Leica Q3 43: Eine sommerliche Tour mit dem Rennrad
Das Rennrad fahren hat mich seit meiner Jugend fit gehalten, das gilt sowohl in körperlicher als auch in geistiger Hinsicht. Denn oft genug hat man bei einer Solo-Ausfahrt Zeit, seine wirren Gedanken zu ordnen und mit sich und der Welt in Reine zu kommen, ja vielleicht wichtige Entscheidungen zu überdenken.
Dabei hat mich der kompetitive Aspekt nie gereizt, mir macht es wesentlich mehr Spass, mit Freunden auszufahren als gegen sie. Was nicht heisst, dass ich den Radsport ignoriere oder verurteile. Nachdem ich mich 2012 (eher schon vorher) nach den Dopingskandalen enttäuscht davon abgewandt hatte, kam das Interesse in den Jahren danach langsam wieder, wenn auch bis heute mit einer Portion Skepsis. Ich verfolge gern die großen Rennen, wie jetzt wieder die Tour de France. Schon allein wegen der schönen Landschaft und weil es immer wieder Streckenabschnitte gibt, die ich selbst schon gefahren bin. Beispielsweise bin ich den letzten Teil der Etappe in der Auvergne genau so gefahren wie dieses Jahr die Tour. Bloß wesentlich langsamer.

Auch war es ein unvergessliches Erlebnis, als ich 2019 in Guillestre in den französischen Alpen selbst mal an der Strecke stand. Die Stimmung war überwältigend. Letztes Jahr kam die Deutschland-Tour ziemlich dicht an Vlotho vorbei und ich war bei der Bergwertung „am Hermann“ dabei, um „die Großen“ in Natura zu sehen.

Radeln, mit Kamera dabei
Selbstverständlich ist es sicher am bequemsten, einfach sein Handy zu benutzen, wenn man unterwegs etwas fotografieren will. Aber im Vergleich zu einer Vollformatkamera klafft da ein riesiger Unterschied in der Bildqualität und das ist für mich persönlich ein Grund, eine „richtige“ Kamera dabei zu haben (und das muss nicht mal Vollformat sein, auch APS-C oder MFT ist ok). Von einem guten Objektiv ganz abgesehen.

Die für die Kamera beste Art, sie am Fahrrad zu transportieren, ist, sie am Körper zu tragen, sei es am Gurt oder in einer Tasche. Stöße beim fahren werden so optimal gedämpft, besser als irgendwo am Rahmen des Rads. Den Gurt stelle ich so kurz ein, das ich die Kamera vorgebeugt mit den Knien nicht touchiere. Das funktioniert ausgezeichnet und der Apparat stört mich nicht im geringsten. Sonst habe ich sie in einer kleinen zweckentfremdeten Bauchtasche auf dem Rücken, wo ich sie bei Bedarf schnell erreiche. Darüber habe ich schon oft geschrieben, wenn ich über Touren im Urlaub berichtete. Fun Fact nebenbei: Die M10 oder M11 mit Objektiv ist in der Tasche weniger sperrig als die vergleichsweise „dicke“ Leica Q. Bei dem M’s kann ich bei Bedarf sogar noch ein weich eingehülltes Objektiv zusätzlich mitnehmen (zugegeben: ein weiteres Objektiv bei der Q wäre irgendwie absurd).
Was vermutlich in Bezug auf Sicherheit in die Waagschale fällt: Wenn man sich mit so einem Backstein um den Hals auf die Fre…, ähm, will sagen, irgendwie verunfallt, ist das nicht nur für die Kamera fatal, sondern gegebenenfalls auch für den, der auf so einem Klotz landet. Das muss jeder mit sich selbst abmachen.
Sonntagmorgen in Ostwestfalen
Ostwestfalen-Lippe ist ein großartiges Rennradrevier. Berge jeder Art oder bei Bedarf auch flache Strecken (durchs Wesertal oder nördlich des Wiehengebirges) kann sich jeder nach Geschmack aussuchen. Ich bevorzuge das Lippische Hinterland, vor allem wegen der wenig befahrenen Nebenstraßen. Dazu brauche ich die Berge, flach ist mir zu langweilig. 60 bis 70 Kilometer in Lippe garantieren mindestens tausend Höhenmeter, je nach Strecke natürlich auch mehr.
