We will draw the curtain, and show you the picture.

Olivia, Act 1, Scene V: „Twelfth Night, or what you will“ von William Shakespeare

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Draussen „in der Maske“. Vorbereitungen für das Stück. Leica M10-M mit 35mm Ultron bei f/2.8 1/1500s ISO 400, Gelbfilter

Yay! Endlich war es soweit, nach zwei Jahren Corona Pause! Die Canaillen-Bagage gastierte wieder auf der Burg Vlotho. Freilicht-Theater vom Feinsten, mit dem Stück „Was ihr wollt“ von Shakespeare.

In den Vorjahren hatte ich bereits mehrere Stücke (Don Quichote, die Dreigroschenoper und Andersens Schatten)  fotografisch festgehalten, und zwar immer mit einer Kombination der M10 und der M6 mit Kodak Tri-X oder T-Max geladen. Ich muss sagen, das war immer ein fotografisches Highlight (pun intended) für mich und speziell die analogen Fotos schätze ich besonders. Das Genre „Bühnenfotografie“ war immer eine Schwarz/Weiss-Domäne.

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Fast Forward zum Happy End: Orsino und Viola. Leica M10-M mit 50mm Summilux bei f/1.4 1/3000s. ISO 400, Gelbfilter
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Sir Tobias (Toby Belch) sorgt dafür, dass der Pegel beim Junker Christoph (Aguecheek) nicht absackt. 50mm Summilux

Seit ich die M10-Monochrom besitze, wartete ich auf eine Gelegenheit, sie bei einem solchen Event einzusetzen. Ich kämpfte kurz mit mir, ob ich wie zuvor auch eine analoge M mit S/W-Film mitnehmen sollte, entschied mich allerdings dagegen. Warum? Ganz sicher nicht, weil ich glaube, die M10-Monochrom könnte Film voll ersetzen. Für mich steht allerdings fest, dass der Output der Kamera ganz nah an der Bildwirkung liegt, die Silberhalogenid liefert. Der eigentliche Grund für den Entschluss zu einer Kamera war: Das „parallele“ Fotografieren mit zwei Kameras ist immer mehr Stress und ich hatte keinen Bock darauf. Ich vertraute der Bildwirkung der M10-M, dass ich damit das Schauspiel in ähnlicher Form wie zuvor festhalten würde.

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Olivia trauert um ihren Bruder und weist den frustrierten Boten des Orsino immer wieder ab. 50mm Summilux
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Das Blatt wendet sich, als Viola als Cesario verkleidet bei Olivia auftaucht. 50mm Summilux

Michael Zimmermann, der Chef und Regisseur der Truppe, hatte mich schon einige Zeit vorher kontaktiert und angefragt, ob ich wieder Fotos machen könne. Ehrensache! Am Sonntagnachmittag begab ich mich zeitig zu unserer Burg (-Ruine) und sichtete schon mal die Location. Die kannte ich sicher gut genug, schliesslich war ich schon als Kind auf den Brocken herumgeklettert, aber ich wollte mir natürlich auch einen strategisch günstigen Platz sichern. Der Himmel war bedeckt (und ein bisschen drohte sogar Regen, was zum Glück nicht eintrat), aber damit war das Licht eigentlich viel besser als bei knalliger Sonne.

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Feste, der Narr. 90mm Macro-Elmar

Unter dem Blätterdach der Bäume richtete sogar die Beleuchtung am Rand der Bühne noch etwas aus, zumindest in bestimmten Situationen. Es war hell genug, dass ich die ISO der Kamera fest auf 400 stellte, was nebenbei bemerkt der Wert ist, der am nächsten an der nativen ISO des Sensors liegt (und damit die höchste Dynamik bietet). Der niedrigste ISO-Wert der M10-M ist 160, ganz klar ein „Pull-Wert“, wie Sean Reid feststellte.

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Dummerweise verliebt sich Viola in Orsino. 90mm Macro-Elmar
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Für diese Gelegenheit die Killer-Combo: Leica M10-M mit 50mm Summilux asph., das 90er Macro-Elmar war die ideale Ergänzung.

Ich hatte drei Objektive dabei: Das 35mm Ultron, das 50mm Summilux asph. und das 90mm Macro-Elmar, alle mit Gelb-Filter versehen, um die Hauttöne etwas aufzuhellen, insgesamt eine bessere Trennung der Tonwerte zu erreichen und den Kontrast zu erhöhen. Ich benutzte sie praktisch durchgehend offenblendig, woraus wiederum resultierte, dass ich mir bei ISO 400 um zu lange Belichtungszeiten und damit Verwackeln keine Sorgen machen musste. Ich konnte mich damit voll und ganz auf das Fokussieren konzentrieren.

