Posted by on 9. Juni 2016

Dieses Mal weiche ich von meinen üblichen Inhalten ab und mache einen Ausflug in die Welt des Videographing. Ich selbst wurde da eigentlich hinein geschubst…

Prolog (einer übersteigerten Phantasie entsprungen)

Einige Tage vor der Ardèche-Fahrt war ich mit dem einscannen  von Negativen beschäftigt. Während ich mich über den Nikon-Scanner beugte, um den Filmstreifen zu wechseln, hörte ich plötzlich ein Hüsteln hinter meinem Rücken. Ich drehte mich überrascht um, denn ich wähnte mich allein im Haus. Folgerichtig hüpfte mir das Herz einen Sekundenbruchteil fast aus dem Brustkorb, bis ich checkte, wer es war. Eine alte Bekannte.

Isolessa Summilux, die gute Fee der Fotografen. Sie hatte ein professionelles Lächeln aufgesetzt, trat einen Schritt näher und hob effektvoll die Arme, wobei sich die weiten Ärmel ihres mitternachtsblauen Paillettenkleides entfalteten (jede Paillette in Form einer sechseckigen Blendenöffnung). Es sah ein bisschen aus wie eine zu groß geratene Fledermaus.

„Freue dich, dein sehnlichster Wunsch wird wahr, du darfst jetzt Videograph werden und das Varieté der Stufe Q1 filmen!“, deklamierte sie voller Pathos. Ihre weit geöffneten Augen deuteten auf eine leichte Schilddrüsenüberfunktion hin.

„Wie bitte?“, stotterte ich und rang um Fassung. „Da muss ein Irrtum vorliegen, das ist ganz gewiss nicht mein sehnlichster Wunsch.“ Ich dachte wieder an das Date mit Jennifer Lawrence. Meine Erfahrungen mit der Zahnfee hatten mir zudem gezeigt, dass Feen nicht sehr zuverlässig sind.

Ihr Lächeln gefror ein wenig und bröckelte an den Ecken. „Aber klar ist das dein Wunsch, du weisst es nur noch nicht! Deine eigene Tochter wird dich darum bitten!“

Ehe ich weiter protestieren konnte, verschwand sie mit dem Geräusch eines M3-Verschlusses. Kurz bevor sie sich dünne machte, konnte ich noch beobachten, dass das Lächeln einem genervten Ausdruck gewichen war. Mein Mangel an Dankbarkeit hatte sie ziemlich angefressen. Der Job einer Fee war eben auch nicht immer ein Zuckerschlecken. Aber was konnte ich dafür? Videographing stand auf meiner Beliebtheitsliste ungefähr so hoch wie bei anderen ein Zahnarztbesuch…

Videographing

Das ist nicht Isolessa Summilux, sondern der Schleiertanz aus dem Varieté. Die M240 mit dem 75er Apo-Summicron verweist hier die Q in ihre Schranken

Zurück in der Realität…

Dass die Fee recht gehabt hatte, zeigte sich kurz darauf, als meine Tochter mich im Namen der Stufe fragte, ob ich bereit sei, das Varieté zu filmen. Was sollte ich da noch sagen?

Schon an der Ardèche überlegte ich fieberhaft, wie ich das Ganze angehen konnte. Ich hatte dort im Jahr zuvor die Video-Funktion der M240 ausprobiert und wusste, dass ich ohne Probleme während der Aufnahme manuell fokussieren konnte. Die Wiedergabequalität war auch sehr gut, für meine Zwecke absolut ausreichend. Dazu muss gesagt werden, dass die M240 kaum den Ansprüchen eines professionellen Videographers genügt. Mit der Q hatte ich bisher noch nie Videos gemacht, war aber fest entschlossen, ihr eine Chance zu geben.

Captain Jack, mit M240 und 75er Apo-Summicron

Captain Jack, wie er leibt und lebt. Mit M240 und 75mm Apo-Summicron

Wieder Zuhause, waren die Proben für das Varieté so weit fortgeschritten, dass ich gerade noch Gelegenheit hatte, die Generalprobe zu besuchen, um eine Vorstellung zu bekommen, was ich überhaupt filmen würde. Mir wurde dort schnell klar, dass ich allein (mit welcher Kamera auch immer) nur ein rein dokumentarisches Video von den Vorgängen auf der Bühne in „Totale“ machen konnte, wenn ich mit einer einzigen Kamera alles quasi lückenlos aufzeichnen sollte. Das Ansehen eines solchen Videos bringt einen in der Regel in kürzester Zeit zum einschlafen. Es hat den Charme einer Überwachungskamera.