Die Menschheit unterteilt sich in Eulen und Lärchen und ich bin ganz froh, zu der letzteren Fraktion zu gehören. Am vorletzten Sonntag (es war noch im Abklingen der Hitzewelle) wachte ich dementsprechend früh (um halb sechs) auf und hatte gleich ein „carpe diem“ Bedürfnis, nämlich noch vor dem einsetzen der Wärme eine Runde mit dem Rennrad zu machen. Zumal der Rest des Hauses noch in Morpheus Armen ruhte. Disclaimer: Wohlgemerkt, es handelt sich nicht um „senile Bettflucht“, mein Leben lang war ich in der Früh fit und voller Tatendrang (und im Sommer kommt noch der hormonell beeinflusste circadiane Rhythmus dazu).
Als ich (leise!) meine Siebensachen zusammensuchte, fiel mein Blick auf die Leica Q3 43 und ich schnappte sie, einer spontanen Eingebung folgend. Es war im Urlaub selbstverständlich, sie oder eine Leica M dabei zu haben, warum also nicht auch mal in der Heimat? Ich nahm mir vor, meine Strecke zu dokumentieren. Die Leica Q hat den Vorteil (gegenüber den M-Modellen), dass ich sie mit einer Hand bedienen kann, folglich auch während der Fahrt Fotos machen kann. Denn alle paar Minuten anzuhalten ist nicht so der Sinn beim Rennrad fahren. Das heisst nicht, dass ich nicht mal für ein besonderes Motiv gestoppt habe.
Ich war kurz nach sechs aus dem Haus. Fast schon ärgerlich, dass die Sonne schon eine Handbreit über dem Horizont stand, dennoch hatte das Licht noch eine besondere Qualität, die natürlich im Verlauf der Tour verschwand. Ich gebe im folgenden Slider (fast) die gesamte Tour wieder. Rein bildkompositorisch kommt da ungünstigerweise viel Strasse vor, aber das war ja meine Intention. In den Bildunterschriften kann man verfolgen, was da gerade zu sehen ist.
Akku leer!
Nein, nicht meiner, ich war kein bisschen schlapp. Aber ich hatte bei meiner „spontanen“ Eingebung vergessen, den Ladezustand der Kamera zu kontrollieren und der war leider defizitär! Normalerweise komme ich mit einer Akkuladung der Leica Q3 43 oder der M11 tagelang aus, aber heute war ich vielleicht mit 30% gestartet und da ging der Kamera im Gegensatz zu mir die Puste aus, als ich vier fünftel der Tour hinter mir hatte. Wenn mir der Ladezustand bewusst gewesen wäre, hätte ich ökonomischer Haus gehalten, statt die Kamera die ganze Zeit anzulassen (ausserdem habe ich natürlich viel mehr Bilder gemacht, als die im Slider gezeigten).
Da weder das Licht noch der Rest der Strecke spektakulär war, machte ich noch ein paar „dokumentarische“ Fotos mit dem iPhone 16. Allerdings mit der Leica LUX App, um das Farbschema zu wahren. Ich benutze den kostenfreien Teil der App, da mir das „berechnete“ Bokeh oft zu ungenau ist (da nehme ich doch lieber die „echten“ Objektive und eine Leica M). So sind im folgenden Slider ein paar Bilder, die zeigen, wie ich nach Hause kam. Was mich dabei prompt nervte war, dass ich für ein Foto jedesmal anhalten musste, denn sobald man stehen blieb, hatte man ein Problem: Die Bremsen in den Feldern waren absolut blutrünstig.
Wieder zu Hause kurz duschen, dann gab es Frühstück und der Tag mit der Familie konnte beginnen.
