3 cm auf eine Entfernung von 2m, aber das entscheidet schon darüber, ob ein Auge beim Porträt im Fokus liegt oder nicht. Als 50mm-Alternative war mein Summicron dabei, ein altes Objektiv aus den 80er Jahren, aber immer noch exzellent. Es entspricht in der optischen Formel immer noch dem heute produzierten (nicht zu verwechseln mit dem 50er Apo-Summicron), ich hatte es ebenfalls schon mal überholen lassen. Dabei wurde es auch kodiert, das erspart lästige Einstellungen, die man sowieso immer vergisst. Ich habe es wieder häufig benutzt, auch mit ND-Filter 0,9, um bei Sonne mit Blende f/2 arbeiten zu können. Es produziert dann ein wunderschönes, ruhiges Bokeh, so dass ich mein Summilux gar nicht vermisste. Ausserdem hat es noch einen Vorteil: Es ist klein und leicht.
Mit dem 50mm Summicron
Ganz in der Nähe des Campingplatzes startet ein interessanter Wandertrail. Ein (meist) trockenes Flussbett windet sich vom Fluss aus in das Kalksteingebirge hinein, dabei muss man steile Stücke überwinden, Schwindelfreiheit des Wanderers obligatorisch. Obwohl ich schon so oft an der Ardèche war, hatte ich diese spezielle Wanderung noch nie gemacht, also wurde es Zeit. Zum Klettern wollte ich auf keinen Fall eine Kameratasche umhaben, für diesen Einsatz war die Q also prädestiniert, die ideale Wanderkamera. Nicht, dass ich nicht auch bei solchen Gelegenheiten bedenkenlos die M mit 35er oder 28er Objektiv umhänge, aber es geht eben immer noch ein wenig bequemer. Die Q störte mich nicht beim Klettern, ich hatte sie stets griffbereit quer über der Schulter etwas unterhalb der Brust hängen, wie beim Skifahren.
Spannende Wanderung das trockene Flussbett hoch
Da wir schon bei Landschaftsaufnahmen sind: Der Wanderweg durch die Ardèche-Schlucht selbst ist auch sehr attraktiv. Eines Nachmittags ging ich von unserem “Haus-Schwall” (das ist die Stelle auf etwa halber Distanz der Schlucht, wo wir meist die Boote über Nacht liegen lassen) ein gutes Stück flussabwärts. Auch dieser Weg wird niemals langweilig: Er windet sich am Ufer entlang, mal durch den Wald, mal über Sand oder Kies, man muss abgestürzte Felsen umklettern oder geht eine Weile über freigeschwemmte Kalksteinplateaus. Ich hatte die M240 und die M3, geladen mit Fuji Velvia mit. Mal sehen, was daraus wird.
Auf einer Wanderung den Fluss entlang
Die ältesten anwesenden “Ehemaligen” waren übrigens das pensionierte Lehrerehepaar, das die Kanu-AG vor über vierzig Jahren gründete und auch die Tradition der Ardèche-Fahrt ins Leben rief. Sie weckten die Gruppe jeden Morgen um sieben Uhr sanft mit Gitarrenklängen und Gesang. Das 50er Summicron fängt die Szene ein
Langsam geht mir hier die Puste aus. Es ist fast nicht möglich, wirklich alle Facetten unseres Aufenthaltes zu erfassen, ich habe noch eine ganze Reihe Fotos auf Lager, die ich bearbeiten will, vor allem Schwarzweiss, denn ich will wieder eine Reihe davon in meinem Portfolio aufnehmen. Vielleicht stelle ich noch ein Video ein, ich habe zwar dieses Jahr nicht selbst gefilmt, aber nachdem sich die “GoPro”-Kameras steigender Beliebtheit erfreuen, gibt es einiges aus dem Schwall zu sehen.
Die Aufnahmen aus den GoPro’s wurden meist schon Abends im Zeltlager zur allgemeinen Belustigung angesehen, vor allem, wenn eine Kenterung dabei war.
Zu guter Letzt sei noch gesagt, dass mich mein Equipment wie gewohnt nicht im Stich gelassen hat. Meine M hat mittlerweile diesen “brassy” Look, den manche so stylish finden. Ich kann nichts dafür, keine Absicht, aber wenn sie in Rucksäcken oder in Booten herumrutscht, geht schon mal der Lack ab. Trotz vieler Stöße ist der Messsucher einwandfrei justiert. Die Q hat sich auch nicht beklagt, wenn sie mal gelegentlich gegen einen Felsen schepperte. Und die M3? Vermutlich kann ein Panzer darüber rollen, naja… jedenfalls fast…
Die Woche verging wie immer zu schnell. Und wer die Bilder sieht, ahnt vielleicht, warum diese Fahrt zu einer Art Kultveranstaltung mutiert ist. Von 13 bis 77 Jahre sind eigentlich alle Altersgruppen vertreten und verschmelzen zu einer Einheit. Das Abbauen geht ebenso schnell (oder schneller) wie der Aufbau, aber ist mit ein wenig Wehmut verbunden. Immerhin kann man schon mal beginnen, sich aufs nächste Mal zu freuen.
Spontanes Konzert beim Abbau (Take me home, country road)
Während der Woche erreichte mich durch Mike die Nachricht, dass jetzt Jonathan Slack bei uns mitmacht. Ich musste kurz unterdrücken, zu hyperventilieren, als ich die Mail las. Schon während der Rückfahrt übersetzte ich seinen Vergleich zum 28mm Summicron ASPH. Als ich den Artikel im Layout fertig hatte, war der E-Mail-Kontakt mit Jono, wie ich erwartet hatte: Er ist ein Supertyp ohne Allüren. Ich freue mich schon auf weitere Zusammenarbeit.
Eine Woche ist vergangen, seit ich den “Tanz der Vampire” fotografiert habe. Die digitalen Bilder waren schnell ausgewertet und verteilt, ich freue mich über die Dankbarkeit der Beteiligten, für die das natürlich eine wichtige Erinnerung darstellt.
Wer den Blog darüber gelesen hat, mag sich erinnern, dass ich kurzentschlossen meine M3 mitgenommen hatte. Das war wirklich eine Augenblicksentscheidung, ich hatte meine Tasche mit Leica M und Q schon gepackt (die X70 in der Jacke), als mein Blick auf die Leica M3 fiel. Ich zögerte kurz, denn ich erwartete ziemlich schummrige Lichtbedingungen, mein empfindlichster Film im Schrank war aber der Kodak Tri-X, der “nur” 400 ASA hat. Ein Bauchgefühl sagte mir, dass ich vielleicht mit einem Summilux dazu klarkommen könnte, also schnappte ich die Kamera (ah, dieses Mojo…), lud sie mit dem Film (ein kultiger Vorgang für sich) und rastete das 35er Summilux ins M-Bajonett. Mein modernes 35er hat natürlich den Nachteil, das der Sucher zu groß ist, um die Rahmenlinien dafür anzuzeigen, aber ehrlich: Ich fotografiere so lange mit Messsucher, ich weiss einfach, was ein 35er im Vergleich zu den 50er-Rahmenlinien mehr an Bildwinkel liefert. Nein, nicht auf den Zentimeter, gelegentlich habe ich mal einem die Schuhspitzen abgeschnitten, aber es reichte.
Warum ich nicht meine M2 genommen habe, die die 35er Linien so schön zeigt? Sie braucht einen CLA-Job (clean, lubricate, adjust), der Verschluss hatte zuletzt mal gelegentlich “gehangen”. Blöde Sache, weil man jedesmal den Film zurückspulen muss, ihm (also, dem Verschluss) einen wohlmeinenden Schubs gibt, dann den Film wieder einlegt und an die letzte benutzte Stelle transportieren muss. Das wollte ich vermeiden, dafür hätte ich zwischendurch keine Zeit.
