Silbersalz35 Raw-Scans

Im Mai dieses Jahres begegneten mir das erste mal die neuen Raw-Scans („Raw_Color“) von Silbersalz35, die die bisherigen Flat Scans ersetzten. In jedem Fall handelt es sich dabei um Apollon-Scans, die 2022 eingeführt wurden. Seither gibt es die Option, die Bilder in Auflösungen von 4K oder 14K zu bekommen. Aber mit den „neuen“ Raw-Scans habe ich ein Problem, auf dass mich Stefano (siehe die Kommentare in dem Beitrag „Ardèche analog„) aufmerksam machte: Die Farben sind „off“, und das war vorher nicht.

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Oben zum Vergleich: Links das Bild aus der bearbeiteten Datei mit Color Science, rechts das vom Raw-Scan („Raw_Color“)

History

Ich begann Mitte 2021, mit Filmen von Silbersalz35 zu arbeiten und schon damals waren die „alten“ Scans (die etwa 20MP groß waren) exzellent. Die Raw-Scans wurden im jp2-Format geliefert. Die sind von Photoshop lesbar, für Lightroom mussten sie in Tiff konvertiert werden. Zunächst mit XnConvert, später bot Silbersalz35 ein kleines Programm dafür an, dass in die „Schnellaktionen“ vom Mac implementiert werden kann, sehr praktisch. Neuerdings ist das Dateiformat auf jxl umgestellt worden mit dem Vorteil, dass sowohl LR als auch PS es lesen können und man sich das konvertieren erspart.

Silbersalz35
So sahen die Flat-Scans aus, bis der neue Apollon-Scanner eingeführt wurde. Auch die waren schon sehr gut und wie man sieht, ist die Farbe ok
Silbersalz35
Dies ist schon ein 14K Flat Scan aus dem Apollon-Scanner, Alpilles Mai 2024. Wie man sieht, ebenfalls unkompliziert zu bearbeiten

Nicht lange, nachdem ich begann, digital zu fotografieren (vor fast 25 Jahren), ging ich dazu über, die Raw-Formate von Canon, später die DNG’s von Leica zu nutzen. Es stecken einfach mehr Informationen darin, die man durch die Bearbeitung selektiert,  als in komprimierten Formaten wie z.B. JPG. So war also auch klar, dass ich die Raw-Scans von Silbersalz35 immer in der gleichen Annahme nutzte und die mitgelieferten JPG’s unbeachtet liess.

Das funktionierte bisher auch erwartungsgemäss. Ich habe mehrfach Tipps zur Bearbeitung der Raw-Scans (der jeweiligen Version davon) gegeben (z.B. hier oder hier). Als mir nun die „neuen“ Raw-Scans im jxl-Format begegneten, merkte ich sofort, dass die stärker komprimiert waren als zuvor, also dementsprechend eine viel deutlichere Tonwertanpassung notwendig war, hauptsächlich mit Hilfe der Tonwertkurve. Soweit ok. Was mir, gewissermassen „betriebsblind“ nicht sofort auffiel war, dass die Farben nicht passten. Stefano lieferte ein schönes Beispiel von einem roten Ferrari, der in dem bearbeiteten Raw-Bild Orange erschien (siehe auch den Jaguar-E im Beitragsbild). Er riet dazu, die Dateien mit der „Color-Science“, die Silbersalz35 parallel als 4K (in jpg) und 14k (in jxl) alternativ zu bearbeiten, um die korrekten Farben zu bekommen. Das ist der offensichtliche Workaround.

Ich hatte diese Dateien bisher ignoriert, aber als ich sie mir in LR vornahm, wurde sofort klar, dass Stefanos Tipp Gold wert war. Sie liessen sich mit weniger Aufwand in Bezug auf die Tonwerte und durch Korrektur des Weissabgleichs in farblich stimmige Fotos verwandeln, sogar die 4K jpg’s. Problem also gelöst, analoge Farbfotos von hoher Scan-Qualität sind das Ergebnis.

