„Ce grand malheur, de ne pouvoir être seul“ (Jean de La Bruyère)

Epigraph zu Edgar Allan Poe’s Kurzgeschichte „The Man of The Crowd“

*ein Leser aus Frankreich machte mich auf einen interessanten Hintergrund zu diesem Epigraph aufmerksam. Siehe Ende des Artikels

Zugegeben, der Epigraph klingt nach zwei Jahren Pandemie mehr wie Hohn, aber als ich mich gestern durch die Massen auf dem Bielefelder Leineweber-Markt schob, kam ich mir vor wie der „Man of The Crowd“ in Poe’s Story. Von Spätnachmittags bis Abends wanderte ich ziellos durch die Innenstadt.

Obwohl… ziellos ist nicht ganz richtig, denn der Weg war das Ziel. Und die Motive, die sich dabei ergaben.

Monochrom
Kirmes am Rathausplatz im Sonnenschein. Leica M10-M mit 35mm Ultron bei f/2 1/1000s ISO 160 Orange-Filter

Nach zwei Jahren fand das Volksfest wieder statt, immer eine gute Gelegenheit, die eine oder andere Kamera auszuführen. Vor ein paar Jahren war es mal die Leica M6 und M4, dann wiederum die Leica IIIf, immer mit Schwarzweiss-Film geladen. Und mit den monochromen Ergebnissen war ich sehr zufrieden.

Monochrom
Am Skulpturenpark. Leica M10-M mit 35mm Ultron bei f/2 1/1500s. ISO 160 Orange-Filter
Monochrom
Riesenrad. Leica M10-M mit 35mm Ultron bei f/4. 1/1000s ISO 160 Orange-Filter

Das im Sinn war es höchste Zeit zu testen, was denn die Leica M10 Monochrom bei der Gelegenheit zu leisten vermag. Seit ich sie habe, gab es noch keinen Leinweber-Markt. Kommt sie an das Feeling der analogen Bilder heran?

Ich packte schon zwei Tage vorher meine Billingham-Tasche. Die Monochrom mit dem 35mm Ultron und Orangefilter davor und für die Reichweite das 75mm Apo-Summicron. Die M11 sollte auch mit, für alle Fälle. Vor der war das Contax G45. Das passt alles in die kleine Hadley-Digital Tasche (wie das geht, kann man ganz am Ende dieses früheren Beitrags sehen).

Aber als ich gestern dann losfahren wollte, hatte ich nicht so richtig Lust. Der Grund war die Tasche. Mit zu viel Optionen setze ich mich nur selbst unter Druck und das ist Gift für den (hust!) kreativen Prozess. Ich bin mit „one lens, one camera“ am entspanntesten. Also packte ich alles wieder aus und nahm nur die M10 Monochrom mit dem Ultron. Das war mir viel sympathischer. Dann schlug mein Gewissen. Die immer noch brandneue M11 sollte doch auch zumindest verfügbar sein, darum nahm ich wenigstens den Body mit.

An der Kunsthalle (im Hintergrund die Sparrenburg, das Wahrzeichen Bielefelds). Leica M10-M mit 35mm Ultron bei f/2 1/1000s. ISO 160 Orange-Filter
Monochrom
Kirmes. Leica M10-M mit 35mm Ultron bei f/2 1/2000s. ISO 400 Orange-Filter

Das verstaut sich beides problemlos in die kleine Bauchtasche, die ich mir auch z.B. auf dem Rennrad quer über den Rücken hänge. Das neu erfundene Prinzip „one Lens, two cameras“ wäre fast erfüllt gewesen, wenn ich nicht im letzten Augenblick eingeknickt wäre und das 90er Macro-Elmar gegriffen hätte, weil das Ding ohne Geli-Blende so Mini ist, dass es auch noch in der Tasche Platz fand.

Bei einer Sache zog ich allerdings die Bremse: Der neue Visoflex 2, obwohl an beiden Kameras einsetzbar, kam nicht mit. Alle Bilder sind mit dem Messsucher fokussiert, schnell und bequem. Was nicht fehlen durfte, war ein Orange-Filter vor dem Ultron (das 90er Macro-Elmar hat denselben Filtergewinde-Durchmesser). Bei der Monochrom müssen Filter physisch vor die Optik. Da es in den monochromen DNG’s nun mal keine Farbkanäle gibt, ist ein applizieren von Filtern im Postprocessing  nicht drin. Das muss man sich schon beim Shooting überlegen.

Monochrom
Leica M10-M mit 35mm Ultron bei f/4. 1/500s. ISO160. Orange Filter

Meine älteste Tochter wohnt in Bielefeld. Der Leinweber-Markt ist in den Vorjahren immer ein Anlass gewesen, dass unsere kleine Familie sich auf dem Streetfood-Market am Klosterplatz trifft, aber dieses Jahr klappte das nicht. Was das Fotografieren betrifft, kam mir das ganz entgegen. Ich weiss nicht, ob es nur mir so geht, aber dabei bin ich lieber „solo“. Meist verstehen die anderen nicht, warum ich plötzlich minutenlang ohne (für sie) ersichtlichen Grund irgendwo verharre oder ständig die Umgebung scanne.