Zur Belichtungsmessung (da ich mit “Sunny Sixteen” hier keine Chance hatte) steckte ich das Leicameter MR in den Blitzschuh. Es hat zwei unterschiedliche Messbereiche, die man mit einem kleinen Drehknopf auf der Oberseite umschalten kann. “Rot” für “empfindlich” (z.B. Innenräume), Schwarz für “normal hell”. Entsprechend muss man dann die roten bzw. schwarzen Ablese-Skalen nehmen, um die Belichtungszeit für die passende Blende einzustellen. Klingt kompliziert, aber hat man das Prinzip verstanden, genügt ein schneller Blick, um den Wert abzulesen und dann einzustellen. Wer will, kann hier mal in die Bedienungsanleitung schauen. Offensichtlich ist die Präzision dieses Teils ausreichend, denn ich habe nie ein Problem mit Fehlbelichtungen.
Hämoglobinsüchtige: Extreme Lichtbedingungen, aber im Nebel sieht man, dass alle Tonwerte da sind.
Wie ich während des Konzerts mit den verschiedenen Kameras jonglierte, habe ich schon im anderen Blog geschildert. Ich versuchte, immer mal wieder auch die M3 einzusetzen, musste aber auf jeden Fall darauf achten, nicht zuviel Bewegung im Bild zu haben, denn auch mit dem Summilux weit offen lag meine Belichtungszeit immer zwischen 1/30 oder 1/50sec. Das geht mit 35mm wunderbar aus der Hand, aber nicht, wenn wer im Bild herumzappelt. Ich werde mir jetzt für solche Gelegenheiten mal einen 1600- oder 3200-ASA Film zuhause hinlegen, dann gibt’s damit keine Probleme.
Leider ein paar horizontale Kratzer im Bild, könnte man mit etwas Mühe in Photoshop entfernen. Der Nachteil beim einscannen von Schwarzweissnegativen: Die automatische (infrarotgesteuerte, “ICE”) Staub- und Kratzerentfernung funktioniert nur mit Farbfilm.
Aber da ich dies möglichst beachtete, ist von den beiden Rollen Film, die ich jeweils bei Generalprobe und Konzert verschossen habe, praktisch alles brauchbar. Ein paar Fotos mit Bewegungsunschärfen gab es, aber ansonsten habe ich nur deswegen Fotos aussortiert, weil ich dazu neige, vom gleichen Motiv mehrere Fotos zu machen, wenn ich mir über die Bedingungen nicht hundertprozentig sicher bin.
Knoblauch
In der Maske
Hair
Alfred und Herbert
Sarahs Solo
Lauter Blutsauger
Nach dem Konzert waren zunächst die digitalen Bilder wichtig, sie waren schnell sortiert und verarbeitet. Am Montag Morgen entschloss ich mich, die Filme diesmal nicht selbst zu entwickeln, da ich wusste, dass ich diese Woche dafür kaum Zeit finden würde. Ich folgte meinem eigenen Ratschlag und schickte die Filme zu Pixelgrain nach Berlin (hier in der Nähe gibt es kein einziges kleines Labor mehr, dass ich in einer vernünftigen Zeit mit dem Auto erreichen könnte). Zu meiner angenehmen Überraschung trafen die entwickelten Negative schon am Freitag wieder ein, Kosten: 16,00 Euro mit Versandt. Das Einscannen der Negative machte ich mit meinem Nikon Coolscan selbst. Aus purer Neugier scannte ich zum Vergleich auch ein paar mit meinem Epson V700 Flachbettscanner. Ich zeige die Vergleichsbilder gar nicht, der Unterschied in der Qualität war so eklatant, dass ich froh bin, nicht auf das Teil angewiesen zu sein. Die Beurteilung der Qualität analoger Bilder im Internet hängt unglaublich stark von der Scan-Methode ab, das muss hier mal deutlich gesagt werden. Aber selbst mit dem Coolscan kann man nicht unbedingt das herausholen, was wirklich darin steckt, der traditionelle Workflow in der Dunkelkammer mit Abzügen auf Fotopapier ist eben immer noch unübertroffen.
Trotzdem bin ich mit den Ergebnissen soweit zufrieden. Beim scannen wird das Filmkorn ein wenig mehr betont, als es tatsächlich vorhanden ist, aber damit kann man leben. Die richtige Einstellung der Scansoftware (Silverfast) ist eine Wissenschaft für sich. Als Tipp: Möglichst schwachen Kontrast wählen (Tonkurve umgekehrte S-Form), es bleiben mehr Tonwerte übrig, in der Nachbearbeitung kann man das dann nach Geschmack anpassen.
Wenn man in so ein 20-Megapixel-Scan einzoomt, ist man zunächst enttäuscht, wenn man an digitale Dateien gewöhnt ist. “Schärfe” analoger Bilder ist ganz anders determiniert. Aber ich habe einige der analogen Fotos auf Din-A4 ausgedruckt, das sieht sehr viel schöner aus als auf dem Bildschirm. Von solchen Detailbetrachtungen abgesehen, haben die analogen Bilder schon Ähnlichkeit mit den digitalen Schwarzweissfotos, das mag aber auch daran liegen, dass ich bei der Schwarzweissbearbeitung getrickst habe, um einen möglichst filmähnlichen Look zu bekommen. Das habe ich übrigens in Lightroom gemacht, weil ich feststellte, dass Silver Efex unter bestimmten Bedingungen Artefakte in den Highlights verursacht, selbst wenn man sich mit den Slidern zurückhält (Artefakte kann man dort immer kassieren, wenn man am weichen Kontrast zu sehr nach negativ geht). Sicher ist, dass Digital nie wie echter Film aussieht, wieviele Film-Emulationsprogramme man auch überlagert. Auf Leicaphilia kann man eine Abhandlung über die (technischen) Gründe dafür lesen.
Stellt sich die Frage: Warum mache ich das eigentlich? Mit einer 60 Jahre alten Kamera fotografieren, all der Aufwand für ein Ergebnis, das nach heutigen Massstäben, von geschmacklichen Erwägungen abgesehen, eigentlich unterdurchschnittlich ist. Geschmacklich: Analoge Fotos habe ihren eigenen Charme, das ist sicher. Auch dafür lohnt sich die Mühe. Aber meine eigene Antwort ist: Es macht einfach Freude, so ein vollmechanisches Meisterwerk wie die M3 zu bedienen. Der riesengrosse Sucher, das Klicken des Tuchverschlusses, das Geräusch des Dämpfers bei den längeren Belichtungszeiten, sogar der Filmtransport (ich habe eine “DS”, “Double Stroke”, zweimal den Hebel betätigen für einmal spannen) bedient irgendwelche primordialen Gefühle…
Richtig behandelt kann die Kamera noch sehr lange funktionieren. Wenn jede digitale Kamera von heute längst ihren Geist aufgegeben hat. Wie mit Autos: Wer kann sich vorstellen, wie in 50 Jahren ein Audi A8 noch fahrtüchtig gehalten werden soll? Ein Opel Kapitän dagegen…
Normalerweise flachen zweite Teile ja schnell ab. Was jedoch diese Neuauflage des Teamworks Leica M/Leica Q betrifft, hat sich die Kombination in ihrer Effizienz für gedankenschnelles Arbeiten mit verschiedenen Brennweiten ohne die Notwendigkeit von Objektivwechsel erneut bewiesen. Wer jetzt einwendet, das könne man mit einem guten Zoom-Objektiv noch viel bequemer erreichen, ohne gleich zwei Kameras herumzuschwenken, dem sei gesagt, dass ich kein Zoom-Objektiv kenne, das den “Look” einer Leica Summilux-Festbrennweite, sei es 50er oder 28er, reproduzieren kann, geschweige denn so lichtstark ist.