Silbersalz35
Bearbeitung einer Color Science Datei in Lightroom. Keine komplizierte Sache, überschaubare Korrekturen der Tonwerte und beim Weissabgleich

Sämtliche Ardèche-Fotos habe ich also auf Grundlage der Color-Science Dateien neu bearbeitet und sie gefallen mir besser, die Farben stimmen jetzt. Noch ein Vergleich Color-Science (links) zu Raw_Color (rechts):

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Defereggental analog: Eine Auswahl

Nachdem das also geklärt war, nahm ich von den Scans der Fotos aus dem Defereggental gleich die „richtigen“ Dateien als Grundlage. Hier im Slider einige Beispiele. Die Ergebnisse sind wirklich so, dass ich auch kein Problem hätte, ganze Urlaube komplett analog zu fotografieren, wäre da nicht der kleine Umstand der Kosten und der hohen Flexibilität, die die modernen digitalen Sensoren nun mal bieten.

Oben im Slider: Eine Auswahl Fotos aus dem Defereggental und Südtirol, Leica M6, Silbersalz250D, direkt aus den Color-Science Dateien entwickelt

Ein „normaler“ Scan eines Silbersalz 250D-Negativs

Übrigens kam in den Kommentaren auch mal die Frage auf, wie eigentlich die Negative von Silbersalz35 Filmen aussehen, wenn man sie „normal“ scannt. Das habe ich mit meinem Nikon Coolscan schon mal gemacht. Die Scans erinnern an die vom Kodak Portra. Ich scanne hell und kontrastarm (ein Portra-Scan von mir würde fast genauso aussehen) und stelle die Tonwerte der resultierenden Tiff-Datei in Lightroom ein. Hier ein Beispiel:

Silbersalz35
Silbersalz 250D aus dem Nikon Coolscan: Links der Scan, entsprechend meiner Scan-Methodik hell und kontrastarm, rechts die Tonwerte in LR eigestellt.

Die früheren Flat-Scans vs Raw_Color Scans

Auf der Webseite und dem Youtube-Kanal von Silbersalz35 hat sich seit zwei Jahren nichts nennenswertes getan, aber mit den Scans bekommt man seit März einen Info-Flyer, in dem die Vorteile der neuen jxl-Dateien und des Display P3-Farbprofils erläutert werden. Die Raw-Scans sind offenbar „professionellen Coloristen“ vorbehalten oder sollen Archivzwecken dienen. Nun war es schon immer so, dass die Raw-Scans (oder Flat-Scans, wie sie früher hiessen) erfahrenen Nutzern vorbehalten sein sollten (zu denen ich mich durchaus zählte). Die Bearbeitung der Scans führte zu für mich zu zufrieden stellenden Ergebnissen, die Farben waren „analog“ und in sich stimmig. Ich hatte oft digital und analog parallel Fotos gemacht und im Vergleich gefielen mir die Farben der Filme sehr gut.

Hier oben ein Vergleich, der meistens blödsinnig ist: Links das analoge Bild (Silbersalz 50D), rechts das ähnliche Motiv digital aus der Leica M11-P. Der Sinn dieses Vergleichs ist nur zu demonstrieren, dass die Farbigkeit des Filmscans (ein „alter“ Flatscan ohne Color-Science) in sich völlig stimmig ist, wenn auch die Farben ganz anders leuchten. Dabei ist ausserdem zu bedenken, dass auch die Farben eines digitalen Sensors vom angelegten Farbprofil abhängen. Ich erinnere mich, dass bestimmte Rot/Orange-Töne z.B. beim Profil der M11 überhaupt nicht funktionieren, weshalb ich immer bei den Adobe-Profilen bleibe.

Silbersalz35
Hier die Entwicklungseinstellungen des Flat-Scans aus Mai 2024. Leica M6 + 35mm Ultron, Silbersalz 50D

Doch jetzt, nach der Umstellung auf die „neuen“ Scans, sind die komprimierten jxl-Dateien der sogenannten „Raw_Color“ Scans echt zickig zu bearbeiten. Man muss viel mehr mit extremen Tonwertkurven jonglieren, um wieder ein brauchbares Histogramm hinzubekommen. Um dann festzustellen, dass die Farben nicht stimmen. Das war bei den früheren Flat Scans nicht. Insofern finde ich auch die Designation „für Archivzwecke“ beinah irreführend. Schliesslich fehlt da was… die richtigen Farben. Zum Glück ist alles in den Bildern mit Color Science erhalten, deren Bearbeitung vergleichsweise simpel ist.

