Posted by on 31. August 2017

„…that has such people in’t!“

Aldous Huxley benutzte dieses Zitat aus Shakespeares „The Tempest“ als Titel für sein Buch. Und wer es kennt, weiß, wie zynisch er das meint, und wie aktuell dieser Zynismus auch heute noch auf „die Welt“ anzuwenden ist.

Aber da gibt es auch Lichtblicke, zum Beispiel die jährlich stattfindende „Ferienmusikwerkstatt“, ein Generationen übergreifender  Workshop. In den letzten Jahren habe ich oft davon berichtet, vor allem von der Barockoper, die immer zum Abschluss der Woche aufgeführt wird. Und dieses Jahr war nämlich „The Tempest“ dran, eine Oper, die fälschlich Henry Purcell zugeschrieben wurde, und sich stark an William Shakespeares Stück orientiert. Das heisst… wenn erst mal die Librettisten der Ferienmusikwerkstatt dran waren, kommt es inhaltlich zu sehr eigenwilligen Ergänzungen…

Ferienmusikwerkstatt 2017

Mitternacht: Hurra! Die Oper ist geschafft! Leica Q bei f/1.7   1/60sec  ISO 250

Aber bis dahin „fließt viel Wasser die Weser herunter“, wie man bei uns sagt, denn die Woche vorher ist angefüllt mit vielen unterschiedlichen Kursen und die Oper wird „nebenbei“ eingeübt.

Unterschiedliche „Percussion“-Gruppen, von Anfängern bis Fortgeschritten, geben das Einstudierte wieder. Dabei ist richtig „Action“ angesagt.

Das Konzept der Ferienmusikwerkstatt halte ich für ziemlich einzigartig. Peter Ausländer hat sie vor 41 Jahren (!!) aus der Taufe gehoben. Musikinteressierte kommen für eine Woche auf dem Jugendhof Vlotho zusammen und singen, musizieren, bauen Instrumente, improvisieren, komponieren und vieles mehr. Und zwar jeder nach seiner Fertigkeit und individuellen Neigung. Dabei ist nicht mal Voraussetzung, ein Instrument oder Notenschrift zu beherrschen. Sicher sind auch sehr, sehr gute Instrumentalisten dabei, aber es kann sich jeder verwirklichen, der einfach eine „musikalische Ader“ hat. Von Jung bis Alt, darum sind auch häufig ganze Familien dabei. Die Ferienmusikwerkstatt ist keine „geschlossene Gesellschaft“! Ich füge hier einmal den Flyer für dieses Jahr an, dem man die Vielfältigkeit der Kursangebote entnehmen kann: Einladung Flyer  Wer noch mehr Eindrücke gewinnen möchte, kann noch in die Blogeinträge von 2016 und 2015 schauen (oder noch weiter zurück auf der alten Webseite).

Die Aufführung des Kindermusicals. Die Spielfreude kommt mehr als deutlich herüber.

Meine Kinder nehmen seit zehn Jahren teil, darum ist der letzte Tag, an dem den ganzen Nachmittag die Ergebnisse präsentiert werden, eine Pflichtveranstaltung. Allerdings muss ich mich kaum zwingen, denn das Ganze ist nicht nur sehr erbaulich, sondern auch fotogen. Der Höhepunkt und Abschluss ist eben die obligatorische Barockoper. Vor allem die jüngeren Teilnehmer übernehmen den schauspielerischen Part, während Walter Waidosch mit dem Barockorchester (in dem jeder Teilnehmer mit passendem Instrument mitmachen darf) und Gesangsolisten für die Musik sorgen. Die Handlung wird mit viel Phantasie und witzigen, meist selbstgebastelten Requisiten dargestellt. Gelegentlich erklingt plötzlich mittendrin ein moderner Schlager, das Libretto wird großzügig durch eigene Einlassungen ergänzt und ausserdem erscheint am Ende immer als „running Gag“ der Papst (wie auch dieses Jahr unter viel Gelächter).

Bilder vom Orchesterspiel, Chor und Klezmergruppe. Es werden Stücke ganz unterschiedlicher Stilrichtungen eingeübt. Von Holst „Jupiter“ aus der Planetensuite bis Sting’s „Fields of Gold“. Klezmer kann hochvirtuos sein, aber es gibt es immer Stücke unterschiedlichen Schwierigkeitsgrads, damit auch die Anfänger sich wohlfühlen.