Frisch dem Grab entstiegen
Scary – Leica Q bei f/1.7 1/125sec Dieses Bild ist mit 10 000 ISO gemacht. Minimale Rauschunterdrückung (Luminanzrauschen in LR, Wert: 21)
Seit einigen Jahren nun begleite ich die Jahreskonzerte der Musikschule Porta, jedesmal ein Highlight. Aber diesmal: Kaum noch zu toppen! Unter der Gesamtleitung von Christiane Pesendorfer wurden Teile des Musicals “Tanz der Vampire” gebracht, die das Publikum förmlich aufsaugte (man beachte das raffinierte Wortspiel). Eine unglaubliche Menge von anderen Menschen, vom Ensemble mal ganz abgesehen, war an der Realisierung dieses Projektes beteiligt, aber ich überlasse es der Internet-Seite der Musikschule Porta, die “Credentials” zu geben. Das Musical war nur ein Teil des Jahreskonzerts, es gab noch einige andere Beiträge, aber ich beschränke mich hier, sonst sprengt das den Rahmen.
Akteure lauschen der Regie: Das 50er Summilux erschafft ein gemäldeartiges Bild im Chiaroscuro-Stil
Für mich hiess es diesmal: Bühnenfotografie! Ich liebe dieses Genre! Wenn ich in ein Theater gehe, schaue ich mir neidvoll die Programmhefte an und seufze im Stillen, das es mir doch auch einmal vergönnt sein möge, ganz nah man Geschehen die Emotionen einzufangen.
Eine gute Fee besuchte mich schon irgendwann im Herbst letzten Jahres. Sie liess Glitzer aus ihrem Zauberstab über mich regnen und verkündete: “Mein Name ist Isolessa Summilux, ich bin die gute Fee der Fotografen. Freue dich, dein sehnlichster Wunsch wird in Erfüllung gehen!”
Ich freute mich, aber zermarterte mir das Hirn. Was war das noch gleich? Aussehen wie George Clooney? Dann fiel’s mir ein: “Cool! Das Date mit Jennifer Lawrence, wann…?”
“Mumpitz”, sagte die Fee leicht angesäuert. “Bühnenfotografie!” Da hatte ich’s. Ich freute mich noch mal, die Zeit verging, und gestern war’s soweit: Die Show fand vor ausverkauftem Haus statt! Ich war vorbereitet.
Das Ensemble. Hinter der Bühne musste ich immer aufpassen, nicht plötzlich ein paar Liter Blut zu verlieren.
Eigentlich fotografiert man bei den Proben, nicht bei der Aufführung selbst. Und auch in diesem Fall war es ein Segen, dass es eine Generalprobe mit Kostümen gab, denn da kann der Fotograf sich nach Herzenslust auf der Bühne bewegen. So war das die Gelegenheit für einige “Close-ups”.
Ausserdem konnte ich mich mit den Gegebenheiten vor und hinter der Bühne vertraut machen, auch von wo welche Akteure auftauchen und wie sie sich dann auf der Bühne bewegen, um immer einen günstigen Aufnahmewinkel zu haben. Bildkomposition in dem Zusammenhang ist kein Zufall, sondern Ergebnis vorausschauender Planung. Zur rechten Zeit am rechten Ort und so weiter, bla, bla.
Steif gefroren
Professor Ambronsius ahnt etwas.
Bücher! Jede Menge!
Herbert, der Sohn des Grafen Krolock
Überraschung!
Schon Vampir!
Ich wuselte also sowohl bei der Probe als auch bei der Aufführung an strategisch günstige Positionen. Dabei spritze ich immer wieder “Backstage”, weil sich in der “Maske” auch Interessante Sachen abspielten. Ich wünschte, ich hätte einen “Zeitumkehrer” wie Hermione in H.P., oder meine eingebildeten multiplen Persönlichkeiten wären real vorhanden, dann könnte ich überall gleichzeitig sein. No such luck.
Spieglein, Spieglein… immer was los in der Maske
Meine “Arbeitspferde” waren also die M240 mit dem 50er Summilux (den Blendenring bei f/1.4 festgeschweisst) und die Q, die ich auch meist weit offen gebrauchte, aber gelegentlich abblendetete, um die Tiefe der Bühne zu erreichen. Mit den beiden Kameras (und den beiden Brennweiten) konnte ich eigentlich alle “kompositorischen” Bedürfnisse stillen. Aber von Ehrgeiz zerfressen, hatte ich noch zwei weitere Kameras dabei: Meine M3, geladen mit Kodak Tri-X und die Fuji X70.
Porträt mit 50er Summilux weit offen
Vor die M3 kam mein 35er Summilux, weil ich mit dem 400 ASA-Film Lichtstärke brauchte. Etwas unpraktisch wegen des Suchers, der nicht den ganzen Bildwinkel des 35ers zeigt, aber das 50er Summilux wollte ich vor der M haben und mein 50er Summicron ist zwar ein Klasse-Objektiv, aber mir fehlt dann eine ganze Blendendstufe und das macht sich in dem Bereich schnell bemerkbar. Ich hatte mich ziemlich spontan entschieden, die M3 mitzunehmen, so hatte ich zuhause nur den Tri-X, nichts Empfindlicheres. Man kann natürlich den Film auf 800 ASA “pushen”, aber ich wollte nicht zu grobes Korn, ausserdem kam ich bei der dort vorherrschenden Beleuchtung meist mit 1/30 oder 1/50s aus, das reichte mir. Auf das Ergebnis der zwei Rollen Film, die ich belichtete, muss natürlich noch etwas gewartet werden. Ich weiss noch nicht, wann ich die Zeit für die Entwicklung finde.
Herbert findet Alfred zum anbeissen
Wenn ich zwischen den drei Sucherkameras “switchte”, war das ein sehr unterschiedliches Erlebnis. Die Q gewährt einen ziemlich “elektronischen” Blick, aber selbst bei der Beleuchtung, mal schummrig, mal blendend helle Scheinwerfer, immer problemlos. Der Blick durch den Sucher der M240 ist für mich so normal wie der aus meinem Wohnzimmerfenster. Aber jedes Mal, wenn ich die M3 ans Auge hob, grenzte das an Reizüberflutung: Diese Helligkeit, diese… Größe! Man taumelt fast einen Schritt zurück, wenn man nicht darauf vorbereitet ist. Der beste Sucher, der je in eine Kamera gebaut wurde. Sie ist jetzt 60 Jahre alt.
Die X70 fristete ein Schattendasein. Für solche Gelegenheiten hatte ich sie auch nicht für mich gedacht, aber ich machte ein paar Fotos zwischendurch, um sie mal bei diesen Lichtbedingungen zu testen. Ausserdem erwies sich das schwenkbare Display wieder als vorteilhaft, weil ich mich mit Kamera auf Hüfthöhe unbemerkt an meine Beute schleichen konnte.
Strecken ihre kalten Glieder
Erwachen
Voll da!
Verdammt zur Ewigkeit
Ich wechselte also Kameras wie ein Zirkusjongleur. Aber nach Sichtung aller Bilder muss ich feststellen: Am häufigsten benutzte ich die Q, weit öfter als die M240, die mir zwar einige schöne Shots mit schöner Isolierung des Objekts brachte, aber für den Gesamteindruck war mehr die Q verantwortlich.
Die Gräber öffnen sich
Der heilige Barnack steh mir bei, wenn das, was ich gleich zu Papier, äh, auf den Bildschirm bringe, möglicherweise den Tatbestand der Häresie erfüllt aber… die Q allein hätte den Job auch geschafft! Da, jetzt ist es raus…möglicherweise holen mich bald die Schergen aus Wetzlar, um mich dem Großinquisitor Dr. Kaufmann vorzuführen, aber ich stehe zu meiner… abartigen Lehre.
