Das teuerste Leica-Objektiv, das f/0.95 Noctilux, zeigt gepaart mit der neuen SL seine volle Leistung. Es ist sozusagen eine „himmlische Verbindung“, um mal eine Phrase zu dreschen.

Leicas lichtstärkste Festbrennweite ist kein Objektiv für alle Gelegenheiten. Der einzige, den ich kenne, der es für alles benutzt, ist Thorsten von Overgaard. Sein abgewetztes Nocti scheint permanent auf der M zu sitzen und wird sicher nicht verwöhnt. Er ist ein Hexenmeister, wenn es darum geht, das Ding auf Haaresbreite genau zu fokussieren. Wir gewöhnliche Sterbliche werden eingesaugt und in Stücken wieder ausgespuckt, wenn wir mit einer Messsucher-Kamera versuchen, es mit Overgaard aufzunehmen.

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Schwergewicht

Ich besaß vor einiger Zeit ein Noctilux und es hat in meinen Augen einige Nachteile. Reden wir nicht um den heissen Brei, es ist 700g schwer. Das war das Objektiv, das ich abends vor dem Zubettgehen optimistisch vor meine M oder Monochrom klickte, voller guter Vorsätze für den nächsten Morgen. Der Morgen kam und meistens ersetzte ich es durch ein Summilux oder gar ein Summicron. Warum sollte ich mich mit Gewicht und Sperrigkeit dieses Lichtschluckers belasten, wenn ich nicht vorhatte, in die Kanalisation vorzudringen und auf den Strassen nicht weiter offen als f/2.8 fotografieren wollte?

Es gibt zwei konkrete Hindernisse, mal von Gewicht und Grösse abgesehen. Das Nocti muss weit offen benutzt werden (wenn man das nicht tut, sollte man besser ein ‚Lux oder ‚Cron nehmen, beides bessere und schärfere Optiken). Fokussieren mit f/0.95, bei einer papierdünnen Tiefenschärfe ist auf jeden Fall knifflig. Die kürzeste Belichtungszeit der M240 ist 1/4000 Sekunde, die niedrigste ISO 200 (ohne pull ISO). Das bedeutet, die Kamera ist nicht mal in mittelmässig hellen Verhältnissen schnell genug, das volle Potential der Lichtstärke auszunutzen, ohne dass ein Filter benötigt wird.

Leica SL

Genauer Fokus auf Bunyan und seine Pilgerreise. Man beachte die Tiefenschärfe bei f/0.95. BUNYAN ist in Ordnung, aber das „P“ in Pilgrims verschwimmt ins Bokeh.

Unwiderstehlich

Kurz gesagt, es muss getrickst werden, oder man macht Zugeständnisse. Aber wenn man die weite Öffnung des Noctilux nicht wirklich braucht (z.B. bei wenig Licht, vor allem drinnen) erscheint es wie Overkill. Trotz alldem hat das Nocti eine unwiderstehliche Anziehungskraft. Wenn man es gut und oft gebraucht, wie Thorsten Overgaard, belohnt es einen mit aussergewöhnlichen Ergebnissen. Übung, wie bei den meisten Dingen, ist des Pudels Kern beim Noctilux.

Als ich den Review über die SL machte, war ich überrascht, wie viel leichter man mit ihr auch die gewöhnlichen Leica-Objektive bei Offenblende fokussieren kann, als mit der M. Als mein Freund John Cartwright mir erzählte, was für eine Freude das fokussieren seines 75er Summilux auf der SL sei gegenüber der M, auf der es sich sehr temperamentvoll verhält, setzte das bei mir fieberhafte Spekulation in Gang.

Ich fragte mich, ab das Nocti in der SL sein passendes Gegenstück gefunden hatte. Meine Theorie wurde teilweise bestätigt, als ich gestern dem New Yorker Fotografen und Geschäftsmann Howard Grufferman beim Leica-Store in Mayfair über den Weg stolperte. Um seinen Hals baumelte die nicht ganz leichte Kombination einer Leica SL mit 24-90er Zoom. Aber er bestätigte voller Überzeugung meine Theorie. Er benutzt hauptsächlich M-Objektive auf seiner SL und hatte keine Zweifel, das das Nocti mit der SL glänzt.

