Als Erich Kästner das „Fliegende Klassenzimmer“ schrieb, sass er im Sonnenschein auf einer bayrischen Almwiese und musste eine Schneeballschlacht im Winter beschreiben. Er hatte es nicht leicht, der Gute.

Da habe ich es schon besser, ich sitze jetzt hoch über Meran und muss mir nur ein ganz anderes Tal vorstellen, in dem ich vor zwei Wochen war. Viel enger und wilder. Die Tarnschlucht, mitten in den Cevennen. Allein da hin zu kommen, erfordert viel Kurverei.

Dabei wollten wir eigentlich in die Bretagne! Aber ach, die Wetterprognose war so gräulich (pun intended)dass wir kurzentschlossen ein Ziel mit deutlich mehr Sonnenstunden anwählten. Das war nicht schwierig, zählt meine Familie doch neuerdings wieder zu Nomadenvölkern. Seit dreissig Jahren fahre ich einen Bulli (Nichteingeweihte nennen ihn auch VW-Transporter). Schon früher fuhr ich so einen T3, dann T4 mit Westfalia-Ausstattung, zwischendurch waren es zwei T5 Multivans, jetzt, in seiner neuesten Reinkarnation, ist es ein California. Möglicherweise machen sich da auch meine Gene bemerkbar… mein Urgroßvater mütterlicherseits war Holländer… ich schweife aus. Jedenfalls kann man sich als Camper das Ziel noch überlegen, wenn man auf die Autobahn fährt. Spätestens dann aber sollte man sich über die grobe Richtung im Klaren sein.

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1.Etappe: Abends in Saarburg (schnuckeliges Städtchen)

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2.Etappe: In der Auvergne. Die Loire kurz nach ihrer Quelle. Hier ist es so einsam, dass die Kleintierpraxen vermutlich voll sind mit Füchsen und Hasen, die sich vom Händeschütteln beim Gute-Nacht-Sagen Sehnenscheidenentzündungen zuziehen.

Tarn

3.Etappe: Am Tarn, die Brücke vor Ispagnac

Am dritten Tag kamen wir in der Tarnschlucht an. Dieses Ziel hatten wir (meine Frau und ich) uns aus sentimentalen Gründen ausgesucht, denn in unserer Jugend hatten unsere Bootskiele an just diesem Fluss das erste Mal Kontakt mit französischem Wasser gehabt. Seither waren wir nie wieder dort gewesen. Es wurde also Zeit, einige schöne Erinnerungen aufzufrischen.

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Rathausplatz in Ispagnac

Wir fanden nach etwas nerviger Suche (Hauptsaison!) einen sehr schönen Campingplatz in Ispagnac, ein großer Stellplatz unter Platanen, Weiden und Linden wurde unser Domizil für den Rest der Woche. Ispagnac liegt noch ziemlich am Anfang der Schlucht, sie ist dort noch etwas weiter. Der Ort hat einen schönen Hauptplatz im Kern (wo auch der Markt stattfindet), von dem sich gut restaurierte Gassen abzweigen.

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Image Slider: Markt in Ispagnac. Alle mit Leica M und verschiedenen Objektiven gemacht, einige auch z.B. mit dem 50er Summicron und ND-Filter. Die gestalterischen Möglichkeiten, die man mit einem System wie der Leica M hat, verweist dann doch die Leica Q in die Schranken.

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Im Slider: Bilder von unseren Wanderungen

Von dort aus unternahmen wir Wanderungen und Radtouren in die Umgebung, ich fuhr gelegentlich allein mit dem Rennrad über die Berge, die hier um die Tausend Meter hoch sind. Dabei kommt man durch interessante Bergdörfer und hat natürlich einen guten Blick in die Schlucht.

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Bei meinen Touren mit dem Rennrad hatte ich dort (am Tarn) meist einfach die Leica Q umgehängt, sie stört wirklich überhaupt nicht (wie beim Ski fahren). Später, tiefer in den Cevennen, hatte ich auch oft den Rucksack dabei. Dann ist es praktisch, ein bis zwei Wechselobjektive einzustecken, aber auch die M hänge ich einfach um. Man darf den Tragegurt nicht zu lang einstellen, dann liegt sie gut am Körper an und hindert nicht, auch bei sportlicher Fahrweise.

