Die Suche nach Einsamkeit wird in der Normandie belohnt. Die Franzosen kennen keine Herbstferien – ein Umstand, der mein Ziel für die beginnende kalte Jahreszeit schnell festlegte. Der Norden Frankreichs, gut sechs Autostunden von meiner Heimat entfernt, versprach genau das, was ich suchte: Leere, Stille und Zeit.
Ich entschied mich abermals bewusst für Minimalismus. Diese Entscheidung treffe ich nicht zum ersten Mal, doch sie gewinnt mit jedem Jahr an Bedeutung. In einer Gegenwart, die von Geschwindigkeit, permanenter Erreichbarkeit und visueller Überreizung geprägt ist, wird Reduktion zu einer Haltung. Computer, Akkus und Displays ließ ich zurück. Nicht aus Ablehnung, sondern aus Ermüdung. Ich wollte langsamer werden – und wieder selbst Teil der Wahrnehmung sein.
Als Freund des 50-mm-Blickwinkels entschied ich mich diesmal bewusst gegen meine Gewohnheit und für eine Brennweite, die ich selten nutze: 28 mm. Die kleine, analoge Kombination bestand aus der Leica M6 (2022) und dem kompakten Elmarit 2.8. Diese Entscheidung war Teil der Reduktion – nicht nur technisch, sondern auch geistig.
Als Brillenträger überblicke ich den 28-mm-Rahmen im Sucher nicht vollständig. Präzise Kontrolle wird unmöglich, Schätzung und Intuition treten an ihre Stelle. Genau das war gewollt. Die Bildgestaltung verlagert sich weg von technischer Sicherheit hin zur inneren Vorstellung. Das Elmarit ist dabei ein verlässliches Werkzeug: nahezu verzeichnungsfrei, mit einer Offenblende, die – wie bei vielen Leica-Objektiven – uneingeschränkt arbeitsfähig ist. Ein Objektiv, das sich zurücknimmt. Ein Werkzeug, kein Statement.
In der Tasche: Tri-X, T-Max 400, Portra 400 und Portra 800. Dazu eine Handvoll hochempfindlicher Filme – T-Max 3200 und Delta 3200 – für die Nacht. Analoge Nachtfotografie begleitet mich seit Jahren, sie zwingt zur Ruhe und zur Akzeptanz von Grenzen. In der Dunkelheit wechselte ich vom Elmarit auf ein Summicron. Blende 2.8 ist analog, ohne Stativ, in der Nacht schlicht zu wenig.
Die Tage verliefen langsam. Sehr langsam. Und genau darin lag ihre Qualität. Einsame Strände, Wind, Regen, wechselndes Licht – manchmal stundenlang kein Mensch. Diese Form der Einsamkeit ist keine Leere, sondern ein Zustand erhöhter Wahrnehmung. Geräusche werden klarer, Bewegungen bewusster, Gedanken ordnen sich. Die Kamera wird zum Begleiter, nicht zum Mittelpunkt.
Die Belichtung wurde häufig geschätzt, mehr Gefühl als Messwert. An der M6 stelle ich bei der Verwendung von Negativfilm das Korrekturrädchen auf der Rückwand grundsätzlich leicht in den Plusbereich. Ein kurzer Blick, ein schneller Dreh an Zeit oder Blende, dann auslösen. Kein Kontrollblick, kein Nachjustieren. Das Bild entsteht im Kopf, nicht auf dem Display. Diese Art des Arbeitens entschleunigt – und sie öffnete mich für (geistige) Dinge, die sonst im Alltag unberührt bleiben.
Was bleibt als Fazit? Erstaunlich wenig Technisches. Die Leica M6 funktionierte tadellos, die Knopfzelle für die Belichtungsmessung habe ich seit dem Kauf nicht gewechselt. Die Filme wurden im Labor wie gewohnt entwickelt, die Tri-X erneut in Rodinal – wie schon auf meiner letzten Frankreichreise. Keine Pixelzählerei, keine Diskussion über Schärfe oder Dynamikumfang. Das war mir gleichgültig.
Die besten Bilder liegen nun als Papierabzüge vor. Sie tragen eine gewisse Nostalgie in sich. Aber ist Nostalgie schlechter als eine 60-Megapixel-Datei, die am Ende auf A4 verkleinert wird? Für mich nicht. Reduktion führte hier zu Tiefe. Zu Präsenz. Zu einem Zustand, in dem man nicht konsumiert, sondern erlebt.