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Also, kann die SL das „widerspenstige“ Nocti wirklich zähmen? Ich beschloss, das herauszufinden.

Fett, breit, perfekt

Man könnte meinen, das Noctilux wäre für die SL gemacht. Fett und breit, mit einem Fussballfeld an Glasfläche ergänzt es genau die zyklopischen Formen der SL. Es passt einfach. Und weit besser ausbalanciert als auf der M, wo es total frontlastig ist. Durch den massiven Griff und den etwas schwereren Body der SL fühlt sich das Nocti wesentlich beweglicher an.

Was das Handling angeht, bevorzuge ich also SL + Noctilux. Es fühlt sich genau richtig an, als wäre das Nocti eine natives Objektiv. Ausserdem habe ich nicht den geringsten Zweifel, dass das Fokussieren mit Hilfe des klotzigen 4.4MP Suchers und der Bildvergrösserung, die mit im Paket sind, wesentlich leichter geht.

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Geeignet

Für den Gebrauch mit M-Objektiven ist die SL die am besten geeignete spiegellose Kamera. Besser als die sonst üblichen APS-C Kameras wie z.B. die Fuji X Pro-2, sogar besser als Leicas eigene T. Aus irgendeinem Grund kann man mit der Vollformat Sony A7 besser fokussieren als mit den APS-C Kameras, aber auch die wird von der SL auf die Plätze verwiesen.

Das Arbeiten mit dem Messsucher der M kann ebenso äusserst präzise und zufriedenstellend sein, aber es bleibt immer eine Sache des Vertrauens. Man sieht nie die Resultate, wenn man nicht „chimpt“ oder bis zum Post-Processing wartet. Bei der SL ist alles auf dem brillanten Display des besten elektronischen Suchers auf dem Markt. Bei Offenblende, speziell bei f/0.95, kann man sich nicht erlauben, alles auf gut Glück zu nehmen. Durch das Vergrößern des Bildes ist genauer Fokus einfacher (ggf. kann Fokus Peaking benutzt werden) und der Fotograf kann sicher sein, dass er richtig liegt. Ich habe schon von einigen eingefleischten Messsucher-Fans gehört, die altersbedingte Augenprobleme haben und deshalb die Sucher der SL und der Q angenehmer finden.

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Das Noctilux ist eine verlockende Optik, wenn man erst mal den Bogen raus hat. Was Freistellungspotential und 3D-Wirkung betrifft, gibt es nur wenig Vergleichbares. Dieses Bild von Leica-Mitarbeiter Robin Sinha wurde von Mike Evans mit einem frühen Modell der M240 und Noctilux bei f/1.4 gemacht.

Ich sollte noch den VF-2 Sucher erwähnen, der auf der M als Zubehör eingesetzt wird. Er hilft auch beim Fokussieren mit „schwierigen“ Objektiven, aber unglücklicherweise ist er mit 0,920 MP total antiquiert. Das war er schon, als die M240 2012 rauskam, kein Vergleich mit den 4.4MP und 60fps Bildwiederholungsrate der SL. Da kann man gleich einen Ford Modell T mit einem Tesla vergleichen.

Bei der Kombination M und VF-2 gibt es eine Sache, die man gebrauchen kann. Die M triggert als einzige Kamera automatisch die Vergrösserung (falls man es im Menü eingestellt hat), wenn man den Distanzring bewegt. Das ist ein großer Vorteil und nur möglich, weil es eine mechanische Verbindung zwischen Objektiv und Kamera gibt. Bei allen Nicht-Messsucher-Kameras, die SL, die T, die Fujis und die Sonys eingeschlossen, muss man einen Knopf drücken, um die Vergrösserung zu aktivieren. Dieser Extra-Schritt beim Vorgang des Fotografierens kann nervig sein. Ich schätze, man kann nicht alles haben.