Die sind nicht zum Kuscheln! Der weite Bildwinkel der Q ist der bizarren Szenerie angemessen
Wenn es nicht ausdrücklich um Isolation des Motivs ging, war der Weinwinkelblick der Q sogar besser geeignet, die bizarre Szenerie darzustellen, als der relativ “langweilige” Bildwinkel des 50ers auf der M. Aber natürlich gilt: Sonst habe ich, statt mit Kameras, mit Objektiven jongliert. In den Vorjahren hatte ich aus eben diesen Gründen alles von 21 bis 200mm vor der M und das ging hervorragend. Meine provokative These ist, dass man mit einer guten Kamera mit Festbrennweite bewaffnet alles abdecken kann, vorausgesetzt, man darf nah genug heran. Das haben auch schon genügend Leute mit der Fuji X100 bewiesen.
Gruselbraut
Bühnenfotografie ist eigentlich eine Schwarz-Weisse Domäne. Aber dies ist eine Ausnahme, und wer die Bilder anschaut, versteht hoffentlich, warum. Mit Beleuchtung, Masken und den Kostümen fand ein Farbenrausch statt, der zum Gesamteindruck unbedingt dazugehört (dennoch bin ich auf die Tri-X Bilder gespannt). Übrigens, Farben: Man merkt die unterschiedliche Gewichtung im Weissabgleich zwischen Q und M. Die Q ist deutlich kühler (und ich muss sagen, realistischer) als die M, ebenso sind die Hauttöne der Q angenehmer. Bei der M muss man immer ein bisschen tricksen, bis es passt.
Die letzten Pinselstriche
Duett: Totale Finsternis
Pause
Grauenvolle Gesellschaft
Gewusel in der Maske
Sarahs Solo
Der Graf umgarnt sein Opfer
Die Ahnen sehen zu
Tanz der Vampire
Vampire? Die gibt's hier nicht!
Ich denke, man kriegt so langsam einen Eindruck, was da los war. Das Schwierigste war, hinterher überhaupt Bilder auszusortieren, denn ich habe nicht die Entschuldigung, dass viele einfach nichts geworden sind. Kaum unscharfe oder verwackelte Fotos. Wenn, dann wegen meiner Unzulänglichkeit, das Summilux zu fokussieren. Die Q hatte ich im Single-Modus, der Autofokus nagelte alles auf den Punkt fest, die Bildstabilisierung tat ihr übriges.
Wenn ich die Bilder ansehe, die hier gezeigt werden, habe ich immer den Eindruck, es fehlt noch was. Davon abgesehen, dass ich den ganzen ersten Teil des Konzertes verschweige, aber wer sich mehr Bilder ansehen will, für den werde ich die entsprechende Seite der Musikschule verlinken, wenn sie online ist.
Best friends forever... im wahrsten Sinn des Wortes
Hi there!
Try me!
A chorus line
Porträts habe ich ohne Ende gemacht. Mein gewohnter Ansatz ist, dafür wenigstens 50er, 75 oder 90er Brennweite zu nehmen, aber die 28mm der Q sind kein Problem, wenn man nicht zu nah herangeht.
Die Porträts der Ahnen
Mein Fazit? Gebt mir eine Q, lasst mich nah genug heran, und ich mache damit alles, ohne dass ihr etwas vermisst. Gebt mir eine M mit 50er Summilux dazu, und ich zeige euch, was ihr vergessen habt, zu vermissen!
50er Summilux: Perfekte Isolation
Alle Bilder sind als DNG’s in Lightroom entwickelt, nur die Tonwerte angepasst, bei den Fotos der M240 manchmal die Farbtemperatur etwas kühler eingestellt. Entweder gar keine oder minimale Rauschunterdrückung (zwischen 160 und 10 000 ISO kam alles vor), dann als JPG’s exportiert.
Nebenbei: Für die Fortsetzung von “Falsches Spiel in Camera City” brauche ich noch etwas… aber sie kommt.
“If it ain’t broke, don’t fix it” ist ein englisches Sprichwort, das mahnt, nicht an etwas herumzudoktern, das immer zuverlässig lief. Ich habe danach immer mein Leben ausgerichtet. Ich war auch nicht darauf vorbereitet, ausgerechnet Filmentwicklung betreffend eine Ausnahme zu machen. Die letzten Jahre war ich immer erfolgreich, wenn ich den Vorgaben der Hersteller folgte, das hat mich in meinem heimischen Badezimmer durch die Schwarzweissentwicklung, den C41 und E6 Prozess gebracht. Aber mir fiel auf, dass da ein besonderer Aspekt der (analogen) Film-Fotografie ist, der mich zu so einem eingefleischten Befürworter macht: Die Vielfalt.
Von Wechselobjektiven mal ganz abgesehen ist es möglich, jede Art von Foto mit einem einzigen Kamerabody zu machen, sei es eine Nikon SLR oder eine klassische vollmechanische Leica. Jede Film-Emulsion hat einen einzigartigen Look, eine einzigartige Weise, Schatten, Mitteltöne und Highlights zu zeichnen, sein charakteristisches Filmkorn, seine Art auf Licht zu reagieren.
Unendliche Vielfalt
Man sollte meinen, das Ausprobieren von hundert verschiedenen Filmtypen sollte dieses ständige Verlangen “ich-wüsste-gern-wie-das-wohl-aussieht” in meinem Oberstübchen langsam stillen. Allerdings gibt es eine unendliche Reihe von Variablen, die damit zu tun haben, wie man einen Film entwickelt, die die Endergebnisse drastisch voneinander abweichen lassen können.
Seit meinem Beginn mit Schwarzweiss-Filmen habe ich mich für Ilfords ID-11 entschieden, nachdem ich mit ein-zwei anderen Entwicklern experimentiert hatte . Er ist in vielerlei Hinsicht Kodaks D-76 ähnlich und hat mich nie im Stich gelassen. Ich hab damit alles entwickelt, von Pan-F bis Delta 3200 – ein Entwickler sehr nachsichtig gegenüber ungenauer Belichtung mit einem guten Gleichgewicht zwischen Schärfe und Filmkorn, nicht aufdringlich aber doch voller Charakter.
Rodinal zur Rettung!
Vor Jahren kaufte ich eine Flasche Rodinal, ein Entwickler berühmt sowohl für seine Schärfe als auch für das klotzige Korn. Doch viele Fotografen haben darüber berichtet, wie sie Rodinal unkonventionell eingesetzt haben und dabei Bilder mit aussergewöhnlichen Mitteltönen, grosser Schärfe und absolut akzeptablem Korn schufen.
Anders als viele andere Entwickler wird Rodinal oft stark verdünnt, zum Beispiel kommt 1:100 in vielen Anweisungen vor. Diese schwächeren Lösungen erzeugen gewöhnlich grössere Schärfe und feineres Korn, und können zur “stehenden” Filmentwicklung gut beitragen. Das ist eine Methode, die seit dem späten 19. Jahrhundert angewandt wird, dabei wird der Film ungewöhnlich lange mit minimaler Bewegung in einem (Filmentwicklungs-)Tank belassen.
Wenn man das mit höheren Konzentrationen versucht, wird das Risiko partieller Überentwicklung viel zu groß und zeigt sich in vertikalen Streifen, weil der Entwickler sich in den Transportlöchern des Films festsetzt und dann quer über den Film nach unten fließt. Das Problem wird durch die Verwendung hoher Verdünnungen minimiert.
Bilder, die “stehend” entwickelt werden, sind gewöhnlich sehr scharf, mit exzellenten Details in Schatten und Highlights, wenn auch von niedrigem Kontrast. Aber weil ich die Negative sowieso scanne oder in der Dunkelkammer Abzüge mache, bevorzuge ich die große Spanne an Tonwerten, die mit niedrigem Kontrast einhergeht, da ich sie entweder in Lightroom oder mit einem entsprechenden Filter im Vergrösserer regulieren kann.