Wir konnten nicht widerstehen und mieteten in Sainte Enimie Boote, um bis zum Pas de Souci auf dem Tarn zu fahren. L1000288Die Schlucht erinnert zwar manchmal an die Ardèche, aber hat doch ihren eigenen Charme, vor allem, weil man an Ortschaften vorbeikommt, die nah am Fluss liegen (direkt in der Ardèche-Schlucht gibt es keine Besiedlung). Als wir den einen oder anderen kleinen Schwall passierten, musste ich lächeln, wenn ich daran dachte, wie aufgeregt wir als Schüler waren, als wir das erste Mal auf diesen wilden Fluss gingen. Er ist bei dem Wasserstand sogar gegen die Ardèche harmlos. Im Winter mag das anders aussehen.

Auf dem Tarn

Kurz vor dem Pas de Souci

Fotos aus dem Boot heraus. Die Q hatte ich beim paddeln einfach um.

Zu der Zeit war Neumond, in den klaren Nächten war der Sternenhimmel fantastisch. Nachdem das letzte Update die Leica Q mit längeren Belichtungszeiten bei höherer ISO ausgestattet hat, brannte ich darauf, das im Feld zu testen. Nachts um Eins radelte ich vom Campingplatz zur mittelalterlichen Brücke nach Quezac am untern Ortsrand. Ich hatte mir schon tagsüber die passende Stelle ausgesucht, um ein Bild mit der Brücke im Vordergrund zu machen. Als ich mich näherte, hörte ich Baulärm.Die Brücke nach Quezac Ausgerechnet in der Nacht wurde der Strassenbelag dort erneuert! Nachts, weil es die einzige Zufahrt zum Ort Quezac ist. Weil ich nun schon auf war, fuhr ich zur anderen Brücke am Ortsanfang. Ich hatte keine Lust, unter der Brücke im Stockfinsteren herumzukriechen, darum stellte ich mich mitten darauf und fotografierte die Milchstrasse mit Fluss im Vordergrund. Mir fiel spontan ein, diesen mit meiner sehr starken Fahrrad-LED-Lampe zu erhellen. Ich stellte die ISO der Q auf 400 und machte 30-Sekunden Belichtungen bei f/1.7, während ich die Gegend mit Licht bemalte. Das knifflige dabei ist übrigens, die Entfernung auf unendlich richtig einzustellen. Die Automatik kann nur ausreichend helle Motive fokussieren, Sterne reichen nicht. Also muss man sich irgendeinen Lichtpunkt manuell suchen, den man mit der Lupe scharfstellt. Bei den M-Objektiven ist das einfach: Der Anschlag ist normalerweise die Unendlich-Einstellung. Aber bei der Q geht das (wie bei Spiegelreflex-Objektiven) darüber hinaus. Also muss man tricksen.

Milchstrasse über dem Tarn, Leica Q bei f/1.7 30sec bei ISO 400

Leica Q: Milchstrasse über dem Tarn

Trotzdem – mit dem Ergebnis bin ich zufrieden. Durch das Update ist es jetzt viel leichter, Nachtaufnahmen zu machen. Bei 400 ISO kann ich maximal 30 Sekunden belichten, dabei kommt schon eine Menge rein. In der Nachbearbeitung kann ich sogar ohne mit zuviel Rauschen bestraft zu werden bis zu drei Blendendstufen hochziehen (zum Beispiel kommen dadurch bei dem Sternenhimmel auch die weniger hellen Sterne zur Geltung). Natürlich hat das mit wirklicher Astrofotografie nichts zu tun. Dazu nimmt man ganz andere Werkzeuge. Aber als „Landschaftsbild“ erfüllt es seinen Zweck.

Unsere Woche am Tarn ging zu Ende, aber wir hatten vor, noch tiefer in die Cevennen einzudringen. Beim Teil II meines Reiseberichts, an dem ich hier in Südtirol arbeite, kommen neben den Lanschaftsbildern mal wieder Aufnahmen aus unterirdischen Regionen dazu. Darum heisst er auch:

Ferien, Teil II: Über und unter  den Cevennen

P.S. Warum hocke ich eigentlich in Südtirol? Nun, als ich irgendwann letztes Jahr meine Sommerferien im Praxis-Terminplan eintrug, war ich so unverschämt, mir drei Wochen zu gönnen. Es stellte sich allerdings heraus, dass meine liebe Familie in dieser dritten Woche alles mögliche andere vorhatte, namentlich an der Ferienmusikwerkstatt teilnimmt, die wieder läuft.