Weit offen

Anfang der Woche borgte ich mir eine SL und ein gebrauchtes Noctilux bei Red Dot Cameras und verbrachte eine halbe Stunde damit, unter den Toten des nahegelegnen Bunhill Fields Friedhofs herumzuschleichen. Bei der Gelegenheit stattete ich John Wesley, William Blake, John Bunyan und Daniel Defoe einen Besuch ab, um nur ein paar der illustren Bewohner dieser uralten Begräbnisstätte zu nennen. Keiner außer Wesley war gewillt, Modell zu stehen. Es war keineswegs ein fundierter Test, aber ich machte diverse Fotos, von denen einige hier zu sehen sind und überzeugte mich selbst davon, dass das Noctilux in der Tat auf der SL glänzt. Ich war sowohl neugierig, wie das Fotografieren bei Offenblende klappt als auch darauf, ob ich mich beim Fokussieren wirklich sicher fühlte.

Ausserdem erinnerte ich mich wieder an die Vorzüge des manuellen Fokussieren (weil ich ein paar Wochen zuvor das 24-90er zum Testen der SL hatte). Es liegt irgendwas unglaublich Befriedigendes darin, auf einen exakten Punkt scharfzustellen und sicher zu sein, dass das Bild im Kasten ist. Mit etwas Übung ist man sehr schnell.

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Architektur weit offen mit einem Noctilux? Das ist normalerweise nicht empfehlenswert. Aber hier macht sich die Optik gut und liefert einen beeindruckenden 3D-Effekt. John Wesley steht vor seiner Kapelle, genau auf der anderen Strassenseite von Bunhill Fields. Bild gemacht mit 1/6400s, ISO 50 bei f/0.95. Ein gutes Beispiel für eine Aufnahme, die mit einer M ohne ND-Filter nicht möglich gewesen wäre.

Alle Bilder sind bei f/0.95 gemacht und in einigen Fällen wäre das mit der M240 ohne ND-Filter (um das Licht zu dämpfen) nicht möglich gewesen. Insgesamt hat die SL drei Blendendstufen Vorteil gegenüber der M240. Eine Blendendstufe wegen der kürzeren Belichtungszeit (1/8000s im Vergleich zu 1/4000s bei der M). Noch mehr ins Gewicht fällt, das die native ISO der SL bei 50 liegt, während die M 200 hat (um fair zu sein, es gibt eine „Pull“-Stufe von 100). Das bringt noch mal zwei Blendendstufen mehr für das Noctilux.

Wenn die SL einen elektronischen Verschluss hätte (wie zum Beispiel ihr naher Verwandter, die Q), gäbe es praktisch kein Halten mehr, wenn es darum geht, mit der enormen Offenblende des Noctilux zu spielen. In sehr hellen Verhältnissen, heller also als an diesem Frühlingsmorgen in London, kann selbst die SL bei f/0.95 in Schwierigkeiten kommen. (An dem Tag, als dieser Artikel erschien veröffentlichte Leica ein Firmware-Update, das unter anderem nun auch einen elektronischen Verschluss für die SL möglich macht mit Zeiten bis zu 1/16000s, ähnlich wie bei der Q. Das bedeutet nunmehr vier Blendendstufen Vorteil für die SL gegenüber der M, noch besser für den Gebrauch des Noctilux)

Empfehlung

Die himmlische Kombination SL-Nocti ist ohne jeden Zweifel empfehlenswert. Wer schon ein Nocti hat, bekommt damit einen guten Grund, die SL anzuschaffen. Wer’s nicht hat, sollte in Erwägung ziehen, beides zu kaufen, mal vorausgesetzt, er hat mal eben 18 000 Euro zu verbrennen (der Objektiv-Adapter SL-M kommt dazu).

Originalartikel von Mike Evans am 14. April 2016 auf Macfilos erschienen, übersetzt von Claus Sassenberg

Ein Kommentar

  1. günther wlcek

    ich bin stolzer Besitzer der sl2 s und dem noctilux 0,95 und bin begeistert von den beiden. das Scharfstellen geht sehr gut, und die schärfe bis zum Rand ist ausgezeichnet.

    danke für den Report von ihnen,

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