Das Leica Noctilux 1:1.2/50 mm ist eines der am stärksten mystifizierten Objektive aus dem Hause Leitz. Es wurde 1966 auf der Photokina vorgestellt und bis 1975 produziert. Vom ursprünglichen Leitz Noctilux 50 mm f/1.2 ASPH. wurden nach der heute meist genannten Zahl nur 1.757 Exemplare gebaut. Erwin Puts spricht vorsichtiger von etwa 700 bis 1.500 Stück.

Die Produktionszeit fällt in eine Phase großer Konkurrenzkämpfe um lichtstarke und immer besser korrigierte Objektive. Leitz, Canon, Nikon und Minolta arbeiteten damals an den Grenzen des optisch und fertigungstechnisch Machbaren. Blende 1.2 galt für Kleinbildobjektive als eine Art höchste praktikable Grenze. Noch größere Öffnungen waren zwar theoretisch reizvoll, in der fotografischen Praxis aber schwer beherrschbar und in gleichbleibender Qualität kaum wirtschaftlich produzierbar.

Man kann diese Zeit ein wenig mit der Autoindustrie vergleichen, in der man mit großen V8-Motoren Leistung, Prestige und technischen Fortschritt demonstrierte. In der Fotografie waren es die hochlichtstarken Objektive, mit denen die Hersteller zeigten, was sie konnten. Das Noctilux stand dabei nicht nur für Lichtstärke, sondern auch für den Anspruch, diese Lichtstärke bei voller Öffnung tatsächlich fotografisch nutzbar zu machen.

Hinzu kam: Hohe Filmempfindlichkeit war damals noch keine Selbstverständlichkeit. Viele hochwertige Farbfilme lagen bei 25, 64, 80 oder 100 ASA. Der klassische schnelle Reportagefilm war vor allem Schwarzweißfilm mit 400 ASA.

Filme mit mehr als 400 ASA existierten bereits, waren aber meist Spezialmaterial, sehr grobkörnig oder wurden durch Push-Entwicklung auf höhere Empfindlichkeiten gebracht. Ein heutiger, vergleichsweise sauberer ISO-1600- oder ISO-3200-Film war im normalen fotografischen Alltag der späten 1960er und frühen 1970er Jahre nicht verfügbar.

Das erklärt, warum ein Objektiv wie das Noctilux 50 mm f/1.2 damals eine so große praktische Bedeutung hatte: Es ermöglichte Available-Light-Fotografie bei Lichtverhältnissen, bei denen langsamere Objektive und die damaligen Filme schnell an ihre Grenzen kamen.

Typische Filme und Empfindlichkeiten der Noctilux-Zeit

Film / Filmgattung Typische ASA/ISO damals Bemerkung
Kodachrome II 25 ASA Sehr feiner Farbdiafilm, aber langsam; eingeführt 1961.
Kodachrome-X / später Kodachrome 64 64 ASA Wichtiger Farbdiafilm; Kodachrome-X kam 1962, Kodachrome 64 später im K-14-Prozess.
Kodacolor-X 64–80 ASA Farbnegativfilm im C-22-Prozess; hergestellt etwa 1963 bis 1974.
Kodacolor II 80 ASA, später 100 ASA Frühe C-41-Generation ab Anfang der 1970er Jahre.
Ektachrome / High Speed Ektachrome ca. 64–160 ASA 160 ASA war für Farbe damals bereits schnell.
Kodak Plus-X 125 ASA Klassischer feiner Schwarzweißfilm.
Ilford FP4 125 ASA Ab 1968; klassischer Allround-Schwarzweißfilm.
Kodak Tri-X 400 ASA Der große Reportageklassiker; als 35-mm- und Rollfilm seit 1954 verfügbar.
Ilford HP3 / HP4 400 ASA HP4 erschien 1965, die 35-mm-Version etwa 1966; HP5 kam erst 1976.
Ilford HPS 400/800 ASA Grobkörniger Spezialfilm, teilweise mit 800 ASA angegeben.
Kodak Recording Film 2475 ca. 1000–1250 ASA, teils höher Spezialfilm für Available Light, Überwachung und technische Anwendungen; sehr grobkörnig.

Gab es damals schon Filme über 400 ASA?