Das Experiment
Zeit für mich, das mal selbst auszuprobieren. Nach meinem Foto-Walk mit Mike Evans in der Portobello-Road vor ein paar Wochen entschied ich mich, dorthin zurückzukehren, und zwar letzten Samstag, als dort richtig was los war. Ich belichtete eine Rolle Kodak Tri-X bei (gepullten) 200 ASA und dachte, dass diese Rolle vielleicht der perfekte Kandidat für ein Experiment sei (obwohl ich damit vielleicht einige gute Bilder darauf in Gefahr brachte).
Ein anderes interessantes Detail betreffend “stehender” Entwicklung ist, dass die Einwirkdauer sich nicht mit der Filmempfindlichkeit verändert. Es gibt eine Menge Berichte über gute Resultate bei Entwicklung von 200 und 800 ASA-Filmen im gleichen Tank.
Obwohl die starke Verdünnung von Rodinal das Risiko von Streifendefekten minimiert, beunruhigte mich der Gedanke daran, dass der Film solange unbewegt im Tank blieb. Ich entschied mich daher für eine “halb-stehende” Entwicklung, indem ich den Film für eineinviertel Stunde ruhen liess und ihn ganz vorsichtig jede Viertelstunde leicht klopfte und den Tank bewegte. Ich bin total paranoid was Luftbläschen angeht, die sich auf der Filmoberfläche festsetzen. Mit vorsichtiger Bewegung meine ich Schwenken des Tanks für 10-15 Sekunden, nicht umkippen.
Die Lösung meiner Wahl war 1:100. Man beachte auch, dass ich mich für einen Edelstahl-Tank entschied, weil die Plastikspindeln in den neueren Paterson-Systemen angeblich Mikro-Strömungen im Entwickler verursachen, die zu Uneinheitlichkeit und überentwickelten Ecken führen.
Weitere Suche im Web offenbarte einen deutschen Fotografen (dessen Beobachtungen in verstreuten Forum-Postings festgehalten waren), der entdeckt hatte, dass das Entwickeln bei niedrigeren Temperaturen feineres Korn erzeugte. Er schlug vor, 16-18° anstelle der gebräuchlichen 20° zu wählen. Da ich die Temperatur in meinem Tank nach Beginn der Entwicklung nicht mehr regulieren kann, entschied ich mich, mit 14° anzufangen, in der Annahme, das die Temperatur innerhalb der Stunde um 3-4° steigen würde.
Die Fotografien
Voll auf eine Katastrophe eingestellt und war ich von den Ergebnissen überrascht. Ich hatte Kleinbildfilm benutzt, dazu Tri-X, einen Film berühmt für sein Korn. Ich erwartete überwältigendes, harsches Korn und bekam das genaue Gegenteil. Wunderschön, unaufdringlich und mit aussergewöhnlicher Darstellung der Highlights und der feinen Zeichnung in den Mitteltönen, die für Rodinal typisch sind.
Sogar in Szenen mit eintönig grauem Himmel hatten die Negative alles eingefangen, von den unterschwelligsten Abstufungen in den Wolken bis zu den kleinsten Objekten im Schatten unter den Marktständen. Die Abstufungen des natürlichen Lichts und das Korn in den Hauttönen waren einfach perfekt, das ist eine meiner liebsten Eigenschaften von Schwarzweissfilm.
Die Bilder sind Scans von meinem Flachbettscanner. Nach meiner Erfahrung zeigen diese Scans niemals die wahre Schärfe der Fotografie und überakzentuieren das Korn im Vergleich zu einem Dunkelkammer-Abzug. Für jeden, der Zweifel an der traditionellen Methode hat, sei empfohlen, dass er sich mal einen guten Abzug ansieht, um analoge Fotografie in ihrer ganzen Stärke wertzuschätzen. Nichts kommt dem gleich. Eine kühne Behauptung, aber ich stehe dazu.
Genau meine Kragenweite
Ich kann’s kaum erwarten, diese Technik weiter auszuprobieren und damit mehr zu experimentieren. Die bisherigen Ergebnisse waren genau nach meinem Geschmack, ich erwarte kaum, dass ich so schnell zu XTOL oder ID-11 zurückkehre. Also nochmal, ich ermuntere jeden, der das liest und noch analog fotografiert, mal mit seinem Entwickler zu experimentieren, oder überhaupt mal zuhause zu entwickeln und dem örtlichen Fotolabor eine Pause zu gönnen. Es ist wirklich nicht mal annähernd so schwierig, wie man glauben würde.
Übersetzt von Claus Sassenberg.
Editors Note: Das ist Adam Lee’s erster Artikel bei Macfilos und wir freuen uns schon auf weitere in der Zukunft, seine Passion für alte Film-Leicas und Analogfotografie betreffend. Zusätzlich zu seinem Interesse an Fotografie ist Adam ein sehr talentierter Gitarrist. Hier ein Video:
Meine Leica M3 (Bj. 1955) mit Elmar 50mm (Bj. 1963), Bild analog mit M2 und 90mm Summarit, Kodak TMax400
Am 1. April veröffentlichte Mike Evans eine schöne Glosse über eine fiktive Leica M3 “Digital”, die der CEO von Leica …Hektor Barnack (!!) in Bad Wolkenkuckucksheim (nahe Wetzlar, muss ich unbedingt mal hin) vorstellte. Diese M3D sollte exakt die Ausmasse der alten M3 haben, keinen Monitor auf der Rückseite (stattdessen ISO-Wahlrad), einen Filmtransporthebel zum Spannen des Verschlusses und als einzige Konzession zur Moderne die Verschlusszeiten-Automatik wie bei der M7, da viele Messsucher-Enthusiasten (wie auch ich) das Fofografieren mit Blenden-Priorität bevorzugen. immerhin gefiel der Artikel sogar bei Leica, denn sie nahmen den Tweet auf.
Ich muss sagen, meine Gefühle beim Lesen dieses Artikels waren bittersüss. Ich hatte einen Kloss im Hals. Wenn es doch nur wahr wäre! Wenn Leica eine solche Kamera mit “State of the Art”- Sensor herausbringen würde… Hammer! Was für eine digitale Schönheit das wäre…wie die echte M3. Wäre super, wenn jemand bei Leica sich über den Marktwert einer solchen Kamera mal Gedanken machen würde.
Classic-Cars, Leica M3 mit Elmar 50mm, Kodak Tri-X 400, Gelbfilter
Aber wenn das auch nicht wahr werden muss, ein Trost bleibt mir: Ich habe eine M3, “the real thing” schon vor Jahren erworben, zusammen mit einer M2. Wenn ich in meinem Arbeitszimmer meinen Blick vom Bildschirm zur Seite wende, sehe ich die beiden im Schrank, hinter Glas. Wenn ich sie zur Hand nehme, durchströmt mich ein Gefühl der Ehrfurcht vor der Ingenieurskunst, die darin liegt. Ich löse aus und horche auf das leise Klicken des Tuchverschlusses, oder vielleicht lasse ich das Vorlaufwerk (den mechanischen Selbstauslöser) mal schnurren. Weiß jemand nicht, was “Mojo” ist? Diese Kameras haben Mengen davon.
Aber sie sind keine Ausstellungsstücke, und ich bin kein Sammler. Ich benutze sie, wenn auch unregelmässig. Das schon das Fotografieren mit einer digitalen Messsucherkamera “entschleunigt”, ist klar. Nehme ich die M3 oder M2 zur Hand, begebe ich mich auf eine Zeitreise in einen guten Teil der Vergangenheit (es ist ein Mythos, das früher alles besser war) und fühle mich den Grossen (Burri, Capa, Eisenberg… die Liste ist lang) nahe.
