„I think this is the beginning of a beautiful frienship“, sagte Rick in Casablanca. Das Gleiche kam mir in den Sinn, als ich die beiden Kameras beim diesjährigen Konzert der Musikschule Porta benutzte.

Nun ist die Kombination M+Q ein alter Hut, den ich schon letztes Jahr häufig propagierte, aber mit der M10 wird diese Beziehung auf ein neues Level gehoben. Denn beide Kameras haben ähnliche Farbschemata, Dynamik und Rauschverhalten (obwohl unterschiedliche Sensoren). Sensortechnisch hat die M10 die Nase ein klein wenig vorn (nachdem dies mit der M240 umgekehrt war), aber das spielt kaum eine Rolle.

Wie funktioniert diese Partnerschaft?

Gegenseitige Ergänzung

Beide Kameras haben unterschiedliche Stärken. Die Q ist bei 28mm festgelegt, also ist es sinnvoll, die M mit einer deutlich kürzeren Brennweite zu bestücken. Ich wählte diesmal das 50er Summilux und das 75er Apo-Summicron. Erste Auswahlkriterien während des Events: Entfernung zum Motiv oder angestrebtes Ziel der Bildkomposition (von Totale bis Porträt). Aber die Q hat ein paar Trümpfe im Ärmel, die ggf. die Waagschale kippen, selbst wenn die Brennweite in dem Moment nicht ideal ist: Vor allem der schnelle Autofokus, wenn man mit der M10 manuell nicht nachkommt (z.B. bei Tanzszenen). Aber auch die Bildstabilisierung kann eine Rolle spielen.

Leica M10 und Q

Leica M10 mit 75mm Apo-Summicron bei f/2  1/180sec  ISO 5000. Keine Rauschunterdrückung in LR.

Die M10 (offensichtlich) glänzt mit ihrer Fähigkeit (im Prinzip) beliebig kurze Brennweiten zu verwenden, ausserdem kann sie gegenüber der Q bei Maximum ISO noch einen drauflegen. Die Q habe ich zwar schon über 10 000 ISO ohne Strafe (Banding, man mache hier das Zeichen gegen den bösen Blick!) benutzt, aber aus pragmatischen Gründen begrenze ich Auto-ISO bei 6400. Die M10 ist bis  ISO 12500 über jeden Verdacht erhaben… und nach oben ist durchaus noch Luft.

Leica M10 und Q

Ein Lächeln für den Fotografen: Leica M10 mit 50mm Summilux bei f/1.4   1/125sec  ISO 2500

Das Jahreskonzert

„Round up the usual suspects“, sagte der Leiter der Musikschule zu seinen Lehrern (um bei Casablanca-Zitaten zu bleiben) als er das Jahreskonzert plante. Dazu gehörte anscheinend auch ich,  seit einigen Jahren schon dokumentiere ich diese Traditionsveranstaltung. Nachdem letztes Jahr alles unter dem denkwürdigen Motto „Tanz der Vampire“ gestanden hat, kam dieses Jahr ein neuer Ansatz: „Kunst und Ton“. Sieben Werke lokaler Künstler wurden im Programm musikalisch vorgestellt. Verschiedene Gruppen stellten jeweils ein Werk vor und demonstrierten so die Vielfalt des Angebots der Schule.

Brass. Leica M10 mit 50mm Summilux bei f/1.4  1/90sec  ISO 500

Die einzige Gelegenheit, bei der man mich mit zwei Kameras um den Hals antrifft, ist bei so einer Veranstaltung. Wenn ich mal in freier „Wildbahn“ wirklich beide dabei habe, stecke ich immer eine in die Tasche zurück. Irgendwie ist mir das sonst peinlich. Aber bei so einem Event, wenn jeder weiss, dass ich offiziell für die Bilder zuständig bin, schere ich mich nicht um den etwas albernen Look, das Praktische geht vor. In Sekundenbruchteilen kann ich zwischen den Kameras „switchen“ und sofort auf evtl. unerwartete Wendungen reagieren, ohne Gefummel mit Objektivwechsel.