Und das Stichwort „manuelles Fokussieren“ triggert wieder meinen üblichen „Rant“ von der Überlegenheit des Messsuchers über jeden EVF, wenn es schnell gehen muss! Mein Beharren darauf hatte schon mal bei Macfilos bei einem Leser heftigen Widerspruch erzeugt (er fand den Messsucher antiquiert), eine hitzig geführte Diskussion in den Kommentaren resultierte (allerdings nur zwischen ihm und allen anderen, ich hatte mich bereits kopfschüttelnd zurückgezogen), bis sogar Jono Slack (himself!) einschritt und die Ehre des Messsuchers rettete.

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Maria, die Zofe Olivias, heckt mit den Saufbrüdern ein Komplott aus, um Malvolio, den strengen Haushofmeister, zu ärgern. 35mm Ultron
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Olivia. 90mm Macro-Elmar

Ich hatte den Visoflex sogar mit und probierte es nochmal. Aber selbst mit abgeschaltetem Fokus-Peaking hatte ich keine Chance, so schnell und sicher auf den Punkt scharf zu stellen, wie es mit dem Messfeld des E-Messers (so er denn korrekt eingestellt ist) möglich ist. Und bei dem 50er Summilux oder dem 90er weit offen ist da wenig Toleranz für Irrtum, speziell bei einem digitalen Sensor. Die Schauspieler waren konstant in Bewegung, aber wegen eines falsch liegenden Fokus-Punktes hatte ich keinen Ausschuss. Meine Fokussierzeit liegt auf jeden Fall mit dem Messsucher deutlich unter einer Sekunde. Und das sage ich nicht, um mich hervorzuheben, sondern gehe davon aus, dass jeder das mit etwas Übung (und funktionierenden Augen) erreicht.

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…aber manchmal muss man einfach Schwein haben und zufällig halbwegs richtig vorfokussiert haben. 50mm Summilux
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Malvolio. 90mm Macro-Elmar

Während ich mir den richtigen Platz suchte und noch meine Paraphernalia sortierte, füllte sich allmählich das Burggelände mit Zuschauern, die sich nicht nur auf den Bänken, sondern auf allen zugänglichen Teilen der Ruine Sitzgelegenheiten sicherten. Von Alt bis Jung war alles dabei. Die Schauspieler hatten ihre „Maske“ nach draussen verlegt und trafen letzte Vorbereitungen. Punkt 16.00 Uhr ging es los.

Hier eine kurze Zusammenfassung der Handlung des Stückes (geklaut von der Webseite der Canaillen-Bagage):

In Illyrien herrschen Trauer und Stillstand: Der Herzog Orsino schwelgt in unerwiderter Liebe zur Gräfin Olivia, die sich ihrerseits aus Trauer um ihren jüngst verstorbenen Bruder aus der Öffentlichkeit zurückzieht. Als Viola an den Ufern Illyriens strandet und als Mann verkleidet in den Dienst Orsinos tritt, kommt ein Karussell der Täuschungen und Verwirrungen in Gang. Viola dient unter dem Namen Cesario als Liebesbote bei Olivia, die sich halb über Kopf in den anziehenden jungen Mann verliebt. Viola hat sich ihrerseits bereits in Orsino verliebt. Das Chaos der Gefühle ist komplett und zu allem Überfluß treiben Onkel Toby und Junker Christoph allerlei groben Unfug im Haus Olivias und entfesseln gemeinsam mit der Zofe Maria eine Intrige gegen den arroganten Hofmeister Malvolio.

Das Stück entwickelte sich und ich war froh, nur mit einer Kamera arbeiten zu können, es war entspannt. Die Objektive wechselte ich nach Bedarf der Szenen und das war relativ häufig. Die Schauspieler waren viel in Bewegung, selbst bei Monologen kaum Statik, aber wie bereits erwähnt,  mit dem Fokussieren gab es keinen Stress. Das 50er Summilux brauchte ich am meisten, gefolgt von dem 90er Macro-Elmar. Die „Totale“ (ganze Bühne und drumherum) mit dem 35er Ultron kam seltener vor.