Wenn ich zuhause bin und nicht arbeite, ist das eigentlich kein Urlaub für mich. Ich war nur Samstags da, da riefen schon zwei Patienten an an und brauchten Hilfe (die sie auch bekamen, wenn man mich erwischt, verweise ich keinen in den Notdienst). Aber vielleicht versteht man, dass ich lieber wieder meine Sachen packte und nach Süden fuhr, um die mir verbleibende Woche noch auszunutzen.

Leica Q: Mondnacht

Leica Q bei f/1.7  20sec  ISO 100: Mondnacht über dem Campingplatz, vor dem Gewitter

Hier ging gestern nacht ein Gewitter nieder. Ich wachte vom Donner auf und überlegte kurz. Obwohl etwas schlaftrunken, konnte ich nicht wiederstehen: Wann wird einem schon mal ein Blick ins Tal mit Gewitter frei Haus geliefert? Ich musste nur das Stativ ausklappen und vor den Bulli treten, es regnete nicht stark, ein Regenschirm über der Kamera genügte. Ich hatte rein zufällig die Leica M gegriffen, das 21er Super-Elmar war schon davor (denn die Q hätte den Job genauso gut erledigt). Ein paar Langzeitbelichtungen später hatte ich bereits eine ganze Galerie Gewitterfotos wie das folgende:

Leica M240 mit 21mm Super-Elmar: Gewitter

Leica M240 mit 21mm Super-Elmar bei f/4.0  60sec  ISO 200: Gewitter

To be continued…

2 Kommentare

  1. Dr. Thomas Wilhelm

    Hallo Herr Sassenberg,
    super schöne Bilder vielen Dank.
    Ich bin sehr begeistert.
    Als Besitzer einer Q überlege ich mir zusätzlich eine M 240 anzuschaffen.
    Mit dem Meßsucher kenne ich mich soweit aus.
    „Lohnt “ sich aus ihrer Sicht jetzt noch die Anschaffung einer neuen oder fast neuen M oder doch bis zur Photokona warten?
    Ganz liebe Grüße

    • Claus Sassenberg

      Hallo Thomas,

      für mich ist das „du“ in Ordnung, ich hoffe es stört dich nicht. Wir frönen alle unserem Hobby, das formelle bleibt mit dem Beruf zurück. Zu deiner Frage:

      Hmmm…, knifflig.

      Es ist auf jeden Fall so, dass selbst wenn bei der Photokina eine neue M vorgestellt wird, diese (so war es bei der M240 auch) kaum vor März nächsten Jahres bei den ersten Fotografen ankommt. Dann kommt noch die Hackordnung: Die professionellen Fotografen werden zuerst beliefert, dann die „Frühbesteller“. Bei der M240 gab es im ersten Jahr einen Lieferrückstau von bis zu zehn Monaten.

      Wenn man also auf das neue Modell scharf ist, wird man sehr viel Geduld mitbringen müssen, denn selbst wenn man sie früh bekommt, wird es mit Sicherheit nach der Photokina noch Monate dauern.

      Wenn man in das M-System einsteigen will, ist die M240 (ich würde jetzt eher eine M-P kaufen) immer noch exzellent. Und seien wir mal ehrlich: Auch wenn die kommende M vermutlich Sensortechnisch wieder etwas „drauflegt“, frage ich mal ganz unbescheiden: Erscheinen die Bilder, die ich mit der M240 machte (oder respektive mit der M9) sehr mangelhaft?

      Diese rhetorische Frage in den Raum gestellt sage ich mal: Der Fotograf macht die Bilder, die Kamera ist sein Werkzeug. Und die M9 oder M240 legen die Messlatte schon hoch. Am Ende entscheidet auch die Qualität der Objektive, und die sind in der Regel eine Anschaffung für’s Leben.

      Meine persönliche Ansicht: Go for it! Und wenn dann die Neue in den Geschäften ist, kannst du immer noch „upgraden“.

      Liebe Grüße aus Südtirol,

      Claus

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