Classic-Car-Rallye, M3 und Kodak Tri-X 400
Die M-Kameras sind legendär für ihre Diskretion, können aber auch ein Blickfang sein. Zunächst mal ist der Form-Faktor der Kamera so, dass sich niemand von ihr bedroht fühlt, ein Plus für die Strassenfotografie. Es kann auch durchaus sein, dass man Komplimente zu der Kamera von wildfremden Menschen bekommt. Dies gilt auch in begrenztem Masse für die “Erben”, oft wurde ich gefragt, ob die M oder M9 noch ein analoges Modell sei, ebenso kann es einem mit der Fuji X100 oder der X-Pro1 oder 2 gehen. Zurückzuführen ist das alles aber auf die M3, den Archetyp einer Kamera. Warum wohl sehen alle Ikons, die irgendwie eine Kamera darstellen sollen, wie eine M3 aus? Was übrigens Schönheit einer Kamera betrifft, ist es mir nicht möglich, dafür objektive Parameter anzugeben. Ich weiss nur, dass die M-Kameras es sind und davon profitieren alle Nachfolger (inklusive Fuji). Die Aesthetik der M3 verhält sich zu einer modernen DSLR etwa so wie ein Porsche 911 zu einem Schaufelbagger.
An zwei Begegnungen erinnere ich mich besonders gut: Das eine mal war ich auf einem südfranzösischen Markt. Ein Standbesitzer kam auf einmal hervor und bewunderte die M9. Er war immerhin sachkundig genug, nachzufragen, ob das ein Summicron-Objektiv sei (es war das Summilux) und schwärmte von Leica (“grand Marque!”) mit der entsprechenden Gestik, die nur ein Franzose drauf hat. Als ich dann meine M3 hervorholte, die ich in der Tasche hatte, weil ich zuvor eine Rolle Kodak-Ektar belichtet hatte, fiel er fast auf die Knie. Er behandelte sie wie die Gebeine Christi. Wir schieden in der einvernehmlichen Meinung voneinander, dass es nie eine bessere Kamera gab.
Auf einem südfranzösischen Markt, M3 mit Kodak Ektar 100
Das zweite Mal war im Skiurlaub in Südtirol. Ich hatte mit der M3 an der Hauptsammelstelle der Skischulen fotografiert, als ich auf einmal den Blick eines Skilehrers schwer auf mir ruhen fühlte. Er starrte. Auf meine Brust. Dort hing die M3. Er kam auf mich zu und griff sich wortlos die Kamera. Betrachtete sie von allen Seiten, sah durch den Sucher. Sein Gesichtsausdruck war schwer lesbar, aber es lag etwas weiches, sentimentales in seinem Blick. Schliesslich gab er mir die Kamera zurück und eröffnete mir, dass er in den 60er Jahren Fotograf war und damit gearbeitet hatte. Das war also der Blick. Er hatte einen alten, langvermissten Freund wieder getroffen. Es war übrigens der Chef der Skischule (Hier im Bild bei der Siegerehrung des Skirennens, M3 mit Kodak Ektar).
Geschichte
Ein Exkurs zur Geschichte der M3: Sie wurde 1954 vorgestellt und ist das erste Modell der Reihe mit dem damals neu entwickelten M-Bajonett. Die “3” kommt von den drei Messsucher-Rahmen (50, 90 und 135mm), die eingespiegelt werden, je nach Objektiv. Der Sucher ist riesig und hell, optimiert für die damals üblichen 50mm. Um die Nomenklatur klarzustellen: Die M2 ist tatsächlich ein späteres Modell (1958 vorgestellt), etwas einfacher ausgestattet, aber natürlich ebenso solide und unverwüstlich. Der Sucher ist für 35, 50 und 90mm-Objektive ausgestattet. Wenn ich mit 35mm (28mm geht auch noch so grade) analog fotografiere, greife ich zur M2, weil sie mich der Notwendigkeit enthebt, ein Objektiv mit “Brille” vor dem Sucher zu verwenden. Die M1 kam 1959 als nochmals vereinfachte Version der M2 auf den Markt und hatte keinen Messsucher.
Analog
Nein, analog ist nicht tot und wird es auf absehbare Zeit auch nicht sein. Es gibt genügend Leute, die sich viel mehr noch als ich ausschließlich mit analoger Fotografie beschäftigen und damit zufrieden sind, besser gesagt: Sie vermissen überhaupt nichts! Für die schreibe ich auch diesen Artikel nicht, die wissen, wie’s geht. Mehr für diejenigen, die schon mal mit einer alten Kamera geliebäugelt haben, aber nicht recht wussten, wie sie’s anfangen sollten.
Homeless – Leica M2 mit Elmar 50mm, Kodak TMax400
Filmauswahl und Entwicklung
Wenn ich mit der M2 oder M3 losziehe, muss ich mir vorher Gedanken machen, welchen Film ich einlege. Die klassische Wahl ist natürlich Schwarzweiss. Leica-Shooter lieben den Kodak Tri-X, der mit 400 ASA (wir können ASA mit ISO gleichsetzen) recht empfindlich ist, und den man bei Bedarf auch auf 800 ASA und mehr “pushen” kann (die Entwicklung wird nur etwas kniffliger). Wem der Tri-X zu grobkörnig ist, kann auch auf Filme wie den Kodak TMax100 oder Fuji Neopan zurückgreifen, um nur mal was zu nennen. Die Auswahl ist immer noch immens. Wer entsprechend fanatisiert ist, kann diese Filme ohne Probleme zuhause entwickeln, man braucht nicht viel Equipment und es ist leicht zu bekommen, zum Beispiel hier. Ich kann leider nicht empfehlen, solche “echten” Schwarzweissfilme in die gewöhnlichen Drogeriemärkte zum Entwickeln zu geben, erstens dauert es sehr lange, zweitens ist das Ergebnis möglicherweise “suboptimal”, weil sie einfach nicht mehr wissen, wie man mit der Schwarzweiss-Entwicklung richtig umgeht. Will man das vermeiden, sollte man einen sogenannten “Mädchenfilm” (rieche ich hier Sexismus? Der Ausdruck stammt nicht von mir…) nehmen, das sind Schwarzweissfilme (z.B. der Ilford XP2), die man mit der gewöhnlichen Farbmethode (C41) entwickeln muss. Daher kommen die grossen Ketten damit klar.
Ein Vorspiel, Leica M3 mit 50mm Elmar, Fuji Provia
Ich selbst war dazu übergegangen, selbst zu entwickeln, gebe allerdings ehrlich zu, dass mir das zwar Spass macht, aber einfach zu zeitaufwendig wird. So habe ich mich nach Alternativen umgesehen. Das Wissen um die Entwicklung der Schwarzweissfilme ist in vielen kleineren Laboren noch präsent, vielleicht findet man etwas in der Nähe. Ich bin auf eine Webseite einer Firma aus Berlin gestossen, die sich auf diese Sache spezialisiert hat. Vermutlich werde ich meine nächsten Tri-X- Filme dorthin schicken.
Angie’s Palace, auch Bundeskanzleramt genannt, Leica M3 mit 50mm Elmar, Kodak Ektar 100
Aber warum nicht auch Farbfilm? Es gibt zum Beispiel einen Riesenvorteil, wenn man in Farbe fotografiert (von der Entwicklung mal abgesehen, denn diese Filme kann man überall hingeben): Beim einscannen kann das ICE-System der Scanner die Staubpartikel und Kratzer erkennen und automatisch beseitigen, eine Riesen-Zeitersparnis. Das geht bei Schwarzweiss aus technischen Gründen nicht. Ich bevorzuge (reine Geschmacksache) den 60er-Jahre Look des Kodak Ektar, aber habe auch schon Fuji Superia, Velvia oder Provia etc,. benutzt. Jeder Film hat seinen eigenen Charakter, und das macht auch einen Teil der Faszination aus. Darum sind Film-Emulationsfilter so populär.
Drei Bilder vom Checkpoint Charlie, Leica M3 mit 50mm Elmar, Kodak Ektar 100
Film einlegen
Es gibt möglicherweise heute Menschen, die so etwas noch nie gemacht haben… am besten schaut man sich mal eine der Original-Bedienungsanleitungen an, die im Leica-Wiki herunterzuladen sind. Dies ist sowieso eine empfehlenswerte Lektüre und herrlich überschaubar. Macht einen geradezu Aggressiv, wenn man an die aufgeblähten Manuals der modernen Kameras denkt.