Gefangen! Leica M240 mit 75er Apo-Summicron

Das ist nicht der Nikolaus, sondern Saruman (einer von den „Bösen“), der den Protagonisten gefangen hat. M240 und 75mm Apo-Summicron

Am nächsten Abend war Premiere, höchste Zeit, etwas zu unternehmen, wenn ich nicht die Schlaftablettenversion produzieren wollte. Ich brauchte mehr Kameras! Der Erste, der mir einfiel, war mein Freund Jürgen, ein fähiger Fotograf. Ich hängte mich ans Telefon und eröffnete ihm sein Schicksal. Er trug es mit Fassung und entwickelte sofort Enthusiasmus, zumal sein Sohn ebenfalls in der Stufe ist und wie meine Tochter ziemlich stark an dem Bühnengeschehen beteiligt war. Der Zweite, den ich fragte, ebenfalls ein ambitionierter Hobby-Fotograf, konnte am Premierenabend nicht, wohl aber sein Sohn, der 15-jährige Finn Luca Lehrke, der sowieso der Videofilmer der Familie sei. Das war mir sehr recht. Ich kannte Finn schon viele Jahre als Patient.

VarieteQ1_041_FUX26504-Bearbeitet

Mick Jagger? Fuji X-E2 mit XF 56mm

Die Premiere

Kurz vor Beginn trafen wir uns und sprachen die Aufgaben ab: Das Varieté fand in der großen Schulaula statt, mit einer Bühne quer über die Breite des Saals. Jürgen postierte sich an der Bühne links, um diesen Teil zu überblicken und „closeups“ zu machen. Weil vermutlich nicht viel Zeit zum Objektivwechsel sein würde, entschied er sich, vor seiner Fuji X-E2 das XF 56mm zu benutzen. Um übermässiges wackeln zu vermeiden, nahm er ein Stativ, dass er aber ständig bewegte, um den passenden Teil der Bühne vor der Linse zu haben.

The wicked Witch

Die Knusperhexe, Fuji X-E2 mit XF 56mm

Ich übernahm die rechte Seite. Bei der Generalprobe hatte ich festgestellt, dass die Leica Q sich exzellent für den Job eignete, aus verschiedenen Gründen:

  1. Die Bildstabilisierung ist ein Riesenvorteil und sorgt für gute Dämpfung auch bei Schwenks, solange man nicht zu hastig wird. Hält man die Kamera ruhig in der Hand, ist es, als würde man vom Stativ filmen.
  2. Die Video-Bildqualität und die Dynamik des Sensors sind besser als die der M240. Bei den recht fordernden Lichtbedingungen (sehr helle Spot-Scheinwerfer bis zu völliger Dunkelheit) zeichnete sie alles klaglos auf. Gelegentlich regelte ich die Belichtungskorrektur nach unten (nie weiter als 1 EV), wenn kleine Bildbereiche sehr hell und ansonsten von völliger Dunkelheit umgeben warten (z.B. Sänger im Spot-Scheinwerfer).
  3. Ich hatte das „Sorgenfrei-Paket“ der Q gebucht, Blende und Belichtungszeit auf „A“, ISO auf Automatik. Und das lief fantastisch. Der Autofokus der Q regelt so gut nach, dass man ihn praktisch nicht bemerkt. Obwohl vermutlich die meiste Zeit bei Offenblende gefilmt wurde, sind alle Videosequenzen von makelloser Schärfe und Klarheit. Ich erinnerte mich an David Taylor Hughes, der sich über den Review bei DPreview schrecklich aufgeregt hatte, unter anderem weil die die Videoeigenschaften der Q als „unterdurchschnittlich“ bezeichnet hatten. Ich konnte seinen Zorn nachvollziehen. Dieses Urteil ist eine glatte Lüge.
  4. Zu guter Letzt: Die Q hat ein Stereomikrofon. Ich wusste noch nicht genau, wie ich das mit dem Ton später machen würde (tatsächlich hätte ich die gesamte Audiospur von der Technik übernehmen können, und Teile davon benutzte ich dann auch), aber es konnte nicht schaden, eine Stereo-Aufnahme zu haben.

Finn übernahm die Aufgabe, die Totale zu filmen. Die Aula hat ein freistehendes Treppenhaus, von der mittleren Ebene, die der Bühne genau gegenüberliegt, hat man einen Superblick. Er postierte sich mit der Canon EOS 7D und dem EF 50mm f/1.4  mit Stativ und machte gelegentlich Schwenks. Über die Videoqualitäten der 7D brauche ich kein Wort zu verlieren und Finn machte seinen Job hervorragend.