Ein paar Anmerkungen zur Rennrad-Technik
Die technische Entwicklung im Radsport habe ich mitgemacht: Nachdem ich viele Jahre vor der Jahrtausendwende einen echten „Drahtesel“ mit Chrom-Molybdänrahmen und einer 600er Shimano Schaltung (Schalthebel am Unterrohr) gefahren war, wechselte ich dann auf ein Cannondale aus Aluminium. Ultegra Schaltung am Lenker war ein echter Fortschritt. Es war hart und schnell zu fahren, aber hatte mit den noch üblichen dünnen Reifen und den Felgenbremsen einen elend langen Bremsweg. 2018 wechselte ich auf mein heutiges Rad, ein Simplon mit Carbonrahmen. Und dessen Komfort möchte ich nicht mehr missen. Schon die Scheibenbremsen machen das fahren deutlich sicherer, zudem wurden die Reifen immer breiter. Am Anfang waren es 25mm, und selbst das war schon ein riesiger Unterschied gegen zuvor.
Verrückterweise hatte man ja 100 Jahre lang geglaubt, dass der Rollwiderstand umso geringer sei, je dünner und härter der Reifen ist. Die physikalische Wahrheit ist, dass breitere Reifen mir niedrigerem Luftdruck deutlich leichter abrollen. Aktuell findet sich ein 32er Reifen auf meinen Felgen, den ich mit vier Bar Druck fahre, was nicht nur einen unglaublich guten Fahrkomfort liefert, sondern auch ein sicheres Kurvenverhalten. Eine zeitlang war ich schlauchlos unterwegs, aber das war mir doch zu unheimlich, wenn ich jwd („janz weit draussen“) in menschenleeren Gegenden unterwegs war. Lieber habe ich im Fall einer Panne einen Schlauch dabei, den ich wechseln kann. Der letzte sinnvolle Zuwachs der Ausrüstung ist übrigens eine Mini-Akkupumpe, die nach solchen Reparaturen den richtigen Reifendruck mühelos wiederherstellt.
Eine andere Sache möchte ich wegen der Erhöhung der Fahrsicherheit jedem ans Herz legen: Seit ein paar Jahren habe ich ein kleines Zusatzgerät am Sattelrohr, das mit Radar arbeitet. Auf dem Display meines Radcomputers kann ich sehen, was sich von hinten nähert. Dass es gleichzeitig als Rücklicht fungiert, ist auch nicht von Schaden.
Die technische Entwicklung im Radsport geht immer weiter. Meist dreht es sich darum, wieder ein paar Watt einzusparen. Zum Glück muss man das als Amateur nicht alles mitmachen. Ein Aero-Lenker ist mir ziemlich egal und auch meine Trinkflaschen können gerne rund sein, vielen Dank. Trotzdem gut, dass da technisch erstaunlicherweise immer noch Luft nach oben ist, denn davon profitiert man als Laie ja auch.






















































































Respekt, Herr Sassenberg/Claus, so eine Strecke ohne was im Bauch! Und ganz großes Lob dafür, dass Sie/Du sich nicht zu schade sind, den Radweg zu benutzen! Sagt ein manchmal genervter Autofahrer.
Liebe Grüß
Volker
Auch wenn ich noch nie einen Zugang zu Rennrädern und zum Radsport gefunden habe (Neben der Aktivität an sich, haben mich auch die Kleidung und die komischen Kappen abgeschreckt.), war die Lektüre Ihres Beitrags nicht nur gewohnt kurzweilig, sondern auch inhaltlich lehrreich. Vielen Dank dafür ! Ihre Zufriedenheit mit der Leica Q3 43 kann ich gut nachvollziehen!
Guten Morgen Herr Reichardt,
danke für das Feedback! Wegen der Kappen: Das war vor der Jahrtausendwende. Man trägt selbstverständlich einen Fahrradhelm, und das sollte im übrigen jeder tun, der sich auf ein Zweirad setzt, egal, welcher Art. Die Kleidung an sich ist einfach funktional.
Viele Grüße, Claus
Verehrter Herr Reichardt,
zugegeben, was die Bekleidung der Radrennfahrer angeht, habe ich mich, früher eher Ihrer Meinung, davon überzeugen lassen, dass diese sehr wohl angebracht ist! Denn meist sind die Leibchen der Fahrer sehr bunt. Das hat den Effekt, dass somit der Radfahrer im Straßenverkehr besser wahrgenommen wird und besser geschützt ist!