Ein Kanon vor der Pause: Leica Q mit 28mm Summilux bei f/1.7   1/60sec   ISO 500

Die M10, immer noch das neue Pferd im Stall, zeigte eine makellose Performance. Ich hatte die ganze Zeit Auto-ISO an, längste Belichtungszeit beim reziproken Wert der doppelten Brennweite. Gerade bei 50er und 75er Brennweite macht sich der neue, grössere Sucher positiv bemerkbar. Beinahe M3-Feeling. Und wenn ich noch einmal irgendwo lese, der Akku der M10 hätte ja nun leider eine ach so geringe Kapazität, dann schreie ich! Gut 300 Bilder im Kasten, die ganze Zeit (ich war eine Stunde vorher da, also insgesamt deutlich über drei Stunden) auf Standby, am Ende der Veranstaltung 50% Ladung übrig! Was gibt’s da zu meckern? Das kommt nur, weil der Akku der M240 auf Steroiden lief. Im Vergleich dazu sieht jede Kamera schlecht aus.

 Leica M10 mit 50mm Summilux bei f/1.4   1/90sec   ISO 100

 

Exkurs: Eigentlich habe ich mir längst abgewöhnt, mich über all den Quatsch, der über Leica verbreitet wird, aufzuregen. Neulich war mal wieder ein Pulitzer-Preis-Verdächtiges Stück auf DPreview von einem der Mitarbeiter. Empfehlenswerte Lektüre für alle Leica-M Benutzer, die wie ich gerne wütend einschlafen. Man hatte diesem Mitarbeiter für eine Reise nach Japan eine M10 in die Hand gedrückt.  Der Typ war völlig ahnungslos, er hatte seit zwanzig Jahren nur DSLR fotografiert (die vier Jahre davor war vermutlich in der Grundschule). Nun sollte er seine „shooting-experience“ zum Besten geben. Man hatte ihm offenbar etwas von „Zonenfokus“ erklärt, sein Problem war dann, dass er die Entfernungen nicht richtig abschätzen konnte! Arrgh! Dabei hatte er einen Millimetergenauen Entfernungsmesser in der Kamera, aber damit konnte er nicht umgehen, weil er ja seine gewohnten 250 Fokuspunkte nicht vorfand! Am Ende nahm er dann das 28mm Elmar mit Blende f/8, dann braucht man in der Tat nicht mehr zu fokussieren. Das andere vorteilhafte (für ihn) dabei war, dass er bei der Brennweite das vollständige Sucherbild nutzen konnte, weil er natürlich im übrigen mit den Sucherrahmen nicht klar kam. So hatte er sein DSLR-Feeling. Oh, der Artikel war gar nicht negativ gemeint, er sagte schon auch die richtigen Sachen über die Kamera, nur die wesentlichen Punkte hat er völlig verpasst. So, als hätte man ihm einen italienischen Sportwagen unter den Hintern gegeben und er kriegt ihn nicht in den zweiten Gang, weil er noch nie was von einer Kupplung gehört hat. Wenn das auf DPreview die typische „Expertise“ ist, wundert es mich nicht, wenn David Taylor-Hughes anzweifelt, ob dort überhaupt Fotografen arbeiten.

 

Die Stimmung der Welt. Leica M10 mit 50mm Summilux bei f/1.4   1/125sec   ISO 2000