Die Eiskönigin, Fuji X-E2 mit XF 56mm

Der Song der Eiskönigin, Fuji X-E2 mit XF 56mm

Das Varieté bestand aus 10 Szenen eines zusammenhängenden Handlungsstrangs, in der der Protagonist in eine Traumwelt versetzt wird. Dort tummeln sich Gestalten aus allerlei Filmen, „Böse“ und „Gute“ Charaktere. Der „Joker“ (aus Batman) hat einen finsteren Plan, in die „reale Welt“ vorzustoßen, und das muss auf jeden Fall verhindert werden. Zwischen den Szenen liefen „Acts“, das waren Gesangs-, Tanz- oder Artistik-Einlagen von durchweg hohem Niveau.

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Wir Kameraleute hatten abgesprochen, jede Szene, jeden Act als einzelnen Clip festzuhalten, also auch, wenn nur ein paar Sekunden Pause waren, die Aufnahme zu stoppen und wieder zu starten. So endete jeder mit etwa 20 Clips auf der Speicherkarte. Über zwei Stunden „Footage“ von jedem. Mir graute schon davor, wie ich das zusammenbringen sollte, denn ich hatte wegen der kurzfristigen Planung nicht weiter als bis zur Premiere gedacht. An dem Abend machte ich nichts mehr, ausser die Speicherkarten auf einem anderen Medium zu sichern, denn fast drei Stunden herumkriechen vor der Bühne und konzentriertes Halten der Kamera hatten mich ausgemürbt. Zumal ich einen ebenfalls sehr intensiven Tag in der Praxis hinter mir hatte. Jürgen war es auch nicht anders ergangen und vermutlich war auch Finn geschafft, der die ganze Zeit seine Kamera im Auge behalten musste, um den richtigen Teil der Bühne zu erfassen.

Ausdruckstanz, Fuji X-E2 und XF 56mm

Ausdruckstanz, perfekt eingefangen von Jürgen mit Fuji X-E2 und XF 56mm

Welche Software?

Am nächsten Tag begann ich, mir Gedanken über das Schneiden zu machen. Ich kannte iMovie und mir war klar, dass man darin nur jeweils einen Clip an den anderen hängen kann, davon abgesehen, das jegliche Art der Synchronisation, sei es der Audiospur oder der Kameras, unmöglich war. Ich wusste aber, dass es ein Programm von Apple gibt, in dem das alles möglich ist: Final Cut Pro.

Die Komplexität von Final Cut Pro im Vergleich zu iMovie ist enorm,  der Unterschied ist mindestens so groß wie zwischen Apples „Fotos“ und Adobe Lightroom. Ich masse mir nicht an zu behaupten, das alles sofort zu beherrschen, was Final Cut an Finessen bietet. Aber ich wusste, was ich wollte und hatte schon intensiv mit iMovie gearbeitet, die „Basics“ sind nämlich dieselben. Ich fand schnell heraus, wie man „Multicam-Clips“ erstellt und schneidet. Die jeweils korrespondierenden Kamerasequenzen werden ausgewählt, das Programm synchronisiert sie automatisch zu einem „Multicam-Clip“, in dem alle drei Kameras enthalten sind. Die Audiospur von der Technik ebenfalls (im Schritt davor), falls nötig. Meistens war der Ton aus der Eos 7D sehr gut und konstant, weil sie an einer akustisch günstigen Stelle gestanden hatte und nicht wie die anderen zwischen Bühne und Publikum hin- und her geschleppt wurde. Darum war die 7D beim Schnitt auch die „Masterkamera“.

Seltsame Begegnung, M240 und 75mm Apo-Summicron Die Erzfeinde, M240 und 75mm Apo-Summicron Ice-Queen, M240 und 75mm Apo-Summicron

Workflow

Es führt zu weit, wenn ich hier detailliert erkläre, welche Arbeitsschritte genau notwendig sind, mir geht es mehr darum, aufzuzeigen, wie man mit relativ wenig Aufwand (gemessen an professionellen Maßstäben) zu einem ansprechenden Endergebnis kommt. Ganz grob gesagt war der Workflow:

  1. Synchronisieren  ausgewählter Clips der Masterkamera mit der Audiospur der Technik
  2. Erstellen von Multicam-Clips aus den jeweils drei entsprechenden Kamerasequenzen (ich glaube, in Final Cut Pro kann man bis zu 16 Kameras synchronisieren)
  3. Schneiden der Clips und aneinanderreihen in der Timeline, einfügen von Übergängen an allen Schnittstellen.
  4. Vor- und Abspann generieren, getrennte Audiospuren dort, um Musik zu unterlegen
  5. Einfügen und benennen von Kapitelmarkern, um später gezielte Filmbereiche sofort anzusteuern, gleichzeitig auch wichtig, wenn man eine DVD davon erstellen will.
  6. Export im gewünschten Format (i.d.R. H.264 HD)