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Malvolio ergeht sich in Tagträumen über Olivias vermeintliche Liebe zu ihm. 90mm Macro-Elmar
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Tobias und Konsorten in hämischer Freude über den armen Malvolio. 50mm Summilux

Meist spielte sich die Handlung auf einer Stelle der Bühne (oder daneben) konzentriert ab und ich versuchte, die Fotos in dem Moment zu machen, wo die Agierenden bildkompositorisch günstig „angeordnet“ waren. Die meisten Fotos mussten im Postprocessing nur wenig beschnitten werden. Davon abgesehen bleibt bei 40MP reichlich Spielraum dafür. Die Blende liess ich immer weit offen, um damit die jeweils für die Szene wichtigste Person freizustellen und nebenbei die Tiefenwirkung auszunutzen. Okay, und weil ich den Look einfach mag.

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Viola ist genervt von den Botengängen. 90mm Macro-Elmar

All dies geschieht mehr oder weniger auf „Autopilot“ und erforderte keine wahnsinnige Konzentration. Ich machte meine Fotos und konnte trotzdem das Stück geniessen. Die Kamera „verschwand“ in der Hand. Das Verschlussgeräusch war für diese Gelegenheit mehr als diskret und störte nicht mal meine direkten Sitznachbarn.

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Olivia geht bei Cesario alias Viola auf’s Ganze. 50mm Summilux
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Malvolio macht sich zum Affen. 50mm Summilux

Die schauspielerische Leistung der Truppe war hervorragend und man merkte ihnen die Freude am Spiel deutlich an, was sich wiederum auf die Zuschauer übertrug, die sich ihrerseits großartig unterhalten fühlten und also allenthalben „positive Vibrations“ erzeugt wurden. Der begeisterte Schlussapplaus mit „standing ovations“ war auch dementsprechend mehr als verdient! Ich setzte mich danach auf ein Bier mit Freunden in den schönen Burg-Biergarten mit Ausblick über das Wesertal weit nach Lippe hinein. Ich war mir sicher, was Ordentliches in dem kleinen schwarzen Kasten eingefangen zu haben, den ich wieder in der Hadley-Digital-Kameratasche verstaut hatte. Wie ordentlich, zeigte sich dann Zuhause in LR.

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Olivia ist überzeugt, dass ihr Haushofmeister einen Knall hat. 50mm Summilux
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Der unglückliche Malvolio wird eingesackt. 50mm Summilux

Es ist natürlich schon so, dass man mit einer digitalen Knipse noch ungehemmter draufhält als mit einer analogen Kamera mit „endlichen“ Resourcen, sprich 36 Bildern pro Film. Bei den Stücken ähnlicher Länge in den Vorjahren hatte ich immer drei Filme verschossen, aber von denen blieben bei wenig Ausschuss auch ca. 120 brauchbare Negative über. Diesmal machte ich ca. 400 Auslösungen. Davon ist im Prinzip fast alles ok, aber anders als bei Film kann man die Ansprüche an Schärfe und Bildkomposition erhöhen. Auch davon blieben etwa 130 Bilder, die ich den Schauspielern zur Verfügung stelle und von denen sie selbst noch die für sie Relevanten aussuchen können. Der Ablauf der Handlung ist damit ausreichend dokumentiert.

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Das gute Ende naht, Viola findet ihren Zwilling Sebastian wieder und der kommt mit Olivia zusammen. 50mm Summilux
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Gar nicht so einfach, live eine Doppelrolle zu spielen. Viola findet Sebastian, ihren Zwillingsbruder. 50mm Summilux

Dadurch, dass die Kamera die ganze Zeit im Messsuchermodus war, brauchte sie kaum Saft. Ich hatte zwar einen Ersatzakku dabei, aber als ich am Ende checkte, hatte ich noch 50% Kapazität übrig. Ersatz war also überflüssig, trotzdem: better safe than sorry.

Und Messsuchermodus… so blöd, dass es den bei der M11 in der klassischen Form wie bei der M10-M nicht mehr gibt. Selbst die „antiquierte“ Belichtungsmessung hat wunderbar funktioniert (hier frustriertes Augenrollen meinerseits imaginieren).