Freundinnen, Leica M2 mit 50mm Elmar, Kodak TMax400
Filter
Bei Schwarzweissfilmen (Leica Monochrom-Leute, aufgepasst! Das gilt auch für euch!) sollte man sich verschiedener Farbfilter bedienen. Es geht um Tonwerttrennung. Was das ist? Ogottogott, das führt zu weit, aber man kann hier was darüber nachlesen. Ich nehme jedenfalls standardmässig einen Gelbfilter. Wenn man mit einer digitalen Kamera Schwarzweissfotos macht, kann man die Tonwerttrennung im Postprocessing (in Lightroom oder Silver Efex) durchführen, dazu habe ich schon mal ein Video-Tutorial gemacht. Wer es sich ansieht, versteht dann auch, um was es geht. Das funktioniert aber eben nur bei Bilddateien mit Farbkanälen, also nicht bei der Leica Monochrom. Und eben darum ist sie, genau wie die analogen Schwarzweissfilme, auf physische Filter vor dem Objektiv angewiesen! Achtung: Die Filter schlucken je nach Farbe Licht. Bei einer Kamera mit TTL-Messung ist das natürlich egal, aber bei einem externen Belichtungsmesser wie dem Leicameter (siehe unten) muss man Filterfaktoren beachten, d.h., die ASA-Zahl des jeweiligen Films verringert sich. Bei Faktor 2 eines Gelbfilters zum Beispiel ist der 100-ASA Film in der Kamera plötzlich bei 50. Der Faktor ist auf den Filtern vermerkt.
Kleines Konzert, Leica M2 mit 35mm Summilux, Kodak Tri-X 400
Objektive
Vor meiner M3 habe ich meist ein versenkbares 50mm Elmar von 1963, es ist einfach “in Style”. Mit eingefahrenem Objektiv wird die Kamera dann Manteltaschentauglich. Die M2 nehme ich gerne, wenn ich vorhabe, mein (modernes) 35er Summilux zu benutzen, weil sie den passenden Sucherrahmen hat. Aber das Schöne am M-System ist, dass es beliebig Auf- und Abwärtskompatibel ist. Die M3 funktioniert genauso gut mit dem neuesten 2016er 28er Summilux wie mit den Objektiven der Schraub-Leicas bis 1923 zurück. Bitte mal ein anderes Kamerasystem nennen, wo es so etwas gibt. Scharf nachgedacht? Genau, es gibt nämlich sonst keins.
Belichtungsmessung
Die M2 und die M3 sind vollmechanisch, sie brauchen keinen Strom, keine Batterien. Sie haben keinen eingebauten Belichtungsmesser, also braucht man einen separat oder muss schätzen. Das geht mit einiger Erfahrung übrigens erstaunlich gut. Man kann sich auch an der „Sunny-Sixteen“-Regel orientieren: Bei Sonnenschein den reziproken Wert der Filmempfindlichkeit in ASA als Belichtungszeit bei Blende 16. Also: Ein 100 ASA Film bei Blende 16 (bei Sonne) 1/100sec, dann je nach Blende zurückrechnen: Bei Blende 11 1/200sec, Blende 8 1/400sec und so weiter (bei jeder vollen Blendenzahl halbiert sich die Belichtungszeit). Funktioniert bei normalem Tageslicht erstaunlich gut. Ansonsten gibt’s jede Menge Belichtungsmesser-Apps für Smartphones, wenn man sich die Mühe machen will, so ein Teil herumzuschwenken.
Viel cooler ist es, ein „Leicameter“ zu benutzen. Es ist sozusagen ein Belichtungsmesser mit Umrechner, man kann bei vorgewählter Blende oder Belichtungszeit den entsprechen anderen Wert ablesen und einstellen. Das Leicameter wird auf den Blitzschuh aufgesteckt und greift in eine Nut im Zeitwahlrad der Leica. Filterfaktoren beachten, wenn man die ASA-Zahl am Leicameter einstellt! In das Leicameter gehört eine Batterie. Ich war sehr verblüfft, als es ankam, denn die uralte Batterie darin versorgte das Ding tadellos. Wahrscheinlich seit 1960 oder so. Ich las darüber im Web, dass die alten Originalbatterien aus irgendeinem Grund ewig halten (anscheinend ewig im Sinne von Ewig). Vielleicht ist es möglich, die Energieprobleme unserer Zeit zu lösen, wenn ein Forscherteam das Geheimnis des Leicameters ergründet…
Fotografieren
Wenn man nun so loszieht, unterscheidet sich die Bedienung der Kamera nicht von dem, was auch ein Nutzer einer digitalen Leica M gewohnt ist. Befindet man sich in relativ konstanten Lichtbedingungen, muss man auch nicht dauernd die Belichtung messen. Nach kurzer Gewöhnung ist man genau so schnell wie mit den digitalen Modellen. Ein guter Nebeneffekt ist, dass man sich vielleicht mehr Gedanken über Bildkomposition und Motiv macht, bevor man drauflos knipst. Zuerst sucht man sich vielleicht besser statische Motive aus, um in Ruhe alles einzustellen. Später, wenn man routinierter ist, kann man aber auch mal mehr “Action” ablichten, immerhin macht die M3 eine 1/1000 Sekunde. Am Anfang war es so, dass ich ständig auf die Rückwand der Kamera starrte und mir dann wie ein Esel vorkam, nach einer Zeit gab sich das. Zurück bei der M9 oder M240 suchte ich dann den Filmtransporthebel.
Bei einer 1000tel Sekunde kann man auch mit der M3 Action “einfrieren”
Der hybride Workflow
Man kann natürlich seine Bilder entwickeln, dann ganz normale Papierabzüge machen lassen und das war’s. Aber die Digitalisierung der Negative oder Dias macht die Bilder wesentlich besser für uns verfügbar, man kann sie in Lightroom nachbearbeiten, selbst ausdrucken (mein Epson-Drucker macht sehr schöne Schwarzweiss Prints auf dem exzellenten Sihl-Masterclass Baryt-Papier) oder in soziale Medien verschicken, eben alles damit machen, was wir heute so gewohnt sind.
Aber dazu muss man sie einscannen, und hier betreten wir ein Tal der Tränen, denn es gibt kaum (noch) gute Scanner für den Hausgebrauch. Professionelle High-End- oder Trommel-Scans kann man von einzelnen, besonders wertvollen Bildern machen lassen, aber für jemanden, der ganze Filmrollen digitalisieren will, ist das finanzieller Selbstmord. Also muss man sich einen Filmscanner beschaffen. Das Problem ist, dass die wirklich guten Modelle gar nicht mehr gebaut werden. Wer sich für die genaueren technischen Details beim Scannen und die Gebrauchsfähigkeit der auf dem Markt vorhandenen Modelle informieren will, kann dies hier tun. Zur derzeitigen Lage kann kurz gesagt werden, dass die Epson-Flachbettscanner (z.B. Epson V 800 Foto) zur Zeit die günstigste Alternative darstellen, wer bessere Qualität möchte, sollte versuchen, einen gebrauchten Nikon Coolscan V ED zu bekommen, der wird inzwischen allerdings mit Gold aufgewogen. Ich habe so einen vor Jahren neu in diesem Shop gekauft, der sich offenbar einen Vorrat neuer Geräte auf Lager gelegt hat. Kurzes Nachsehen ergab, dass es immer noch neue Scanner gibt, aber fast zu dem doppelten Preis, den ich bezahlt habe…
Den Epson V 700 Foto habe ich auch, ich benutze ihn für alle Arten von Negativen, die nicht im Kleinbildformat sind. Mein persönlicher Vergleich zeigt aber, dass die Scans aus dem Nikon deutlich besser sind. Die Nikon-Software, die zu den Coolscans gehört, funktioniert übrigens schon lange nicht mehr an Mac OS X. Mit dem Gerät muss man sich eine Scan-Software anschaffen, die den passenden Treiber enthält, der einzige Anbieter ist Silverfast. Sie bieten Software zu allen Scannern an, also auch für den Epson V800, möglicherweise sind die Scan-Ergebnisse dann besser als mit der Epson-Software, die ich benutze. Für meinen Nikon habe ich die Silverfast-Software laufen (ohne die der Scanner nicht am Mac funktionieren würde) und komme gut klar. Die Einstellmöglichkeiten sind sehr komplex, Auflösung, Filmtypen, Automatische Reparaturen, Staubentfernung, Fokuspunkt beim scannen und jede Menge mehr. Die Ergebnisse sind sehr gut, aber das scannen einer Rolle Film kostet richtig Zeit. Das ist auch der Grund, warum ich mich mit analoger Fotografie zurückhalte, sonst würde ich vielleicht noch häufiger mit der M3 losziehen.