Screenshot Final Cut Pro

Screenshot der Arbeitsoberfläche von Final Cut Pro: Oben links die Mediendateien, oben Mitte die drei synchronisierten Kameras, oben rechts das Bild der Kamera, die gerade im geschnittenen Multicam-Clip in der Timeline (unten) ausgewählt ist. Die Position des Skimmers (vertikale gerade Linie durch die Timeline) bestimmt die Schnittmarke. Man kann in Echtzeit schneiden, oder den Skimmer an die gewünschte Position bewegen, um dann durch klicken auf die entsprechende Kamera (oben Mitte) zu wechseln. Die Audiospur der Master-Kamera läuft ununterbrochen durch.

Selbstverständlich musste ich mich erst „einfuchsen“, aber als ich kapiert hatte, wie es lief, ging es ziemlich flüssig von der Hand. Trotzdem: Zwei Stunden Video-Footage zu schneiden dauerte den ganzen Sonntag. Komisch, in der Online-Hilfe stand nirgends, dass das Programm an so einem Tag gefühlt mehrere Liter Kaffee verbraucht. Ich exportierte als H.264 HD-Film, eine kleinere Version in 720p und generierte direkt aus Final Cut eine DVD. 4K ist noch Zukunftsmusik, aber nicht weit entfernt. Immer mehr Kameras bieten das, die nächste Leica-Generation bestimmt auch. Die SL hat es natürlich schon. Fast überflüssig zu sagen, dass Final Cut 4K verarbeiten kann.

Ice-Queen, M240 und 75mm Apo-Summicron

Die Eiskönigin….

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…und ihre perfekte Begleiterin

…noch eine Chance, Fotos zu machen

Damit war meine Aufgabe erfüllt. Aber ich muss sagen: Mir blutete das Herz beim filmen, denn viel lieber hätte ich Fotos gemacht. Und Jürgen ging es genau so. Zum Glück für uns gab es nach der Premiere noch zwei weitere Aufführungen. Bei der Zweiten machte Jürgen Fotos, bei der Dritten ich. Die Fotos in diesem Beitrag sind von uns beiden, jeder hat noch mal seinen eigenen Blickwinkel eingebracht. Jürgen hatte mit der X-E2 und dem 56mm-Objektiv fotografiert, ich mit Leica Q und der vernachlässigten M240 mit dem 75mm Apo-Summicron. Die Ergebnisse allerdings wiesen die Leica Q doch mal wieder in die Schranken: Das 75er Apo-Summicron zeichnet ähnlich wie das 50er Summilux und hebt sich dadurch deutlich vom eher nüchternen Reportage-Stil der Q ab (zumindest, wenn eine gewisse Entfernung gewahrt werden muss). Das Gleiche kann für das XF-56mm auf der Fuji X-E2 gesagt werden, es isoliert das Motiv wunderbar vom Hintergrund.

Ich habe meine Fotos diesmal mit Lightroom nach Schwarzweiss konvertiert (die Fuji-Fotos sind aus Silver Efex), in letzter Zeit mache ich das gern, man kann mit einfachen Mitteln recht ansprechende Ergebnisse erzielen. Vielleicht mache ich demnächst ein Video-Tutorial dazu. Nichts gegen Silver Efex, aber nachdem Google die Software zur Freeware gemacht hat, habe ich leichte Zweifel an der Zukunftsfähigkeit. Zur Zeit gibt es natürlich keine Probleme, aber ich bin nicht sicher, ob ein Support noch existiert.

Insgesamt bin ich der Foto-Fee nicht böse: Mein Ausflug in die Welt der Videographen hat mich um eine wichtige Erfahrung bereichert, das Ergebnis trotz der gewissen Unbedarftheit akzeptabel. Das nächste Mal (bei welcher Gelegenheit auch immer) werde ich schon wesentlich weniger naiv an die Sache herangehen.

Unten noch ein Auszug aus dem Varieté, damit man einen Eindruck bekommt, wie die drei Kameras zusammen arbeiten. Durch den Wechsel der Perspektiven wirkt das Ganze nicht so altbacken wie eine Aufnahme nur aus einer Richtung. Ich habe im ersten Teil des Clips immer eingeblendet, welche Kamera gerade „on“ ist.

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