Selbst das Smartphone blieb oft im Zimmer. Diese freiwillige Abwesenheit digitaler Reize erzeugte einen selten gewordenen Zustand: geistige Ruhe. Gedanken dürfen sich entfalten, ohne sofort bewertet oder geteilt zu werden. Langsamkeit wird nicht als Mangel empfunden, sondern als Qualität.
Natürlich ließe sich diese Arbeit auch digital umsetzen – Displays aus, oder mit einer M-D. Doch der Weg war für mich diesmal wieder einmal analog. Weil er für mich konsequent ist.
Es fiel mir schwer, diese Einsamkeit wieder zu verlassen. Hatte ich meinen eigenen Ruhepunkt erreicht, wollte ich dauerhaft verweilen. Man erkennt, wie überflüssig vieles im Alltag ist. Diese Erkenntnis braucht Zeit – und Stille. Für mich führte der Weg dorthin über Film, Reduktion und die Leica M6. Und ich weiß jetzt schon: Ich werde ihn bald wieder gehen.
Zum Thema ein Video von mir (making-of):








































Sie entführen mich für die Lektüre Ihres Beitrags und der Ansicht Ihres Videos (Tolle Idee !) in die analoge Welt der Fotografie. Nicht (mehr) meine fotografische Welt, denn der technische Fortschritt in der Fotografie ist aus meiner Sicht ein gutes Beispiel dafür, dass die technologische Evolution die Dinge zum Positiven verändert, aber es ist wunderbar, dass noch beide Welten nebeneinander Bestand haben. Ihre inhaltliche Haltung finde ich sehr respektabel und wenn das analoge Arbeiten diese noch unterstützt, dann ist dies so.
„Vor Ort löst sich diese Spannung und wer einmal die Erfahrung gemacht hat, mit nur sehr wenig Zeug klar zu kommen, will dieses Gefühl nicht mehr missen.“ – Vollumfängliche Zustimmung, ist aber keine Frage der analogen oder digitalen Form der Fotografie, ich genieße dieses Gefühl seit meinem Einstieg in das Leica Q System.
Für mich bleibt noch eine Frage offen: Wo in der Normandie waren Sie ?
Kompliment und Respekt für diesen lesenswerten, wunderbar formulierten Beitrag !
Vielen Dank, Herr Reichardt. Ich reise schon seit vielen Jahren in die Normandie und habe zwei Lieblingsorte mit netten Kontakten gefunden: das charmante Houlgate und Arromanches-les-Bains. Letztes Jahr habe ich im Gebiet um Falais nach Spuren meines dort in Gefangenschaft gekommenen Urgroßvaters gesucht. Diese Recherche hat leider eine düstere Seite meiner Familiengeschichte ans Licht gebracht und so einen Kreis geschlossen: Das Grauen inmitten einer wunderschönen Landschaft. Dieses Jahr plane ich zwei weitere Aufenthalte, die sich auf Dörfer und die Landschaft konzentrieren werden.
Hallo Herr Bergs, vielen Dank für den schönen Beitrag zur entschleunigten analogen Fotografie. Ich habe mich bewusst für die analoge Fotografie entschieden (fotografiere schon seit 50 Jahren), die digitale Fotografie ist nicht meine Welt. Ich bin früher immer mit einem kiloschweren Fotorucksack gereist, aus Angst nicht für jede Situation gerüstet zu sein. Ich habe dann aber festgestellt, dass ich nie alles benutzt habe was ich an Ausrüstung dabei hatte, und immer Rucksack abnehmen um ein Objektiv zu wechseln hat mich genervt und Zeit gekostet. Ich bin jetzt mit einer kleinen Fototasche und höchstens 2 Objektiven unterwegs, und fotografiere viel entspannter! Manchmal ist ein zweites Gehäuse dabei für Farbfilm, nicht mehr.
Mit freundlichen analogen Grüßen,
Jean-Claude Hardt.
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Ein sehr schöner und nachdenklicher Beitrag. Besonders der Gedanke der Reduktion als fotografische Haltung hat mich angesprochen.
Nach über 40 Jahren intensiver Fotografie merke ich selbst immer stärker, dass es nicht mehr darum geht, mit immer mehr Technik immer mehr Bilder zu produzieren. Stattdessen geht es ums Weglassen, um die Konzentration auf das Wesentliche und um die Stille, die ein Bild ausstrahlen kann.
