Das halbe Jahr ist um und ich blicke auf eine sehr produktive Zeit zurück. Fotografisch konnte ich mich bei einigen Events austoben, „der Hermann leuchtet„, „Tanz der Vampire„, die Ardèche-Fahrt, das Varieté der Q1 oder die Cellissimo-Konzerte waren Highlights, die einem nicht jeden Tag vor die Linse kommen.

Die Kooperation mit Macfilos hat sich als sehr fruchtbar erwiesen. Der Austausch mit Mike macht viel Spass und wir erforschen gemeinsam linguistische Tiefen… Es ist schön, dadurch mit einigen Inhalten auch eine internationale Leserschaft zu erreichen, von denen einige (trotz der Sprache) regelmäßig auf meiner Seite „vorbeischauen“. Mein Fuji X-70 Review war auf Fuji Rumors verlinkt, gleichermaßen wirkt es motivierend, wenn meine Artikel Trackbacks von so renommierten Kurator-Seiten wie Thomas Menk erhalten.

Aber ich habe diese Einleitung nicht geschrieben, um mit meinen – möglicherweise nur aus meiner Perspektive vorhandenen – Leistungen anzugeben, sondern damit zu begründen, dass ich es in nächster Zeit etwas ruhiger angehen will.

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Leica M6, 35mm Summilux, Kodak Tri-X: Auf dem Markt in Vallon. Als ich mich näherte, auf die Paella-Pfanne zeigte und fragte, ob ich ein Bild machen kann, wollte die Köchin dafür zur Seite treten, aber ich protestierte: „Mais non, Madame, avec vous naturallement!“ Madame stellte sich gutgelaunt in Pose und ich konnte ganz entspannt mein „Street-Foto“ machen. Diese „offene“ Herangehensweise ist angenehm und fair, wer nicht fotografiert werden will, kann es ja sagen. Leider funktioniert das nicht, wenn es darauf ankommt, eine Szene einzufangen, die sich nie entwickeln würde, wenn die Beteiligten vom Fotografen wüssten. Von Moral und Ethik der Street-Fotografie mal abgesehen bin ich jedesmal erschüttert, wenn Bilder als „Street“ präsentiert werden, die lediglich Leute zeigen, die vorbeigehen oder vielleicht an einer Bushaltestelle stehen. So etwas hat höchstens erkennungsdienstliche Relevanz.

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Es beginnt die Ferienzeit und ich habe vor, etwas größere Intervalle zwischen den Blogs zu lassen, denn ich gebe offen zu, dass das alles in den letzten Monaten sehr viel (Frei-)Zeit gekostet hat, die ich sonst anders verwendet hätte. Im Augenblick habe ich fast das Gefühl, dass sich sowieso nicht so viel Neues tut. Alle scheinen schon für den Herbst in  Lauerstellung zu sein, da man erwartet, dass Leica auf der Photokina eine M240-Nachfolge wenn nicht vorstellt, dann zumindest konkret ankündigt. Viele hoffen auch auf eine Version der Leica Q mit längerer Brennweite. Alles deutet darauf hin, dass deren Wünsche erhört werden.

Meine Haupt-Kamera ist und bleibt solange die M240, aber die Leica Q hat sich auch für meine Zwecke als sehr wertvoll erwiesen. Daneben habe ich mich auch wieder mehr als im Vorjahr mit analoger Fotografie beschäftigt. Die M3 ist zum Einsatz gekommen, und ganz unauffällig taucht auf einmal eine M6 auf, die ich im April erwarb. Meine M2 habe ich zum Customer Service geschickt, wo sie seit Wochen auf eine Grundüberholung wartet. Der Andrang dort scheint sehr groß zu sein, zum Glück hat es bei mir keine Eile.

Leica M6, 35mm Summilux, ND-Filter 0,9 Kodak Tri-X

Leica M6, 35mm Summilux mit ND-Filter 0,9 und Kodak Tri-X: Am Strand beim Pont d’Arc.

Was bringt mir eigentlich das Analoge?

Zum einen ist da das unvergleichliche Gefühl, das man hat, wenn man mit solchen Kameras wie der M2, M3 oder M6 arbeitet. Für tote Gegenstände haben diese Dinger überraschend viel Charakter. Das andere ist, dass es nicht schadet, die durch all die Automatiken verkümmerten „fotografischen Sinne“ zu schärfen. Man kann z.B. Farb-Umkehrfilm nicht gnadenlos über- oder unterbelichten, also muss man je nach Motiv und Licht abwägen, ob man auf die Schatten oder auf die Highlights belichtet und welcher Kompromiss dabei am besten funktioniert. Natürlich kommt es auf die Sorte Film an, die man in der Kamera hat. Während Kodak-Tri-X fast alles mitmacht und brutal gepusht oder gepullt werden kann (allerdings muss man dann auch so entwickeln), straft einen Fuji Provia mit unbrauchbaren Positiven, wenn man nur auf die Highlights belichtet.