Silbersalz35
Raw_Color Scan der neuesten Generation: Die Farben stimmen nicht mehr, ausserdem muss man mächtig an den Tonwerten arbeiten.
Silbersalz35
Vergleich: Links bearbeiteter Scan mit Color Science, rechts Raw_Color Scan. Die Farben rechts sind „off“, speziell die Hauttöne gruselig

Ich habe mich dennoch weiter mit den Raw-Scans von Silbersalz35 beschäftigt, ob nicht doch irgendwo die „richtigen“ Farben versteckt sind.  Ob es z.B. was mit der stärkeren Kompression zu tun hat. Die Raw-Scans aus dem Ordner mir der Bezeichnung „Raw_Color“ sind durchweg kleiner als die entsprechenden Dateien mit der Color-Science, ca. 30-35MB zu 50-55MB. Spielt da nicht nur der höhere Kompressionsgrad eine Rolle, sondern auch das Farbprofil der Color-Science? Fehlt den Raw-Scans etwas? Die Farbtiefe ist in jedem Fall 16Bit, der Farbraum RGB, das Farbprofil das moderne Display P3.

Trial and Error

Silbersalz35
Raw_Color Scan, Einstellungen wie oben, exportiert nach DxO Film Lab und mit Filmsimulation „Fuji Superia Reala 100“ überlagert.

Ich versuchte verschiedene Herangehensweisen sowohl in LR als auch in PS. Mit Einstellungsebenen oder Camera Raw, oder wandelte die jxl-Datei mit XnConvert in Tiff um (sie wird dadurch auf über 400MB aufgebläht). Davon abgesehen, dass man die Bilder durchaus kontrastreich hinbekommt, ändert sich farblich nichts zum Guten. Zuletzt verstellte ich die Kalibrierung von Rot, Grün und Blau in der Prozessversion (in LR das Feld ganz unten „Kalibrierung“, das ich sonst nie anrühre), und da tat sich etwas, zumindest näherungsweise. Das scheint also der Punkt zu sein, wo bei den Raw-Scans etwas „off“ ist, zumindest ist da ein Ausgleich möglich. Aber erstens ist das echt mühsam nach „Gefühl und Wellenschlag“ einzustellen und im Vergleich mit den Dateien aus der Color Science ist das immer noch nicht optimal. Zuletzt nahm ich den in LR eingestellten Raw_Color Scan und legte in DxO Film Lab eine Filmsimulation darüber (ohne Körnung), das brachte auch ein halbwegs brauchbares Ergebnis. In dem Fall passte Fuji Superia Reala 100 näherungsweise.

Fazit

Aber am Ende bleibt: Ich fand keine Methode, mit der man das realistische Ergebnis wie aus den Color Science-Dateien erreichen kann. Mit anderen Worten, es scheint auch so gedacht zu sein, dass man seine eigenen Farben darüber legt, wie ich es mit der Filmsimulation aus DxO Film Lab gemacht habe. Ebenso könnte man sich aus den LR-Farb-Optionen etwas auswählen (unter „Profil“, beispielsweise eine der „modern“ Varianten).  Das muss man wohl akzeptieren, dennoch erscheint mir die Kompression der Raw-Scans „over the top“ und das Konzept der „Raw_Color“ Scans ist für mich keine Verbesserung, eher das Gegenteil. Die jxl-Dateien an sich sind durchaus eine Erleichterung (weil in LR lesbar), daran liegt es nicht. Die großen Scans mit Color-Science werden ja auch in dem Format geliefert und da gibt’s keine Probleme.