Ich erwähnte schon Postprocessing und das ist marginal, betrifft nur die Tonwerte. Vor allem Helligkeit habe ich nachgeregelt, weil ich bei der M10-M meist mit -0,7 bis -1 EV Belichtungskorrektur arbeite (Schonung der Highlights bei dem monochromen Sensor besonders wichtig). Die DNG’s aus der Kamera haben bereits guten Kontrast, aber ein schwaches „S“ kommt bei mir in die Gradationskurve. Ich ziehe (fast) nie am Tiefenregler (dabei ist da jede Menge zu holen, wenn man das braucht). Eher verstärke ich schon mal Schwarz und Weiss (-Regler). Das bringt die Bildwirkung in Richtung analogen S/W-Films. Die Dateien finde ich fast zu „clean“, darum füge ich ganz leichte Körnung dazu, etwa wie bei einem Kodak T-Max. Das alles erfordert für jedes Bild einen Zeitaufwand von 20 Sekunden in LR, wenn man nicht bei konstanten Lichtbedingungen gleich den Button „vorherige“ drückt. Wie gesagt, ab und zu ein bisschen am Rand wegschneiden, gelegentlich etwas vignettieren und das war’s. Vor ein paar Jahren habe ich noch mehr mit Silver Efex gearbeitet, aber in LR habe ich alles, was ich brauche.

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… und Viola bekommt Orsino. Alles takko! 50mm Summilux
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Applaus. 35mm Ultron

Mein Urteil: Die M10-Monochrom ist für solche Zwecke ein tolles, vielleicht sogar ideales Werkzeug. So sehr ich die analoge Fotografie schätze, unter den Bedingungen solcher Events fällt es mir leichter und ist stressfreier, digital zu arbeiten. Vielleicht muss ich mir in der Hinsicht auch nichts mehr beweisen. Klar kann ich das auch analog, oft genug geschehen, aber große Konzessionen muss ich mit der M10-M nicht machen:  Es bleibt beim klassischen Einsatz von „echten“ Farbfiltern, der Arbeitsweise mit einer Messsucherkamera überhaupt und dabei geniesse ich die Bequemlichkeit der Zeitautomatik. Manuelles Fokussieren stört mich nicht, ich suche mir meinen Fokuspunkt nach wie vor lieber selbst und überlasse das nicht der Autofokus-Technik. Die kleine, handliche Kamera mit dem monochromen Sensor liefert mit ebenso kompakten Hochleistungs-Objektiven DNG’s von besonderer Qualität. Das betrifft nicht nur die wegen des fehlenden Bayer-Filters extreme Auflösung. Bei 200% Vergrößerung in LR bin ich mir mit bloßem Auge nicht sicher, ob die nicht immer noch die 60MP der M11 toppt. Ich denke, was Bühnenfotografie angeht, werde ich bei der M10-M bleiben. Und ich freue mich schon auf das nächste Stück der Canaillen-Bagage!

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Schlussgesang. 35mm Ultron

 

5 Kommentare

  1. Lieber Claus.
    Ein tolles Genre. Und wirklich wunderschön eingefangen. Eigentlich bestätigt es mich, dass man allein mit dem 50er Summilux zurecht käme. Und nach wie vor- hätte ich nur ein Objektiv zur Auswahl, es wäre genau das. Ich selbst hatte gerade die Gelegenheit, in einem kleinen Filmmuseum zu fotografieren. Mit den originalen Kojen aus den Astrid Lindgren Filmen. So ein Filmstudio ist ja wie eine Theaterbühne. Ich glaube, Dich würde man gar nicht wieder davon weg bekommen.
    Liebe Grüße aus dem gerade Rennrad verrückten Land.
    Kai

    • Claus Sassenberg

      Lieber Kai,

      Ich hoffe, du bist heute an der Strecke gewesen! 😉

      Schönen Abend,

      Claus

      • Klar, direkt an der Store Belt Brücke. Aus der Not eine Tugend gemacht. Wir kamen von Schweden, ich habe Frau und Tochter in Kopenhagen abgesetzt und mit dem kleinen dann einen auf Passivsport gemacht 🙂 Hab nur noch gelb gesehen….
        Leider hat die Kleine das Drama in Kopenhagen mitbekommen, weil sie mit Freunden dort in der Nähe ihr Hostel hatten.

  2. Chapeau, so einen versierten Bühnenfotografen könnte manch grosses Schauspielhaus brauchen. Was den (und auch die anderen) Berichte so wertvoll macht, ist die gekonnte Mischung aus Klasse – Bildern, der ehrlichen Schilderung der Herausforderungen beim konkreten Foto – Job, und letztlich gibt‘s obendrauf noch Bildung in Literatur / Theater. Macht einfach Lust auf Leica!

  3. Man Claus,

    großes Kino. So schöne Bilder und so schön geschrieben. Da würde ich sofort mitkommen, wohnte ich nicht so weit weg.
    Danke für den Bericht.
    Viele Grüße
    Dirk

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