Gerade Landschaften oder unspektakuläre Szenen gewinnen oft genau durch diese Reduktion. Sie lassen Raum – für das Motiv, aber auch für den Betrachter.
Ich werde wohl nicht mehr in der analogen Fotografie landen, allerdings motiviert Dein Text mich sehr, ähnliche Erfahrungen mit der digitalen M zu machen. Vielen Dank für diesen Text!
Hallo Ralf, ja, das »Weglassen« ist ein zentrales Ziel für mich. Auch ich habe oft schweres Besteck an Mann mitgeführt und im Nachhinein festgestellt, dass ich einiges an Equipment nicht wirklich genutzt habe. Ich fotografiere im Norden Frankreichs oft im Spätherbst, wenn das Wetter schlecht und die Gegend rau ist. Durch meine auferlegte Reduktion bin ich gezwungen, mich mit unspektakulären Szenen auseinanderzusetzen. Ich muss diese regelrecht beobachten, erwandern und oft auf das richtige Licht oder die passende Wolke warten. Wenn mir die entsprechende Brennweite fehlt und ich nicht nahe genug an mein Objekt komme, verzichte ich auf das Bild. Wie oft habe ich, auch mit einem Zoom, sorglos draufgehalten und später am Bildschirm in der 100 %-Ansicht die Steinchen gezählt und mich zunächst über das technisch Machbare gefreut? Im Nachhinein verlor ich mich jedoch in einer völlig unbedeutenden Masse. Analog fotografieren ist für mich in dieser Hinsicht nicht möglich. Meine Zielsetzung dient mir als persönlicher Leitfaden, der mich erdet. Viele meiner Bilder lassen mehr Raum zur Interpretation zu. Besonders schön sind auch die Momente danach, wenn im Kreis von Gleichgesinnten wenige, aber gute Abzüge gezeigt werden. Auch hier: Kein Bildschirm, keine Hinweise auf neue Mails oder Nachrichten. Das Miteinander wird verstärkt und die Gespräche intensiviert. Teile meiner aktuellen Arbeitsweise habe ich von Klavdij Sluban gelernt, einem fotografischen Ziehsohn von Bresson. Unbedingt mal nach ihm googeln!
Herrlicher Artikel! Mit einem analogen „Einlinser“ lassen sich wirklich ganz wunderbare Dinge entdecken und erleben. Habe das Genre auch erst vor einigen Monaten wieder entdeckt …
Vor jeder Reise stellt sich die Frage, was an Zeug in die Tasche muss und bei Abfahrt herrscht oft das mulmige Gefühl etwas vergessen zu haben. Vor Ort löst sich diese Spannung und wer einmal die Erfahrung gemacht hat, mit nur sehr wenig Zeug klar zu kommen, will dieses Gefühl nicht mehr missen.
Hallo Joerg,ein wunderbarer Beitrag!Vielen Dank dafür und noch viele analoge Momente.
Herzliche Grüße
Stephan
Danke dir!
Ein wunderbarer Bericht, der neben dem Thema der analogen Fotografie auch (wieder) echte Herausforderungen unserer Gesellschaft im Jahr 2026 (Digitalisierung, echtes Handeln vs. ohnmächtigen Vollzug, Enshittification überall, the list goes on…) deutlich macht.
Der Griff zur analogen Kamera, um einfach nur ‚Ruhe im Kopf‘ zu haben, spricht mir aus der Seele.
Vielen Dank Marius. Exakt diese Ruhe, nicht nur im Kopf, habe ich gesucht.
Dein Beitrag und deine Erfahrungen sprechen mir total aus der Seele. Ich bin auch noch „leider“ in der IT eines produzierenden Unternehmens sodass die Schnellebigkeit, zumindest zu gewissen Teilen, auch Job ist. Mit zwei kleinen Kindern geht es auch nicht unbedingt langsam zu. Außerdem die überall ständig präsenten sozialen Medien….
Ich kann den Wunsch nach insbesondere geistiger Ruhe, sehr sehr gut nachvollziehen, denn ich spüre ihn mittlerweile auch immer stärker werden.
Ganz tolle Bilder, die bei dir entstanden sind! Vor allem ist es auch toll, wenn man erkennt, dass das „technisch machbare“ eben gerade nicht die Erfüllung ist.
All das ist der Grund, warum ich überhaupt (analog) fotografiere. Danke für diesen Beitrag.
Hallo Juna, das ist schön zu hören!