Ja, es gab bereits Filme mit mehr als 400 ASA. Diese waren aber nicht mit heutigen hochempfindlichen Filmen wie Ilford Delta 3200 oder Kodak T-MAX P3200 vergleichbar. Oberhalb von 400 ASA bewegte man sich meist im Bereich von Spezialfilmen, starkem Korn, reduzierter Tonalität oder Push-Verarbeitung.

Für den fotografischen Alltag der späten 1960er und frühen 1970er Jahre kann man grob sagen:

Bereich Typische Empfindlichkeit
Feine Farbdiafilme 25–64 ASA
Farbnegativfilme 64–100 ASA
Schnelle Farbfilme ca. 160 ASA
Feine Schwarzweißfilme 50–125 ASA
Schnelle Schwarzweiß-Reportagefilme 400 ASA
Spezial- und Available-Light-Filme 800–1250 ASA oder höher, meist mit deutlichen Qualitätskompromissen

Das Noctilux 50 mm f/1.2 brachte gegenüber einem Summicron 50 mm f/2 etwa 1,5 Blenden mehr Licht. Das war in der damaligen Fotografie erheblich. Bei Kodachrome 64, Kodacolor 80 oder auch Tri-X 400 konnte dieser Unterschied darüber entscheiden, ob eine Aufnahme bei vorhandenem Licht überhaupt möglich war.

Die Lichtstärke des Noctilux war also nicht nur ein technischer Luxus, sondern eine direkte Antwort auf die Grenzen der damaligen Filmemulsionen.

Forschung und Entwicklung des Noctilux 50 mm f/1.2

Bahnbrechend war beim Noctilux vor allem die Forschung im Bereich der asphärischen Linsen. Ende der 1960er Jahre war die Herstellung solcher Linsen extrem zeitaufwendig und verlangte höchste technische Expertise. Der Überlieferung nach soll bei Leitz nur eine sehr kleine Zahl von Spezialisten, möglicherweise zeitweise sogar nur eine Person, mit dieser anspruchsvollen Arbeit betraut gewesen sein.

Das Noctilux 1:1.2/50 mm war ein Sechslinser mit zwei asphärischen Oberflächen. Diese mussten manuell bearbeitet werden, und der Ausschuss war hoch. Das erklärt die geringen Stückzahlen und den heutigen Sammlerstatus. Je nach Zustand werden klassische Exemplare inzwischen zu Preisen gehandelt, die deutlich jenseits von 30.000 Euro liegen können.

Das Noctilux 1.2 ist eine spezielle Linse, die bis heute für ihre besondere optische Leistung bekannt ist. Bei Offenblende lieferte sie für ihre Zeit eine ungewöhnlich gute Abbildungsqualität. Abgeblendet auf f/4 und darüber hinaus wird sie ebenfalls sehr scharf. Oft sind hochlichtstarke Objektive stark auf Offenblendnutzung abgestimmt und verlieren abgeblendet ihren besonderen Reiz oder bleiben hinter einfacheren Konstruktionen zurück. Beim Noctilux ist das differenzierter. Es ist in gewisser Weise eine Zwei-in-eins-Lösung: offen ein charakterstarkes Available-Light-Objektiv, abgeblendet ein erstaunlich leistungsfähiges 50-mm-Objektiv. Dazu später mehr.

Damals stand es in Konkurrenz zu Objektiven wie dem Canon FD 55 mm f/1.2, dem Nikon 55 mm f/1.2 und dem Minolta 58 mm f/1.2. Gegenüber den japanischen Wettbewerbern bot das Leitz-Objektiv bei Offenblende eine sehr eigenständige Leistung. Es wurde stark auf Kontrast und die klare Wiedergabe von Konturen optimiert. Die Detailauflösung sehr feiner Strukturen konnte dagegen, je nach Vergleich und Bildzone, hinter anderen Objektiven zurückstehen.

Geoffrey Crawleys Test im British Journal of Photography

Geoffrey Crawley testete das Leitz Noctilux 50 mm f/1.2 am 5. Dezember 1969 im The British Journal of Photography. Er untersuchte dabei nicht nur die allgemeine Schärfe, sondern unterschied zwischen der Wiedergabe grober Konturen, mittelfeiner Details und sehr feiner Strukturen. In heutiger Sprache würde man sagen: Er betrachtete ungefähr das Verhalten des Objektivs bei niedrigen, mittleren und höheren Ortsfrequenzen, also etwa bei 5, 10, 20 oder 40 Linienpaaren pro Millimeter.

