…aber taugt der Gaul auch was?

Als ich die Kamera das erste mal wirklich sah, drängte sich der Vergleich zur Sony A7 sofort auf. Schon im letzten Blog sagte ich, wenn ich so ein Ding haben wollte, hätte ich sie längst.

Jetzt schwanke ich zwischen zwei Stimmungen: Enttäuschung, weil ich etwas originelleres Design von Leica erwartet hätte, und Erleichterung, denn die Kamera interessiert mich überhaupt nicht – Hurra, wieder ’ne Menge Geld gespart! Ich bleibe bei meiner schnuckeligen M! 🙂

Ausserdem ist das Ding, vor allem mit den Autofokusobjektiven, ein Riesenteil! Ich war echt geschockt, als ich diesen Behemoth sah! Grösser als die A7, deutlich grösser als die M. Allein das disqualifiziert die Kamera extrem für meinen Gebrauch. Das das Ding vermutlich einen Top-Sensor und überhaupt eine megamässige Bildqualität hat, versteht sich von selbst (siehe Testberichte bei Sean Reid und Jono Slack), aber wie gesagt, wenn das das Mass aller Dinge wäre, würde ich mir eher die Sony holen, deren Sensor (vielleicht) noch ein bisschen besser ist,  und die nur die Hälfte kostet und kleiner ist. Natürlich kann man darauf keine Leica-Linsen gebrauchen. Darauf komme ich später zurück.

Wer braucht so ein Teil überhaupt? Sie scheint auf Professionelle Fotografen abzuzielen, aber ist da nicht schon das S-System verfügbar? Wo liegt der Vorteil der SL, fette Objektive muss man sowieso mitschleppen? Die das S-System schon haben, werden kein Interesse zum Wechsel haben, die mit der M gut klar kommen, belasten sich nicht mit dem Riesending. Ob die Entscheidungsträger bei Leica wirklich den Bedarf für die Kamera erkundet haben, weiss ich natürlich nicht, es mag ihn ja geben. Schade, nach der Q, die wirklich etwas Besonderes ist, hätte ich mehr erwartet. Ich könnte mir vorstellen, das Leica (durchaus unverdient) eine Menge Hohn erntet, wenn auch vielleicht nicht so schlimm wie damals bei der X-Vario. Aber schon allein deswegen,  weil die SL so offensichtlich von der Sony A7 abgekupfert scheint. Hat Leica das nötig? Vielleicht tue ich den Designern unrecht und man kommt halt zu der logischen Form dieser Kamera, mit Sucher in der Mitte, Blitzschuh darüber, Batterie im Griff? Nur hätte ich vielleicht versucht, die Ähnlichkeit zu vermeiden, ggf. mich mehr an die Form der alten, analogen SL angelehnt, keiner schimpft mit Leica wegen eines Retro-Designs.

Andererseits zeigt die Entwicklung der Kamera, dass die Ära der DSLR’s sich dem Ende zuneigt (wann auch immer das ist), aus der Pressemitteilung geht hervor, dass man bei Leica die Kamera als Alternative  des Profis zur Spiegelreflex betrachtet. So macht das Ding auch Sinn. Ich bin mir nur nicht sicher, ob das so viele anspricht. Aber „Spiegellos“ ist im Vormarsch, die Entwicklung wirklich guter elektronischer Sucher (und der in der SL ist „top of the line“) macht das Prisma und das ganze mechanische Geklapper unnötig.