Eine „geheime“ Oper

Welche Oper „gegeben“ wird, ist bis zum Abend ein wohlgehütetes Geheimnis. Umso erfreuter war ich, als das dann endlich kurz vor Beginn gelüftet wurde, denn „The Tempest“ (also: „Der Sturm“) ist eines meiner Lieblingsstücke. Ich hatte folglich kein Problem, der Handlung zu folgen. Anders als selbst einige der Akteure, die mir hinterher freudestrahlend erzählten, dass sie bis jetzt nicht kapiert hätten, um was es überhaupt ging. Das lag wohl daran, dass die Einweisung der Librettisten etwas knapp ausgefallen war, tat aber dem Spass an der Sache keinen Abbruch. Tatsächlich sind da auch drei Handlungsstränge verwoben, die ohne Hintergrundwissen nicht so leicht zu verstehen sind. Vielleicht gelingt es mir, anhand der Bilder etwas Klarheit in der Hinsicht zu schaffen.

Eine Moderatorin diskutierte zwischendurch immer mit Gästen über Szenen aus dem Stück, z.B. die „Vater-Tochter-Beziehung“. Dabei wechselte die Profession der Gesprächspartner ständig: Von Psychologen und Astrologinnen bis zu einem Spezialisten für die Hessische Mundart (der nun wirklich gar nichts Sinnvolles beitragen konnte, ausser für schallendes Gelächter zu sorgen). Walter Waidosch nahm’s gelassen.

Meine Werkzeuge an dem Abend: Die grossartige M10, meist mit 50er Summilux, gelegentlich mit 90er Summarit. Perfekte Ergänzung: Die Leica Q, erfasst mit 28mm die ganze Bühne, dazu schneller und zuverlässiger Autofokus. Beide Kameras auch bei hoher ISO extrem rauscharm. Dann die Liebhaberei: Die Leica M6 mit 35mm Summilux. Ich hatte einen „angebrochenen“ Kodak Tri-X in der Kamera und wollte die Rolle voll machen. Mit f/1.4 und 400 ASA kam ich so gerade mit dem Licht zurecht. Die Tri-X Fotos bestechen durch ihren starken Kontrast. Wenn ich nicht schon den größten Teil der Rolle bei 400 ASA belichtet hätte, wäre das „pushen“ auf 800 oder 1600 ASA eine gute Idee gewesen. Ich hatte das auch schon halb vor, ein Kodak TMax 400 (der das ausgezeichnet mitmacht) lag schon bereit, aber ich war zugegebenermassen an dem Abend schon etwas erschöpft. Das fotografieren mit Film fordert immer erhöhte Konzentration und ich blieb bei meiner M10 und der Leica Q, als ich die paar Rest-Bilder in der M6 verschossen hatte.

Mein Feind: Ein ätzend greller Scheinwerfer in der Ecke oben rechts, der eine permanente Gegenlicht-Situation erzeugte. Aber das liess sich nicht ändern, ich konnte weder die Position wechseln, noch gab es adäquaten Ersatz für das Licht aus dem Ding.

Die Vorgeschichte: Prospero, der Herzog von Mailand, hat sich immer mehr in seine esoterischen Studien vertieft als in Regierungsgeschäfte. Sein machthungriger Bruder Antonio stürzte ihn mit Hilfe Alonsos, des Königs von Neapel. Sie setzten den Herzog mit seiner kleinen Tochter in einer Nussschale auf dem Meer aus und hofften, sie so los zu sein. Aber Prospero gelangt auf eine Insel, die von der bösen Hexe Sycorax beherrscht wird. Er besiegt sie mit Hilfe des Luftgeistes Ariel, den er durch seine Zauberkräfte an sich binden kann. Den missgestalteten Sohn der Hexe, Caliban, macht er zum Diener. Fortan vergehen zwölf Jahre, in denen seine kleine Tochter Miranda zu einer jungen Frau heranwächst, die allerdings noch nie einen Menschen ausser ihrem Vater und dem hässlichen Caliban sah.