Sein Ergebnis war differenziert: Bei voller Öffnung f/1.2 zeigte das Noctilux eine sehr gute Wiedergabe grober Konturen, also eine starke Zeichnung bei niedrigen Frequenzen. Bei sehr feinen Details war die Leistung dagegen deutlich schwächer. Andere Objektive erschienen bei mittleren Frequenzen besser, wirkten aber bei den groben Konturen weniger überzeugend. Diese Einschätzung ist nicht ganz leicht einzuordnen, weil es ungewöhnlich wäre, dass ein Objektiv bei mittleren Frequenzen gut, bei niedrigeren Frequenzen aber schwach abschneidet.

Crawley kam zu dem Schluss, dass die außergewöhnlichen Eigenschaften des Noctilux vor allem bei voller Öffnung sichtbar seien. Abgeblendet liefere es weiterhin gute Qualität, erreiche aber nicht den Biss und die sehr feine Detailzeichnung anderer Objektive, wenn diese ebenfalls abgeblendet werden. Daraus entstand die oft wiederholte Aussage, das Noctilux sei in erster Linie als f/1.2-Objektiv konstruiert worden.

Diese Interpretation wurde später von vielen Leica-Autoren übernommen und prägte den Ruf des Objektivs stark. Manche Nutzer verstanden sie sogar so, als solle man das Noctilux besser nicht abblenden. Das ist allerdings eine problematische Verkürzung. Wenn Leitz ein Objektiv mit Blendenmechanismus bis f/16 ausstattete, spricht allein das schon dagegen, dass abgeblendete Nutzung sinnlos oder unerwünscht gewesen wäre.

Auch persönlich kann ich diesen oft wiederholten Tenor nicht bestätigen. Die Behauptung, dieses Objektiv sei nur bei Offenblende wirklich würdig oder sinnvoll zu verwenden, greift zu kurz.

Einordnung der Leistung nach Blenden

Blende Charakter der Abbildungsleistung
f/1.2 Mittlerer Gesamtkontrast. In der Bildmitte sehr gute Zeichnung grober Konturen und guter Kontrast bei mittleren Details. Sehr feine Strukturen werden deutlich weicher wiedergegeben. Die Randzonen sind weich, kontrastärmer, unscharf und zeigen Farbsäume.
f/1.4 Nur geringe Verbesserung gegenüber f/1.2. Ein leichter Kontrastzuwachs ist erkennbar.
f/2 Feine Details werden sichtbarer, bleiben aber noch etwas verschwommen. Die Kantenzeichnung verbessert sich, zeigt jedoch weiterhin eine gewisse Weichheit.
f/2.8 Die Leistung bleibt im Grundcharakter noch relativ ähnlich; der große Qualitätssprung kommt erst danach.
f/4 Deutlicher Qualitätssprung. Details werden über einen großen Teil des Bildfeldes gut definiert. Astigmatismus tritt deutlich zurück, Linien wirken klarer und kontrastreicher. Ränder und Ecken bleiben schwach.
f/5.6 Sehr gute Gesamtleistung. Auch feinste Details werden klarer aufgezeichnet. Die mittleren Strukturen erscheinen kontrastreich und scharf. Außerhalb der Ecken nähert sich die Leistung dem damaligen Summicron an.
f/8 Wahrscheinlich die optimale Blende. Nun zeigen auch die Ecken eine brauchbare bis gute Definition.
f/11 Der Kontrast beginnt durch Beugung wieder zu sinken.

Die oft wiederholte Behauptung, das Noctilux 50 mm f/1.2 sei ausschließlich oder fast ausschließlich für die volle Öffnung optimiert worden, ist zu einfach. Richtig ist: Zwischen f/1.2 und etwa f/2.8 steigt die Leistung nur wenig an. Ab f/4 verbessert sich das Objektiv jedoch deutlich. Bei f/5.6 erreicht es eine sehr starke Leistung über weite Teile des Bildfeldes, und bei f/8 liegt offenbar das Optimum.