Konzert des Jugendchores, Leica M3 mit 50mm Elmar, Kodak TMax400
Neben dem Scannen sei noch eine Alternative erwähnt, derer ich mich auch schon bedient habe: Das Abfotografieren von Negativen/Dias. Alles was man braucht, ist eine halbwegs gute Kamera mit Makro-Objektiv. Ich habe mal Glasdias aus den 50er Jahren für die lokale Geschichtswerkstatt abfotografiert, dazu nahm ich eine Fuji X-Pro 1 und das Fujinon 60mm Makro-Objektiv. Mithilfe eines alten Diaprojektors als Lichtquelle, eines Rasierspiegels, einer Glasscheibe und Schreibpapier als Mattscheibe baute ich einen improvisierten Leuchttisch und konnte sehr gute digitale Dateien der Dias machen. Das Gleiche kann man sich für Kleinbildfilm basteln.
Conclusion
Analoger Film hat immer noch Stellenwert in dieser Welt und wird ihn behalten. Er wird nie wieder Digital verdrängen, wie Leica-Offizielle es noch am Anfang des Jahrtausends behaupteten, bevor Ihnen Dr. Kaufmann zeigte, wo’s langgeht. Aber er wird immer eine kleine Gruppe von Leuten ansprechen, die in die Tiefen der Fotografie vorstoßen. Das Gefühl, mit einer Film-Leica zu fotografieren, ist unbeschreiblich und eine Erfahrung wert. Es gibt eine Menge guter gebrauchter, funktionsfähiger Modelle auf dem Markt, von M3 bis M7. Sicher, die gut erhaltenen haben ihren Preis, aber ist es nicht auch faszinierend, dass man bei Leica selbst die ältesten Modelle noch reparieren kann? Wenn ich auf dem Dachboden eine Leica II finde (so viel Glück müsste man mal haben), bringt sie der Customer Service genauso in Gang wie eine M240. Und ist Leica nicht die letzte analoge Bastion? Ich bin mir nicht ganz sicher, aber ich glaube, die Leica M-A und die M7 sind die einzigen Filmkameras auf dem Markt. Aber welches Modell man sich auch zulegt: Die Leicas fallen nicht mehr im Preis…
Und dann gibt es noch die Pessimisten, die behaupten, dass wir die digitalen Daten der heutigen Bilddateien irgendwann entweder nicht mehr haben oder nicht mehr lesen können, und dann mit einem überlegenen Lächeln die Schublade mit den Negativen aufziehen…
Am Reschensee, Leica M3 mit 50mm Elmar, Fuji Provia
Versteht sich von selbst, dass wir Jesse auch Berlin zeigen mussten. Zugegeben, er kommt aus New Mexico, nicht aus Texas, aber er hat dort vorher gewohnt…
Von uns aus geht der Intercity direkt bis zum Berliner Hauptbahnhof, ohne Umsteigen. Das bedeutet, an einem Tag hin und zurück ist kein Problem (sonst haben wir eigentlich immer zwei-oder dreimal übernachtet).
Nun kann man Berlin beim besten Willen nicht an einem Tag sehen, und wir mussten Jesse da natürlich an die absoluten Touri-Punkte schleppen, also bitte ich alle Berliner um Verzeihung, denn mir ist klar, dass Berlin aus mehr besteht als aus dem Brandenburger Tor, dem Ku’Damm und Madame Tussaud’s.
In Berlin war an dem Tag ein Gelb-Schwarzer Heuschreckenschwarm von BvB-Fan’s eingefallen, die das Stadtbild prägten und den ganzen Tag feierten (war auch besser so, am Abend hatten sie dann ja nix mehr zu feiern…).
Zur Zeit ist meine M zum Sensor-reinigen beim Customer Service, aber ich habe ja die Fuji X100T, also waren meine Entzugserscheinungen nur mild. Sie reichten aber aus, dass mir doch Zweifel kamen. Nach Berlin, ohne eine Leica? Nein, das ging denn doch nicht…kurzentschlossen griff ich meine M3 und legte eine Rolle Kodak Ektar ein. Da ich sowieso meine kleine Hadley-Kameratasche dabei hatte, wechselte ich ab und zu zwischen Analog und Digital. Interessanterweise schaute ich diesmal nicht dauernd auf die – natürlich – leere Rückwand der M3, sondern versuchte immer, bei der Fuji nach einer Aufnahme den nicht vorhandenen Filmtransporthebel zu betätigen…
Ein paar Bilder von dem Tag sind in der Slide Show, aber ich muss mich beinahe dafür entschuldigen, dass sie nichts “besonderes” sind, denn ich habe an dem Tag fast nur meine Lieben abgelichtet (auch, damit Jesse ein paar Erinnerungsfotos hat), so war ich nicht auf “Jagd” nach Street-Motiven oder ähnlichem.
Interessant zu sehen, was für ein riesiger Unterschied zwischen den analogen und den digitalen Fotos besteht. Ich habe die Negative mit meinem Nikon Coolscan V digitalisiert, aber die Auflösung und Qualität der Fuji X100 kann man mit analogem Kleinbildfilm natürlich nicht mal annähernd erreichen.
Aber darum geht es auch gar nicht!
Wenn ich nicht jedes mal über das mühsame einscannen fluchen würde, nähme ich die M3 viel öfter zur Hand! Analog fotografieren hat etwas geradezu meditatives, dazu kommt der “Mojo” der M3. (“Mojo” is eigentlich ein Voodoo-Begriff und kennzeichnet einen magischen Gegenstand. Ich habe ihn im englischen schön öfter im Zusammenhang mit Kameras getroffen, es soll damit ausgesagt werden, dass der Gegenstand mit “Mojo” gewissermassen eine eigenständige Persönlichkeit, ja Charakter hat, mehr als die Summe seiner Teile).
Also: Wenn man sie zur Hand nimmt, hat man das Gefühl, sie sagt einem: “Los, Führ mich aus!”
Kurz gesagt, es macht Spass, mit der M3 zu fotografieren, der Sucher ist auch nach 60 Jahren noch hell und genau, das Spannen des Verschlusses und der Filmtransport sind eine Freude und das Auslösen des Tuchverschlusses hat was ekstatisches…das sanfte Klicken Musik in meinen Ohren. Dazu kommt die Faszination einer rein mechanischen Kamera: Keine Stromquelle nötig, keine Abhängigkeit von Elektrizität.
Ich empfehle jedem, ab und zu mal analog zu fotografieren, es ist auch eine gute Übung für Auge und Urteilsvermögen. Denn man macht sich unbewusst mehr Gedanken über das Motiv, das kommt einem auch bei digitaler Fotografie zugute.
Jesse jedenfalls war trotz der eingeschränkten Auswahl tief beeindruckt von Berlin. Dem Stadtbild, den Menschen, dem Betrieb, der Atmosphäre insgesamt. Kein Wunder, dass er so gut wie keine Lust hat, nach Roswell zurückzukehren…
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