P.S. vergessen: Analoges aus den Alpilles

Bei der Durchsicht älterer Silbersalz-Scans für diesen Beitrag stiess ich auf die Fotos, die ich letztes Jahr im Mai in den Alpilles gemacht hatte. Sie waren nicht mal bearbeitet, ich hatte sie schlicht vergessen. Das sind Scans aus dem Apollon-Scanner und sie sind aus den Flat-Scans entwickelt. Hier eine Auswahl zur Demo, wie gut man daraus brauchbare Bilder machen konnte. Ach, und ein paar Fotos sind aus den Carrières des Lumières sind auch dabei, denn da ist mir was passiert, was man nur bei Leica schaffen kann: Ich hatte statt der M11-P die Leica M6 gegriffen und merkte das erst, als ich da war. Obendrein hatte ich in Erwartung von viel Licht einen Silbersalz 50D eingelegt. So hatte ich für Low-Light Fotos ganze 25 ASA zur Verfügung und kein Stativ, herzlichen Glückwunsch. Ich legte die Kamera auf, stellte den Belichtungsmesser der M6 auf 200 ASA, rechnete die Belichtungszeiten zwei Blenden zurück (meist zwischen 1 und 3 Sekunden) und belichtete mit einer Sekunde oder „B“ nach Gefühl. Hat irgendwie immer geklappt. Nur die Leute sind natürlich durchs Foto gelaufen…

13 Kommentare

  1. Fredi Di Natale

    Hallo Claus
    Herzlichen Dank für das Teilen Deiner Erfahrungen. Ich fotografiere analog meist schwarzweiss. Ich habe mir vor drei Monaten ein paar Silbersalz Filme gekauft. Die Resultate kenne ich noch nicht.
    Wäre eine „analoge / chemische“ Fotopapierentwicklung vor der Digitalisierung nicht hilfreich, um die „korrekten“ Farben „digital unbeeinflusst“ zusehen?
    Liebe Grüsse Fredi

    • Claus Sassenberg

      Hallo Fredi,

      das wäre sicher auch eine Möglichkeit. Doch für das Ausbelichten braucht man ein entsprechendes Equipment. Mir scheint es einfacher, neutrale Scans mit einem halbwegs guten Scanner zu machen, auch wenn da wieder irgendwo digital was reinspielt. Andererseits hat selbst Fotopapier seinen Farbraum.
      Tatsächlich scheint mir das, was man bekommt, wenn man den Weißabgleich der Color Science Dateien ausgleicht, recht nah an dem „echten“ Farbeindruck des Kodak Vision zu liegen, der (wie ich schon mal sagte) an einen warmtönigen Portra erinnert.

      Viele Grüße, Claus

  2. Michael Christ

    Besten dank für die detailreiche und hochinteressante Diskussion. Ich selbst bin von den SilberSalz35 Filmen nicht so überzeugt, obwohl ich die cineastische Farbgebung der auf KodakVision 3 produzierten Hollywood Filme sehr liebe. Bitte erlaubt meine Gedanken in die Diskussion einzubringen:
    Ich nutze Farbfilm gerne, weil mir die Tonalität und das Colorgrading viel harmonischer erscheint wie dies standardmäßig am digitalen Sensor erzeugt wird. Das digitale Bild lässt zudem zahlreiche Bearbeitungen zu (siehe Olaf). Deshalb bin ich von den Diskussionen überrascht, dass an den SilbersalzScans ein Colorgrading durchgeführt wird, um zB das Rot des Ferrari etc leuchtend hinzubekommen. Ist es da nicht verwunderlich, dass dir Hauttöne nicht mehr passen? Oder verstehe ich etwas nicht?

    Ich erlaube mir einzubringen, dass ein möglichst wenig bearbeiteter Scan die Tonalität und die Farbgebung des Filmes am besten widerspiegeln sollte. Ich selbst würde nur versuchen, den Blaustich (orange maske) durch einen guten Weissabgleich zu egalisieren und dann evtl an Belichtung, Lumakurve etc zu arbeiten. Dann sollte aus meiner Sicht die cineastische Farb/Tonalitätscharakteristik gut rüberkommen. Und das ist doch eigentlich das Ziel der Farbfilmnutzung.