Das Noctilux ist bei Offenblende also nicht einfach ein maximal scharfes Objektiv, sondern ein Objektiv mit besonderer Charakteristik: Es zeichnet in der Bildmitte kräftige Konturen und mittlere Details überzeugend, während sehr feine Details und die Bildränder deutlich weicher bleiben. Sein eigentlicher Reiz liegt bei f/1.2 in der Möglichkeit, bei sehr wenig Licht überhaupt noch fotografieren zu können. Abgeblendet wird es jedoch keineswegs unbrauchbar, sondern verbessert sich sichtbar und erreicht bei mittleren Blenden eine sehr respektable optische Leistung, die selbst an einer Leica M11 voll überzeugen kann.

Das Noctilux 50 mm f/1.2 im Jahr 2025 und später

Wer meine Beiträge kennt, weiß, dass ich keine 60 Megapixel für meine fotografischen Hinterlassenschaften benötige. Von Jahr zu Jahr reizt mich stärker der Charakter von Objektiven: das Unperfekte, die Zwischentöne, die leisen Abweichungen von der technischen Norm. An glattgeleckten Bildern sehe ich mich schnell satt. Nach einer Weile stört mich ihre Austauschbarkeit.

Nach dem Kauf des Thambar entschloss ich mich im November 2025 im Leica Store Wetzlar zum Kauf eines gebrauchten Noctilux 50 mm f/1.2 aus der Leica-Neuauflage. Da ich kein Sammler bin, muss beim Kauf von Neuware oder hochwertiger Gebrauchtware anderes gehen. Also tauschte ich ein anderes Objektiv und etwas Zubehör gegen das Noctilux ein. Für mich war das ein fairer Deal. Weniger ist bei mir oft mehr.

Ich hatte die Chance, das Objektiv ein ganzes Wochenende ausgiebig zu testen. Schon die Bilder auf dem Kameradisplay reichten aus, um mich zum Kauf zu überzeugen.

Die Neuauflage klassischer Leica-Objektive

Leicas Neuauflagen klassischer M-Objektive sind mehr als nostalgische Sammlerstücke. Sie sind auch ein Hinweis darauf, dass fotografische Qualität nicht allein aus maximaler Schärfe, höchstem Mikrokontrast und perfekter Korrektur besteht. Gerade im Zeitalter hochauflösender Sensoren wird sichtbar, dass ältere optische Rechnungen eine eigene Bildsprache besitzen: weicher in den Übergängen, manchmal mit deutlicher Vignettierung, mit einem besonderen Schmelz in den Lichtern und einer Zeichnung, die nicht jedes Detail aggressiv herausarbeitet.

Leica fasst diese Objektive heute in der sogenannten Classic Line zusammen. Nach eigener Beschreibung sollen diese Objektive den Anforderungen moderner Fotografie entsprechen, ohne den Charakter der historischen Vorbilder zu verlieren. Das ist ein entscheidender Punkt: Es geht nicht darum, alte Objektive einfach technisch zu überholen und ihnen damit ihre Eigenart zu nehmen, sondern ihre optische Handschrift in eine heute zuverlässig nutzbare Form zu bringen.

Ähnlich verhält es sich beim Summilux-M 35 mm f/1.4. Leica bezeichnet die Neuauflage als Classic-Line-Objektiv und verweist ausdrücklich darauf, dass das ursprüngliche Summilux-M 35 mm f/1.4 bei seiner Einführung 1961 das lichtstärkste Weitwinkelobjektiv der Welt war. Die neue Version übernimmt die optische Konstruktion des historischen Vorbilds, einschließlich des klassischen Bildcharakters mit Vignettierung, leichtem Glow bei offener Blende und cremigem Bokeh.

Auch das Summaron-M 28 mm f/5.6 zeigt, worum es bei diesen Neuauflagen geht. Dieses Objektiv ist gerade nicht spektakulär durch Lichtstärke, sondern durch Zurückhaltung: klein, flach, unauffällig, mit sichtbarer Vignettierung und eher subtiler Kontrastwiedergabe.

Bedeutung dieser Neuauflagen

Die Wiederauflage klassischer Leica-Objektive zeigt, dass ein Objektiv nicht nur ein Messinstrument ist. Moderne ASPH.-Objektive können oft schon bei Offenblende eine fast brutale Präzision liefern. Das ist technisch beeindruckend und für viele Anwendungen unverzichtbar. Aber es ist nicht die einzige fotografische Wahrheit.