Außerdem macht einem die Beschäftigung mit analogen Bildern klar, wie verwöhnt wir mittlerweile durch unsere Digitalkameras sind. Selbst Smartphones übertreffen an Auflösung und Schärfe alles, was je im Kleinbildbereich normal war. Und gerade darum wird um so deutlicher, dass Fotografie etwas anderes ist als technische Brillanz der Bilder. Die berühmten Aufnahmen des letzten Jahrhunderts (nicht wenige davon aus Leicas) brauchten keine digitale Perfektion, ihre Botschaft zu übermitteln. Das sollte sich mal jeder klar machen, der sich darum sorgt, ob der Sensor seiner Kamera auch im Ranking bei DxO ganz oben steht…

Im Blog „Wo Licht ist, ist auch Schatten“ habe ich darüber gesprochen, dass mir analoge Bilder helfen, den eigenen Geschmack für das Aussehen meiner digitalen Bilder zu formen. Es geht gar nicht darum, den „Filmlook“ dogmatisch als den einzig richtigen darzustellen, aber es ist immer ein guter Ausgangspunkt. Natürlich wäre es geradezu kleingeistig, die kreativen Möglichkeiten zu opfern, die digitale Bildbearbeitung bietet, nur weil man sich die Limitationen von Film selbst auferlegt.

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Ein Vergleich

Trotzdem finde ich den Vergleich Analog/Digital immer interessant, jeder kann seine eigenen Schlüsse daraus ziehen. Schon vor der Fahrt an die Ardèche hatte ich beschlossen, neben dem universell einsetzbaren Kodak Tri-X auch mal wieder Farbnegativfilme auszuprobieren. In der Vergangenheit hatte ich mit Kodak Ektar gute Erfahrungen gemacht, zu Himmelfahrt legte ich aber eine Rolle Fuji Superia in die M6 ein. Da ich gleichzeitig mit der M240 oder der Q ähnliche Motive fotografierte, gibt es daher ein paar vergleichbare Bilder. Dabei kam mir noch der Gedanke, nicht nur das analoge mit dem digitalen Bild zu vergleichen, sondern auch mal zu sehen, inwieweit eine Filmemulation dem „Real Thing“ nahe kommt. Also exportierte ich die digitale Datei nach DxO-Film Pack 5 und legte den entsprechenden Film darüber. Tatsächlich muss ich zugeben, dass das Ergebnis dem Original verblüffend ähnlich sieht, mit der Einschränkung, dass ich das Blau des Himmels noch nach Türkis verschieben musste, um die Ähnlichkeit vollkommen zu machen. Allerdings war „Der Blick ins Wesertal“ (im ersten Dreier-Set unten) das das einzige Bild, bei dem ich ausser der Tonwertkontrolle etwas änderte. Alle anderen sind „clean“, d.h. keine Eingriffe in das Farbprofil, entweder es ist Adobe Standard oder die ausgewählte Filmemulation, wie sie in DxO Filmpack eingestellt ist.

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Bei all diesen Fotos gibt es immer drei Varianten:

  1. Das analoge Bild, eingescannt vom Negativ oder Positiv mit Nikon CoolscanV ED, Tonwertkontrolle in Lightroom
  2. Das digitale Bild mit der entsprechenden Filmemulation überlagert. Tonwerte eingestellt.
  3. Das gleiche Bild mit dem Adobe-Standard Farbschema, wie es normalerweise verwendet wird.

Leica M6, 21mm Super-Elmar, Fuji Superia: Auf dem Wiehengebirge Leica Q, DxO FilmPack Emulation Fuji Superia Leica Q, Adobe Standard Farbprofil

Leica M6, Fuji Superia und das digitale Vergleichsfoto aus der Leica Q mit und ohne Filmemulation

M3 und M6 im Gepäck

Mit ungebrochener Experimentierfreudigkeit nahm ich gleich zwei analoge Kameras mit an die Ardèche: Die M3 und die M6. Die M6 wurde mit Kodak Tri-X versehen, während die M3 mit Fuji Velvia 50 geladen wurde, weil ich mal wieder Farb-Umkehrfilm verwenden wollte. Ich war neugierig, wie dieser Film die Landschaft dort wiedergeben würde. Bei einer Wanderung durch die Schlucht machte ich eine Reihe von Bildern parallel, wenn ich auch nicht so weit ging, auch noch das gleiche Objektiv zu benutzen. Das viele Wechseln erschien mir zu umständlich, und man muss die moderne Geissel der Sensoren, den Staub, ja nicht mehr einladen als nötig. Die M3 hatte das 28mm Elmarit davor, die M240 das 35mm Summilux.