Furioser Auftakt: Auf Geheiss Prosperos beschwören der Luftgeist Ariel und viele andere Geister einen Sturm herauf, der das Schiff des Königs von Neapel an den Klippen der Insel zerschellen lässt. Mit an Bord: Sein perfider Bruder Antonio, Sebastian, der Bruder des Königs von Neapel und der junge Ferdinand, Prinz von Neapel, der ob des höllischen Treibens  ausruft: „Hell is empty, and all the devils are here!“ Die Schiffbrüchigen werden von Ariel clever in mehrere Fraktionen aufgetrennt, die dann über die Insel irren. Ferdinand führt er gleich in Richtung Prosperos Höhle…

…wo Miranda ihn erblickt! Mir unvergessen ist immer die albern gestelzte Aufforderung Prosperos an seine Tochter: „The fringed curtains of thine eye advance, and say what thou seest yond.“ („Heb‘ deiner Augen Fransenvorhang auf und sag‘, was du dort siehst“). Den Frauenbeauftragten dieser Welt muss es geradezu hochkommen: Was soll das arme Kind auch anderes tun, als sich in den ersten normalen jungen Mann zu vergucken, den sie je sah und der ihr in die Quere kommt! Freilich ist Ferdinand nicht abgeneigt und Amor schiesst bereits Pfeile auf das Paar ab.

Luftgeist Ariel, der eine merkwürdige Affinität zu Vollwaschmitteln hat, ärgert sich derweil. Die ganze Bügelwäsche ist liegen geblieben! Na warte, Caliban, du faule Socke! Ariel und seine Kollegen sorgen dafür, dass der Drückeberger an die Arbeit kommt. Caliban sehnt sich nach political correctness, auf Behinderte wird in Barockopern keine Rücksicht genommen, im Gegenteil! Er hat mächtig Wut im Bauch, vor allem auf Prospero. Als er später auf eine Gruppe versprengter Seeleute trifft, stiftet er sie an, ein Attentat auf den Herrn der Insel durchzuführen.

Mittlerweile vergnügen sich Miranda und Ferdinand mit allerlei albernem Kram. Sie schauen sich Mirandas Muschelalbum an, Ferdinand macht Erinnerungsfotos (der Finger ist auf der Linse, Trottel!). Alsbald kommen sie auf andere Gedanken. Die Luft ist so von Pheromonen geschwängert, dass selbst eine ausgestopfte Katze rollig werden könnte. Sie werden aber von den Solisten mit den strengen Hausregeln bekannt gemacht. Als einzige Unterhaltung bleibt nur Schach spielen übrig… Ferdinand ist „not amused“.

Antonio und Sebastian irren über die Insel und sind auf der Suche nach Ferdinand. Da kommt mal wieder Ariel und belegt die beiden mit einem Zauber, der sie völlig durchknallen lässt. Von Sinn und Verstand beraubt hüpfen die beiden um die Wette und bilden mit den Luftgeistern eine verrückte Polonaise.

Szenenwechsel: Zurück zur Höhle, wo Prospero gemütlich schmökert. Ariel sorgt dafür, dass Caliban und seine Attentäter mit ihrem Mordkomplott kläglich scheitern. Prospero nimmt sie nicht mal wahr.

Langsam kommt  der Plot zur Auflösung. Antonio und Sebastian kommen zu Prospero, der sie wieder mit Verstand segnet, sich zu erkennen gibt und Antonio verzeiht. Sebastian findet endlich seinen Neffen Ferdinand wieder.

Das ist nun der Zeitpunkt, da man im Libretto vergeblich sucht, was denn eigentlich der Papst in diesem Stück zu suchen hat. Aber er tritt dennoch auf: Der „running Gag“ wird mal wieder durchgezogen. Er vermählt natürlich im Beisein aller Parteien das junge Paar.

Das war sie wieder mal, die Oper. Unter tosendem Applaus wird Abschied gefeiert, die Darsteller, Musiker, Solisten und Librettisten geehrt. Das Publikum ist mal wieder voll auf seine Kosten gekommen.

Comments

  1. Helmut Bieler-Wendt
    29. Januar 2018

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    Sehr, sehr fein beschrieben und ‚eingefangen‘ 😉
    Danke schön!
    HBW

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