Die klassischen Rechnungen arbeiten anders. Sie lassen mehr Raum für Licht, Atmosphäre und Übergänge. Sie zeichnen Gesichter oft weniger analytisch, geben Spitzlichtern und Schatten eine andere Weichheit und erzeugen bei offener Blende einen Bildeindruck, der nicht vollständig durch MTF-Kurven beschrieben werden kann. Gerade deshalb sind sie für Fotografen interessant, die nicht nur dokumentieren, sondern eine bestimmte Stimmung erzeugen wollen.

Leica bedient mit diesen Neuauflagen daher zwei Welten zugleich: die Welt der Sammler, die historische Formen, Gravuren und mechanische Anmutung schätzen, und die Welt der praktischen Fotografen, die auf modernen M-Kameras mit klassischen Bildsignaturen arbeiten möchten. Besonders reizvoll ist dabei die Verbindung von alter optischer Zeichnung und heutigen digitalen Sensoren. Der Sensor zeichnet gnadenlos auf, was das Objektiv liefert — und macht dadurch den Charakter der klassischen Rechnung oft noch bewusster sichtbar.

Einordnung der Leica Classic-Line-Objektive

Objektiv Historische Bedeutung Charakter der Neuauflage
Noctilux-M 50 mm f/1.2 ASPH. Frühes asphärisches Hochlichtstärke-Objektiv; gebaut für Available-Light-Fotografie in einer Zeit langsamer Filme. Bewahrt den besonderen Offenblendcharakter des Originals und verbindet ihn mit heutiger Fertigungsqualität.
Summilux-M 35 mm f/1.4 1961 als damals lichtstärkstes Weitwinkelobjektiv der Welt vorgestellt. Klassische Bildwirkung mit Vignettierung, Glow und weichem Bokeh; optische Konstruktion eng am historischen Vorbild.
Summaron-M 28 mm f/5.6 Kompaktes, unauffälliges Weitwinkel mit zurückhaltender Lichtstärke. Pancake-Bauweise, subtile Kontraste, sichtbare Vignettierung und bewusst klassischer Bildeindruck.

Das Noctilux 50 mm f/1.2 in der Praxis

Während des besagten Wochenendes hatte ich keinen Laptop dabei. Die Bilder auf dem Kameradisplay genügten dennoch, um mir den Charakter dieser Linse zu zeigen. Später testete ich das Objektiv während der Wintertage an der M6 mit Kodak Tri-X und Kodak T-MAX 100, um es auf klassische Weise und damit in meinem eigentlichen Haupteinsatz kennenzulernen. Die unten gezeigten TMax Bilder habe ich im eigenen Labor in unserem JTOL entwickelt (ein Pulverentwickler, speziell von Wolfgang Moersch für uns hergestellt, auf der Grundlage von XTOL).

Während des Jahreswechsels stand mir leider kein Modell zur Verfügung, sodass ich an dieser Stelle zunächst nur Testbilder aus Wetzlar und später aus meiner Heimat im Hürtgenwald zeigen kann. Aufwendigere Produktionen sind geplant.

In der Praxis kann ich die beschriebenen Eigenschaften der Linse bestätigen. Das Noctilux ist kein klinisch perfektes Objektiv. Es will auch keines sein. Leica zeigt in den technischen Unterlagen der Neuauflage eine negative relative Verzeichnung, die zum Bildrand hin bis ungefähr -3 Prozent ansteigt. Das bedeutet: eine tonnenförmige Verzeichnung. Gerade Linien in der Nähe des Bildrandes werden sichtbar gebogen.

Digital lässt sich diese Verzeichnung mit einem Klick weitgehend eliminieren. Analog sollte man sie im Kopf behalten. Wer Architektur, Reproduktionen oder streng geometrische Motive fotografiert, wird diese Eigenschaft sehen. Wer Menschen, Licht, Nacht, Innenräume oder atmosphärische Situationen fotografiert, wird sie meist kaum als störend empfinden.

Leider zeigt das Leica-Marketing auf der Webseite zur Noctilux-Neuauflage stark bearbeitete Bilder, bei denen Verzeichnung und Vignettierung deutlich reduziert oder kaum sichtbar sind. Dadurch kann ein falscher Eindruck entstehen. Unkorrigiert zeichnet diese Linse teilweise ein anderes Bild: sichtbarer, eigenwilliger, weniger glatt.