Eigenartiges Farbprofil

Zuhause lud ich die DNG’s wie gewohnt in LR ab. Die Bilder für die Webseite der Musikschule mache ich immer in Farbe. Wie üblich, bedeutet das nur Tonwertkontrolle, Gradtionskurve auf mittleren Kontrast, keine Objektivkorrekturen. Es gab einige Dateien mit 4000 bis 12500 ISO, etwas Rauschunterdrückung war da in Ordnung (bei den s/w- Bildern hier ist nichts dergleichen angewandt worden). Im Blog eines professionellen Fotografen, der mit M10 arbeitet, hatte ich gelesen, dass das eingebettete Farbprofil  „M10“ statt des Adobe Standard-Profils durchaus nett anzusehen sei. Ich hatte dies bei einigen Tageslicht-Fotos ausprobiert und fand die Ergebnisse o.k., im wesentlichen deutlich intensivere Farben. Als ich allerdings das „M10-Profil“ für die Fotos vom Konzert anwählte, kam mir das kalte Grausen. Irgendwas in dem Kunstlicht dort vertrug sich gar nicht mit dem Farbschema. Dann lieber Adobe-Standard, wem die Farben zu blass sind, soll den Dynamik-Slider bewegen (auch eine komische Benennung, als ob dieser Slider was an der Dynamik ändern könnte. Aber „selektive Sättigung“ ist wohl zu lang).

Farbprofile im Vergleich: Bei der speziellen Beleuchtung ist beim M10-Profil plötzlich ein übler Gelbstich im Foto, es wirkt insgesamt total übersättigt. Bei beiden Fotos ansonsten identische Einstellungen in LR.

Hier ein Vergleich bei Tageslicht, Konzert in der St.Stephanskirche am Samstag Morgen, viel Morgensonne durch die Fenster:

Bei diesen Lichtbedingungen fällt zwar der höhere Sättingungsgrad des M10-Profils auf, aber man kippt nicht gleich vom Stuhl deswegen.

Ich sah noch mal nach, wie es bei der M240 war. Dort gab es auch ein Farbprofil mit der Bezeichnung „Eingebettet“ (wie bei der Leica Q), aber das ist nur ein sehr dezenter Unterschied zum Adobe-Standard Profil (Anm.: Ich habe mir das extra bei den Bildern vom Konzert letztes Jahr angesehen, weil das natürlich die identische Beleuchtung war).

„Here’s looking at you, kid.“ Leica M10 mit 50mm Summilux bei f/1.4   1/90sec   ISO 1600

Von dieser Merkwürdigkeit abgesehen, ist die Bearbeitung von High-ISO-Dateien ein Traum. Noch jede Menge Dynamik übrig und wenig Rauschen. Das gilt auch für die Q (sagen wir, ein Stopp weniger). Die Kombination dieser beiden Kameras ist jedenfalls (für mich) eine sehr effektive Arbeitsweise. Spannend wird es, wenn möglicherweise wirklich mal eine Q mit „langer Brennweite“ (was immer das dann ist) herauskommt. Könnte man dann mit den zwei Q’s allein komplett auskommen? Ich lasse diese rhetorische Frage mal provokativ im Raum stehen…

Noch ein paar Bilder im Slider, um den Eindruck abzurunden. Auf der Seite der Musikschule finden sich in den nächsten Tagen alle Bilder von dem Event, aber das kann für Unbeteiligte ermüdend wirken. Mein Ziel ist immer, dass sich jeder Mitwirkende irgendwo mal wieder findet.

4 Kommentare

  1. Andreas Leitlein

    Hallo Claus,

    schöne Webseite.
    Leider konnte ich noch keine M10 – mangels Verfügbarkeit – erwerben, nur in Tübingen eine für kurze Zeit in der Hand halten und daran herumfingern…. der erste Frust darüber hat aber komischerweise in mir eine Art Trotzreaktion ausgelöst und plötzlich finde ich meine M240 plötzlich ganz super ! Ich gebe zu, ich rege mich ab und zu auch auf. Manchmal schaltet sie sich ab, geht nix mehr, Akku raus und wieder rein, Ausleseverzögerung im LiveView, Banding manchmal.

    Dennoch denke ich, dass ich bisher noch kein Bild auf meinem Rechner entdecken können, dass mit einer M10 deutlich besser wäre, bzw. im Netz Bilder angeschaut habe, die jetzt mit der M240 nicht gegangen wären. Ich gehe jetzt mal von relativ normalen Lichtsituationen aus… also nicht unbedingt das Umfunktionieren zu einem Nachtsichtgerät.