Monochrom
Juan Pablo, Latin Rock. Leica M10-M mit 35mm Ultron bei f/2 1/500s ISO 400 Orange-Filter

Auf dem Leinweber Markt war ich zu 90% mit der Monochrom und dem Ultron unterwegs. Die Tasche mit dem M11-Body störte nicht. Obwohl das puristische Prinzip durch die Mitnahme des 90mm-Objektivs etwas durchbrochen wurde, war ich dennoch froh, vom Dogma abgewichen zu sein, denn das 90er lieferte ein paar atmosphärische Porträts.

Monochrom
Ronja Maltzahn. Leica M10-M mit 90mm Macro-Elmar bei f/4 1/250s. ISO 800
Monochrom
Ronja Maltzahn. Leica M10-M mit 35mm Ultron bei f/2 1/4000s ISO 400

Die Bilddateien aus der M10 Monochrom sind unglaublich kontrastreich und schon aus der Kamera ist da was von Kodak Tri-X drin. Und das sollte man durch übertriebene Bildbearbeitung nicht versauen. Die gestaltet sich bei mir deswegen extrem spartanisch: Meist regele ich nur die Helligkeit (nach oben, weil man mit dem monochromen Sensor auf die Highlights aufpassen muss und deswegen tendenziell eher unterbelichtet) und nehme die Lichter ein wenig zurück. Obwohl unfassbar viel in den Schatten steckt, lasse ich die meist in Ruhe. Die Bilder werden sonst nur flacher, und das mag ich nicht. Trotzdem schön, die Option zu haben. Ach, und wer will, kann die verdächtig scharfen Fotos durch applizieren von Körnung „abmildern“. Ich habe diesmal darauf verzichtet.

Und die Eingangs gestellte Frage? Kommt die M10-M an das Feeling analoger Bilder heran? Die Antwort: Geradezu erschreckend nah. Aber als Verfechter auch der analogen Fotografie füge ich an: Sie ersetzt nicht plötzlich Schwarzweißfilm. Aber die Anmutung der Bilder aus der M10-M ist für mich so dicht an der analogen Realität, dass sie eine echte Option zu Analog darstellen. Ich sehe unwahrscheinlich oft S/W-Bildbearbeitungen im Netz, bei denen ich mich frage, ob die Fotografen jemals ein „echtes“ analoges S/W-Bild betrachtet haben. Das kann mit der M10-M nicht passieren (das heisst, ich muss einschränken: Ein echter Bearbeitungs-Fetischist kann aus dem Output der Kamera was total artifizielles schaffen, das nichts mehr mit Silberhalogenid zu tun hat).

An die M11 erinnerte ich mich erst, als ich schon nach Hause wollte. Die ganze Zeit hatte ich nur die Monochrom benutzt. Mir fehlte die Motivation, ständig zwischen den Kameras zu wechseln.

Monochrom
Leica M11 mit 35mm Ultron bei f/2 1/750s ISO 800

Pflichtgemäss steckte ich die M10 Monochrom weg und nahm die M11 mit dem 35er Ultron für den Rest der Zeit. Und das war eigentlich auch gerade gut, weil die „blaue Stunde“ begann und die Kamera mal zeigen konnte, was wirklich an Dynamik in den Dateien steckt.

Monochrom
Noch ein Rest Sonne an den Gipfeln. Ziemlich extreme Dynamik. Leica M11 mit 35mm Ultron bei f/2 1/3000s ISO 800
Monochrom
Diese Bild funktioniert z.B. nicht im Farbprofil „M11“ in LR. Leica M11 mit 35mm Ultron bei f/2 1/1000s. ISO 800

Übrigens… Bildbearbeitung bei der M11 ist auch keine Raketentechnik. Die Tonwerte werden eingestellt und auch da: Die Schatten in Ruhe lassen! Ja, ein wenig „holen“ darf man sie, aber nicht übertreiben, sonst droht „Pseudo-HDR“ (Würg!). Eines fiel mir bei den Bildern mit den blauen Scheinwerfern „on Stage“ auf: Das Farbprofil „M11“, das beim Importieren in LR (falls man nicht dabei schon ein Preset nimmt) angewendet wird, lässt den blauen Kanal fast ausbrennen. Adobe „Farbe“ oder „Standard“ funktionieren da besser.

Monochrom
Blaue Stunde am Rathausplatz. Leica M11 mit 35mm Ultron bei f/2 1/1500s. ISO 800
Monochrom
Karussell. Leica M11 mit 35mm Ultron bei f/2 1/2000s ISO 800

Als die „blaue Stunde“ noch währte, war ich endlich „fertig mit der Bereifung“. Es gab noch Motive ohne Ende und die Fotografie bei dem schwindenden Licht hat ihren Reiz, aber mir reichte es. Ausserdem war es in den letzten zwei Stunden extrem voll geworden. An manchen Stellen musste ich Umwege machen, weil man nicht mehr durchkam. Meine bis dahin unterdrückte anerzogene pandemiebedingte Agoraphobie (was mit Menschen prall gefüllte Plätze betrifft) machte sich bemerkbar. Ich liess es gut sein und machte mich auf den Heimweg in unser kleines, verschlafenes Nest an der Weser.