Auf die Vignettierung gehe ich hier nicht ausführlich ein. Sie ist bei hochlichtstarken Objektiven bei offener Blende ohnehin ausgeprägt. Für meinen Einsatzbereich ist sie völlig in Ordnung, in vielen Fällen sogar willkommen. Wie bei anderen klassischen Linsen gilt: Man muss es haben wollen. Aktuelle Objektive sind technisch extrem perfekt korrigiert. Aber genau dieses Unperfekte macht den Reiz des Noctilux aus.

Das Scharfstellen durch den Messsucher fiel mir recht leicht. Sowohl mit der M11 und der M6. Der Visoflex hilft dabei etwas mehr die Ränder unter Kontrolle zu haben, sollte der Fokus auf diese gerichtet sein, ansonsten kann ich auf den Visoflex mehr oder weniger verzichten.

Für mich ist das Noctilux 50 mm f/1.2 tatsächlich ein Zwei-in-eins-Objektiv: Bei Offenblende liefert es Schmelz, Atmosphäre und eine eigene Ästhetik. Ab f/4 wird es zu einem sehr leistungsfähigen 50-mm-Objektiv mit hoher Auflösung und überzeugender Klarheit.

Fazit

Die Neuauflagen klassischer Leica-Objektive sind keine bloße Rückwärtsgewandtheit. Sie sind vielmehr ein Bekenntnis dazu, dass fotografische Werkzeuge nicht nur nach Laborwerten beurteilt werden können. Ein modernes Apo-Summicron oder Summilux-ASPH. liefert eine andere Wahrheit als ein klassisches Noctilux, Summilux oder Summaron. Die eine liegt in technischer Perfektion, die andere in Atmosphäre, Übergang, Licht und Charakter.

Gerade deshalb passen diese Objektive so gut zur Leica M. Die M war nie nur eine Kamera für technische Maximierung, sondern immer auch ein Werkzeug für Reduktion, Konzentration und Nähe. Die Classic-Line-Objektive führen diesen Gedanken fort: Sie machen sichtbar, dass ein Bild nicht nur durch Schärfe entsteht, sondern durch Licht, Timing, Haltung und die besondere Art, wie ein Objektiv die Welt zeichnet.

Das Noctilux-M 50 mm f/1.2 ASPH. ist deshalb für mich kein Objektiv für jeden Tag und nicht für jede Aufgabe. Es ist auch kein Objektiv für Menschen, die perfekte Korrektur, gerade Linien und maximale technische Neutralität suchen. Es ist ein Objektiv für Situationen, in denen Licht knapp ist, Atmosphäre zählt und ein Bild nicht glatt, sondern lebendig wirken darf.

Vielleicht liegt genau darin der Grund, warum dieses Objektiv bis heute so stark mystifiziert wird. Nicht, weil es perfekt wäre. Sondern weil es an einer Stelle arbeitet, an der technische Messbarkeit und fotografische Empfindung nicht mehr sauber voneinander zu trennen sind.

Nachfolgend meine Testreihe an der M11 und M11M in Wetzlar.

Hier die analoge Serie, aufgenommen im Winter 2025 im Hürtgenwald mit der M6 auf Kodak TMax 100:

Bei diesem Bild ist die Verzeichnung deutlich an den Rändern zu sehen. Die Bänke oben waren gerade; an den Ecken knicken die Linien ein:

Ein Kommentar

  1. Olaf Reichardt

    Kompliment und Anerkennung für diesen Beitrag bzw. Bericht, eine sehr kurzweilige Lektüre mit interessanten und anschaulichen Beispiel Bildern.
    Ich nutze das 50mm 0.95 an der SL3 (und mittlerweile auch (wieder) an der M-EV1) und war lange hin und her gerissen zwischen dem 1.2 und dem 0.95. Ich habe beide getestet, den Ausschlag hat dann aber der Bildlook (Der ist beim 0.95 auch besonders, wobei ich „analog“ nicht beurteilen kann.) und auch die Größe/das Gewicht des 0.95 gegeben.
    Ich freue mich für Sie, dass Sie so zufrieden sind.

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