    Das die „Neue“ nach vier Jahren eine bessere Bildqualität haben sollte und mit einer besseren internen Hardware ausgestattet ist, ist schon klar. Serienbildfunktion verbessert (SUPER wenn man einen kleinen Jungen hat), Design ohne jeden Kritikpunkt, besserer EVF, FokusPeaking spricht wie ich finde schneller und deutlicher an…. und und und
    Aber rein die Fotos…?Hier und da wird ja so getan, als könnte man mit der M240 jetzt plötzlich keine vernünftigen Bilder mehr machen. Ein richtig deutlicher Unterschied bzw. Sprung der M10 zur M240 in der Bildqualität?
    Siehst Du den ? Wird dieser wohl erst im Postprocessing in Lightroom/Nik etc. auffallen, oder?

    Ich bin wahrlich kein Fotokünstler, mehr oder weniger fasziniert und angefixt vom M-System, deren Wertigkeit, Haptik, Historie etc….
    Trotz aller Liebe zur M240, ich weiss jetzt schon, dass ich die M10 kaufen werde…

    By the way… statt einer M10 kam mir vor kurzen eine gebrauchte „abgewetzte“ M Monochrom (CCD) ins Haus und ein paar Tage später dann ein 50mm APO Summicron 2.0 Asph. (Irrsinn?!?)…
    a lifetime Combo. Was dieses Objektiv aus der „alten“ Kiste rausholt ist in meinen Amateuraugen einfach stark.

    In diesem Sinne
    Andraeas

    • Claus Sassenberg

      Hallo Andreas,

      eigentlich hast du dir die Antworten schon selbst gegeben, denn die M240 ist nach wie vor eine starke Kamera, unter „normalen“ Bedingungen ist kein Unterschied in der Bildqualität festzustellen, ohne Messgeräte von DxO einzusetzen (und wen interessiert schon, was die sagen?). So was ähnliches habe ich auch schon irgendwo mal im Blog niedergelegt. Also sei getröstet: In der Zeit, bis du die M10 in Händen hältst, sollte es möglich sein, trotzdem gute Fotos zu machen!

      Die M9 Monochrom sehe ich auch als Klassiker an (ich bereue schon länger, meine „normale“ M9 verkauft zu haben), ich glaube sofort, dass das Apo-Summicron auf dem Teil Wunder wirkt!

      Ansonsten…nach dem 50er Apo-Summicron gelüstet es mich auch schon länger… nur habe ich mich bis jetzt zurückgehalten, weil 50mm nicht gerade meine bevorzugte Brennweite ist (macht so ca. 25% meiner Fotos aus). Andererseits könnte es sein, dass ich die Brennweite mit dem Objektiv öfter benutze. Mal sehen…

      Viele Grüße, Frohe Ostern,

      Claus

  2. Die Leica M10 und die Leica Q repräsentieren zwei verschiedene Konzeptionen, obwohl beide DigiCams Adobe DNG Datensätze liefern. Während die Leica M10 ein optisch-mechanisches System für Blende, Zeit und Fokus darstellt, handelt es sich bei der Leica Q um eine elektro-optische Kamera, die eine völlig andere Handhabung (z.B. deutlich abweichende Auslöseverzögerung, Unendlich-Fokuseinstellung etc.) seitens des Fotografen bedingt.
    Die Schnappschüsse dürften sich praktisch im Ergebnis nicht unterscheiden, wenn die Rohdaten mit der gleichen Software entwickelt und auf denselben Medien ausbelichtet werden.
    Wer die (puristische) Augen/Hand Koordination favorisiert wird das M System schätzen und wer die Belichtung und die Entfernungsmessung lieber einem ausgefeilten (digitalen) Chip anvertraut, bervorzugt vermutlich eher die Leica Q.
    Wie auch immer die System-Entscheidung ausfällt, gut in Übung zu sein mit der Ausrüstung zahlt sich oft durch bessere Photoschüsse aus …

  3. Claus, ich halte mich kurz. Tolle Bilder einer sehr schönen Veranstaltung. Ich werde die Bilder auf der HO anschauen und sicher nicht gelangweilt sein 😉

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