Monochrom
Die Massen am Altstädter Kirchpark, wo der „Leinweber“ steht. Leider hatte ich keinen Bollerwagen mit 50kg Papier in Form von DSGVO-Einverständnisformularen dabei, die jeder einzeln unterzeichnen muss. Leica M11 mit 35mm Ultron bei f/2 1/750s. ISO 800

* Der Leser aus Frankreich, der mich auf das Detail aufmerksam machte, wohnt rein zufällig auch noch in einer „rue Jean de La Bruyère“. Es scheint, als hätte Poe den Original-Wortlaut des Zitats verändert, es lautet nämlich korrekt: „Tout notre mal vient de ne pouvoir être seuls“, und das kehrt den Sinn so ziemlich ins Gegenteil. Statt: „Ein großes Unglück, nie allein sein zu können“, übersetzt sich das Original eher: „All unser Ungemach resultiert nur daraus, dass wir es nicht ertragen, allein zu sein.“

Wie man sieht, ist die Verfälschung von Quellen keine moderne Erfindung.

 

4 Kommentare

  1. ich wollte nur kurz einen Einwand zu Thomas Frage geben.
    Einfach mal zum Leica Händler gehen, seine eigene Speicherkarte mitnehmen und beide Kameras in die Hand nehmen und einige Fotos damit machen, das Ergebnis seiner eigenen Bilder zu begutachten ist immer aufschlussreicher als sich auf irgendwelche Bilder im Web zu stützen und daraus für sich seine Vorlieben herauszuarbeiten.

  2. Hallo,
    ein Vergleich M10 Mono – M11 in SW konvertiert würde mich interessieren. Im LF habe ich mal einen Bericht von der M10 zu M10 Mono gesehen. (von einen Berufsfotografen). Da war für mich erschreckend wenig Unterschied zu sehen.
    Ich will damit sagen, wenn man sich gerade nur 1 Model leisten möchte (kann) und sich entscheiden müsste zwischen Mono und normal, ist dann die normale M die bessere Wahl.
    Ich wollte immer schon eine Mono haben, aber der Preis ist mir einfach zu hoch. Momentan sind die Preise für die M246 fast bezahlbar und da überlege ich wieder zwischen der und einer gebrauchten M10.
    Ein Leben ohne M ist zwar möglich, aber doch sehr schwer….
    LG aus Wien Thomas

    • Claus Sassenberg

      Bisher waren alle digitalen M-Kameras auch sehr gute Plattformen für S/W-Bearbeitung. Insofern ist man damit immer gut aufgestellt.

      Aber auch wenn Ergebnisse sich ähneln können, ist der Unterschied zur Monochrom nicht „erschreckend“ gering. Da gibt es einiges, es würde zu weit führen, alles aufzuzählen, aber hier ein paar Sachen:

      Die Arbeitsweise ist anders, und das fängt schon mit (Farb-)Filtern an. Das muss man sich vorher überlegen. Die Monochrom-Dateien sind auf Pixelebene nicht zu vergleichen (und das ist ja eigentlich klar, ohne Bayer-Filter) und werden anders bearbeitet. Was direkt aus der Kamera kommt, ist schon ziemlich gut, und da muss man sich bei einem Farbsensor mehr anstrengen. Nicht zu vergessen ist die höhere High-ISO Leistung der Monochrom, weshalb sie (ist für mich halt wichtig) für Infrarot gut geeignet ist (und da stört ein Bayer-Filter auch).

      Um den wirklichen Unterschied zu sehen, kannst du Bilder im Web nicht vergleichen. Besorge dir besser mal ein paar DNG‘s der Kameras und schau mal, wie die sich in LR Verhalten.
      Aber nochmals: Selbstverständlich kann man mit einer digitalen M erstklassige S/W-Bilder erzeugen.
      Hilfreich ist noch, wenn man sich erinnert, wie echte (Silberhalogenid) S/W-Bilder aussehen. 😉

      VIele Grüße,
      Claus

  3. Moin, Claus.
    Da hast Du Dich mal wieder selbst übertroffen. Man sollte einfach Mut zum Schatten haben und für einen gegenteiligen Eindruck Mut zur Kontrastarmut. Einige schieben die Regler nur nach rechts und finden es toll. Das tut in den Augen weh.
    Ich habe gerade ein Buch eines Reiseverlages hier zur Rezension. Dort sind die Bilder von Agenturen gekauft und zusammengeführt. Keine durchgehende Bildsprache, dafür teils Auswüchse des HDR. Ein toll konzipiertes Buch fällt damit in der Umsetzung weit weit nach unten.
    Aber zu Deinen Bildern- sie haben meine Vorfreude auf unser NØRDEN-Festival noch einmal gesteigert und meine Idee gefestigt, fast nur in SW zu fotografieren.
    Liebe Grüße
    Kai

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