Bevor ich mich aber in den möglichen  Zug derer einreihe, die virtuell mit Fackeln und Dreschflegeln nach Wetzlar ziehen, soll folgendes gesagt werden: Der wahre Sinn der SL mag sein, die R-Objektive wieder in Gebrauch zu nehmen, die hervorragend sind aber mangels digitaler Plattform Staub im Schrank sammelten. Im Gegensatz zur Sony A7 kommt die SL auch mit M-Objektiven gut klar, gerade mit denen kürzerer Brennweite (allerdings sind die auf einer M trotzdem besser, lt. Jono Slack). Aber immerhin: Wer keine M hat, aber seine R- oder M-Objektive wiederbeleben will, für den ist die SL die geeignete Kamera. Das die Zoom-Objektive der SL so gross sind, ist natürlich Leica-spezifisch: Die Bildqualität muss kompromisslos exzellent sein, also muss eine lichtstarke, verzeichnungsfreie, bis in die Ecken scharfe Optik ziemlich gross werden. Dazu kommt der Motor für den Autofokus und die Bildstabilisierung, schon hat man ein Kanonenrohr…aber ein optisch perfektes. Nur, wie Sean Reid sagte: Wer das Ding den ganzen Tag mit herumschleppt, überlegt sich, seinen Spinat immer gut aufzuessen…

Jetzt, nachdem die SL vom Tisch ist (nur für mich, die Kamera ist eindeutig für eine andere Zielgruppe gedacht), würde ich sogar mit dem Gedanken liebäugeln, mir vielleicht mal als Zweitkamera mit Autofokus die Q zu gönnen, die eher die Eigenschaften hat, die mir was bedeuten. Im Augenblick tut’s für mich noch die Fuji X100T, also habe ich keine Eile.

…for someone who don’t cares for the „Rangefinder-Experience“! (Zitat von La Vida Leica)
…who don’t cares?
I care…a lot!!

Update, 26.10.2015: Sean Reid hat einen lesenswerten Artikel auf  der Webseite „Luminous Landscape“ geschrieben, in dem er in seiner üblichen sachlich, analytischen Art erklärt, was die Stärken der SL sind und wer sich davon angesprochen fühlen könnte. Er sieht sie als rein professionelle Kamera, entwickelt, um eine spiegellose Alternative zu den normalerweise gebrauchten DSLR’s zu bieten. In dem Zusammenhang kritisiert er übrigens den weiterverbreiteten Begriff  „Spiegellos“ („Mirrorless“). Er findet, dass dies kaum die inzwischen unglaublich gewachsenen Bandbreite an Kameras charakterisiert. Es gäbe schliesslich auch Gründe dafür, dass wir Autos nicht mehr als „Kutschen ohne Pferde“ („horseless Carriages“) bezeichnen. Wo er recht hat, hat er recht.

7 Kommentare

  1. Claus Sassenberg

    Da sind wir uns ja alle einig. Diese Wahrnehmung scheint übrigens bei den eigentlich „Pro-Leica“ Eingestellten weit verbreitet. Auf „La Vida Leica“ erschien sogar ein Artikel, der sich damit befasst, wer eigentlich die SL gebrauchen könnte und wozu. Prinzipiell ist eine solche Kamera ja auch zu begrüssen, aber könnte es nicht auch Leica irgendwie gelingen, das Ding kleiner hinzukriegen?

    @ Martin Pitsch: Die M macht ganz hervorragende Langzeitbelichtungen, nur für Astrofotografie ist sie nicht zu gebrauchen. Wie gesagt, das ist für mich total unwichtig, wenn ich bedenke, was die Kamera im Gegensatz dazu alles kann. Ich habe ansonsten jedenfalls keine Wünsche offen. Das heisst, doch: ISO 50 als niedrigster Wert wäre schön, dann bräuchte man nicht immer ND-Filter…

    Liebe Grüsse an Alle,

    Claus

    • Für normale Langzeitaufnahmen, wie sie z. B. zum glätten fliessenden Wassers genutzt werden, (<60s) reicht sie aus. Für längere Aufnahmen, zb. mit einem ND3 (1000x) Filter reichen die möglichen 60s der M aber nicht mehr.
      Ich kombiniere ggf. sogar einen ND3 mit einem ND1,8 und dann erreiche ich locker Belichtungszeiten von mehren Minuten.
      Als Anregung zu verstehen: http://blogtimes.info/der-nd-filter-neutraldichtefilter/