    Freue mich auf weitere Diskussionen!
    Michael

    Euch

    • Claus Sassenberg

      Hallo Michael,

      ich stimme deinem Beitrag uneingeschränkt zu! Dieser Unterschied der Wirkung von Film im Vergleich zum digitalen Sensor ist schliesslich einer der Gründe, warum wir analoge Fotografieren.

      Das Color Grading war ja auch bisher nie nötig, weil die Farbe des Silbersalz-Films auch in den früheren Flat Scans zu finden war. Und das ist bedauerlich. Die Eigenschaften des Films sind in den Scans mit Color-Science erhalten, da reicht ein Weissabgleich, um auch schöne Hauttöne zu bekommen. Wie gesagt, mich erinnert der Kodak Vision Film an einen „warmen“ Kodak Portra, so stellt es sich dar, wenn ich die Negative mit dem Nikon Coolscan digitalisiere.

      Ich gebe dir völlig recht, dass ein Scan so erfolgen sollte, dass er den Film neutral wiedergibt, so sind auch meine Scan-Einstellungen (zuhause) gewählt. Wenn es notwendig wird, einzelne Farben zu kalibrieren, tut sich ein Fass ohne Boden auf. Wie du richtig anmerkst, können Hauttöne nicht passen, wenn der rote Kanal dejustiert ist.

      Der Nikon Coolscan beseitigt die Orange-Maske so gut, dass man sich darum nicht mehr kümmern muss. Ansonsten mache ich es mit meinen Scans genauso, wie du vorschlägst. In dem letzten Beitrag zum Scannen habe ich das dargelegt.

      Viele Grüße, Claus

  3. Hallo Claus,

    danke für deinen Vergleich und die quasi Anleitung.
    Bin noch mal über meine RAW-Bilder vom April gegangen. Mit Color Science und Gradationskurve komme ich einigermaßen hin. Allerdings kann ich die Einstellungen nicht von einem Bild auf’s andere übertragen. Dazu sind die Daten vermutlich zu unterschiedlich. Mit anderen Worten, jedes Bild muß individuell angepaßt werden. Das ist mir viel zu langwierig und umständlich.
    Wie sagst du immer: „Jedes Bild max 30s“… Insgesamt trübt das den Eindruck ein wenig. Dafür haben mir die „fertig“ bearbeiteten gut gefallen.

    Liebe Grüße
    Dirk

    • Claus Sassenberg

      Hallo Dirk,

      stimmt, man kann leider nicht ein Preset auf alle Bilder übertragen, selbst der Weissabgleich differiert je nach Licht. Bei ähnlichen Bedingungen kann ich aber schon immer wieder vom vorigen Bild „übernehmen“ und minimal anpassen. Das geht dann im „Zeitlimit“.

      Mühsam ernährt sich…

      Viele Grüße, Claus

  4. Olaf Reichardt

    Mit großer Neugierde und Freude lese ich die Beiträge auf dieser Seite.
    Die Beiträge über die analoge Fotografie bzw. in gewisser Weise auch die Renaissance der analogen Fotografie lösen bei mir neben der Neugierde und Freude auch immer Erstaunen und Respekt für diesen „altmodischen“ Arbeitsablauf aus.
    Der heutige Stand der Technik ist eine RAW Datei, welche dem Ersteller alle digitalen Möglichkeiten bietet: Umwandlung in Schwarz Weiß, eine nahezu unbegrenzte Anzahl von Bearbeitungsoptionen ohne das digitale RAW aufgeben zu müssen. Schon nach der Aufnahme des Bildes, bei den digitalen, spiegellosen Kameras sogar schon vor der Erstellung des Bildes, sehe ich das fertige Bild, kann es relativ schnell weiter bearbeiten oder sogar mit Dritten teilen. Auch der Transport und die Sicherung der Bilddateien ist einfach, unproblematisch und kostengünstig. Einige Kameras haben bereits interne Speicher, das ohnehin niedrige Risiko einer defekten Speicherkarte wird zukünftig eleminiert bzw. reduziert.
    Oder mit anderen Worten: Ich empfinde es als Privileg, Fotografie auf diesem technischen Niveau ausüben zu können und möchte „die alten Zeiten“ nicht zurück: Filme transportieren (Wie viele Filme passen auf eine 512GB Speicherkarte ? Und die kann ich sogar mehrfach nutzen.), auf Reisen vor Röntgengeräten schützen (Schutzbeutel, Schutzbehälter) , Filme in Kühlschränken lagern, Kosten für die Entwicklung und das Warten auf die Ergebnisse (Bei schlechten Ergebnissen auch die Enttäuschung über diese und die selbst heute limitierten Optionen der Optimierung.), Kosten für die Vervielfältigung der Bilder und die Platz aufwändige Lagerung der Bilder.
    Soweit meine Sichtweise, doch umso mehr respektiere ich die hier beschriebene Arbeitsweise. Auch im Jahre 2025 ist Fotografie unglaublich vielfältig und ich finde die Lektüre der Beschreibung dieser unterschiedlichen Ansätze und die damit verbundenen Ergebnisse als spannend. Vielen Dank dafür!