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Fuji Velvia ist von jeher für intensive Farben und Kontrast bekannt und für diese Landschaft ist das (eigentlich) o.k., mit der Randbemerkung, dass ich den Grad an Sättigung bei einer digitalen Datei nicht einstellen würde. Aber das kommt eben mit dem Paket.  Überraschend gut finde ich übrigens die Palette an Grüntönen, die Adobe Standard in den Schatten stellt, das findet sich auch bei der DxO-Emulation wieder. Ich muss sagen, dass ich bei den digitalen Bildern die Farben der Filmemulation besser finde, bei den Grüntönen kann man beinah von Tonwerttrennung sprechen.

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Und die Konsequenz aus diesem Vergleich? Eigentlich zeigt sich nur, dass man sich immer wieder klarmachen muss, dass gerade bei Farbfotografie entweder der Film oder der Sensor (respektive das Farbprofil der Software) bestimmen, wie die natürlichen Farben wiedergegeben werden und das in keinem Fall der Realität entspricht, ihr im besten Fall höchstens nahekommt. Was wirklich im Bild erscheint, obliegt ausschliesslich dem persönlichen Geschmack des Fotografen. Aber sehen wir es mal positiv: Alles ist erlaubt, solange es nur irgendjemandem gefällt. So gesehen ist die Schwarzweissfotografie vielleicht ehrlicher, die die Welt nur in Grautöne unterteilt, aber selbst da…

Leica M3, 28mm Elmarit, Fuji Velvia
Leica M3, 28mm Elmarit, Fuji Velvia: Im Tal der Ardèche

Wie alles, was irgendwie mit analoger Fotografie verbunden ist, hat auch dieser Artikel unverhältnismässig viel Zeit und Mühe verschlungen gemessen an dem, was dabei herausgekommen ist. Warum tue ich mir das eigentlich an? Ich könnte es so viel bequemer haben, kein Mensch würde sich beschweren, wenn ich kein Wort über Analoges verliere. Die Antwort ist ganz einfach: Trotz all der Arbeit finde ich den Prozess des hybriden Workflows faszinierend und ich freue mich, dass ich die alten Kameras noch benutzen kann und sie nicht zu reinen Sammlerstücken degradiere. Jede davon ist ein Triumph der Feinmechanik und Optik.

Möglicherweise werde ich das Tempo der Veröffentlichungen in den Sommermonaten etwas bremsen – wie ich Eingangs erwähnte, ich kann nicht immer nur Blogs schreiben. Bis zum Urlaub sind es noch ein paar Wochen (wo es hingeht, wird nicht verraten), vielleicht kommt noch ein Artikel von Macfilos, wenn Mike was für mich hat.

4 Kommentare

  1. Achim Dederichs

    Hallo Claus,
    auch ich nutze die Ferienzeit im Perigord dazu, neben meiner Monochrom auch die alte M3 und sogar eine Leica III „spazieren“ zu führen und es ist tatsächlich so, daß man sich viele Dinge, die einem die digitale Technik abnimmt, wieder erarbeiten und memorieren muss. Ich jedenfalls geniesse es, mit den alten Geräten zu arbeiten, wobei die Leica III doch erheblich mühsamer in der Handhabung ist – kommt halt aus 1939. Die alte Canon D5 habe ich spasseshalber auch noch einmal mitgenommen, wobei mir dieses Gerät inzwischen aber grotesk in der Hand vorkommt… .

    Eine Frage zum Workflow hätte ich noch: die Filme lässt Du entwickeln aber lässt davon keine Abzüge herstellen, habe ich das so richtig verstanden?

    Liebe Grüße aus dem sensationell schönen Perigord!

    Achim Dederichs

    • Claus Sassenberg

      Hallo Achim,

      das ist schon ein tolles „Feeling“ mit den alten Kameras, aber vielleicht können das auch nur Nerds wie wir verstehen…

      Man kann für die Übersicht (kleine)Abzüge herstellen lassen, das mache ich manchmal. Aber eigentlich scanne ich die Negative/Positive sowieso ein, mache evtl. noch Korrekturen in Lightroom, um sie dann ggf. selbst auszudrucken.

      Viele Grüße von gar nicht so weit weg, aus der Schlucht des Tarn (auch sensationell schön!),

      Claus

  2. „[H]öchstens erkennungsdienstliche Relevanz“ – schön formuliert, wie wahr. Und irgendwie traurig.

    Wünsche einen schönen, erkenntnisreichen, kreativen Sommer.

  3. Der Artikel liefert mit den Foto-Vergleichen einen echten Mehrwert. Finde ich super. Vielen Dank! Ich bin sicher, dass das etliche Leute zu schätzen wissen (und auch noch in 5-8 Jahren).
    Ich stelle übrigens auch immer wieder fest, dass mich die Peripherie um das Foto herum (= der Prozess) mindestens so sehr interessiert wie „das Produkt“ (=das Foto).

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