      Liebe Grüße,
      Martin Pitsch

      • Claus Sassenberg

        Du hast da völlig recht…und das mit der einen Minute ist einfach bescheuert bei der M. Ich werde es nie verstehen. Die M9 konnte mehrere Minuten.
        Übrigens: Ich hab‘ mir mal die Technischen Daten der Q angesehen…maximale Verschlusszeit 60sec. Was soll dieser Quatsch eigentlich? Brennt dann der Sensor durch oder was? Wird die Selbstzerstörungs-Sequenz dann eingeleitet? Das kann doch nicht wahr sein!
        Liebe Grüsse,
        Claus

      • Das kann ich auch nicht nachvollziehen. Das ist mehr als ärgerlich und nicht nachvollziehbar, wenngleich die kurzen Auslösezeiten der Q elektronisch gesteuert bis zu 1/16000s gehen. Das dürfte für selbst sonnigste Tageslichtzeiten ausreichen.
        Falls ich mich tatsächlich zu einer Q erweichen lassen sollte, so dies ausschliesslich für die Streetfotografie und auf Kurzreisen. Bei Landschaftsaufnahmen, Nachtaufnahmen und ggf. Architektur möchte ich auf meine Nikon aus bkt. Gründen dann nicht verzichten.

        Liebe Grüsse,
        Martin

  2. Hallo Herr Dr. Sassenberg,

    auch ich kann dem nur beipflichten. Eigentlich hatte ich mich einer neuen M bzw. einer aufgetreten M (240) gerechnet. Insbesondere Punkte wie die Langzeitbelichtung, etc. haben mich bisher abgehalten, diese zu kaufen. So war auch meine Freude bei Erscheinen der Q groß, wenngleich mir eine andere Brennweite lieber wäre.
    So war doch überrascht und enttäuscht ob der neuen Leica SL. Dies insbesondere wg. ihrer Größe und ihrem Gewicht – auch dem der Objektive. Da wundert mich jener Vergleich – http://www.photographyblog.com/news/leica_sl_vs_canon_eos_5ds_r_side_by_side_comparison/ – überhaupt nicht und werde vorerst bei meiner Nikon D750 bleiben.
    Viele Grüße,
    Martin Pitsch

  3. Jörg Lange

    Hallo Claus,

    ich darf mich dem Klaus anschließen, auch meine Meinung hast Du zu 100% getroffen. Ich hatte mit einer „Q mit Wechselobjektiven“ gerechnet und diesbezüglich wirklich arge Bedenken betreffend Geldbörse und Ehefrau. Doch nachdem ich gesehen habe, was für ein RIESENKLOPPER die neue SL wirklich ist, hab ich die M aus dem Schrank geholt, liebevoll ans Herze gedrückt und mich für meine potentielle Untreue entschuldigt. Nicht falsch verstehen: auch ich halte die SL rein technisch für eine super Kamera, aber ich bin trotzdem der Meinung, dass der Trend auch bei Profis eher zu kleineren Geräten geht und ich selbst habe die Sache mit den Rückenschmerzen ja schon hinter mir, gerade das hatte mich ja zur M gebracht.
    Abschließend: Ich stimme meinem „Vorredner“ Klaus voll zu: eine Q mit 50mm Festbrennweite würde ich als Autofokus-Ergänzung für die schnellen Momente sofort kaufen.

    Liebe Grüße
    Jörg

  4. Klaus Henneberger

    Hallo Claus,
    Du sprichst mir mit dem Blog zur SL wieder einmal aus der Seele.
    Ich finde das Teil auch viel zu groß, nicht schön … usw. siehe Blog
    Nach der wirklich schönen „Q“ so eine Enttäuschung.
    Vielleicht gibt es mal eine „Q“ mit 50er Brennweite für die „schnellen“ Momente als Ergänzung zu unserer „M“ …
    Liebe Grüße Klaus

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