    • Claus Sassenberg

      Hallo Herr Reichardt,

      natürlich haben sie vollkommen recht: Die digitale Fotografie macht das Leben um einiges leichter. Auch ich würde nicht mehr gänzlich darauf verzichten wollen.

      Trotzdem geht es ja, wie bei vielem, was mit traditioneller Technik zusammenhängt (z.B. Schallplatten, Classic Cars, ja selbst das betreiben einer Windmühle u.v.m.) nicht allein um’s „Rationale“. Man nimmt halt die Nachteile in Kauf, weil das arbeiten mit den oft vollmechanischen Kameras Freude macht und ein analoges Negativ auch als Scan eine andere Anmutung hat. Beispielsweise gibt es keinen hässlichen Abriss bei den Highlights wie bei digitalen Dateien (egal, ob es Raw’s sind). Aber da ist viel mehr als das: Film hat insgesamt anderen Charakter, der von Filmsorte zu Filmsorte variiert und das ist ein Stilmittel und Gestaltungsmerkmal. Nebenbei: Die mechanischen Kameras unterliegen keinem „digital rot“ wie die digitalen Modelle (seien sie auch noch so teuer).
      Ein paar der von Ihnen aufgeführten Nachteile sind aber auch subjektiv, beispielsweise wird es als „Challenge“ für sorgfältiges Belichten verstanden, dass man das fertige Bild nicht vorher sieht und das Warten auf das entwickelte Negativ steigert die Vorfreude (und Geduld ist eine vergessene Tugend). Das aus den Bildern nichts wird, habe ich persönlich nie erlebt. Es kann mal was verwackelt sein, die Belichtung nicht optimal, aber das betrifft nur einzelne Fotos.
      Absolut Recht gebe ich Ihnen wegen der Kosten, sie stehen in keinem Verhältnis zur digitalen Variante. Aber die Vervielfältigung? Ist der Scan erst mal da, ist es nicht anders wie bei jeder digitalen Datei. Und die Lagerung ist ein Riesenvorteil: Sie ist wesentlich einfacher als das Speichern von digitalen Raw’s über viele Jahre. Mein Großvater hat mir seine Negative (von denen die ältesten 90 Jahre alt sind) in einem alten Margarine-Karton vermacht. Trocken gelagert kann man sie komplett sich selbst überlassen. Was findet man wohl auf einer Festplatte nach 90 Jahren?

      Dennoch vielen Dank für die treue Leserschaft und Toleranz gegenüber den alternativen Techniken der Fotografie. Es ist absolut zu verstehen, das man keine Lust hat, sich den Beschränkungen alter Techniken zu unterwerfen. Letztendlich ist ein gutes Foto auch nicht davon abhängig, auf welchem Medium es entstand. Der „Moment Decisif“, die Bildkomposition, das Licht, die verwendete Optik spielen sicher eine große Rolle.

      Viele Grüße, Claus Sassenberg

      • Olaf Reichardt

        Guten Abend Herr Sassenberg,
        meine persönliche Kommentierung ist keine (Be-) Wertung.
        Ich lese Ihre Ausführungen, und die der anderen Autoren, mit großer Neugierde und Interesse. Niemand hat Recht oder Unrecht (außer vielleicht bei den Kosten und der Dauer des Arbeitsabläufe), jeder muss den für sich passenden Weg finden.
        Und genau dies passt auch zum Kamera Hersteller Leica: Unter einem Dach finden interessierte Fotografen Produkte von analog bis hin zu modern digital.

      • Claus Sassenberg

        Guten Abend Herr Reichardt,

        ich habe es auch nicht als Bewertung verstanden, ich freue mich über Ihr Feedback! Nur wollte ich meinen Standpunkt darlegen, sozusagen mein Plädoyer für die analoge Fotografie.

        Und es stimmt: Die Marke Leica vereint viele Interessen, die ganz unterschiedlich sein können, aber jeder ist Teil dieser Community.

        Viele Grüße, Claus Sassenberg

  5. Stefano Strampelli

    Hallo Claus,

    Es freut mich sehr, dass ich helfen konnte, wobei ich mir sagen muss, dass mir kein Unterschied zu früher aufgefallen war. Ich habe immer die Color Science Dateien genommen und den Weißabgleich korrigiert und war mit den Ergebnissen bestens zufrieden. Silbersalz behauptet, Color Science sei verbessert worden aber ich konnte keinen nennenswerten Unterschied feststellen.

    Seit dem letzten Austausch habe ich mich aus Spaß ein wenig mit den RAW Scans beschäftigt. Für fast normale Farben sind zwei Korrekturen nötig. Zum einen die Kalibrierung (wie du zu Recht angemerkt hast). Zum anderen (und es wirkt viel stärker) muss man die Gradationskurve jedes Farbkanals „beschneiden“, da auch die Farbkanäle. Ich werde den Ansatz nicht weiterverfolgen. Der Aufwand ist signifikant höher und die Farben sind trotzdem schlechter.

    Darf ich auch um Hilfe in Sachen Bearbeitung analoger Bilder bitten? Nach jahrelanger Überlegung habe ich doch einen Filmscanner bestellt. Er ist zwar noch nicht angekommen aber mich würden deine Einstellungen für neutrale Scans interessieren, die ich dann in Lightroom bearbeiten kann.

    Viele Grüße
    Stefano

    PS: eine ganze Reise habe ich tatsächlich schon mit Silbersalz Filmen fotografiert. Es war zwar kein Urlaub, sondern eine Stadtreise (in Gent, sehr empfehlenswert) und ich hatte nur die M11M als Hauptkamera und die M6 TTL für Farbbilder. Mit den Ergebnissen bin ich bestens zufrieden und (was das Wichtigste ist) ich habe nicht den Eindruck, dass mir fotografische Möglichkeiten entgangen sind. In drei Wochen bin ich in Wien und werde das Experiment wiederholen.

    • Stefano Strampelli

      Da auch die Farbkanäle stark komprimiert sind, wollte ich schreiben. Ist irgendwie liegen geblieben.

    • Claus Sassenberg

      Hallo Stefano,

      das mit den einzelnen Farbkanälen habe ich in der Tat auch gemacht (unsere „Entwicklungslogik“ scheint ziemlich gleich zu ticken) und genau wie du als unrealistisch und viel zu aufwendig verworfen.

      Die Color Science Dateien funktionieren ja gut, trotzdem finde ich es ein bisschen schade, dass diese hochkomprimierten Raw_Color Scans im Grunde jetzt unbrauchbar sind, weil die eigentliche Farbe des Films (und die scheint den Portra-Filmen sehr nahe zu kommen) da nicht mehr drin ist und ausserdem diese heftigen Tonwerteinstellungen nötig sind.

      Hast du den RPS 10S bekommen? Falls du Silverfast-Software benutzen wirst, könnte ich dir einen Screenshot meiner Standard-Einstellungen per Mail senden. Ist nicht kompliziert und vermutlich kämest du sowieso selbst darauf. Sag einfach Bescheid.

      Viele Grüße und schönen Abend, Claus

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